Defining An Enigma – Who Is Tom Bombadil?

von: The Colourful Wilbur

“Eldest, that’s what I am. Mark my words, my friends: Tom was here before the river and the trees; Tom remembers the first raindrop and the first acorn. He made paths before the Big People, and saw the Little People arriving. He was here before the Kings and the graves and the Barrow-wights. When the Elves passed westward, Tom was here already, before the seas were bent. He knew the dark under the stars when it was fearless – before the Dark Lord came from Outside.” – Tom Bombadil in The Fellowship of the Ring (Tolkien, 1954)

Tom Bombadil ist mit Sicherheit einer der bemerkenswertesten Kreaturen, die sich in Mittelerde entdecken lassen. Zum ersten Mal wurde Tom Bombadil wohl erwähnt in einer Kindergeschichte Tolkiens für seine Söhne. Benannt war er nach einer holländischen Puppe Michael Tolkiens (Carpenter, 1979). Seine Beschreibung gleicht bereits der, die er im Herrn der Ringe erhalten sollte. Die frühen Skizzen Tom Bombadils sind insofern von Belang, als Tolkien selbst seinem Verleger gegenüber erklärte Tom Bombadil stelle den Geist der verschwindenden Landschaft um Oxford dar (Carpenter, 1979). Letztendlich tauchte Tom Bombadil jedoch erst im Herrn der Ringe auf. Nachdem der Erzähler im Hobbit in Grundzügen noch eine augenzwinkernde, fröhliche Stimmung evozierte, brechen mit dem Beginn Frodos Reise dunklere Zeiten in Mittelerde an. Die Hobbits begegnen Tom Bombadil an der Weidenwinde und sind sogleich von seiner gemütlichen und lustigen Art beeindruckt. Es mag sein, dass es sich bei dieser Begegnung um ein ähnliches enchantment (1) handelt, wie es Bilbo und die Zwerge im Mirkwood erlebt hatten: eine quasimagische Begegnung, von der anschließend niemand mehr genau wusste in welcher Form sie wirklich stattgefunden hatte. Zeit schien in der Gegenwart Tom Bombadils nicht auf dieselbe Art zu vergehen, wie sonst. Bemerkenswert ist natürlich auch, was die Hobbits bei Tom und seiner Frau Goldbeere erlebten. Eine freundliche Aufnahme und die Gelegenheit Ruhe zu finden und Kraft zu tanken. Sind das nicht die Dinge, nach denen sich Menschen im Internetzeitalter am meisten sehnen? Wer also ist dieser Tom Bombadil?

Zu Beginn kann man festhalten, dass Tom Bombadil offensichtlich eine recht bekannte Persönlichkeit in seiner Umgebung sein muss. Von ihm existieren Lieder und Gedichte, welche sich die Halblinge bei Volksfesten und Kaminabenden zum Besten geben. In diesen Beschreibungen ist Tom zumeist ein draufgängerischer Abenteurer, der in allerlei Schwierigkeiten gerät und sich daraus ohne Schwierigkeiten befreit (Tolkien, 1962). Dabei handelt es sich um lustige Anekdoten, ähnlich der Erzählungen vom Kasperle. Doch neben dieser komischen Darstellung von Tom Bombadil schienen sich auch kleine Teile seiner mystischeren Seite überliefert zu haben. In den meisten dieser Kindergeschichten spricht Tom mit den Tieren (Tolkien, 1962). Seine enge Verbundenheit zur Natur, die später noch genauer untersucht werden wird, ist den Hobbits also nicht verborgen geblieben. Im Herrn der Ringe wird Tom dies noch bei dem Zwischenfall mit dem alten Weidenmann unter Beweis stellen.

Doch Tom Bombadil hat offenbar weitaus wichtigere Aufgaben zu bewältigen, als in den alten Hobbit-Sagen beschrieben. Tatsächlich wird seine Existenz von Lesern des Herrn der Ringe mit nahezu jeder Art von Leben gleichgesetzt. Manche sehen in ihm einen Hobbit, manche glauben in ihm Eru Ilúvatar selbst erkennen zu können. So abwegig die meisten dieser Fantasien erscheinen mögen, lohnt es sich doch, sie einmal auf den Prüfstand zu heben. Dass Gandalf es selbst nach der Zerstörung des Ringes noch für wichtig erachtet, sich mit Tom Bombadil zu treffen und auszutauschen, sollte für uns Grund genug sein, dem heiteren Knaben auf den Zahn zu fühlen. (III, 332)

Eine ähnlich hohe Meinung von Tom Bombadil hat Glorfindel. Dieser betont in seiner Rede die Übernatürlichkeit von Tom, wenn er behauptet, dass Tom Bombadil als Allerletztes fallen wird, sollte die Welt erobert werden: „Last as he was First; and then Night will come.“ (I, 347). Es sind gerade Aussagen wie diese, die Liebhaber der Sekundärwelt Tolkiens zu Stunden des Nachgrübelns über Tom Bombadil angeregt haben. So erklärt Tom Bombadil über sich selbst, er wäre da gewesen, bevor Dunkelheit herrschte (I, 179). Goldbeeres Erklärung Tom sei nicht irgendwer, er sei schlichtweg nur (I, 170), erinnert uns an die biblischen Worte Gottes in Mose Exodus 3,14: „Ich bin, der ich bin.“ Ich denke es ist nur natürlich, dass einige Leser in Tom Bombadil auch den Schöpfer Eru Ilúvatar erkannten.

Dennoch hat Tom Bombadil eine sehr bodenständige Haltung und macht rein äußerlich und gemessen an seinem Verhalten nicht den Einduck einer göttlichen Gestalt. In alter Kleidung und etwas dicklich verbringt er den Tag mit Wanderungen, während er seine Lieder singt. Bekannt ist er auf diese Weise allen Kulturen Mittelerdes geworden. So ist sein Name ein Name von Hobbits aus dem Bockland (Tolkien, 1962). Und viele Andere nutzen andere Namen für ihn, welche alle sein Alter betonen: Die Elben gaben ihm den Namen Iarwain Ben-adar, was Ältester, oder Vaterloser bedeutet. Die Menschen kennen Tom Bombadil als Orald (der Uralte) und bei den Zwergen wird Tom Bombadil auch Forn genannt, was in etwa „Der aus ferner Vergangenheit stammende“ heißt (I, 346).

Doch fragen wir Tom einmal selbst. Auf die Frage, wer er sei, antwortet er: „Kennst du meinen Namen noch nicht? Das ist die einzige Antwort“ (I, 179). Auch er nennt sich selbst Ältester, reicht uns aber in seinen Liedern klare Beschreibungen seines Selbstbildes. Wir erfahren von ihm Folgendes: „Bombadil, der alte Tom, daran kennt ihn jeder: Gelbe Stiefel, blaue Jacke, Hut mit blauer Feder“ (I, 170) (2). Wieder einmal lässt Tolkien uns mit leeren Händen stehen und alle weiteren Auskünfte, die wir aus Toms Lied entnehmen können, sind Hinweise auf die Natur, die regionale Landschaft und Toms Frau Goldbeere, zu der er eine innige Liebe empfindet. Alle Verse des Liedes sind mit mehr oder weniger bedeutungslosen Gesangsphonemen ausgestattet, die an das „Hey, yeah“ etc. aus modernen Popsongs erinnern.

Vielleicht ist es diese Ausdrucksweise und Toms fehlender Ernst, der manche Zeitgenossen zu der Überzeugung gebracht hat, Tom Bombadil wäre letztendlich irrelevant für den Plot und er könne leichthin aus Diskussionen, Theater- und Filmadaptionen ausgelassen werden. Das dies nicht zutreffend ist, ist leicht zu begründen. Das Abenteuer der Hobbits wäre vielleicht beim Weidenmann, aber mit Sicherheit auf den Hügelgräberhöhen gescheitert (I, 191), wäre nicht Tom Bombadil gewesen. In einem größeren Kontext gedacht: Ohne Tom Bombadils Einwirkung hätte der Ring nicht einmal Bruchtal erreicht. Auch Tolkien selbst vertrat die Ansicht, dass Tom Bombadil zwangsläufig im Herrn der Ringe auftauchen musste. Seine Begegnung mit den Hobbits transportiert für die Empfänglicheren eine Ahnung von Schicksal.

Gehen wir nun einmal davon aus, dass Tom Bombadil weder ein altmodischer Kasperle, noch ein bedeutungsloser Streuner in einer größeren Geschichte ist, so gibt es noch viele Theorien, die sein Wesen deutlich mächtiger einstufen. Eine der interessanteren und, für den Autoren plausibleren, Theorien lautet, dass Tom Bombadil und Goldbeere eine Form oder Verkleidung der Valar Aule und Yavanna sind. Beide Paare teilen bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: Aule ist der Schöpfer und Herrscher über Bodenschätze und Erdreich. Auch Tom Bombadils Verbindung zu Erde ist recht deutlich. Yavanna hingegen ist Herrin der Blumen und Pflanzen, ebenso, wie Goldbeere eindeutig mit Pflanzen assoziiert, wenn nicht gleichgesetzt wird (I, 170). Es gibt noch einige weitere, kleinere Ähnlichkeiten zwischen den beiden Paaren, auf die hier nicht weiter eingegangen werden soll. Betont werden sollte an dieser Stelle eher, warum diese sympathische Theorie leider verworfen werden muss. Tom Bombadil erwähnt, dass seine Macht im Osten endet und er keine Macht über die Feinde dort hat (I, 198). Als Valar wäre er jedoch durchaus imstande, sich Sauron zu widersetzen. Tom Bombadils Erklärung der Grenzen seiner eigenen Macht, macht ihn als Valar unglaubwürdig. Sein Auftreten in der Geschichte erklärt er nicht durch seinen Willen, sondern durch Zufall (I, 172).

Für diejenigen Leser, die die Theorie doch nicht ganz fallen lassen möchten, existiert noch eine ähnliche Version, in welcher Tom ein Maia ist. Maia, in ihrer Funktion als Diener der Valar, haben sehr häufig auch eigene Domänen, daher könnte Tom Bombadil sehr gut ein Diener Aules sein und daher seine Gabe des Umgangs mit der Natur haben. Damit wäre Tom von gleichem Rang wie Gandalf. Und so fehlt es natürlich auch nicht an Lesern, die in Tom Bombadil einen der Istari sehen. Da Tolkien aber sehr deutlich gemacht hat, dass es lediglich fünf Istari gab, von denen zwei in den Osten gingen und nie zurückkehrten, die drei verbliebenen aber Gandalf, Saruman und Radagast waren (H12, 384), entwickelten sich Spekulationen Tom Bombadil könnte Radagast sein (beide sind wiederum sehr eindeutig mit Tieren und Pflanzen verbunden). Diese These ist allerdings nicht tragbar, da beide Personen zeitgleich in Arda existierten und sich theoretisch hätten treffen können, wenn dies nicht sogar geschehen ist.

Verlassen wir für einen Moment inhaltliches Terrain, so könnten wir argumentieren bei der Person Tom Bombadil handele sich um ein Symbol, eine Personifizierung eines Konzeptes. In diesem Fall könnten wir sehr schnell schließen, dass Tom die Natur repräsentiert. Präziser: Tom steht für die Kräfte aus der Natur, als Gegensatz zu den Kräften, die die Natur beherrschen. Dies würde eine Erklärung liefern, warum er absolut unempfänglich für die korrumpierende Macht des Ringes bleibt: Er ist schlichtweg das Gegenteil des Strebens nach Macht. In ihm ist tatsächlich so wenig Wille zu herrschen veranlagt, dass der Ring keine Macht über ihn hat. Tom Bombadil hat keinerlei Veranlagung die Wege der Welt durch Macht zu verändern, weshalb Gandalf in Elronds Rat auch davon abrät ihm den Ring anzuvertrauen: Er würde ihn möglicherweise sogar wegwerfen oder verlieren (I, 347). Die Auffassung Tom Bombadil wäre lediglich ein Sinnbild oder eine Symbolfigur für Freiheit und Natur muss, so verlockend philosophisch sie auch erscheint, zumindest teilweise entkräftet werden. Aus dem simplen Grund, dass J.R.R. Tolkien sich Zeit seines Lebens gegen die Allegorisierung seines Werkes gewehrt hat. Für Kritiker war es ein Leichtes, im Ringkrieg Tolkiens eigene Kriegsvergangenheit zu erkennen, im Volk Gondor das spätmittelalterliche Britannien und in Smaug dem Drachen die Gier der Welt. Mögen auch einige dieser Vergleiche zufällig zutreffend sein, hatte Tolkien doch deutlich erklärt, dass sein Werk und seine Figuren in erster Linie als solche zu verstehen waren und nur im weiteren Sinne allegorisch seien. Er drückte es wie folgt aus: „I cordially dislike allegory in all its manifestations, and always have done so since I grew old and wary enough to detect its presence“ (Tolkien, 1966)(3). Tom Bombadil kann also nicht nur ein Konzept sein. Er ist auch ein lebendiges Wesen.

Letztendlich gibt uns der Meister selbst eine Antwort auf die Frage, wer oder was Tom Bombadil ist: ein Enigma. „Even in a mythical age there must be some enigmas, as there always are. Tom Bombadil is one (intentionally)“ (Tolkien, 1981). Darum soll diese Betrachtung auch nicht mit einer Antwort, sondern mit einer besonders schönen und rätselhaften Erklärung enden, welche die uneingeschränkte Lebensfreude und die Einheit mit der Natur Bombadils beinhaltet: „Die Bäume, das Gras und alles, was im Lande lebt und wächst, gehören sich selbst. Tom Bombadil ist der Meister. Niemand hat den alten Tom jemals gehindert, durch den Wald zu laufen, durchs Wasser zu waten oder auf den Hügeln zu tanzen, ob bei Tag oder bei Nacht. Er kennt keine Furcht. Tom Bombadil ist der Meister“ (I, 171).

Fußnoten:

(1)Siehe dazu auch Tom Shippeys Ausführungen über die philologischen Spuren Tolkiens am Beispiel des Wortes glamour (2008), sowie Corey Olsens Erklärung von enchantment in den Begegnungen mit Faerie (2012).

(2)Im englischen Original: „Old Tom Bombadil is a merry fellow; Bright blue his jacket is, and his boots are yellow.“

(3) Es handelt sich in diesem Fall um das Vorwort zur zweiten Edition, aus dem Jahr 1966.

 

Quellenangaben:

Quellen, die in der Form (I, 172) zitiert sind, beziehen sich auf die deutsche Übersetzung des Herrn der Ringe, wobei die römische Ziffer den Band und die zweite Ziffer die Seitenzahl markiert: Tolkien, J.R.R. (1972). Der Herr der Ringe. Stuttgart: J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmBH. Originalausgabe: Tolkien, J.R.R. (1966). The Lord of the Rings. London: Allen&Unwin

Quellen, die in der Form (H12, 384) zitiert sind, beziehen sich auf die Reihe History of Middle Earth, wobei die erste Ziffer den Band und die zweite Ziffer die Seitenzahl markiert.

Tolkien, J.R.R. (1996). The Peoples of Middle Earth. In: Christopher Tolkien (Ed.): The History of Middle Earth. London: Harper Collins.

Carpenter, H. (2001). J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. Stuttgart: J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmBH.

Olsen, C. (2012). Exploring J.R.R. Tolkien’s The Hobbit. New York: HMH Books.

Shippey, T. (2008). Der Weg nach Mittelerde. Wie J.R.R. Tolkien Der Herr der Ringe schuf. Stuttgart: J.G.Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmBH.

Carpenter, H. (1981). The Letters of J.R.R. Tolkien. London: HarperCollins

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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