Frank Belknap Long – Das Grauen von den Bergen

von: N.-G. H.

Seit langer Zeit hatte ich ein Auge auf den ersten cthulhuiden Roman The Horror from the Hills geworfen. Doch war dieser – meines Wissens – nur in zwei Ausführungen verfügbar. Zum einen einer von Hippocampus Press herausgegebenen Sammlung der Geschichten Frank Belknap Longs und anderer Autoren (thematisch auf das Konzept „Tindalos“ fokusiert) (1) und zum anderen in der Arkham House Version (welche aber nur noch antiquarisch und zu sehr hohen Preisen verfügbar war und ist)(2) bzw. eines neueren Nachdrucks (3). Zumindest fehlte mir die rechte Motivation zum Kauf der Hippocampus Press Ausgabe. Doch dann kündigte der Festa-Verlag an, eben jenen Band in deutscher Sprache zu veröffentlichen und ich war sofort gespannt.

Frank Belknap Long, für die die sich mit dem „Lovecraft-Zirkel“ nicht so gut auskennen, war ein langjähriger Freund Lovecrafts. Sie lernten sich bereits zu Beginn der 20er Jahre durch das Engagement beider in der United Amateur Press Association kennen und verstärkten diese Freundschaft in Lovecrafts New York-Zeit noch weiter als beide zu den prominenteren Mitgliedern des kleinen Kalem-Clubs wurden, einem Mischwesen aus Freundeskreis und literarischer Avantgarde. Zeit seines Lebens pflegte Lovecraft guten Kontakt zu Long und so beeinflussten sie sich gegenseitig. Es war Long, der – wie so oft erwähnt – als erster Fragmente des Lovecraft´sche Mythos für seine eigenen Geschichten entlehnte und zum Teil die Weltsicht (den cosmicism und den mechanischen Materialismus) aufnahm. Long, obwohl ein talentierter Schreiber, blieb der Ruhm seiner drei Kollegen Lovecraft, Howard und Smith verwehrt und so ist es umso angenehmer, das nun ein weiteres Werk dieses – fast – vergessenen Mannes in deutscher Sprache vorliegt.

Zu den Geschichten.

Das Grauen von den Bergen spielt im New York der späten 20er Jahre. Der neue Kurator der archäologischen Abteilung des Museum of Fine Arts, Algernon Harris, steht nachdem er Forscher in alle Welt ausgesandt hat um den Bestand des Museums um neue und spektakuläre Stücke zu erweitern vor einem Problem. Ein Kollege und enger Freund kehrt mit der heißbegehrten Statue eines fremden Gottes namens Chaugnar Faugn völlig entstellt und geistig zerrüttet zurück. Als nach dessen mysteriösen Tod eine Mordserie die Stadt heimsucht und alle Indizien auf die Statue hindeuten sieht Harris sich gezwungen Hilfe bei einem alternden Psychologen und Okkultisten zu suchen um das Weltenende zu verhindern.

In Die Bedrohung aus dem Weltraum nehmen uns gleich mehrere Autoren mit auf eine spannende Reise zwischen den Welten. Ein urlaubsreifer Geologe stößt beim Zelten in den kanadischen Wäldern auf einen merkwürdigen Quarzwürfel in dem sich eine kleine Schrifttafel befindet. Es stellt sich heraus, das diese eine Art Vorrichtung zum Austausch des Verstandes am einen Ende des Universums mit einem Körper am anderen Ende ist und so findet sich der Verstand des Geologen im Körper eines fremdartigen Wesens auf einer unirdischen Welt wieder.

Die Geschichte Die Hunde von Tindalos muss fast nicht beschrieben werden. Schlicht weil sie eine der bekanntesten und zudem eine der besten Geschichten ist die zum Cthulhu-Mythos gezählt werden. Ein Okkultist und Journalist beschließt durch eine kaum bekannte Droge Einblicke in die Entstehung und den Sinn des Universums zu erhalten, doch macht er bei seiner Reise den Fehler sich die Hunde von Tindalos auf die Fährte zu führen.

In Die Weltraumfresser wird die Begegnung mit außerirdischen Raubtieren beschrieben und wie diese den Abend der beiden Alter-Egos von Long und Lovecraft, die beide eigentlich nur ein paar nette Abende verbringen wollten, bedrohen.

Es folgt Longs Gedicht H.P.Lovecraft in dem er eine Würdigung an den Träumer aus Providence ausspricht und sogar verkündet: „Größre Schönheit fand bei Poe sich nicht“. (4)

Dann folgt ein kurzes aber hilfreiches Nachwort Joachim Körbers in dem dieser auf Longs Vita und den Einfluss auf die Phantastik eingeht. Abgerundet wird der Band durch eine Bibliographie der deutschen Veröffentlichungen Longs ebenfalls durch Joachim Körber.

Das Grauen aus den Bergen ist ein wirklich guter Roman. Vergisst man als Mensch des 21. Jahrhunderts einmal die zeitgenössischen Definition von Spannungsaufbau in Literatur ist er wirklich gelungen. Der auktoriale Erzähler steht dem Text gut zu Gesicht und schafft es immer wieder durch seine vielen Winkel die er bereit ist abzudecken im richtigen Moment etwas auszulassen und sich um einen anderen Sachverhalt zu bemühen. Long gelingt es eine Art Monsterjagt zu veranstalten die, anders als bei Lovecrafts Grauen von Dunwich , am Ende überzeugend und auf merkwürdige Weise kraftvoll daher kommt.

Die Bedrohung aus dem Weltall hat eine spannende Grundidee, nämlich, das Lovecraft und sein Freundeskreis aus literarischem Vergnügen ein Spiel spielten. Einer legte eine Szene als Grundstein vor, schickte diese an einen Anderen, welcher aufbauend auf der ersten eine weitere Szene schrieb und so weiter. In der vorliegenden Edition ist lediglich über jeder Szene ein Name in Klammern angegeben. Das ist zu wenig Erklärung. Im Vorwort von Festa´s „Der Lovecraft-Zirkel“, in dem diese Geschichte auch zu finden ist, wird genau dieses Konzept hinter der Geschichte dem Leser erklärt. (5) Schade, das dieses hier versäumt wurde. Generell hätte – trotz des guten Nachwortes – ein kurzes Vorwort dem Band gut getan.

Über Die Hunde von Tindalos kann ich nicht mehr sagen, als das ich diese Geschichte für eine der besten Mythos-Geschichten halte und sie jedem als Leseempfehlung mit auf den Weg geben möchte und es da auch egal ist ob im englischen Original, in der vorliegenden Übersetzung von Andreas Diesel oder in der Version der Hetzhunde von Tindalos von Ruggero Leò (6).

Die Weltraumfresser ist eine nette, wenn auch die schwächste Geschichte in diesem Band. Ihren Charme bekommt sie in erster Linie dadurch, das Long und Lovecraft die Protagonisten ihrer eigenen Fiktion sind und das die Geschichte durch einen zu Beginn gesetzten Rahmen bis zum Ende strukturiert ist.

Das Gedicht H.P.Lovecraft ist wirklich schön von Andreas Diesel übersetzt, doch wäre es gerade da es sich um ein sehr kurzes Gedicht handelt schön gewesen es noch einmal in Originalsprache auf einer zweiten Seite zu finden, schlicht weil die englische Sprache im Gedicht ihren ganz eigenen Reiz hat. Doch bin ich mir darüber bewusst, das der Adressat dieses Buches in erster Linie nach übersetztem Material verlangt und meine leise Kritik eher akademischer Natur ist.

Das Nachwort Körbers bietet dem Leser am Ende all die Informationen, die er zu Beginn schon hätte gebrauchen können und rundet die vorliegende Edition stimmig ab.

Zuletzt sei noch auf die Bibliographie verwiesen. In ihr sieht man was im Nachwort so traurig erklärt wird. Frank Belknap Long ist ein fast vergessener Autor.

Zum generellen Stil Longs möchte ich noch erwähnen, das er einen untriebigen auktorialen Erzähler wählt und diesen wirklich geschickt einzusetzen weiß (dieses zeigt sich deutlich in Das Grauen aus den Bergen und Die Bedrohung aus dem Weltraum). Long zeigt sich in quasi allen Geschichten als durchdrungen von Einsteins Relativitätstheorie und erhebt sie oft zu einem elementaren Anker seiner Inspiration. Es gelingt Long sogar theoretische Aspekte der Wissenschaft seiner Zeit in der Geschichte zu erklären und sie so mit der Handlung zu verbinden, das man als Leser neugierig auf mehr wird. Hier zeigt Long sein großes Talent für das Schreiben.

Abschließend möchte ich noch ein paar kleinere Anmerkungen zu dieser Edition Festa´s verlieren.

In den meisten Fällen gefällt mir das Cover-Design des Festa-Verlags, hat es doch häufig etwas von dem zu erwartenden Mysteriösen das das Buch uns verspricht. Doch ist dem bei diesem Buch leider nicht der Fall. Im Bildvordergrund steht ein alter Mann in Smoking und Zylinder mit Brille und entstelltem Lächeln, auf dem Arm eine Art Posaune mit fremdartiger Runen-Gravuren. Im Hintergrund tummeln sich Vögel um einen schemenhaften Baum. Das Bild hat etwas verstörendes, doch steht es in keinem Zusammenhang mit dem Autor oder einer seiner Geschichten. Dann ist als Autor „Frank Belknap Long & H.P. Lovecraft“ angegeben… Ja, in der Geschichte Die Bedrohung aus dem Weltraum stammt die längste Szene von Lovecraft und der „römische Traum“ (7) ist eine Kopie eines Traums den Lovecraft Long in einem Brief schilderte. Dennoch ist es schade, das Long anscheinend durch Lovecraft legitimiert werden muss. Schön ist, das die Quellenangaben der englischen Originale sehr gewissenhaft am Ende aufgeführt werden.

Das Buch:

Long, Frank Belknap: Das Grauen aus den Bergen. aus dem Englischen von Joachim Körber. Festa-Verlag. 2013

Literatur:

1)Price, Robert M. (Hg.): The Tindalos Cycle.Hippocampus Press. 2008

2)Long, Frank Belknap: The Horror From The Hills. Arham House. 1963.

3)Ian Lohre (Hg.): The Horror From The Hills. Isle Press. 2009

4)Das Grauen aus den Bergen, S.235

5)Festa, Frank (Hg.): Der Lovecraft-Zirkel. Horrorgeschichten. 2. Auflage. Blitz-Verlag. 2000 . S.11 f.

6)Hüter der Pforten, Bastei-Lübbe 2003

7)Das Grauen aus den Bergen , S. 72-95

Advertisements

Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
Dieser Beitrag wurde unter Reviews veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Frank Belknap Long – Das Grauen von den Bergen

  1. Blackdiablo schreibt:

    Gelungene Rezension, der ich nichts beizufügen habe! Auch ich habe mich sehr an diesem Band erfreut! 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s