Ins Herz der Welt

von: The Colourful Wilbur

Die folgenden Ereignisse fanden im kalten Oktober des Jahres 1927 statt. Mein Freund und Studiengenosse Reginald Clifford hatte mich nachmittags voller Aufregung in der kleinen Bibliothek der Londoner Gesellschaft, der wir beide angehörten, aufgesucht. Kaum hatte er mich erblickt, strebte er mit forschen Schritten auf mich zu und seine Augen teilten mir mit, dass er Außergewöhnliches zu berichten hatte.

„Mein lieber Albert“, rief er schon, während er sich noch einen Weg zwischen den Schreibpulten bahnte. „Endlich ist es mir gelungen! Es ist schier unglaublich!“. Die Neugier hatte mich nun gepackt und ich wandte mich von meinen Aufzeichnungen über die Jupitermonde ab. Dem tadelnden Blick der Sekretärin zum Trotz beantwortete Clifford mein fragendes Stirnrunzeln in voller Lautstärke: „Meine Versuche haben nun endlich zu einem befriedigenden Ergebnis geführt, alter Freund! Ach was rede ich: Es ist ein Durchbruch für die Forschung! Der Durchbruch auf den ich schon immer gewartet habe – er ist nun da!“. Seine Tirade an hocherfreuten Ausbrüchen und Prahlereien mündete in einer Einladung in sein Heim, wo er mir die überraschenden Forschungsergebnisse vorführen wollte.

Meine Kutsche brachte mich also an diesem Abend an die beschauliche Villa im West End. Die wenigen Schritte bis an die Tür reichten aus: Ich war komplett durchnässt. Aus dem Inneren der Wohnung meines Freundes schlug mir eine extreme Wärme entgegen, so als ob er den Ofen mehrere Tage am Stück heizen gelassen hatte. Der junge und oftmals noch sehr unwirsche Butler Louis brachte mich in meinem triefendnassen Zustand direkt in das Kellerlabor meines Freundes. Meinen missbilligenden Ausdruck schien er nicht einmal wahrzunehmen.

Aus dem Labor trat eine derartig heiße Luft hervor, dass ich erschrak. Ich betrat den Raum und staunte nicht schlecht über den Aufbau, den Clifford hier bewahrte. Im Zentrum des ovalen Zimmers stand ein gigantischer Heizkessel. Er hatte einen Durchmesser von etwa drei Metern und war – so vermutete ich anhand der Schweißnähte – von meinem Freund selbst angefertigt worden. Der Kessel war kugelförmig und verschlossen. Lediglich durch ein, an der Spitze installiertes Rohr, drang heiße Druckluft nach draußen. Clifford hatte offensichtlich das schwere Steinpflaster, aus welchem der Fußboden bestand, aufgerissen. Auf dem Kiesbett darunter stand der Kessel, getragen von vier Füßen. Auf dem Kies waren Spuren geschmolzenen Metalls liegen geblieben. Links und rechts von dem Kessel hing jeweils eine große Halbkugel an Ketten von der Decke. Die Halbkugeln waren aus bläulich-silbernem

Material und schienen ebenmäßig glatt zu sein. Hinter diesem merkwürdigen Versuchsaufbau stand mein Freund Clifford.

„Tritt näher mein Lieber! Was du hier erblickst ist die Zukunft der Forschung. Wir werden durch diese Erfindung mehr über unsere Welt erfahren, als es unsere Zeitgenossen je für möglich gehalten hätten!“, rief er mir über das laute Blubbern und Brummen dieser Höllenmaschine zu. Dann folgte eine Erklärung der Erfindung, die ich hier auf Wesentliches kürzen möchte:

Der Erfolg meines Freundes war, ein Material gefunden zu haben, welches nahezu unempfindlich gegen jedes Maß von Hitze war. In dem Heizkessel erzeugte Clifford unfassbar hohe Temperaturen, so dass die Kessel von Zeit zu Zeit schmolzen. Daher rührten die Metallreste auf dem Fußboden unter dem Kessel. Dass die Kessel heiß waren, diente jedoch ausschließlich zu Vorführzwecken, denn sobald Clifford die merkwürdigen Halbkugeln um den Kessel schloss, drang keine Hitze mehr nach außen. Mein Freund legte seine Hand auf das seltsame Material und ich befürchtete, er würde sie sich augenblicklich verbrennen, doch nichts dergleichen geschah. Die nun komplett geschlossene und dem normalen Auge perfekt rund erscheinende Kugel war kühl.

Obwohl ich wusste, dass in ihr unermesslich heiße Höllenfeuer tobten, fühlte sich die Kugel an, als habe man sie eben erst aus dem Londoner Regen ins Haus geholt. Clifford führte aus, dass das seltsame Metall nicht von jeder denkbaren Hitze angegriffen werden könne und er selbst würde, um dies zu beweisen in die Kugel steigen und als erster Mensch in einen Vulkan reisen. Zu diesem Zweck hatte er auch eine lange Kette und ein Kurbelgestell aus dem Metall angefertigt. Er würde am nächsten Morgen mit einem Expeditionsdampfer nach Island aufbrechen und seine alptraumartige Unternehmung durchführen. Ich sollte ihn dabei begleiten, dann wäre – wie Clifford sich ausdrückte – auch für mich ein Platz in den Geschichtsbüchern reserviert.

Ich stimmte unvermittelt zu, denn ich hoffte ihn bis zu unserer Ankunft in Island noch von diesem irrsinnigen Unterfangen abzubringen. Unweigerlich, davon war ich überzeugt, würde das Metall, das Clifford nun Ignis-Stahl nannte, doch nicht standhalten und mein Freund wäre nicht nur tot, sondern auch sein Name dem Hohn seiner langjährigen Zweifler ausgeliefert.

Auf unserer Überfahrt nach Island begleiteten uns neben dem erfahrenen Kapitän und seiner Crew noch drei Journalisten. In seiner Kajüte betrachteten Clifford und ich die komplizierten Aufzeichnungen, die die Herstellung des Ignis-Stahls dokumentierten. Aus Angst vor Patentraub gab es nur eine Niederschrift. Clifford trug sie stets in einem ledernen Hefter bei sich. Viele Stunden versuchte ich die Risiken des Unternehmens zu betonen, doch es war vergebens. Als wir am vereisten und grauen Hafen in Island anlegten, musste ich feststellen, dass Clifford mich von der Sicherheit der Expedition ins Herz der Welt überzeugt hatte. Ich wollte meinen Freund nun unterstützen und muss gestehen, dass ich ein wenig Neid empfand nicht selbst der erste Mensch im Vulkan sein zu können.

Der Aufbau des kleinen Krans nahm wiederum einige Tage in Anspruch. Da im Süden Islands viele Vulkane unter gigantischen Gletschern verschlossen liegen war die Auswahl einer Einstiegstelle nicht groß. Die Wahl fiel schließlich auf das Esjufjöll-Vulkansystem. Als alle Gerätschaften auf einer Höhe von etwa 1,5 km inmitten der ungastlichen Eislandschaft aufgebaut waren, hatte mein ungeduldiger Freund seine Arbeiter bereits bis zur Ermüdung angetrieben. So fielen alle Teilnehmer und Beobachter des Spektakels am Vorabend in einen tiefen Schlaf.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mich in dieser Nacht die Gier danach weckte, das Ungesehene, worauf noch nie ein Mensch seinen Blick sandte, als Erster zu betrachten. Um zwei Uhr nachts unterlag die Scham, meinen Freund Clifford zu betrügen, der unbändigen Neugier. Was ich nicht mehr spürte waren die Angst und die Zweifel, die ich zu Beginn der Reise gefühlt hatte. Ich stahl mich aus meinem Feldbett und stand einige Zeit reglos, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Lautlos stahl ich Cliffords Arbeitsmappe mit der Legierungsbeschreibung des Ignis-Metalls und der Bedienungsanweisung für den Lenkkran von seinem behelfsmäßigen Tisch. Dann trat ich aus dem Zelt in die weiße Berglandschaft. Über mir leuchteten abermillionen Sterne und ich stapfte dem verlockenden orangenen Schimmern auf dem Gipfel entgegen. Nach einer halben Stunde hatte ich den Schlund erreicht. Ich verlor keine Zeit und stieg in die noch offenen Halbschalen (Clifford hatte in der Mitte eine Lenkkonsole und einen Stuhl installiert). Ich zündete die kleine Petroleumlaterne, die mir Licht spenden sollte und betätigte den Hebel, der beide Halbschalen zusammenführen und mich in ihnen einschließen sollte.

Noch heute erinnere ich mich an meine, an Besessenheit grenzende Zielstrebigkeit. Hätte ich innegehalten und mich gesammelt – ich hätte vielleicht nie erlebt, was ich erleben musste. Heute erscheint mir die majestätische Landschaft Islands als ein grauenvoller Ort, an dem die Apokalypse und das Ende unserer Kultur leicht seinen Anfang nehmen könnte. Das Geheimnis des Ignis-Stahls darf nie wieder in die Hände der Menschen gelangen.

Ich bediente also den Kran und steuerte ihn nach Gefühl über den drohenden Abgrund. Clifford hätte dies per Funkkontakt mit seinen Helfern vollbracht, doch da ich allein war, konnte ich mich nur auf mein Gespür verlassen. Ich drückte einen unscheinbaren Knopf, der mit einem kleinen Pfeil nach unten gekennzeichnet war und bemerkte sofort, dass ein Ruck durch mein Gefährt ging. Ein leises Brummen verriet mir, dass sich die Kugel in Bewegung gesetzt hatte und ich konnte auf einer Skala erkennen, wie viel Kette sich abgerollt hatte. Ich wusste, dass die Lava des Esjufjöll etwa in einer Tiefe von 500 m beginnen müsse.

Als ich die besagte Tiefe erreicht hatte, verlangsamte sich mein Sinken, gerade so wie ein Pfennig in einem Wunschbrunnen nicht schnurgerade nach unten sinkt, sondern vom Widerstand des umgebenden Ausbreitungsmediums bald nach links und bald nach rechts abweicht. Eine unbeschreibliche Spannung breitete sich in mir aus. Ich begann mir auszumalen, welche Feuersbrünste und weißglühenden Massen um mich herum tobten, während das Thermometer in der Kugel noch die -4° C anzeigte, die an der Oberfläche geherrscht hatten. Als ich eine Tiefe von 1000 m erreicht hatte, begann sich eine gespenstische Stille auszubreiten. Kein Brummen oder Klackern des Metalls drang mehr ins Innere, kein Blubbern oder Zischen der heißen Ströme. Ich war bis in den zähflüssigen Kern des Vulkans vorgedrungen. Doch ich war nun in einem Fieber, dass mir eine Umkehr undenkbar erscheinen ließ. Ich ließ die Kugel noch einmal weitere 200 m absinken, bis das Unglaubliche geschah.

Eine Präsenz ergriff von mir Besitz und flüsterte direkt in meine Seele. Die Sprache, wenn man es so beschreiben will, war nicht hörbar, sondern bildete sich direkt in meinen Sinnen, in meinem Verstand. Sie bediente sich vieler Bilder, die sich unvermittelt vor meinem inneren Auge zusammensetzten. Zudem erfuhr ich Dinge über diese Erde, die ich plötzlich einfach wusste – die Teil meiner Vorstellungswelt waren, so als ob ich dieses Wissen schon immer in mir getragen hatte.

Eine glühende, brodelnde Masse tobte über den Erdball. Vertilgte Gestein und verzehrte Metalle. Der gigantische Globus aus Feuer trieb durch das Weltall und sein Herr war Adesangé. Der Feuergott und Sohn der Lebensspenderin und -enderin, die wir Sonne nennen, ritt den Planeten über Äonen durch die umgebende Schwärze und duldete kein Leben außer seinem eigenen. Alles, was sich ihm darbot verschlang er mit seiner unermesslichen Kraft. Nur einem Schicksalsschlag hatte Adesangé es zu verdanken, dass er die Herrschaft über die Erde verlor: In seinem wilden Ritt, der ihn stets um seine Mutter herumführte, kollidierte er mit einem so immensen Gesteinskörper, dass er bewusstlos zu Boden ging. Die auftretende Kälte ließ das Gestein über Adesangé erstarren und so fand er sich geschwächt und verschlossen unter einer Kruste aus Gestein. Außerstande die immensen Gesteinsmassen über sich zu brechen, wuchs sein Hass auf Alles, was ihn umschloss ins Unermessliche und er schwor, die Herrschaft über die Erde zurückzuerobern. Von Zeit zu Zeit gelang es ihm kleine Durchbrüche zu bohren und seine Wut zu demonstrieren. Dann ließ er seine todbringenden Finger in die Außenwelt greifen und riss Inselparadiese, Tiefseeebenen, Gebirgsdörfer und Tannenwälder an sich. Nun fühlte Adesangé einen kalten Dorn in sein Herz fahren. Jemand hatte es gewagt ihn, den eigentlichen Fürsten dieser Welt, zu demütigen. Er würde mit Feuer antworten…

Ich erschrak aus meinem Traum und hatte keine Vorstellung davon, wie lange diese Vision gedauert hatte. So schnell ich es eben erledigen konnte, fuhr ich an die Oberfläche zurück und öffnete die Kugel, in der ich die wahre Geißel unseres Heimatplaneten kennengelernt hatte. Ich zögerte nicht lange und setzte den schweren Hochlöffelbagger in Gang, welcher die grausige Apparatur hier vorher montiert hatte. Mit aller Kraft ließ ich die Schaufel des Baggers gegen das Metallgerüst fahren – einmal, zweimal. Beim dritten Schlag lösten sich die meterlangen Erdschrauben und der Lenkkran kippte dem Vulkan entgegen. Dann fiel er und riss erst die Kette und dann die Halbkugeln mit sich. Ich stieg aus dem Bagger und sah die Reste des Ignis-Stahls in der Lava versinken – unversehrt, wie am Tag ihrer Erfindung.

Gegen Ende des Jahres erschütterte eine Reihe von Vulkanausbrüchen die Esjufjöllebene. Ich bilde mir nicht ein, in meiner Gefängniszelle sicher zu sein. Es ist nur eine Frage der Zeit bis Clifford sich an die Legierung erinnert und einen neuen Versuch startet oder gierige Erdölfirmen die so fragile Hülle unheilbar verletzen, die uns vor unserem Untergang schützt.

Dann wird Adesangé erneut herrschen und allem Leben und allen Errungenschaften unserer Kultur ein Ende setzen. Wie wähnen sich doch diese Menschen in Sicherheit und meinen die Natur kontrollieren zu können. Ich lache über sie. Es braucht nicht mehr viel. Ich warte…

Der Vulkangott Adesangé entstammt dem Roman Indigo von Marina Warner, einem Werk, das den Autoren stark beeindruckt und geprägt hat.

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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Eine Antwort zu Ins Herz der Welt

  1. Merle schreibt:

    Wow! Diese Geschichte nimmt einen mit in das trügerische Dasein, des Menschen. Ich stimmte dir zu Marc, dass das deine beste Geschichte ist.
    @marcdiegesellschaftfürphantastik

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