Autoren-Portrait: Howard Phillips Lovecraft

von: N.-G. H.

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Sein Vater, Winfield Scott Lovecraft, war ein Handelsreisender und verstarb bereits 1898 nach fünfjährigem Aufenthalt im Butler Hospital, wo er, vermutlich aufgrund einer Syphiliserkrankung, behandelt wurde.  Der junge Lovecraft wuchs mit seiner Mutter, Sarah Susan Phillips Lovecraft auf. Sein Großvater, der Industrielle Whipple Van Buren Phillips, wurde schnell zu Lovecrafts männlicher Bezugsperson. Zusätzlich kümmerten sich die beiden Tanten um den Jungen. Lovecraft lernte bereits im Alter von einem Jahr zu sprechen, mit zwei einfache Gedichte aufzusagen und im Alter von vier zu schreiben. Die frühesten noch erhaltenen Texte sind „The Little Glas Bottle“, eine Geschichte und „The Poem of Ulysses“, einem Gedicht in heroic verse, beide aus dem Jahr 1897 (Joshi; S. 14f.). Früh begeisterte er sich für Chemie und Astronomie, sodass er bald begann kleinere Abhandlungen zu verfassen und bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr auch in regionalen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht wurde. Aufgrund seiner schlechten Gesundheit, vor allem seiner psychischen Verfassung, gelang es ihm nicht einen Oberschul-Abschluss zu machen, wodurch ihm der Zugang zu einer Universität verwehrt blieb. 1909 verfiel er deswegen einer Depression aus der er sich erst 1914 befreite. In diesem Jahr lernte Lovecraft den amerikanischen Amateur-Journalismus kennen, eine Art Graswurzelbewegung, deren Mitglieder sich gegenseitig selbstverfasste Texte zusandten. Dieses Engagement im Amateur-Journalismus sollte Lovecrafts Leben auf zwei Arten verändern: zum einen holte es ihn aus der selbstgeschaffenen Isolation und zum anderen schloss er dort Freundschaften, die zum Teil bis zu seinem Tod halt sollten, unter anderem mit dem jungen Autor Frank Belknap Long oder dem Dichter Samuel Loveman (Kirde ; S. 143f.).
1921 verstarb seine psychisch labile Mutter nach zweijährigem Aufenthalt im Butler Hospital. Im Jahr 1923 wurde das Magazin Weird Tales gegründet. Keinem anderen Medium sollte Lovecraft länger als Verfasser phantastischer Geschichten zur Verfügung stehen. Er galt neben Robert E. Howard und Clark Ashton Smith als der beste Autor des Magazins.
Im selben Jahr heiratete Lovecraft Sonia Haft Greene und zog zu ihr nach New York. Doch hielt diese Ehe nicht lang, sodass er 1926 zurück nach Providence ging. Die Zeit zwischen 1926 und seinem Tod 1937 gilt als Lovecrafts literarisch bedeutendste Phase. In diesen Jahren lebte er mit seinen Tanten zusammen und pflegte sie. Einer geregelten Arbeit ging Lovecraft nie nach, sodass er begann Auftragsarbeiten und Überarbeitungen anzufertigen. Das bisschen Geld, das ihm zur Verfügung stand, gab er aus um Ausflüge, entweder zu seinen Brieffreunden oder in der Region Neuengland, machen zu können. Lovecraft starb am 15. März 1937 an Darm-Krebs.
Neben seinem – eher überschaubarem – Prosawerk war Lovecraft auch ein begeisterter Briefschreiber, Poet und Essayist. Alleine seine Essays füllen fünf Bände und das Ausmaß seiner Briefe lässt sich nur schätzen. Bisher sind fünf Bände Selected Letters, sowie etwa ein dutzend Briefsammlungen von Korrespondenzen Lovecrafts mit spezifischen Partnern, erschienen.
Neben Lovecrafts schwärmerischer Begeisterung für Edgar Allen Poe und Lord Dunsany war er ein begeisterter Leser des walisischen Phantasten Arthur Machen. Diese drei sollten die Art prägen, wie er Mythen erschuf und in seine Welt einbaute. Dennoch war Lovecraft auch gut vernetzt mit gleichgesinnten Autoren. So unterhielt er mit Clark Ashton Smith, Robert E. Howard, Fritz Leibner, August Derleth, Robert Bloch und vielen anderen Phantasten seiner Zeit Korrespondenzen. Gerade Clark Ashton Smith hattes es ihm besonders angetan, so sehr, dass er diesen sogar in „Berge des Wahnsinns“ und „Pickmans Modell“ namentlich erwähnte.
Lovecraft nach den herkömmlichen Genre-Kriterien zu bewerten ist schwer: Seine frühesten Geschichten erinnern an die makaberen Werke von Edgar Allen Poe und zwischen 1919 und 1927 schrieb er viele Geschichten die von den phantastischen Anderswelten Lord Dunsanys beeinflusst waren. Erst sein Spätwerk, also ab „Cthulhus Ruf“ (1927), zeigt Geschichten, die wirklich typisch Lovecraft sind. Sie sind eine Mischung aus weird fiction, deren Ziel es ist den Leser zu verunsichern, Regionalliteratur, bezogen auf sein halbreales Neuengland, und den Anfängen von Science-Fiction. Dennoch lässt sich Lovecraft nicht zufriedenstellend diesen Genregrenzen zuordnen, auch wenn er sich stets als weird-fiction-Autor sah. Viel wichtiger ist Lovecrafts Weltanschauung, die in seinen Geschichten ebenso mitschwingt wie in seinen Briefen und Essays.
Es ist zutreffend Lovecraft als „Kopernikus der Horrorgeschichte“ zu bezeichnen, der „den Brennpunkt übernatürlichen Grauens vom Menschen und seiner kleinen Welt […] zu den Sternen und […] unausgeloteten Abgründen des interstellaren Weltraums“ verschob. (Leiber, S. 44) Dieser cosmicism ist Lovecrafts größte literarische Leistung. Seine Wesen sind nicht Götter, sondern außerirdische Wesen, die nach physikalischen Regeln funktionieren, die der Mensch nicht zu verstehen im Stande ist. Lovecraft hinterfragt in seinem Werk nicht nur die menschlichen Vorstellungen von Moral, Erkenntnis und dem Platz des Menschen im Universum, sondern er bietet einen pointierte Kritik an Mystizismus, Okkultismus und Religion. Dennoch darf man nicht vergessen auch die unschöne Seite Lovecrafts zu zeigen, denn in vielen seiner Geschichten schwingt auch ein tiefer Rassismus mit, der seinen Höhepunkt wohl in „Der Schatten über Innsmouth“ hat.
Dennoch gehört „Der Schatten über Innsmouth“, neben „Cthulhus Ruf“ und „Der Schatten aus der Zeit“ zu den besten Geschichten, die er in seiner späten Phase geschrieben hat. Zudem muss noch „Die Ratten im Gemäuer“ erwähnt werden. Jene Geschichte seiner frühen Phase, die auf unnachahmliche Art eine Atmosphäre der Beklemmung erzeugt und die mit einem sorgsam komponierten Ende aufwartet.
Möchte man sich mit Lovecraft über dessen Geschichten hinnaus beschäftigen, so empfiehlt sich zuerst die Suche in den Essay-Bänden. Hier zeigt sich Lovercaft auf eine ganz andere Weise als in seinen Geschichten und man erhält einen guten Einblick in politische Standpunkte, wie auch Fragen der Ästhetik oder der Literatur. Ähnlich verhält es sich natürlich mit seinen Briefen. Will man sich mit Sekundärliteratur zu Lovecraft und seinem Werk auseinandersetzen, so ist man gut beraten sich an S.T. Joshis Biographie „I am Providence. The Life and Times of H.P. Lovecraft “ und nicht an Lyon Sprague De Camp „H.P. Lovecraft. Eine Biografie“ zu wenden. Joshis Biographie ist die umfangreichste und am besten recherchierte die es gibt, während De Camps nicht nur älter ist und auf einige neuere Erkenntnisse und Quellen verzichtet, sondern auch wesentlich subjektiver ist.

Lovecraft ist heute noch so aktull wie zu seinen Lebzeiten und eine Beschäftigung mit seinem Werk lohnt sich sehr.

Literatur:

-Joshi, S.T.: H.P. Lovecraft. Leben und Denken. S. 12-34. In: Rottensteiner, Franz (Hg.): H.P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Suhrkamp Verlag. 1997
-Kirde, Kalju: H.P. Lovecraft (1890-1937) Bemerkungen über das Leben und Werk eines
bedeutenden Horrorerzählers. S. 141-173. In: Alpers, Hans Joachim (Hg.): H.P. Lovecraft
-Poet des Grauens. Corian Verlag. 1993
-Leiber jr., Fritz: Ein literarischer Kopernikus. S. 44-59. In: Rottensteiner, Franz (Hg.): H.P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Suhrkamp Verlag. 1997

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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3 Antworten zu Autoren-Portrait: Howard Phillips Lovecraft

  1. Blackdiablo schreibt:

    Ein wohl formulierter, stringenter und vor allem kompetenter Kurzabriss über Lovecraft, den ich mir erlauben werde, im CthulhuWiki zu verlinken. 🙂 Dort finden sich im Übrigen Leseeinstiege zu Lovecraft und Howard, die für euch oder andere Leser vielleicht von Relevanz sein könnten. Gerne auch zum Ergänzen oder Kommentieren. ^^

    Bitte mehr von solchen kleinen Autoren-Porträts!

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  2. N.-G.H. schreibt:

    Gerne doch. Es freut mich, wenn unsere Arbeiten bemerkt werden und dann umso mehr, wenn für die Leser auch noch ein Mehrwert dabei herum kommt.

    Zum Thema „weitere Autorenportraits“: Mittelfristig wird es noch eines zu Robert E. Howard und August Derleth geben, langfristig zu C.A. Smith. Und wie ich denke wird es auch etwas zu Tolkien geben.

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  3. Pingback: Die „Derleth-Lovecraft-Collaborations“ | Flensburger Gesellschaft für Phantastik

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