Tilman Spreckelsen – Kalevala: Eine Sage aus dem Norden

Von: The Colourful Wilbur
Vor einiger Zeit las ich irgendwo über verschiedene Inspirationsquellen Tolkiens. Dabei weckte ein Werk besonderes Interesse: Der Professor begeisterte sich seinerzeit offensichtlich sehr für das (1) sogenannte Kalevala. Das Kalevala ist eine Sammlung von Sagen und mythologischen Überlieferungen der Finnen und wird heute als das Nationalepos betrachtet. Zusammengetragen wurde dieses Epos auf den Reisen des Arztes und Schriftstellers Elias Lönnrot.
Um mir einen Einblick in dieses Werk zu verschaffen, erstand ich das Werk von Tilman Spreckelsen und Kat Menschik. Beide sind im Jahre 2011 nach Finnland gereist, um sich neben der Bearbeitung des Stoffes auch Informationen über Elias Lönnrot aus erster Hand zu beschaffen. So ist die Nacherzählung „Kalevala – Eine Sage aus dem Norden“ (2) entstanden, welche sowohl die Abenteuer von Väinamöinen, Lemminkäinen, Ilmarinen und vielen anderen Helden erzählt, als auch mal heitere, mal inspirierende und nachdenkliche Anekdoten aus der Heimat ihres Sammlers vermittelt. Spreckelsen und Menschik erweisen sich als kongeniales Team: Die von Menschik angefertigten, wunderbar ruhigen Illustrationen, sowie die aufregende Umschlaggestaltung erweitern die Erzählungen und machen dieses Werk zu einem Gesamtkunstwerk.
Der Inhalt der verschiedenen Sagen erfüllte mich mit einer hintergründigen Ahnung des Alters jener Überlieferungen. Sie sind voller Witz, Magie und Ursprünglichkeit. Den einfachen Themen der finnischen Ahnen, wie Partnerschaft und Hochzeit, Handwerk und Handel, stellen sich berührende, rätsel- und zauberhafte Themen gegenüber. So scheinen nahezu alle Charaktere in der Lage zu sein, verschiedenste Magie zu wirken. Dadurch werden Auseinandersetzungen zuletzt nicht durch Zauber, sondern durch Esprit gewonnen. Wunderbar merkwürdig wirkten auf mich auch die scheinbar unpassenden Größenverhältnisse mancher Elemente. So fertigt der Schmied Ilmarinen einen Rechen an, welcher groß genug ist, um Lemminkäinens Mutter zu gewähren, ihren Sohn damit aus einem Totenfluss zu kehren.
Zu den Erfahrungen, die die Chronisten – wenn man dies so sagen darf – in Finnland auf Lönnrots Spuren machen, sei erwähnt: Es empfiehlt sich, die besprochenen Gegenden auch in einer Karte zu betrachten, um einen Überblick über die Reiseroute zu gewinnen. Mir selbst ist auf einem Besuch der finnischen Gemeinde Kauhava sehr deutlich geworden, welches innige Verhältnis auch moderne Finnen zu Tradition und Geschichte pflegen. Sie nehmen einen wichtigen Platz ein und sind gut vereinbar, was sich auch in den Erzählungen der Reiseabschnitte unter dem Titel „Lönnrots Lebensspuren“ widerspiegelt.
Ich möchte an dieser Stelle über die enthaltenen Geschichten nicht weiter ins Detail gehen. Freunden kauziger phantastischer Geschichten sei dieses Werk unbedingt ans Herz gelegt. Es ist in zeitgemäßer Sprache verfasst, ohne dem mystischen Hintergrund zu schaden. Tolkien-Enthusiasten werden sich das ein ums andere Mal bei wissendem Lächeln und erstauntem Erkennen beobachten.
Kurzum: Für rund 25€ erhält der Leser eine rundherum gelungene Zusammenführung von gut recherchierten und lebensnahen Informationen über die finnische Kultur, sowie eine ansprechend und zeitgemäß aufbereitete Nacherzählung der finnischen Folklore. Für mich ist dieses Werk ein absoluter Augenöffner. Ein Ehrenplatz im Bücherregal ist reserviert!

Fußnoten:

(1) Neben dem neutralen Genus ist auch der maskuline Genus „der Kalevala“ möglich.

(2) Spreckelsen, T. & Menschik, K. (2014). Kalevala. Eine Sage aus dem Norden. Verlag Galiani Berlin.

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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