Caá-Jurus Opfer

von The Colourful Wilbur

Spät am Abend eines grauen Novembertages – ich wollte gerade Feierabend machen – erreichte mich ein Telegramm von einem gewissen Burt Wells, welches den Beginn jener unglaublichen Geschichte markierte, die ich an dieser Stelle für die Nachwelt festhalten möchte.
Zu der Zeit ersuchten viele Bewohner der schönen Stadt Edinburgh meine Rat und Beistand und es hatte sich offenbar herumgesprochen, dass ich dabei keinen Wert auf Stand und Leumund legte. Mich konsultierten in den frühen Morgenstunden dreckige Tagediebe und Schluckspechte. Gegen Mittag stahlen sich untreue Ehemänner und betrügerische Händler in den kleinen Raum, in dem ich meine Beratung anbot. Abends besuchte ich die betuchteren Bürger, die nicht bei einem Besuch bei mir beobachtet werden wollten: Minister, Großgrundbesitzer, Ärzte und Professoren ersuchten Rat. Auch die edle Geistlichkeit selbst ist vor den Versuchungen des Verderbers nicht gefeit und war nicht selten vertreten.
So wunderte es mich nicht, dass Mr. Wells, ein stadtbekannter Viehwirt sich per Telegramm eine Aussprache mit mir erbat. Der aufgewühlte Unterton in seiner Nachricht weckte ein besonderes Interesse in mir.
Verehrter Pater – Muss meine Seele läutern – Habe Schuld auf mich geladen – Bin unschuldig – Erbitte Beichtanhörung
Der offensichtliche Widerspruch in der Schuldfrage sprach für eine große Unsicherheit, die es zu klären galt. Oft erkennen die Sünder eine Verfehlung, nicht jedoch das Ausmaß der Sündhaftigkeit. Natürlich ist es die Pflicht der Kirchendiener ihnen diese deutlich vor Augen zu führen. Nur die Erkenntnis, welche Qualen die Hölle für Sünder bereit hält, vermag den drastischen Eindruck hervorzubringen, der das schwache Fleisch vor wiederholter Untat schützt. So führen wir Besuchern unserer schönen St. Giles Cathedral gerne die Gemälde und Fresken vor, die vielfältige Arten von Dämonen und Bestien zur Schau stellen. Denn wir wissen, dass nur durch diese Abschreckung der Mensch eine Abneigung zur Sünde entwickeln kann.
Doch ich sollte erfahren, dass die Fantasie wahnsinniger Ausgebürte und Höllenwesen, die bereits in Mr. Wells veranlagt war, ohne Weiteres mit der abstoßenden Präzision der Beschreibungen des Heiligen Nikolaus von Thyatira Schritt zu halten vermochte.
Nachdem ich einen Termin gefunden hatte, verabredete ich mich mit Mr. Wells am 1. Dezember zu einer Unterredung in meinem Arbeitszimmer. Wells erschien überpünktlich, so als ob er es nicht erwarten konnte die Last seiner armen Seele loszuwerden. Er gab einen jämmerlichen Anblick ab: Die Augen waren rot unterlaufen und wanderten ruhelos im Raum umher. Der trübe Blick schien ständig nach etwas zu suchen. Die speckige Kleidung, die der Unglückliche trug, stank nach billigem Schnaps und Urin. Wells war unrasiert. Seine Anspannung wirkte noch extremer insofern, als ich ihn üblicherweise als einen lebenslustigen, herzlichen Mann kenne. Das dümmliche Lächeln, welches er sonst präsentierte, war einem besorgten Grübeln gewichen. Zu diesem Bild passte auch die zittrige Stimme, mit der er verkündete:
„Mir bleibt nicht viel Zeit! Lassen Sie uns sogleich beginnen. Er könnte jederzeit wieder auftauchen und mich mit sich nehmen…“
Nachdem ich Wells ermahnt hatte, dass eine anständige Läuterung sich nicht durch Eile erzwingen ließe und das wir unter uns wären und niemand außer mir Zugang zu diesem Kämmerchen hätte, ließ ich ihn gewähren und hörte mir die haarsträubende Geschichte an, die er sodann verriet.
Alles hatte damit begonnen, dass Wells unter immer unruhigerem Schlaf litt. Seine Frau hatte sich bei ihm beschwert und berichtete ihm des Morgens über merkwürdige Dinge, die er im Schlafe redete. Die Träume handelten offenbar von abnormen Städten in denen chthonische Abgötter herrschten und sich an Opfergaben labten, die ihnen ihre widerlichen Anhänger darboten. Ihre Gier war unstillbar und sie forderten stets ihren Tribut. Manches Mal sprach Wells aus der Perspektive der fanatischen Anhänger jener Abgötter. Dann mischten sich unzivilisierte Laute und Geheul in seine Reden und die arme Mrs. Wells versuchte vergeblich ihren Mann zu wecken. Schlimmer noch waren die Nächte in denen der alte Wells sich selbst für einen jener längst vergessenen Dämonen hielt. Unsagbare und gotteslästerliche Dinge drangen aus seinem Munde. Welcher Art diese waren konnte Wells mir nicht berichten, da seine Stimme beim Versuch versagte.
Wells Ehefrau hatte angenommen, ihr Gatte habe diese verstörenden Geschichten beim gemeinsamen Besäufnis mit fahrendem Volk aufgeschnappt, doch als sie sie ihrem Gatten erzählte beteuerte dieser, noch keine dieser Legenden gehört zu haben. Als Wells eines Tages abermals aus dem Schlaf hochschreckte und einen spitzen Schrei ausstieß, legte ihm seine Frau einen Besuch bei einem Traumdeuter nahe.
Wells, der solcherlei Professionen für groben Unfug hielt, tat auf Drängen seiner Frau einen Traumdeuter namens Caá-Juru auf. Natürlich ist eine solche heidnische Auseinandersetzung ganz und gar zu missbilligen und ich übte scharfe Kritik an Mr. Wells. Der Name des Traumdeuters bedeutete jedenfalls in etwa „Mund des Waldes“ – ein Name den dieser von seinen Ahnen im panamaesischen Dschungel erhalten hatte. Er bezog sich zu gleichen Teilen auf die angebliche Begabung, mit alten Naturgöttern sprechen zu können, die man den Indianern dort nachsagte, als auch auf eine entstellende Hasenscharte, die den Häretiker entstellte.
Caá-Juru schien dem Bauern anzusehen, dass dieser seine Kunst nicht ernst nahm, zeigte sich aber dennoch willens, die irren Träume Wells zu deuten. Kaum hatte Wells dem Alten die Notizen verlesen, die die Berichte seiner Frau von den nächtlichen Offenbarungen wiedergaben, lief Caá-Juru sichtlich aufgeregt in seinem Heim auf und ab und sammelte kleine Gläser und Tontöpfchen zusammen. Er wollte Wells künstlich in einen traumreichen Schlaf versetzen und die Berichte des Bauern so hautnah miterleben zu können.
Missbilligend nahm ich zur Kenntnis, dass Wells sich auf diese gottlose Vorgehensweise einließ, um, wie er sagte, Ruhe vor den Klagen seiner Frau zu haben. Der Traumdeuter wusste offenbar genau, welche Tinkturen und Stoffe er zusammenrührte und nach einer Weile breiteten sich seltsame Gerüche in der schmutzigen Küche aus. Der fahle Mond schien durch das schimmelige Fensterglas und beleuchtete das sündige Handwerk. Ab diesem Moment erinnert sich Mr. Wells nicht mehr an die Vorkommnisse im Hause des Caá-Juru. Umso deutlicher waren jedoch die Erlebnisse in dem Traum den er kurz darauf träumte.
Wells fand sich, bekleidet mit einem Lederwams und einem Paar leichten Sandalen, auf dem Vorhof einer gigantischen Stufenpyramide wieder. Jene Pyramide war das Kernstück einer uralten Stadt unter einem grau-rosa Himmel. Die Stadt erstreckte sich von einem über und über mit grünem Buschwerk bedeckten Berg im Osten, quer durch einen Talkessel hin zu einem ausgetrockneten braunen Loch, welches einmal ein See gewesen war. Aus allen Richtungen strömten Menschen auf die Pyramide zu. Wells begann vor den Augen all dieser Pilger die Stufen emporzusteigen. Er spürte eine starke Erregung, ausgelöst durch die auf ihm ruhenden Blicke der Bürger. Oben angekommen trat er in das Innere der Pyramide, wo ein junges Mädchen auf ihn wartete. Sie war hübsch und hatte das zehnte Lebensjahr noch nicht vollendet. Im Gesicht trug sie magische Symbole, die aus einer, aus rotem Sand angerührten, Tinktur bestanden. Obwohl sie ihr grausiges Schicksal bereits zu kennen schien, offenbarte sie keine Zeichen von Furcht oder Unwillen. Wells nahm das Kind bei der Hand und trat mit ihm in die dunklen Gänge des abscheulichen Ortes. Er schien die Wege, die zu gehen waren bereits genau zu kennen und lief sie ohne zu Überlegen. Tief im Herzen des zyklopischen Bauwerks trat das ungleiche Paar an einen kreisrunden Altar, auf den sich das Mädchen sogleich legte. Wells begann einen Gesang auf einer ihm unbekannten Sprache zu intonieren, während er einen reich mit Diamanten verzierten Opferdolch aus seinem Lederwams zog. Ich verschweige an dieser Stelle, was nur allzu offensichtlich ist. Wells kehrte der Szene den Rücken zu und verließ mit schnellem Schritt die Pyramide. Vor dem unscheinbaren Eingang angekommen trat er an den Rand des oberen Plateaus und blickte über die Menschenmasse. Während verstörender Lärm aus dem Inneren der Pyramide drang, begann es über der Stadt zu regnen. Es dauerte nicht lange und der rötliche Himmel spiegelte sich auf der nassen Pyramide und ließ sie bedrohlich schimmern. Der Regen wurde von der Menschenmasse mit Jubelschreien begrüßt. Eine ekstatische Masse von Wilden trieb orgiastische Unzucht, fraß blutiges, rohes Fleisch, welches nun überall aufgetragen wurde und tanzte dabei auf dem Vorplatz in einem seelenlosen Rhythmus. Wells warf den blutigen Opferdolch auf die Stufen und fühlte sich unsagbar mächtig. Kurz darauf erwachte er aus dem bizarren Traum.
Nun berichtete mir der Bauer, an welchem Tage dieser Traum durch Caá-Juru evoziert wurde. Die ketzerische Sitzung hatte am selben Tag stattgefunden, als die Tochter des Krämers aus der Cowgate Street, Julie Burnett, von einem unbekannten Täter auf einem abgelegenen Hinterhof erdolcht worden war. Dieser merkwürdige Zusammenhang wurde mir schlagartig klar und ich erkannte, dass Wells leerer Blick auf mich gerichtet war. Er wusste, dass ich die Duplizität bemerkt hatte. Wells führte seinen Bericht fort.
Einige Tage vergingen ohne die furchtbaren Träume Wells und dieser war nun überzeugt, dass sich die Ähnlichkeit des Traumes mit dem unaufgeklärten Mord an Julie ein bloßer Zufall war. Und so besuchte Wells Caá-Juru nun regelmäßig, bestärkt durch den Zuspruch seiner Frau. Dabei träumte der Bauer höchst verschiedene Dinge: Das eine Mal musste er einen goldenen Krug durch das Gewirr von Gassen transportieren, das andere Mal beobachtete er sich beim Anfertigen eines eigentümlich geformten Lehmkübels. Nun geschah es durch Zufall, dass Wells etwas Merkwürdiges bemerkte. Er hatte bei einer Traumsitzung geträumt, dass er eine Botschaft in einer Art Keilschrift an die Mauern eines Gebäudes geritzt hatte. Zwei Tage später entdeckte er auf dem Weg zur Bank im Stadtzentrum an einer unscheinbaren Wand einige Zeichnungen, die denen in seinem Traum nun so sehr glichen, dass es sich kaum um einen Zufall handeln konnte. Und so begann er auch nach den übrigen Ereignissen aus seinen Träumen in der schäbigen Küche Caá-Jurus zu suchen. Dabei fand er heraus, dass ein alter goldener Krug aus dem Museum gestohlen worden war. Auch bemerkte er bei seinem nächsten Besuch bei Caá-Juru einen Kübel, der laienhaft von Hand angefertigt war. Diese Hinweise ließen den armen Sünder nun vermuten, dass auch er am Mord der kleinen Julie schuld trug.
Wells konnte mit dieser grässlichen Vermutung nicht leben und jeder Tag wurde für ihn zu einem unerträglichen Alptraum. Er verlor die Fähigkeit zwischen seinen Träumen und der Realität zu unterscheiden und saß nun nachts lange wach, aus Angst zu träumen. Mrs. Wells bemerkte den üblen Zustand ihres Gatten und beschloss, dass weitere Besuche bei Caá-Juru diesem nicht wohl täten und das das Geheul in der Nacht besser auszuhalten sei, als die lethargische Weise, die Wells seit kurzem an den Tag legte. Wells hielt sich nun von dem Traumdeuter fern und es vergingen drei Wochen, in denen sich Wells Zustand besserte. Er lenkte sich mit der Arbeit auf dem Feld von den Erlebnissen ab, und schließlich hatte er der Erlebte völlig in das Reich der Fantasie verdrängt.
Am gestrigen Tag ereignete sich dann jene Katastrophe, die Mr. Wells eine Ewigkeit im Höllenfeuer einbringen wird, wenn ich es nicht schaffe, den Unglücklichen zu läutern. Nach einem langen und harten Arbeitstag auf dem Feld hatte sich Wells auf einem Heuhaufen vor der alten Scheune niedergelegt, um eine Zeit dem Zug der Wolken zuzusehen. Dabei war er in einen unruhigen Schlaf gefallen. Im Traum wiederholte sich die Pyramidenszene. Dabei war Wells dieses Mal mit einem bunten Federschmuck gekrönt. Im Inneren der Pyramide begegnete ihm ein junger Mann. Im Traum schenkte Wells der nur allzu deutlichen Hasenscharte des jungen Mannes keine weitere Aufmerksamkeit… Anstelle eines jungen Mädchens opferten die beiden Priester nun eine großgewachsene Frau mittleren Alters.
An dieser Stelle brach Wells in irrsinniges Lachen aus. Die letzten verständlichen Worte die ich von ihm vernahm lauteten „Sie werden meine Frau in der Scheune finden.“ Und so geschah es auch. Die Polizei von Edinburgh fand in der alten Wells-Scheune eine furchtbare Szenerie vor: Auf einem abgenutzten Mühlstein lag Mrs. Wells, auf entsetzliche Weise zugerichtet. Um die Leiche verteilt standen verschiedene Utensilien, die wohl einer Zeremonie gedient hatten, darunter der goldene Krug aus dem Museum, sowie der bekannte Kübel. Mein Anstand und mein Mitgefühl für die hochverehrte Mrs. Wells verbietet es mir, an dieser Stelle mehr zu sagen als nötig ist. Ausführliche Beschreibungen des Tatortes liegen in der Aktensammlung der Edinburgh Town Guard vor.
Ich betrachte es als meine von Gott gegebene Aufgabe, dem Teufel die Sünder zu entreißen und so lieferte ich Wells nicht an die Polizei aus. Mir war sofort klar, dass die Geschichte, die Wells mir auftischen wollte – was ihm auch beinahe gelungen wäre – nur eine Lügengeschichte gewesen war, um die Verantwortung für seine Bluttaten von sich zu weisen und sie einem offensichtlich erfundenen Traumdeuter anzuhängen. Aus reiner Nächstenliebe habe ich den Irrsinnigen in einen Kerker unter unserer St. Giles einquartiert. Dort sitzt er nun auf seinem Strohlager und starrt an die kühlen Backsteinwände. Dabei erscheint mir sein unbeweglich gewordenes Gesicht als ein Zeichen der Läuterung. Lediglich alle zwei oder drei Wochen gerät der Sünder des nachts in einen ungehaltenen Zustand. Er wandert in der Kammer umher, rüttelt an den Gittern und stößt unheimliches Geheul aus.
Diese Zustände kann ich aber zumeist mit fünfzig kräftigen Stockschlägen beenden – dem Himmel sei Dank!
Nachtrag:
Einer schönen, gottesfürchtigen Stadt, wie der unseren tut die Anwesenheit solcher Individuen wie Caá-Juru nicht gut. Und wenn nur ein Quäntchen Wahrheit an der Erzählung Wells‘ ist, so musste ich Sicherheit haben. Daher habe ich den Schuft gestern Mittag in seiner verkommenen Wohnung aufgesucht und zur Rede gestellt. Natürlich hat dieser Bursche von alledem Erzählten keinerlei Ahnung gehabt und stritt sogar ab, jemals einem Mr. Wells begegnet zu sein. Ich ließ es bei einer strengen Ermahnung und händigte einen Rosenkranz aus.
Bin heute früh mit Schuhen in meinem Bett aufgewacht… Habe sehr seltsam geträumt…

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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