Der dunkle Prinz

von Bartok

Fürchte, sagte die Dunkelheit und ich hatte Angst,
Hasse, sagte der Teufel und ich verachtete,
Weine, sagte der Albtraum und ich jammerte,
Breche, sagte der Schmerz und ich zerschellte.

Es war die Nacht des Blutmonds und alle Wölfe und Raben dieser kargen Lande folgten dem dunklen Prinz auf seiner wilden Jagd, denn wo immer sie ihn hinführte, bereitete er der gierigen Brut ein Festmahl.
Die Berge des Himmels waren heraufgezogen und die Monster und Ungeheuer, die in ihnen hausten, brüllten und grollten und sandten ihren Atem, um den sauren Gestank, der diese Gefilde befallen hatte, zu ersticken. Weißes Licht zuckte durch die Dunkelheit, wies dem Prinz den Weg und riss die schwarze Erde – das verfaulte Fleisch – auf. Für einen Wimpernschlag lang waren die Fratzen, eingeritzt in Baum und Stein am Wegesrand zum Düsterwald, in all ihrer Schrecklichkeit zu sehen. Sie lachten über ihn, die Grimassen jener, die ihren Verstand verloren hatten, er hörte ihre Stimmen, sie verhöhnten ihn, denn sie kannten sein Schicksal. Ein Blitz schlug vor ihm ein, sprengte die Straße und offenbarte, eingefroren in einer Zeit, die nicht mehr existierte, grünes Gras und farbenfrohe Blumen. Aber dies konnte nicht sein! Vielleicht war es nur ein Echo seiner Seele, die er verloren hatte, wie andere ihre Erinnerungen oder Träume oder Schatten.
Einst war dies das Paradies gewesen. Die Berge des Himmels aber weinten, um alle Krankheit und Sünde, die dieses Land befallen hatte, hinfort zu waschen.
Die dunklen Wipfel, die nur das silberne Mondlicht zu durchdringen vermochte, kamen näher. Und zwischen mächtigen Stämmen da sah der Prinz ein Gittertor, wie zu einem Garten. Es hing schief in den Angeln und war offen für jeden verirrten Wanderer. Nebel sickerte durch des Tors Eisenstangen, kroch über Treppen aus Stein und schwappte kalt über die Hufe des schwarzen Hengstes.
„Ruhig, Cathiél“, flüsterte der dunkle Prinz seinem treuen Gaul ins Ohr. „Auch ich habe Angst, doch dies darf uns nicht zu Feiglingen machen.“
Der Nebel brodelte, als wollte er etwas ausspucken, das nicht nach seinem Geschmack war und aus dem Grau erhob sich eine Gestalt, größer als ein Mensch und doch wie einer geformt. Die Gestalt trug eine Robe, die zerrissen und verschlissen war und in den Nebel überfloss. Den Kopf bedeckte sie mit einer Kapuze, die sie tief ins Gesicht gezogen hatte. Ein roter Schimmer, der von ihren Augen ausging, lag auf Mund und Kinn.
„Aaahh“, hauchte die Nebelgestalt mit tiefer Stimme.
Der Prinz spürte kalte Finger, seinen Rücken erklimmen, auf der Suche nach seinem Hals. Er zog sein Schwert und Cathiél bäumte sich wiehernd auf. Fahles Licht umhüllte sie, wie eine mystische Aura. Doch die Nebelgestalt blieb unbeeindruckt.
„Wer wagt es, sich mir in den Weg zu stellen?“, rief der dunkle Prinz.
Die Nebelgestalt lachte. „Ich bin der Wächter dieser Pforte. Jener der entscheidet, wer hindurchgehen darf und wer nicht.“
„Ich fordere Einlass und du wirst ihn mir gewähren!“, verlangte der Prinz.
„Das kann ich nicht“, erwiderte die Nebelgestalt und breitete ihre Arme aus, wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.
„Du wirst mich nicht von ihr fernhalten. Das erlaube ich nicht!“
„Ihr seid noch nicht von Eurem Weg abgekommen.“
„Wie könntest du das wissen? Ich habe meinen Weg vor langer Zeit verlassen und irre von Leuchtturm zu Leuchtturm in der Dunkelheit und finde doch nicht, was ich suche.“
„Ihr habt nicht Euren Weg verloren, Ihr habt Euch selbst verloren. Die Pforte bleibt verschlossen.“
„Dann soll dies dein Ende sein, Torwächter“, schrie der dunkle Prinz und schwang sich aus dem Sattel.
Hieb für Hieb, Stich für Stich zerschnitt er den Nebel. Die Runen auf seinem Schwert glommen blutrot. Seine grauen Augen funkelten, wie die eines Besessenen.
Der Wächter brüllte und ächzte und verlor seine Form, zerfiel, zerriss und löste sich auf.
Der dunkle Prinz schlug noch nach dem Nebel, als er schon lange fort war und fiel auf seine Knie. Er weinte um sich selbst, denn er wusste, dass Finsternis in sein Herz gedrungen war. Cathiél stupste ihn mit seinen Nüstern an und der Prinz erhob sich, wie nach einem Ritterschlag.
„Ich fürchte, hier wird unsere Reise enden, mein guter Cathiél, auf die eine oder andere Weise.“
Und so passierten sie das Osttor auf der Straße, die nur noch ein Pfad war, in die Höhle der Kreatur. Die Luft war stickig, als wehrte sie sich dagegen, ihn am Leben zu erhalten. Der Geruch von Verwesung stieg ihm in die Nase und nistete sich ein, wie ein Parasit. Blaue Kristalle, eingefasst in die Rinde der Bäume, wiesen dem Verirrten den Weg, doch standen sie so weit auseinander, dass ihre Lichtkegel sich nicht berührten. Der Rest des Waldes aber war in einen matt silbernen Schein gehüllt.
Die Kreatur war nicht alleinige Bewohnerin dieses Waldes. Aus seinen feuchten Löchern und kalten Höhlen stiegen ihre Diener empor. Sie eilten herbei, doch blieben sie am Rand des Geisterlichts stehen.
Und wie sie ihn wachsam beobachteten, schrien sie nach ihm und streckten ihm ihre Krallen entgegen, als bettelten sie, er möge ihnen etwas von seinem Fleisch geben. Sie kreischten vor Schmerz und krächzten vor Angst. Sie flüsterten, zankten, fluchten und heulten. Sie hauten ihre Köpfe gegen Baumstämme und kratzten sich ihre Wänste auf. Sie brabbelten und zogen an ihrer ledrigen Haut. Sie schlugen sich selbst und schrien dem dunklen Prinz ihre Pein entgegen. Sie wurden wahnsinnig, denn sie wagten es nicht, ihn anzugreifen.
„Tut ihm nicht weh, meine Kinder“, brummte eine Stimme durch den Wald. „Ich verbiete es euch. Das schlagende Herz ist noch zu stark. Erst muss es… verwelken.“ Weiter ritt der dunkle Prinz, unbeirrt und erreichte so den steinernen Kreis. Grüner Dampf stieg von den Steinen auf, hastig eingehauene Runen pulsierten auf ihnen, als versuchte etwas auszubrechen. Furchtlos betrat der Prinz diesen unheiligen Ort. Die Diener aber wagten es nicht.
In der Mitte des steinernen Kreises stand Ar-katak der alte Baum, der gefallene Stern, die dunkle Saat, das Geschwür. Ein langer, blattloser Ast sank zum Prinzen herab, an seinem Ende hielt er das weiße Kleid, welches besudelt war mit Blut, in dem Strähnen goldenen Haars klebten.
Du bist zu spät, donnerte die tiefe Stimme des Baums
Zu schwach, flüsterten die Blätter und kicherten.
Verdammt, murmelten die Wurzeln unter der Erde.
Abendessen, schrien die verrückten Diener.
Das Herz des dunklen Prinzen verwelkte, als er sein Schwert zog und Wald und Erde zu drehen begannen. Keine heroische Tat, kein glorreicher Sieg war dies. Überrannt lag er im Dreck und wehrte sich nicht mehr. Kratz- und Beißspuren zierten seine Rüstung, sein Umhang nur noch ein Lumpen. Böswilliges Gelächter, rau und gurgelnd, kam näher vibrierte um ihn herum.
Doch anstelle der kalten Hand des Todes spürte er warme Sonnenstrahlen auf seinen Wangen. Violettes Gras färbte sich grün und alles Böse schwand. Sie kam gekleidet in weißes Licht, in dem ihr Haar golden schimmerte. Das Abbild einer Schönheit aus vergangen Tagen war sie mit einem Lächeln so bezaubernd und unschuldig. Sie kniete neben ihn, sein Gesicht in ihre sanften Hände nehmend.
„Ich habe dich gefunden“, sagte der dunkle Prinz mit schwacher Stimme und streckte einen zitternden Finger, um ihr Gesicht zu berühren.
„Das hast du.“
„Ich habe für dich gekämpft.“
„Ich weiß.“
„Ich kam, um zu sterben.“
„Ssh.“
Ihre Lippen vereinten sich in ersehntem Kuss. Und das schlagende Herz ruhte, ruhte auf ewig.
So starb der dunkle Prinz in einer Pfütze seines Blutes mit Tränen auf den Wangen und Liebe in seinem Herzen. Und als alle Krankheit und Sünde aus seinen Wunden floss, flossen sie auch aus der Erde dieses Landes.
Im Morgengrauen fand Cathiél den Weg aus dem Wald und kehrte zurück nach Atheray. Tau glitzerte auf den Hügeln im Schein der Sonne und der Hengst erfreute sich an ihrem Licht.
Doch er wusste, dass es einen Ort gab, den ihr Licht nie finden würde.

„Wovor hast du am meisten Angst?“
„Davor, ohne dich zu leben.“

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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