Die Fliege

Von Don Leachim
Ich wollte noch schnell etwas abgeben. Unsere Tiefgarage war gesperrt. Die Bauarbeiten zogen sich noch hin, eigentlich sollte das schon fertig sein. Ich hatte mir vorgenommen da nochmal Druck zu machen. Ich musste an der Straße parken. Ein wenig in Eile stieß ich meine Autotür auf, stieg aus und drehte mich um und sah genau auf den fetten Lastwagen, der auf mich zuraste: zwei Meter von mir entfernt. Und dieses Bild sah ich noch als alles stoppte. Alles stand still; nichts bewegte sich. Nur dieses Bild: Die große Kühlerhaube von diesem Lastwagen, zwei oder drei Armlängen von mir entfernt. Und dann nichts mehr – nur dieses Bild. Ich wusste nicht, was danach kam. Wahrscheinlich war ich jetzt platt und mein Hirn hing in einer Dauerschleife, ein Loop mit nur einem Bild: Großer LKW mit Kühlerhaube. Ich hörte nichts, roch nichts, spürte nichts. Nur das Bild: der LKW mit Haube. War ich nun tot oder wo war ich? Dauer-Blackout?
Kein Zeitgefühl, absolut kein Zeitgefühl. Ich wartete und wartete, aber es veränderte sich nicht. Als ich anfing darüber nachzudenken, wie ich das Bild und mein Denken zum Stillstand bringen könnte, um mich auszulöschen, schob sich zwischen mir und dem LKW in das stehende Bild einer Person. So eine Person… ich kann nicht sagen, was für eine. So ein Typ, eine Erscheinung, so ein Wesen. Ich weiß es nicht; ich kann es nicht sagen. Aber er sprach zu mir.
„Weißt du was? Ich lass dich nochmal leben. Ich lass dich, na sagen wir mal als Fliege, als Stubenfliege, die Welt nochmal aus einer anderen Wahrnehmung erkunden. Und du darfst mal schauen, wie es sich als Fliege lebt. Und… ich sehe da noch eine Chance für dich. Also hör‘ genau zu: Wenn du als Stubenfliege in der Lage bist, nur einem Menschen beizubringen, dass du also ein Mensch im Körper einer Fliege bist… Wie sind eure Worte? Wie, also …ein verwunschener Frosch, also verwunschene Fliege in deinem Fall oder eine Inkarnation, ein Materialisierungsfehler einer defekten Maschine, dann…“
Er schnippte mit dem Finger, dann war ich in einem Wohnzimmer. Es war ein Wohnzimmer in das ich mich in meinem Leben nicht begeben hätte. Nun flog ich rund um die Deckenlampe und mit mir zusammen noch einige Lebensgenossen. Diese Menschen, die hier saßen, schauten alle in den Fernseher der ihnen gegenüber an der Wand hing. Ein kleiner, dicker Junge fing an uns zu attackieren. Ich bemühte mich oben an der Deckenlampe zu bleiben. Ich sah, dass dieses Jüngelchen eine flinke Hand hatte. Auf der Tischplatte blieben von meinen Lebensgenossen nur feuchte Flecke. Nun fing er, mit wachsendem Eifer mit einer Klatsche an der Lampe rumzufuchteln und setzte mir nach. Ich floh in großer Bedrängnis hinter einen Schrank. Erst als es im Wohnzimmer ruhiger wurde, traute ich mich aus meinem Versteck.
Allein blieb ein Mann zurück, wahrscheinlich der Vater. Er saß auf dem Sofa und döste vor sich hin. Er schaute mit leerem Blick auf die Wand gegenüber, auf die Stelle, auf die ich zu schreiben versuchte – über dem Fernseher. Ich malte an die Wand, indem ich an der Wand immer wieder SOS ablief. Ich versuchte jeden Buchstaben zu trennen, indem ich kurz aufflog und dann wieder neu ansetzte. Irgendwann wachte er aus seiner Lethargie auf und erkannte in seinem Alkoholrausch SOS. Ganz langsam wankte er auf mich zu und beobachtete, mit offenem Mund, wie ich mit kleinen Schritten SOS an die Wand schrieb. Mit beiden Händen stütze er sich an der Wand ab und ich schrieb nochmals SOS, worauf er sich umdrehte und sein Glas ergriff und es mit voller Wucht an die Wand schleuderte.
Ich konnte rechtzeitig entfliehen und fand mich wieder in diesem stehengebliebenen Bild, die Kühlerhaube eines großen Lastwagens. Nichts passierte mehr. Nur die Kühlerhaube vor mir. Ich sah nur das Bild und nichts geschah. Wie lange? Ich wusste es nicht. Dann irgendwann kam dieser Typ wieder und schob sich ins Bild.
„Du hast doch auch Elfenbein, äh Elefantenstoßzähne. Nun wäre es gut, wenn ich dich als Elefant laufen lasse. Sagen wir mal da, wo es am Unangenehmsten für Dich ist. Du solltest versuchen, diesen Leuten beizubringen, dass du ein Mensch in einem Elefantenkörper bist.“ Ich möchte nicht darüber berichten, was dort geschah. Ich sag nur: ich hatte Glück. Und als ich als Lasttier arbeitete, sagte ein einfacher Mensch zu mir: „Du bist mir wie ein Bruder“. Da stand ich wieder vor diesem Lastwagenkühler und nichts passierte. Das Letzte was dieser Typ sagte war:
„Du hast Doch deiner Frau einen Pelz geschenkt. Was war das noch für ein Pelz? Naja, nun wirst Du als Robbe wiedergeboren. Na so ein Kleiner… was war das noch für ein Fell am Kragen Deiner Frau?“ Ich lag auf dem Eis und Schnee flog in dicken Flocken. Ich hatte alle Hoffnung verloren, hier zu überleben. Die Leute die mich enthäuten würden, sind so unempfindlich wie Steine. Irgendwer wird mir schon die Haut vom Körper ziehen. Ich stand wieder vor dem Kühler dieses großen Lastwagens. Dieser Typ sagte zu mir:
„Nun solltest du das Leben eines Käfighuhns erleben. Nun wusste ich nichts mehr. Als Käfighuhn einem Menschen beizubringen, dass man überhaupt ein Lebewesen ist, war aussichtslos. Ich ahnte wie es immer weitergehen würde. Es gibt so viele tausend Tiere die leiden und das Rad würde sich weiter drehen. Immer weiter, immer weiter. Tiere im Zoo, Tanzbären, Wale, Stopfgänse, Singvögel usw. … Ein riesiges Meer von Leid und Leiden. Immer wieder ohne Gnade. Bist Du Dir sicher, dass aus einer Sekunde nicht hundert Jahre werden? Ganz zwischendurch hörte ich auch mal etwas piepen. Schnelles, rhythmisches Piepen und ich hoffte, ich würde wieder zurück kommen dürfen. Oder aber alles sollte jetzt ein Ende nehmen.

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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