Das Schlachtfeld der letzten Nacht

von Bartok

 

Sie kämpfte in einem Krieg, der Familien spaltete. Sie hatte Rebellen gejagt im Dschungel von Keyn während der Monsunzeit und einen Monat später ihre Basis im ewigen Eis gesprengt, während sie sich den Arsch abfror. Sie hatte Zivilisten aus Terrin City Deckung gegeben, als das System von der Karydischen Republik überrannt wurde, und mitangesehen, wie die Konvois mit Raketen vom Himmel geholt wurden. Sie hatte einem Spezialkommando angehört, das die Raumstation Zirion infiltriert hatte, um sie gefechtsunfähig zu machen, damit die Allianz der Vereinigten Systeme sie erobern konnte. Sie hatte in der Schlacht von Quijey gekämpft, in der Schlacht von Parahn und der Raumschlacht im Urim System, als es nur einem Schiff der Allianz gelang zu fliehen. Sie hatte unter Admiral Jin gedient und war Captain Brians in mehr aussichtlose Missionen gefolgt als sie zählen konnte. Sie war die Fünftbeste ihres Jahrgangs gewesen und war das erste Mitglied ihrer Familie, das eine militärische Ausbildung genossen hatte. Sie hatte mehr Narben, als ihr hübsches Gesicht verdient hatte und trug jede mit Stolz – von den Meisten wusste sie sogar, was sie verursacht hatte.
Sie hatte einen Talisman. Ein Bild ihrer kleinen Schwester, damit sie nicht vergaß, wofür sie kämpfte, was in einem Schützengraben öfter vorkommen konnte, als man denkt.

Loréen fuhr mit einem Finger, der Hunderten den Tod gebracht hatte, über das Gesicht ihrer kleinen Schwester. Am Tag, als das Foto geschossen worden war, hatte Mutter ihr Locken gemacht. Jimmy, der Nachbarsjunge, hatte kaum ein Wort hervorbringen können, als er Elodie zum Frühlingsfest abgeholt und sie ihn gefragt hatte, ob ihm ihr Kleid gefiel.
Nach siebzehn Monaten im Krieg hatte Loréen längst vergessen, wie sich die Stimme ihrer kleinen Schwester anhörte und um nicht auch ihr Gesicht zu vergessen, hatte sie ihre Mutter gebeten, ihr ein Bild von Elodie zuzusenden. Sie hatte vergessen, dass Elodie Sommersprossen hatte und hohe Wangenknochen, an das Muttermal an ihrem Hals hatte sie sich nicht erinnern können.
Loréen schob das alte Foto in ihren linken Handschuh und zog den Rechten wieder an. Sie sah auf und blickte in die weit aufgerissenen Augen eines Mannes, den sie noch nie gesehen hatte, doch er trug die Uniform der Allianz, also war er wohl ein Kamerad. Sie mochte ihn nicht, vertraute ihm nicht, scherte sich nicht um ihn. Und er, er starrte sie einfach nur an, als erwartete er etwas von ihr, als wollte er in den Arm genommen werden, wie so viele die im Angesicht des Todes nach ihrer Mutter schrien. Loréen stieß ihn beiseite und trat ins Licht der untergehenden Sonne.

Krieg ist laut, ohrenbetäubend. Jeder Schuss, jeder Motor, jede Explosion, jeder Schrei gehört zu einem schrecklichen, misstönenden Orchester.
Im Westen stiegen Raketen auf und verdeckten den Himmel, wie ein Pfeilhagel. Loréen ließ sich fallen und zog die Beine an, nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Doch die Raketen flogen über den Schützengraben hinweg und waren damit nicht ihr Problem.
Violette Wolken hingen regenschwer am Himmel. Ihre Rüstung würde sie vor den ätzenden Tropfen schützen. Es gab irgendeine Art von Gas auf diesem Planet, das für Menschen tödlich war. Die Atemmaske ihres Helms würde sie vor den giftigen Dämpfen schützen. Sie schloss ihre Augen und atmete tief ein. Für einen Moment war ihr schwindelig. Sie biss die Zähne zusammen und checkte das Magazin ihres STAR-K9 Gewehrs. Nichts würde sie vor einer Kugel schützen. Mit einer Hand griff sie nach dem Rand des Schützengrabens und zog sich hoch.

Loréen rannte geduckt über die rote Erde, nur in den Kampf eingreifend, wenn ihr Leben in Gefahr war. Sie konnte sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Ihr Auftrag ließ dies nicht zu. Sie sprang über einen weiteren Schützengraben – die Allianz hatte immer neue gegraben, je weiter sie vorgerückt war – und rammte einem Soldat der Republik ihren Gewehrkolben gegen den Kopf. Das Visier des Soldaten splitterte und der Qon-guhn atmete die giftige Luft ein.
Sie passierte einen kleinen Hügel, ging zu Boden und rutschte in Deckung. Die Hälfte des T7 existierte noch, Landmienen hatten es schwer mit diesen Dingern. Loréen spähte hinter dem Heck hervor und schätzte die Entfernung bis zum Loch in dem Captain Brians und die anderen auf sie warteten. Etwas mehr, als ein halber klick dachte sie… direkt durch den Schlund der Hölle.
Es schien, als sei jede Mündung auf sie gerichtet. Stein splitterte in ihrer Nähe, der rote Staub wirbelte um ihre Stiefel. Blei kratzte an ihrer Rüstung. Blut spritzte ihr entgegen.

Die Allianz rückte hinter ihr weiter vor, drängte und drückte und warf der Karydischen Republik alles entgegen. Das Schlachtfeld war übersät mit Leichen und Verwundeten die nach Hilfe schrien, während sie mit einer Kugel im Bauch oder einem abgetrennten Körperteil verbluteten.
Etwas griff nach Loréens Bein. Sie strauchelte und rannte weiter.
Schweiß trat auf ihre Stirn. Je näher sie dem Loch kam, desto mehr zogen sich ihre Eingeweide zusammen, als versuchten sie, vor Angst über die rote Erde verteilt zu werden, sich aneinander festzuhalten.
Eine Kugel traf ihren Helm und hinterließ eine Delle nur einen Zentimeter über ihrer linken Schläfe. Der Aufprall ließ sie herumwirbeln und so sah sie, wie die Kräfte der Allianz und die der Republik aufeinanderprallten. Es war wie eine Explosion, eine koordinierte zunächst, dann Chaos.
Loréen duckte sich und entging so der Zweiten Kugel. Sie rannte weiter, über das Schlachtfeld der letzten Nacht. Noch ein viertel klick.
Wie ein Frosch sprang ein Mann hinter einem Felsen hervor. Er war nackt, bis auf seinen Helm. Und er war tot, noch bevor Loréen das Emblem der Allianz auf diesem gesehen hatte.
Ein stechender Schmerz schoss durch Loréens rechten Oberschenkel. Sie fiel und kroch zu dem Mann dessen Leben sie voreilig genommen hatte. Er war gebaut wie ein Schrank und fing zwei weitere Kugeln ab, die für sie gedacht waren.

Wann wirst du zurückkommen?
Ich weiß nicht… wenn der Krieg vorbei ist, schätze ich.
Du kannst nicht sterben.
Ich werde nicht sterben, Elodie.
Nein, sag, dass du nicht sterben kannst!

Kräftige Hände packten Loréen unter den Armen und zogen sie über die rote Erde. Sie konnte nicht sehen, wem sie gehörten, sah nur die Schlacht und hörte, wie die Kugeln in die Fragmente des T7, die groß genug waren, um als Schilde zu dienen, einschlugen.

Ich werde den Sternen danken, wenn du zu mir zurückkommst.
Ich reise zu den Sternen, vielleicht bringe ich dir einen mit.

Das Loch war eine kleine Höhle unter ein paar Felsen vor den Ausläufern des Gebirges. Es stank nach Scheiße und Pisse und Tod.
„Haben Sie es?“
Captain Brians legte eine schwielige Hand auf den Helm über Loréens Stirn. „Ja. Sie haben gute Arbeit geleistet, Sueran.“
„Ich habe die Kugel entfernt“, sagte Diff, der bei Loréens Füßen stand. „Ruh dich etwas aus. Du solltest in ein paar Stunden wieder laufen können.“
„Da ist ein Scharfschütze–“
„Ich weiß. Er hat uns einige Schwierigkeiten bereitet, als wir Sie gerettet haben.“
„Ich muss ihn eliminieren.“
„Sie müssen sich ausruhen, Sueran“, erklärte Captain Brians. „In eineinhalb Stunden müssen wir von hier verschwinden und wir haben nur ein kleines Zeitfenster.“

Er hatte recht gehabt. Loréen hatte sich ausruhen müssen. Doch was immer Diff ihr verabreicht hatte, schien Wunder zu wirken. Sie beobachtete die anderen, wie sie Tragen bauten und sich um die Verletzten kümmerten. Niemand beachtete sie.
Loréen stand auf und humpelte zum Eingang, wo ein Tchitchien wache hielt.
„Der Captain braucht eine starke Hand. Ich soll so lange deinen Posten übernehmen.“
Der Tchitchien blickte ihr in die Augen und für einen Moment fürchtete Loréen, er könne ihre Lüge auf dem Blau ihrer Iris eingraviert lesen. Mit einem Grunzen wandte er sich von ihr ab und ließ sie alleine.
Festen Schrittes ging sie zum Ende der kleinen Felsformation. Es gab zahlreiche Möglichkeiten, wo sich der Scharfschütze aufhalten konnte. Und es gab nur eine, um es herauszufinden.

Beinahe hätte er sie wieder erwischt. Eine Kugel traf sie an der Schulter und riss sie herum, doch der Schuss war schlecht gesetzt und die Kugel hinterließ nur eine weitere Delle.
Loréen warf sich hinter einen Fels. Der kurze Sprint hatte es in sich gehabt. Ihr Bein pochte. Doch sie hatte die Ausläufer des Gebirges erreicht. Hier war sie kein so leichtes Ziel.

Wow! Seit wann kannst du so gut schießen, du hast doch höchstens eine Handvoll von Malen den Abzug betätigt?
Ich weiß nicht… aber ich schätze ich bin besser als du, Loréen.

Sie kroch über den harten Fels und gelangte höher und höher, während unten im Tal die Schlacht tobte. Ihr Gewehr hatte sie zurückgelassen, nur einen unbeaufsichtigten Revolver und ihr Messer mitgenommen. Sie hielt ihren Atem an und spähte über den roten Stein hinweg. Die Sonne spendete kaum noch Licht und so sah sie nicht den Schatten sich vom Felsen lösen.
Sie ging weiter, passierte den Schatten, und ging in Deckung.

Er war zu vertraut und so spürte sie nicht, wie er sich anschlich. Der Scharfschütze schmetterte Loréens Kopf gegen den Fels, hinter dem sie Deckung genommen hatte. Das Visier brach und seine Splitter schnitten ihre Narben auf. Die giftige Luft brannte in ihren Lungen. Revolver und Messer fielen aus ihren Händen und sie sackte zu Boden.
Der Scharfschütze drückte einen Knopf an Loréens Helm, dessen Kopflicht aufflackerte und das Gesicht ihrer Schwester erhellte.
Sie hatte Elodie gefunden, die Verräter-Schwester.
Aber die Frau, die vor ihr stand, hatte keine Sommersprossen.
Das Miststück war wahrscheinlich zu alt dafür. Oder zu schuldig, nach sieben Jahren im Krieg.
Ja, das muss es sein.
Trotzdem, es war zu schade, dass Elodie es war, die den tödlichen Streich getan hatte.
Auf der anderen Seite, Loréen war des Krieges plötzlich müde, doch jetzt würde sie nie mehr kämpfen müssen.
Den Sternen sei Dank.

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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