Howard, der Barbar und der Phönix – Robert E. Howards „Im Zeichen des Phönix“ als Geburt Conans

von N.-G.H.

Einleitung
Es gibt Autoren, deren Namen immer wieder genannt werden – sie sind Teil des alltäglichen Diskurses über populäre Kultur geworden. Stephen King muss man keinem halbwegs interessierten Leser phantastischer Literatur mehr vorstellen, Terry Pratchett ist zu einer nie enden wollenden Quelle für Zitate geworden und J.R.R. Tolkien ist spätestens seit dem Erfolg der Der Herr der Ringe-Filme in aller Munde. Doch dann gibt es auch noch die Autoren, deren Wirken, deren Welten und Figuren ihre eigene Bekanntheit bei Weitem überstrahlen und Robert E. Howard ist einer von diesen. An dieser Stelle soll nicht der Künstler vorgestellt werden, sondern die Geschichte, mit der er seinen wirkmächtigsten Charakter ins Feld führte: Conan von Cimmerien, auch Conan der Barbar genannt. Conan wurde im Laufe der Jahre zu einem regelrechten Phänomen. Beginnend mit „Im Zeichen des Phönix“ beendete Robert E. Howard zweiundzwanzig weitere Geschichten um seinen kriegerischen Helden, bevor er seiner Karriere am 11. Juni 1936 durch Suizid ein Ende bereitete. In der Folgezeit und gerade im Fantasy-Boom der 60er und 70er (Der Herr der Ringe wurde zum Standardwerk der Fantasy-Literatur und Pen-and-Paper-Rollenspiele wie Dungeons & Dragons kamen auf), schrieben einige Enthusiasten (Lin Carter und Lyon Sprague de Camp) begonnene Textfragmente Howards zu Ende. Später gesellte sich eine Schar von Imitatoren hinzu, die qualitativ fragwürdige Conan-Pastiches anfertigten. Neben den Marvel- und Dark Horse-Comics, welche einen maßgeblichen Einfluss auf die Bekanntheit des Charakters hatten und haben, waren es vor allem die bewegten Bilder, die Conan im kollektiven Gedächtnis erhalten haben. Arnold Schwarzeneggers Version des Barbaren von 1982 prägte bis zu Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie die Ästhetik von Fantasy-Filmen, während der nur wenig erfolgreiche Film mit Jason Momoa von 2011 Conan ästhetisch ins einundzwanzigste Jahrhundert holte. Doch ist es ratsam dort zu beginnen, wo alles seinen Anfang nahm: bei der Geschichte „Im Zeichen des Phönix“ („The Phoenix on the Sword“). Hierbei wird zuerst eine Zusammenfassung der Geschichte erfolgen, wie sie zum ersten Mal in der Weird-Tales-Ausgabe vom Dezember 1932 abgedruckt wurde. Anschließend wird auf die Veränderungen eingegangen, die Robert E. Howard an der Geschichte vornahm, nachdem die erste eingereichte Version abgelehnt wurde. Hierbei wird auf die englische Originalveröffentlichung Bezug genommen, da sie einen nicht durch Übersetzung veränderten Blick auf Howards Text bietet. Anschließend werden Konzepte, wie das des Barbaren, die in dieser Geschichte auftauchen und sich durch den gesamten Corpus der Conan-Geschichten ziehen, kontextualisiert.

Die Geschichte: Im Zeichen des Phönix
Die Geschichte beginnt mit einem eindringlichen Bild: vier Gestalten schleichen in dunkler Nacht durch die Straßen der Hauptstadt des Königreiches Aquilonien. Sie kommen aus dem Haus in dem sich Ascalante, ein Gesetzloser, versteckt hält. Bei den vier Männern handelt es sich um Volmana, den Grafen von Karaban; Gromel, den Kommandanten der Schwarzen Legion; Dion, den Baron von Attalus und Rinaldo, den Sänger. Die Vier haben einen verwegenen Plan gefasst: Sie wollen mit Hilfe Ascalantes und dessen stygischem Sklaven Thoth Amon den König stürzen. Doch ist dieser König niemand Geringerer als Conan von Cimmerien, ehemaliger Söldnerführer des aquilonischen Heeres. Conan hatte den Tyrannen Nemedides getötet und sich selbst zum König gemacht. Die Verschwörer wollen in der Nacht in den Palast eindringen und den König ermorden, um Dion danach zum neuen König zu machen, da er aus der Blutlinie des alten Herrscherhauses stammt. Unterdessen sitzt König Conan an seinem Arbeitstisch und zeichnet eine Karte von Cimmerien, dem Land seiner Geburt. Bei ihm ist sein engster Vertrauter Prospero, der sich für die Abreise zum Hofe von König Numas von Nemedien vorbereitet. Im weiteren Verlauf der Nacht trifft Thoth Amon, von seinem Meister geschickt, in des-sen Landsitz auf Dion. Da Ascalante weiß, dass Dions Nervosität das Gelingen des Plans zunichtemachen kann, hat er ihm aufgetragen dort zu warten bis Conan tot ist. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Dion zufällig im Besitz des Ringes ist, durch den Thoth Amon, ein ehemaliger stygischer Hexer, seine magischen Kräfte bezieht. Thoth Amon ersticht Dion, nimmt den Ring an sich und für die Rache an seinem Meister Ascalante beschwört er ein Wesen, welches diesen und jeden der bei ihm ist, töten soll. Währenddessen liegt Conan schlafend im Bett, bis ihm im Traum Epemitreus, ein Held aus längst vergangener Zeit, erscheint und ihn vor einer unirdischen Gefahr warnt. Um Conan zu helfen zeichnet der Alte das Zeichen des Phönix auf das Schwert des Barbaren. Dann wird Conan von Geräuschen geweckt, denn in der Zwischenzeit haben sich die Verschwörer mit einer größeren Gruppe Kämpfer durch den Palast bewegt und versuchen die Tür zu Conans Schlafgemach aufzustoßen. Geistesgegenwärtig gelingt es dem König noch, sich auf den Kampf vorzubereiten. Es folgt ein Kampf gegen die Verschwörer, bei dem Conans Schwert bricht und er gezwungen ist, eine alte Axt, die als Trophäe an der Wand hängt, zu nehmen um weiter zu kämpfen. Doch dann endet plötzlich der Kampf, als eine abscheuliche Kreatur in den Raum stürmt und die meisten Angreifer zur Flucht verleitet. Nur Ascalante und Conan stehen noch im Raum und Ersterer wird von dem Wesen gepackt und getötet. Das Wesen greift Conan an, doch seine Axt fügt ihm keine Wunde zu. Am Boden liegend greift Conan verzweifelt nach dem Griff seines Schwertes und rammt dem Wesen im letzten Augenblick die Reste der Klinge in den Körper. Darauf verendet es und löst sich in Nichts auf.

Die erste Version und die Änderungen
Es ging, wie bereits beschrieben, dieser Geschichte eine vorläufig letzte Version voraus, welche Farnsworth Wright, der Herausgeber des Weird Tales, in einem Brief vom 10. März 1932 mit folgenden Worten ablehnte:

Dear Mr. Howard:

[…]
But THE PHOENIX OF [sic!] THE SWORD has points of real excellence. I hope you will see your way clear to touch it up and resubmit it. It is the first two chapters that do not click. The story opens rather uninterestingly, it seems to me, and the second chapter begins superbly; but after King Conan`s personality is well established, the chapter sags from too much writing. I think the very last page of the whole story might be re-written with advantage; because it seems a little weak after the stupendous events that precede it. (XII)

Robert E. Howard verstand sich nicht – etwa wie Lovecraft – als Künstler, sondern als professioneller Schreiber. Daher war es für ihn selbstverständlich, den Text nach den gewünschten Vorgaben abzuändern. Insgesamt weist die finale Version, gegenüber der ersten Eingereichten, 110 Veränderungen auf. Dabei hat er neun Auslassungen größerer Teile vorge-nommen, hauptsächlich in den bereits im Brief von Farnsworth Wright genannten ersten beiden Kapiteln und dem Ende der Geschichte. Im ersten Kapitel (VI., S. 353ff.) streicht Howard eine Szene, in der die Verschwörer zusammen in Ascalantes Unterschlupf über ihren Plan beraten; hier hat Howard eine nötige Straffung des Textes vorgenommen. Im zweiten Kapitel (VI., S. 359ff.) streicht er vor allem eine längere Ausführung Conans über sein Heimatland Cimmerien, ebenso wie ein größerer Teil des Schlusses der Geschichte (VI., S. 372ff.) durch ein kürzeres Ende ersetzt wird. Es zeigt sich also, dass die Streichungen vor allem Träger von genaueren Informationen über die Welt und die Beziehungen der Charaktere darstellen. Die 101 übrigen Änderungen sind im Großen und Ganzen kleinere Streichungen und Umstellungen, Veränderungen des Satzgefüges und Änderungen bestimmter Begriffe oder auch neue Einschübe, und beeinflussen den Sinn des Textes nicht, sondern dienen vor allem dazu ihn lesbarer und flüssiger zu gestalten. Es zeigt sich also, dass Howard sehr markt- und kundenorientiert geschrieben hat und es für ihn offensichtlich kein Problem darstellte, seinen Text nach den Vorgaben des Herausgebers zu verändern.

Ein genauer Blick
Sieht man sich nun die Entstehungsgeschichte und die inhaltlichen Elemente näher an, fällt auf, dass diese frühe Conan-Geschichte vieles von dem enthält, was typisch für Howards Geschichten ist. Bereits in seiner ersten professionell an Weird Tales (Ausgabe vom Juli 1925) verkauften Geschichte „Spear and Fang“ (dt. „Speer und Reisszähne“) tauchen die Themen Barbarentum gegen Zivilisation, und Gewalt auf. Diese Themen sind im gleichen Maße Inhalt in „Im Zeichen des Phönix“. So sagt Ascalante über Rinaldos Feindschaft zu Conan: „Er sieht in Conan den rauen Barbaren mit den blutigen Händen, der aus dem Norden gekommen ist, um ein zivilisiertes Land auszuplündern.“ (III., S.38) Hier wird Conan zu einer Bedrohung für die Zivilisation Aquiloniens stilisiert. Conan, so suggeriert auch seine Abwesenheit im einführenden ersten Kapitel, ist der Bösewicht dieser Geschichte. Denn erst war er Söldnerführer (gefeiert) im Dienste des ehemaligen Königs von Aquilonien, Nemedides, dann stürzte er ihn und wurde selbst König (gehasst). Nemedides wird in der Geschichte als Tyrann charakterisiert und es scheint geboten diese Beschreibung Conans dahingehend zu akzeptieren, als dass er (Conan) seine, dem Barbarentum entlehnte, Weltsicht darstellt. Denn als barbarisch gilt ihm persönliche Freiheit, Direktheit und auch Gewalt. Wer nach solchen Maßstäben sozialisiert wurde, sieht in dem autoritären und abstrakten Staatsapparat eines Alleinherr-scher mitunter eine Tyrannei. Doch erfahren wir zudem, dass Conan zuerst für seine Tat gefeiert wurde und erst später als Usurpator angesehen wird. Doch ist Conan wirklich der „raue[n] Barbar[en] mit den blutigen Händen“? Zum einen lässt sich sagen, dass Conan hier nicht aus seiner Haut entflieht; er weist Eigenheiten auf, die ihn als einen Barbaren ausweisen. So nutzt er barbarische Metaphern aus der Welt der Jagd (III., S. 44) und besonders in Gefahrensituationen beschreibt Howard Conans Verhalten und seine Wahrnehmung eher in animalischen Bildern: Conan ist „misstrauisch und wachsam wie der graue Wolf“ (III., S. 57) und kämpft mit „all seine[r] tigerhafte[n] Kraft und Geschmeidigkeit“ (III., S. 60) und „wie ein Tiger unter Pavianen“. (III., S. 62) So triumphiert Conan schließlich als „ein Barbar, das gefährlichste aller wilden Tiere“ (III., S. 63) und „er grinste freudlos und fletschte die Zähne“. (III., S. 64) Als ihm schließlich nach gewonnenem Kampf die Wunden versorgt werden „warf [er] seinen Kopf zurück wie ein Löwe seine Mähne und wie ein Löwe knurrte er“. (III., S. 70) In dieser Verdichtung der Textpassagen zeigt sich also sehr anschaulich, dass Conans barbarisches Erbe im Kampf aus ihm herausbricht. Bereits weiter oben wurde besonders Rinaldos Motiv zum Mord an Conan herangezogen. In der ersten eingegangenen Fassung erfahren wir noch mehr über Rinaldos Hass auf König Conan: „Er fürchtet, auf diese Weise könne die Barbarei am Ende über die Kultur triumphieren.“ (IV., S. 343) Stellt Conan nun eine Bedrohung für Kultur und Zivilisation Aquiloniens dar? Aquilonien wird in Howards Sekundärtext „Anmerkungen zu verschiedenen Völkern des hyborischen Zeitalters“ kurz umrissen. Aquilonier sind Menschen von weißer Haut und großem Wuchs, außerdem bilden sie die kultivierteste und fortschrittlichste Nation des hyborischen Zeitalters. (I., S. 279f) Die Elite der Armee bilden Ritter – keine einfachen Reiter, sondern Ritter. Mit dem Begriff des Ritters ist nicht nur eine bestimmte Kampfweise oder Ausbildung verbunden, sondern auch eine eigene Form von Ehrenkodex und Kultur. Damit bildet Aquilonien auch im Krieg eine Speerspitze von Kultur und Zivilisation. Anders als die relativ unkultivierten Völker des Ostens und Süd-Ostens oder die Cimmerier. Die Cimmerier sind die Nachfahren der Atlanter und in der Regel große Menschen mit schwarzen Haaren und brauen oder grauen Au-gen; außerdem sind sie ein melancholisches Volk.(I., S.280) Über ihre Kampfweise ist nur bekannt, dass sie vor allem zu Fuß kämpfen. (I., S.281) Hiermit sind sie als emotional und unzivilisiert charakterisiert. Doch will der Conan, der uns in dieser Geschichte präsentiert wird nur zum Teil diesem Bild entsprechen: Bereits bei seinem ersten Auftritt sitzt er an einem Schreibtisch und arbeitet. Die administrativen Aufgaben seines Königtums ermüden ihn, doch er versucht diese Aufgaben zufriedenstellend zu erfüllen. Zwar klagt Conan: „Ich war nur darauf vorbereitet gewesen die Krone zu nehmen, nicht aber, sie zu halten.“ (III., S. 73) Doch – so scheint es – hat er sehr wohl gelernt die Krone zu halten. Conan sitzt am Schreibtisch und schreibt – nicht gerade das Verhalten, dass Rinaldo von dem Barbaren erwarten würde. Als sein Schwert im Kampf zerbricht greift Conan zur Streitaxt (barbarisch) an der Wand, die dort „unangetastet von der Zeit, ein halbes Jahrhundert geschlummert hatte.“ (III., S. 61) Hier zeigt sich eine Parallelität zu „Conans Barbarenseele“ (III., S. 61), denn auch Conans Barbarenseele ruhte in seiner Zeit als König Aquiloniens, bis er erneut zum Kampf gefordert wird. Rinaldo (als Dichter ein Symbol für Kultur) stürmt zum Kampf gegen Conan, doch dieser zerschlägt zuerst seine Klinge (Entmachtung des Profanen) und stößt ihn dann zurück in die Reihen der Verräter (er wird auf seinen Platz verweisen). In einem zweiten, verzweifelten Angriff rammt Rinaldo Conan seinen Dolch in die Seite. Conan will den Dichter nicht töten, muss es aber schließlich. Seinen Untergebenen sagt er nach gewonnenem Kampf: „Rinaldos Handschrift hat dort eine blutige Ballade hinterlassen und scharf war sein Griffel!“ (III., S. 69) Conan benutzt hier geradezu bildhafte Metaphern, die ebenso eher die eines kulturell und zivilisatorisch gebildeten Menschen, als die eines Wilden sind. Der Gegensatz von Barbarentum und Zivilisation wird bei Howard differenziert behandelt. Howard geht es nicht darum, die Überlegenheit von Zivilisation gegenüber dem Barbarentum oder andersherum zu zeigen. Es geht ihm darum auf zu zeigen, dass Geschichte zyklisch abläuft. Eine zivilisierte Kultur wird dekadent und wird von einer dynamischen/barbarischen Kultur erobert und niedergeworfen – in einem späteren Prozess wird aus der ehemaligen barbarischen Kultur die neue Zivilisation, die ihrerseits irgendwann wieder durch eine aufstrebende Kultur untergehen wird. Conan durchläuft einen ähnlichen Prozess: In dieser ersten Conan-Geschichte erlebt man Conan auf seinem zivilisatorischen Höhepunkt und der Zeitpunkt seines Untergangs ist noch nicht ausgehandelt. Conan ist Cimmerier, also Mitglied der barbarischen Kultur, die sich aus den degenerierten und untergegangenen Atlantern entwickelt. In späteren Geschichten, die jedoch früher in Conans Biografie spielen, taucht ein barbarischerer Conan, unter anderem als junger Einbrecher auf. (etwa in VII.) Ein weiteres zentrales Element dieser Geschichte ist der Einfluss H.P. Lovecrafts auf Robert E. Howard. Gemeint ist hier vor allem dessen Cosmicism, also jene Philosophie, die die Bedeutung des Menschen im Universum auf eine Marginalie reduziert. Wo findet sich dieser Einfluss in der Geschichte? Als Conan in seiner Traumreise zu Epemitreus gelangt, beschreibt Howard seine Reise in die Tiefe der Berggruft mit folgenden Worten: „Boden und Decke waren bearbeitet und poliert; sie glänzten stumpf und die Wände waren mit Reliefs von alten Helden und fast vergessenen Göttern verziert. Er erschauderte, als er die schattenhaften Umrisse der namenlosen Alten Götter sah, und irgendwie wusste er, das seit Jahrhunderten kein Sterblicher mehr durch diesen Korridor geschritten war.“ (III., S, 55) Zum einen zeigt sich hier eines der wichtigsten Elemente des Cosmicism – die Relativität der bestehenden Gesellschaft. Die Reliefs zeigen „fast vergessene Götter“, sie sind Ausdruck einer Zeit die bereits vergangen ist und die nur noch auf Grund mangelhafter Aufzeichnungen wahrgenommen werden kann. Diese Zeit kann aber wirklich nur noch wahrgenommen, nicht mehr verstanden oder erfahren werden. Außerdem sind diese Götter die „namenlosen Alten Götter“. Hierbei verweist Howard mit einem Augenzwinkern auf die Großen Alten/Alten Götter seines Brieffreundes Lovecraft. Conans Welt ist eine Vorgeschichte unserer Welt und es ist nur logisch, dass die Wesen, die in den 1920er und 1930er Jahren Wissenschaftler und Künstler in den Wahnsinn treiben, auch in dieser Vorzeit ihr Unwesen treiben. Außerdem ist es Epimitreus, der in der „Unsichtbaren Welt“ (III., S. 55) von Conans Schicksal erfahren hat. Diese „Unsichtbare Welt“ ist ein Verweis auf die nicht von Menschen wahrnehmbaren Dimensionen – hier jedoch im Gewand vorwissenschaftlicher Sprache. Das Wesen, von Thoth Amon aus seiner Dimension geholt, greift Conan auf dem Höhepunkt der Geschichte an. Hierbei schaut es Conan tief in die Augen. Howard beschreibt dies mit folgenden Worten: „ In ihnen sah Conan ein wenig von der Realität all der abgrundtiefen, blasphemischen Grauen, die in der Finsternis formloser Leere und in schwarzen Schlünden lauern.“ (III., S. 67) Ähnlich Lovecrafts Protagonisten wird Conan hier mit den Grenzen dessen konfrontiert, was der Mensch über die Funktion des Universums wissen kann. Den Höhepunkt bildet jedoch nicht allein diese Erkenntnis (wie es oft bei Lovecraft zutrifft), sondern – und das ist typisch für Howard – ein furioser Kampf des Helden gegen den überlegenen Gegner. Letztlich will Howard vor allem unterhalten. Dieses zeigt sich auch in dem, zum Teil elegant eingebauten, Humor Howards. So schreibt Conan beim Bearbeiten der Karte Cimmeriens vergnügt „Hier gibt es Drachen.“ (IV., S. 353) Diese Anspielung auf die mittelalterliche Kartographie bei der die Ferne, das Unbekannte, Terra incognita, durch den Verweis auf gefährliche und mystische Ungeheuer ausgedrückt wurde, fehlt leider in der veröffentlichten Version der Geschichte. Gehen wir noch tiefer: Welche Texte liegen „Der Phönix im Schwert“ und dem Charakter Conan zu Grunde und welche helfen uns hier weiter? Eingangs wurde bereits ein loser Verweis auf Howards Geschichte „Speer und Reisszähne“ gemacht. Viel stärker mit dieser Geschichte verbunden ist jedoch Robert E. Howards Geschichte „By This Axe I Rule!“: Diese Geschichte aus Robert E. Howards Reihe um Kull von Atlantis reichte er 1929 sowohl bei Argosy, als auch bei Adventure ein. Jedoch wurde sie in beiden Fällen abgelehnt. Auf der Suche nach einer neuen Reihe schrieb Howard sie zu der Geschichte „Im Zeichen des Phönix“ um. (X., S. 356) Aus Kull, dem Exilanten aus Atlantis wurde Conan der Cimmerier, ebenfalls ein Exilant und zudem auch innerhalb der Zeitlinie seiner Welt der Nachfahre Kulls. Eine weitere Wegmarke hin zu Conan von Cimmerien ist Conan der Plünderer. Er gehört in „Volk der Finsternis“ zu den „schwarzhaarigen Gälen“. (VIII., S. 11) Howard reichte die Geschichte im Okt. 1931 bei Strange Tales of Mystery and Terror ein, wo sie im Juni 1932 gedruckt wurde. Inhaltlich bietet sie keine nennenswerten Informationen, es ist die Geschichte eines Mannes, der seinen Rivalen im Kampf um die Liebe einer Frau umbringen will und dabei erkennt, dass er die Reinkarnation des gälischen Kriegers ist, der vor vielen Jahrhunderten einen ähnlichen Kampf ausfocht. Diese beiden Vortexte lassen an folgender Aussage Howards über die Entstehung Conans zweifeln, die er in einem Brief an Clark Ashton Smith im Dezember 1933 formulierte: „Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zu erschaffen, sondern es war eher so, als erzählte ich Ereignisse nach, die sich bereits zugetragen hatten. […] Die Figur ergriff ganz und gar Besitz von mir und verdrängte alles andere, was ich noch hätte schreiben können.“ (X., S. 343) Dies wird auch durch Louinets Untersuchung bestätigt, in der er feststellt, dass die ersten drei Fassungen von „Phönix“ vor März 1931 entstanden sein müssen, da Howard vor März 1931 „conscious“ als „concious“ schrieb und erst nach diesem Datum die Schreibweise änderte; die finale Form muss danach entstanden sein. Also gab es mindestens vier Fassungen der Geschichte. (XI., S. 390) Letztlich war es wohl eher der Wunsch eine Geschichte zu verkaufen, und nicht die Muse, der den Text in seine Form brachte. Bis 1929 war Weird Tales Howards einzige Abnahmequelle, danach gab es neue Märkte: etwa Oriental Storys oder Soldiers of Fortune. Doch um nicht rechercheintensive historische Geschichten schreiben zu müssen, erschuf er eine eigene Historiographie und Welt. (X., S. 353) Doch auch ein Gedicht geht der Geburt Conans voraus: „Cimmeria“. Er schickte das Gedicht mit folgendem Kommentar in einem Brief an Emil Petaja: „Written in Mission, Texas, February, 1932, suggested by the memory of the hill-country above Fredericksburg seen in a mist of winter rain.“ (II., S.1) Im Gedicht heißt es direkt zu Beginn:

„I remember/
The dark woods, masking slopes of sombre hills/
The grey clouds‘ leaden everlasting arch/
The dusky streams that flowed without a sound/
And the lone winds that whispered down the passes.“ (II., S. 3)

Cimmerien (nach der deutschen Übersetzung) ist von Beginn an kein Ort, an dem man sich befindet, sondern ein Ort an den man sich nur erinnert! Von Conans Weggang aus Cimmerien erfährt man nur durch seine Erzählung, keine Geschichte spielt in Cimmerien, Conan kommt nie dorthin zurück und auch ist Conan der einzige Cimmerer, den der Leser je kennenlernt. Es ist der Nicht-Sehnsuchtsort. Als Conan die Bewohner von Cimmerien beschreibt, sagt er: „Sie setzen weder in diese noch in der nächsten Welt große Hoffnung und sie grübeln viel zu oft über die Sinnlosigkeit des Lebens. […] Nur im Krieg sind die Cimmerier glücklich.“ (IV., S, 351) Hiermit charakterisiert Conan sich zum Teil selbst, denn auch er lebt erst im Kampf wirklich auf. Als Conan am Schreibtisch sitzt und Prospero gegangen ist, informiert Howard den Leser: „Die Heiterkeit fiel von ihm ab wie eine Maske und sein Gesicht war alt, die Augen müde. Die unverhoffte Melancholie legte sich wie ein Leichentuch über die Seele des Cimmeriers und lähmte ihn mit dem erdrückenden Gefühl, alles menschliche Streben sei vergeblich und das Leben ein sinnloses Unterfangen.“ (IV., S. 352) Diese Beschreibung geht noch in ähnlichem Ton weiter. Neben der cimmerischen Melancholie schwingt hier noch ein anderes Element mit: In dieser ersten Conan-Geschichte sieht der Leser ihn als am Ende angekommener Eroberer. Es werden vor allem die späteren Geschichten sein, die von Conans Jugend- und Wanderjahren berichten.

Fazit
Howards erste Conan-Geschichte ist umso besser, je mehr man von ihrer Entstehung weiß. Sie ist nicht etwa – wie Howard gern erzählte – ausschließlich das Produkt einer kreativen Hochphase (eher war ihre Fertigstellung der Auslöser einer solchen). Die Geschichte spielt mit dem Antagonismus zwischen Barbarentum und Zivilisation, wobei Howard sehr deutlich macht, dass keine der beiden Positionen absolut ist. Es geht ihm eher um eine geschichtsphilosophische Betrachtung. Dieses Thema ist auch Gegenstand einer langen Kontroverse zwischen Howard und Lovecraft, die etwa um 1932 begann (siehe IX.). Conan nahm in dieser Geschichte zum ersten Mal konkrete Gestalt an und setzte an, zum Sturm auf die Herzen der Leser.

Quellenangaben:
I.:Howard, Robert E.: Anmerkungen zu verschiedenen Völkern des hyborischen Zeitalters. S. 279-281. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski. In: Louinet, Patrice (Hg.): Robert E. Howard. Conan. Die Original-Erzählungen. Band 1. Festa Verlag. 2015

II.:Howard, Robert E.: Cimmeria. S. 1-3. In: Louinet, Patrice (Hg.): The Coming of Conan The Cimmerian. Del Rey. 2002

III.:Howard, Robert E.: Im Zeichen des Phönix. S. 33-72. Aus dem Amerikanischen von Lore Strassl. In: Louinet, Patrice (Hg.): Robert E. Howard. Conan. Die Original-Erzählungen. Band 1. Festa Verlag. 2015

IV.:Howard, Robert E.: Im Zeichen des Phönix – Erste eingegangene Fassung. S. 337-376. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski. In: Louinet, Patrice (Hg.): Robert E. Howard. Conan. Die Original-Erzählungen. Band 1. Festa Verlag. 2015

V.:Howard, Robert E.: Speer und Reisszähne. S. 189-199. Aus dem Amerikanischen von Doris Hummel. In: Howard, Robert E.: Volk der Finsternis. Horrorgeschichten. Dritte Auflage. Festa Verlag. 2012

VI.:Howard, Robert E.: The Phoenix on the Sword. First submitted draft. S. 351-374. In: Louinet, Patrice (Hg.): The Coming of Conan The Cimmerian. Del Rey. 2002

VII.:Howard, Robert E.: Der Turm des Elefanten. S. 121-161. Aus dem Amerikanischen von Lore Strassl. In: Louinet, Patrice (Hg.): Robert E. Howard. Conan. Die Original-Erzählungen. Band 1. Festa Verlag. 2015

VIII.:Howard, Robert E.: Volk der Finsternis. S. 7-34. Aus dem Amerikanischen von Doris Hummel. In: Howard, Robert E.: Volk der Finsternis. Horrorgeschichten. Dritte Auflage. Festa Verlag. 2012

IX.:Joshi, S.T.: Barbarism vs. Civilisation. Robert E. Howard and H.P. Lovecraft in Their Correspondence. S. 51-81. In: Schweitzer, Darrell (Hg.): The Robert E. Howard Reader. The Borgo Press. 2010

X.:Louinet, Patrice: Hyborische Genesis. S. 343-387. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski. In: Louinet, Patrice (Hg.): Robert E. Howard. Conan. Die Original-Erzählungen. Band 1. Festa Verlag. 2015

XI.:Louinet, Patrice: Zur Chronologie der Erzählungen. S. 389-392. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski. In: Louinet, Patrice (Hg.): Robert E. Howard. Conan. Die Original-Erzählungen. Band 1. Festa Verlag. 2015

XII.:Wright, Farnsworth: Brief an Robert E. Howard vom 10. März 1932. im Internet unter der URL: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Conan_Rejection_Letter.PNG, zuletzt eingesehen am 30.11.2015 um 20 Uhr.

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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