Schwarze Zyklen

von The Colourful Wilbur
„Fräulein Shaw, bitte nehmen Sie folgendes zu Protokoll: An das Sekretariat der europäischen Raumfahrt. Sehr geehrte Damen und Herren, ich erbitte Ihren Rat in der folgenden Angelegenheit. Am 24. September irdischer Zeitrechnung empfing unser Versorgungslager die Meldung einer patrouillierenden Sonde. Eine ungewöhnlich große Ansammlung von unbekanntem Material, vermutlich bearbeitet, war gesichtet worden. Dr. Goldsteen und ich machten uns am späten Nachmittag – etwa 17.00 Uhr irdischer Zeit auf den Weg zu der Fundstelle. Unser Raumgleiter brauchte nur wenige Stunden, um dorthin zu gelangen. Die nähere Betrachtung weckte großes Interesse unsererseits. Es handelte sich offenbar um ein Transportmedium der U’lami, welches da durch einen Meteoriten oder Ähnliches getroffen und zerstört wurde. Trotzdem die U’lami bisher die einzige intelligente Lebensform sind, die mit uns Menschen in Austausch getreten war, sah das Objekt so fremdartig aus, dass wir vermuteten eine neue Kultur des Sternenraums entdeckt zu haben. Wir mussten unsere erste, euphorische Annahme dann jedoch aufgrund einiger weniger ulamidischer Schriftzeichen revidieren, die auf der Innenseite eines Bruchstückes gefunden wurden. Goldsteen und ich transportierten alle auffindbaren Reste sofort zurück zu unserer Basis und begannen eine Untersuchung der Überbleibsel. Zunächst ließen wir Teile des Materials durch zwei wissenschaftliche Mitarbeiter Goldsteens prüfen. Das Testverfahren ergab eine organische Verbindung von niedriger Dichte, doch großer Belastbarkeit. Auf der Außenseite des Gegenstandes fand man ein leicht zu übersehendes etwa rautenförmiges Muster. Jede Raute war vom Vorderende mit strahlen-förmigen Rillen durchzogen, die vermutlich Flugstabilität sicherten oder klimatische Vorteile boten. Einzelne der rautenförmigen Schuppen konnten durch die hydraulische Zwinge herausgebrochen werden. Die innere Struktur der Schuppen war durch winzige, hohle Stäbchen gekennzeichnet. Goldsteen vermutete, dass durch die Stäbchen verschiedene Druckverhältnisse ausgeglichen werden könnten. Einige Stunden Puzzlearbeit ermöglichten es uns die Bruchstücke des Dinges in eine Form zu bringen, die wir für eine Annäherung an die tatsächliche halten. Sollten wir damit recht haben, so handelt es sich um einen Raumflugkörper der Form einer Spindel oder wenn man so möchte einer Angelpose. Die vordere Seite in deren Richtung das Objekt flog, war wie eine Halbkugel geformt. Zum hinteren Ende verjüngte sich der Körper zunehmend und endete in einer Spitze von zehn Zentimeter Durchmesser. Goldsteen und ich werden in den nächsten Tagen versuchen, dem Objekt weitere Geheimnisse zu entreißen. Welche Informationen sollten den U’lami zugesendet werden? Sollte über unseren Fund Stillschweigen vereinbart werden, oder sollten wir ihn ihnen melden, in der Hoffnung mehr darüber in Erfahrung zu bringen? Könnte man uns vielleicht für einen Aggressor halten, der für den Schaden verantwortlich zu machen sei? Ich erwarte weitere Anweisungen. Herzliche Grüße vom Lagersystem Putin 2 sendet Kapitän Piotr Lebedew. Das wäre es dann erstmal für heute, Fräulein. Vielen Dank!“
Nachdem ich diese Nachricht in Richtung Erde auf den Weg gebracht habe, verabschiede ich Fräulein Shaw. Von der Bettkante stoßen würde ich sie nicht, aber wie kommt man an eine solche Frau nur ran? Sie ist die Sorte, deren Professionalität zu keinem Zeitpunkt infrage zu stellen ist. Nie würde sie sich zu einer Affäre mit einem Vorgesetzten hinreißen lassen. Auch meine Stellung verbietet es mir, sie in eine solche Verlegenheit zu bringen. Ich nehme meine Kapitänsmütze ab und reibe mir die schmerzende Stirn. Vor meinem allabendlichen Besuch bei der kleinen Bar in der dritten Ebene stehen noch zwei Gespräche mit Angestellten an. Ich lasse mir von meinem Steuermonitor das Geschehen in Goldsteens Abteilung zeigen. Mein Freund wandert in seinem weißen Kittel rastlos umher und dirigiert eine ganze Meute von Handlangern, die um das seltsame Objekt herum arbeiten. Goldsteen und ich kennen uns schon sehr lange. Als die U’lami vor dreißig Jahren den ersten Kontakt herstellten, lernten wir uns gerade kennen. Man hatte uns als Nachfolger für die Leitung des Lagersystems hier draußen zwischen Hunderten von Bewerbern erwählt. Goldsteen ist ein merkwürdiger Kauz. Man kennt diesen Typ Mensch, obwohl er recht selten ist: Vollblutwissenschaftler, trinkt selten und ohne Freude, vernichtet aber Unmengen an Kaffee und Zigaretten. Libido gleich null – jedenfalls denke ich das. Seine einzige Freizeitgestaltung liegt im gelegentlichen Schachspiel bei klassischer Musik. Obwohl wir grundverschieden sind, liebe ich den Knaben. Hier draußen braucht man jemanden zum Lieben. Jemanden, der einem etwas bedeutet in dieser Schwärze. Inzwischen hat Goldsteen mich auf dem Monitor in seinem Labor entdeckt und grüßt mit einer kurzen Handbewegung. Er gibt mir zu verstehen, dass wir uns nachher noch sprechen können. Ich nicke und schaue den Arbeitsschritten weiter zu. Ich verstehe nicht viel davon. Auf dem Rückweg von der Bar finde ich mich in einer nervlich angeschlagenen Verfassung. Das Glas Wodka, das ich mir von Zeit zu Zeit gönne, vermochte es heute nicht, mir die Stimmung zu erhellen. Zu sehr beschäftigt bin ich mit der Kapsel, die dort im Labor lagert. Möglich, dass die U’lami von dem Unfall ihres Gefährts bereits wissen. Wenn nicht, lagert dort Zündstoff. Europa kann es sich nicht leisten, kriegerische Auseinandersetzungen mit der einzigen bisher bekannten außerirdischen Kultur auszufechten. Die langsame Erschließung der Kommunikationsmög-lichkeiten hat uns Einsichten in die Physik geliefert, die bislang nicht für möglich gehalten wurden. In Kürze wird die Energieversorgung der Erde wieder gesichert sein und die Zwangsaussiedlung kann beendet werden. Die verseuchten und giftigen Landschaften Nord- und Südamerikas könnten langsam wieder gereinigt werden und die riesigen Unkosten die durch die Regulierung des Meeresspiegels entstehen, würden wegfallen. Im Falle eines Krieges gegen die Anderen, ist die jahrtausendelange Existenz der Menschheit beendet. Nicht nur der auf der Erde, sondern aller Menschheiten. Kein System von Menschen hat es bis jetzt erreicht, sich komplett selbst zu versorgen. Nicht die Kolonien auf dem Mars und in Eisfeldern unter der Uranus-Oberfläche. Auch nicht die fünfzehn Versorgungslager, die stoisch im nichts verweilen. Aber dies sind finstere Gedanken, die verdrängt werden müssen. An unserer Situation lässt sich nichts ändern. Vielleicht gibt es schon morgen Hilfe durch den Rat. In meiner Wohnung angekommen setze ich mich an den Schreibtisch und studiere den Durchschlag des Protokolls, den ich von Goldsteen erhalten habe. Seinem Team ist es gelungen, die kleinen Löcher und Lücken im Flugkörper durch einen ähnlichen Baustoff auszufüllen. Die Untersuchung des Inneren des offenbar unbemannten Hohlkörpers ergab keine weiteren Befunde. Das kann vielerlei bedeuten. Vielleicht waren wir nicht die Ersten am Unfallort, sondern die U’lami oder eine andere Spezies hatte bereits alles was verwertbar war, entfernt. Oder das Objekt hat irreparablen Schaden genommen und ist nicht mehr in der Lage seine Funktionen auszuführen – Bilder projizieren, Geräusche machen, was auch immer. Es klopft an der Tür. „Bitte kommen Sie herein!“, sage ich mit fester Stimme. „Entschuldigen Sie die späte Störung, Kapitän Lebedew. Ich habe mich gefragt, ob Sie Interesse an einem kleinen Spaziergang haben.“ Es ist Maria. Maria Worobjowa leitet eine Wäscherei in der dritten Ebene. Natürlich möchte sie keinen Spaziergang machen. Sie ist auf ein erotisches Abenteuer aus. „Sehr gern“, sage ich und stehe aus dem Sessel auf. Ich werfe mir kurz eine speckige Lederjacke über und ziehe die Stiefel an. Schon sind wir unterwegs, um uns irgendwo ein aufregendes Plätzchen für unser Vergnügen zu suchen. Wir passieren viele Arbeiter und müssen auf unsere Wortwahl achten. “Fräulein Worobjowa, ich höre Sie planen demnächst einen Aufenthalt auf der Erde?“ „Ja, da haben Sie richtig gehört. Ich habe ein paar Jahre gespart und werde meine Familie in Moskau besuchen. Vielleicht reisen wir dann auch ein paar Tage nach St. Petersburg in ein Ferienhaus an der Newa.“ „Das klingt doch sehr angenehm.“ So ähnlich geht es eine ganze Weile weiter, bis mir plötzlich der perfekte Ort einfällt. In Goldsteens Labor müsste inzwischen die Arbeit beendet sein und mit meinem Kapitänsschlüssel komme ich in jeden Raum hier. Ich geleite Maria um ein paar weitere Ecken und den Korridor entlang, bis wir vor dem Labor des Doktors stehen. „Ich denke Sie sind der Inspektion eines ganz besonderen Körpers sicher nicht abgeneigt?“, frage ich. Mir liegen derart anzügliche Sprüche eigentlich nicht, aber ich weiß, dass sie es gern hat. Im Labor angekommen zieht uns das nun völlig restaurierte Objekt wie magisch an. Maria geht ein paar Schritte um es herum und befühlt die bemerkenswerte Struktur der Oberfläche. Mich interessiert das Ding momentan nicht besonders. Wie weggewischt sind alle Bedenken und Sorgen des Tages. Ich ziehe Maria zu mir heran und küsse sie. Maria greift in meine Haare und drückt mich an sich. Dann weicht sie von mir ab und zieht mich an der Hand zur Kopfseite des Flugkörpers. Dort haben Goldsteen und sein Team eine etwa einen Meter große Lücke gelassen zu der ein kleiner dreistufiger Tritt führt. Ich spüre ein aufgeregtes Kribbeln in meinem Magen, als wir in die Kapsel steigen. Um keine Aufmerksamkeit auf den Kontrollmonitoren zu erzeugen lösche ich das Licht mithilfe der Steuerkonsole, die ich am Arm trage. Maria und ich liegen in der Dunkelheit und ich spüre, wie sie sich an mich schmiegt, ihr Arm auf meiner Brust. Ich kann nicht sagen, woran es liegt: Diese Frau oder dieser Ort? In mir breitet sich ein leichtes Schwindelgefühl aus. Ich habe das Gefühl, als würden sich in meinem Inneren selbst Gestirne und Galaxien um sich drehen. Neben mir höre ich Maria leise atmen. Auch sie scheint von diesem Moment verzaubert zu sein. Wir gleiten in einen bunten ekstatischen Sog ab. In meiner Seele breitet sich etwas aus. Es ist als nähme ich Abstand von meinem Wesen. Schon nehme ich Maria und mich nicht mehr fühlbar wahr. Nur eine Erinnerung an uns bleibt. Ich nehme aus einem fernen Nebel eine Stimme wahr. „Herr Lebedew! Hören Sie! So kommen Sie doch endlich zu sich!“ Wer ist das? Ich kenne diese Stimme und versuche sie irgendeinem bekannten Menschen zuzuordnen. Langsam entsteht vor mir das Gesicht des Doktors Goldsteen. Er ist über mich gebeugt und blickt besorgt drein. Das grelle Licht von der Deckenleuchte schmerzt in meinen Augen. „Ja. Ja ich bin da. Ich höre Sie. Goldsteen? Wo bin ich hier?“ „Sie befinden sich in meiner Privatwohnung und momentan liegen Sie in meinem Bett. Ich denke wir sollten, ungeachtet ihres Zustandes keine Zeit verlieren. Erinnern Sie sich an irgendetwas – einen Traum oder ein Gefühl?“ Was tue ich in Goldsteens Bett? Für einen kurzen Moment glaube ich zu viel getrunken zu haben. Das ist mir jedoch noch nie passiert und ich habe keinen Katzenjammer. Goldsteen beginnt, mir zu berichten, wie ich aufgefunden wurde. Zusammen mit Maria Worobjowa hatte er mich zu mir selbst murmelnd und speichelnd in dem Flugkörper gefunden, nachdem er in der Bar vergeblich auf mich gewartet hatte. Geistesgegenwärtig hatte er sogleich sein Diktiergerät gestartet und meine wirren Reden aufgezeichnet. Maria Worobjowa hatte laut Goldsteen tief und ruhig neben mir geschlafen. Nachdem ich mich im Bett aufgerichtet hatte und ihm mehrfach versichert hatte, dass mich keinerlei Schmerzen oder Schwindel plagten, erlaubte der Doktor es mir, mich zu ihm an den kleinen Café-Tisch zu setzen. Wir öffneten eine Flasche guten Wassers – nicht synthetisch hergestellt, sondern auf der Erde abgefüllt, und hörten die Aufzeichnung des Diktiergerätes ab. Ich hörte meine eigene Stimme seltsam ruhig und resigniert sprechen: „Schwarze Zyklen nahen. Die Autorität ist bereit. Es wird Zerstörung geben. Alles ist zu groß, zu wichtig geworden. Es geht zu schnell. Die Fähigkeit wird euch stoppen. Schwarze Zyklen sind eingeleitet. Ein Versteck muss gefunden werden. Nichts kann gegen die Autorität bestehen. Wenige werden in die Schwarzen Zyklen hineingeboren werden. Eine neue Steinzeit wird die Folge sein. Von den U‘lami ist nicht viel Hilfe zu erwarten. Auch sie fürchten die Autorität. Das Potenzial wacht über alles und es ist zu groß geworden. Es hätte nie dazu kommen dürfen. Wir waren nicht dazu bestimmt.“ Nach dem Ende der Aufnahme sprachen Goldsteen und ich lange kein Wort, denn wir waren uns beide schlagartig sicher, dass es sich hier nicht um einen bloßen Alptraum handelte. Dies war eine Botschaft. Ich konnte nicht erklären, was Schwarze Zyklen seien, geschweige denn, wer oder was die Autorität sei. Sicher ist nur, dass irgendwo eine immense Bedrohung darauf lauert, uns zu zerstören. Das selbst die U’lami in Furcht vor dieser Autorität leben, ist kaum vorstellbar und setzt unsere Hoffnungen dagegen bestehen zu können gleich Null. Europa muss davon erfahren und es gibt keine Zeit zu vergeuden. Nach ein paar unsicheren Ermutigungen, dass man uns vielleicht täuschen möchte, oder dass die Botschaft vielleicht nicht an uns gerichtet war, verabschiede ich mich von Goldsteen. Ich muss Maria sprechen und eine Reise zum Europäischen Konzil vorbereiten. Auf dem Weg zum Kontrollraum komme ich an Marias Wäscherei vorbei, wo sie auch eine kleine Wohnung unterhält. Sie öffnet mir nach kurzer Zeit die Tür, so als hätte sie auf mich gewartet. „Piotr, ich dachte mir schon, dass du kommen würdest. Da hat man uns ja schön ertappt!“, sagt sie munter. Ich hasse es, mit meinem Vornamen angeredet zu werden, aber es ist gut zu wissen, wie vertraut wir in Marias Augen sind. „Ich denke, es wird kein Gerede geben, Maria. Doktor Goldsteen ist ein Mann, der sich nicht durch die Verbreitung von Klatsch profilieren muss. Ich bin jedoch hier, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen, wieso wir überhaupt einschliefen?“ Maria macht ein verblüfftes Gesicht und bittet mich mit einer Handbewegung Platz zu nehmen. An der Wand neben dem Sofa ist eine idyllische Waldlichtung projiziert, komplett mit schwirrenden Insekten im Sonnenlicht und im leichten Wind wehendem Laub. Es sieht nicht schlecht aus, aber ich habe für derlei Dinge wenig übrig. Meine Telewand zeigt mir die meiste Zeit über lediglich den dunklen Himmel mit den Gestirnen von draußen. „Wir beide sollen eingeschlafen sein? Herr Kapitän, Sie allein sind eingeschlafen, und zwar schnell. Ich habe einen Moment überlegt und dachte, es wäre nicht gerecht einen hart arbeitenden Mann nur zum eigenen Spaß zu wecken und so legte ich mich ebenfalls hin, um eine Weile zu schlummern.“ Jetzt also auch noch Herr Kapitän. Jedem anderen auf diesem Stützpunkt würde ich für eine solche ironische Neckerei Strafdienst aufbrummen. Aber Maria Worobjowa zweifelt nicht an meiner Autorität und wird dieses Gespräch für sich behalten. Wenn man über eine Sache sicher sein kann, dann dass die Leute hier draußen mehr in sich hinein reden, als aus sich heraus. Etwas peinlich berührt fahre ich fort: „Wie dem auch sei. Hast du etwas Ungewöhnliches bemerkt? Hat sich etwas verändert?“ Natürlich kann ich sie nicht einweihen und da sie von meinen Äußerungen offensichtlich nicht die leiseste Ahnung hat, werde ich mich hüten ihr Grund zur Sorge zu geben. Diese Sache ist ohnehin zu groß für sie. „Nun, ich habe sehr intensiv geträumt in diesen zwei Stunden und ich erinnere mich lebhaft daran.“, bemerkt sie. „Nichts, was ich absonderlich finden würde. Es war wohl ein Sternbild, das ich sah. Es war so klar zu erkennen, ich könnte es dir immer noch genau aufzeichnen.“ Jetzt lachte sie. „Maria Worobjowa, höre mir genau zu. Es mag dir merkwürdig vorkommen, aber es ist absolut notwendig, dass du mir dieses Sternbild so genau wie möglich aufzeichnest.“ Dahin die Pläne, kein Aufsehen zu erregen. Ich kann ihre Verwirrung aus ihren Augen lesen. Sie tritt an die Telewand und tippt ein paarmal auf ihre Handgelenksteuerung. Der grüne Wald löst sich vor unseren Augen auf und die Schwärze des Raums füllt wieder die Wand aus. Nachdenklich sieht die junge Frau aus dem Fenster, das nun dort ist. Mit ihrem langen, braunen, zu einem Zopf gebundenen Haar und diesen Augen, die immer halb schläfrig aussehen, könnte sie unzähligen Männern den Schlaf rauben. „Gut. Ich sende es dir heute Abend nach oben, Piotr.“, äußert sie urplötzlich. Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach würde. Vermutlich ist auch Maria bewusst, dass es vielleicht mehr als ein Traum gewesen sein musste. Ihre Stellung verbietet es ihr, weitere Fragen zu stellen. Ein paar Tage vergehen, an denen ich ungeduldig auf den Abschluss der Vorbereitungen der Raumfähre warte. Vielleicht aus Mitleid gewähre ich Maria Worobjowa einen Platz an Bord. Zwar ist sie in diese kryptische Angelegenheit verstrickt, doch darf sie nicht erfahren, worum es sich handelt. Dann soll sie wenigstens ihre Familie in Moskau aufsuchen dürfen. Am 5. Oktober verlässt unsere Raumfähre Putin 2. An Bord sind Doktor Goldsteen, Isabel Shaw, Maria Worobjowa und ich. Der dreitägige Raumflug verläuft problemlos und so erreichen wir Moskau pünktlich, um unseren Termin vor dem Europäischen Konzil wahrzunehmen. Wir betreten das zyklopische Gebäude über die massiven Steintreppen vor dem Haupteingang. Handläufe, Türen, Fensterrahmen – alles ist hier aus Holz. Man sieht, dass der Europäische Rat viel in dieses repräsentative Gebäude investiert hat. Dies ist kein Telewand-Holz. Es ist echtes, gewachsenes Holz. Es hat immer noch niemand ein Mittel gefunden es glaubhaft zu imitieren. Zielstrebig gehen wir den Korridor entlang, auf dem Weg zum Zimmer HB501 – dem großen Versammlungssaal im fünften Stock. Vor der Tür angekommen, biete ich Maria Worobjowa an, im Vorzimmer einen Kaffee zu trinken, bis die Gespräche beendet sind. „Das wird sicher furchtbar langweilig für Sie. Ich bin sicher, man wird Sie bestens versorgen, bis wir wieder da sind“, bemerkt Isabel Shaw spitz zu Maria. Ihr gefällt es nicht, dass wir Maria mitgenommen haben. „Haben Sie vielen Dank, Fräulein Shaw. Ich werde sehr gerne hier auf Sie alle warten“, lächelt Maria und setzt sich in einen schwarzen Ledersessel, während wir übrigen drei durch die Flügeltür eintreten. Vor den im Halbkreis angeordneten Tischen des Europäischen Konzils sind drei einfache Stühle für uns reserviert worden. Ich nehme Platz und sehe mir die namhafte Versammlung genau an: Dimitri Puškas, der europäische Kontaktminister; Bernard Felix, der Wirtschaftsbeauftragte und die frisch gewählte Präsidentin Francesca Fernandez. Außerdem sehe ich noch viele weitere Amtsträger, deren Namen mir auf die Schnelle nicht einfallen. „Здравствуйте, Kapitän Lebedew! Wie schön Sie mal wieder hier auf der Erde begrüßen zu dürfen.“, grüßt mich Puškas. Ich bin geübt nicht viel auf solche scheinbare Freundlichkeit zu geben. Dies wird kein Gespräch unter Freunden, auch wenn Puškas es so scheinen lassen möchte. Ich erwidere den Gruß und verbeuge mich in alle Richtungen. Goldsteen und Isabel Shaw tun es mir gleich und nehmen Platz. „Lebedew, wie Sie wissen, haben wir alle Hände voll mit der Regelung der Afrikafront zu tun. Ich bitte Sie darum mir in Kürze darzustellen, aus welchem Grund Sie ein so entscheidendes Gremium zusammengerufen haben.“ Nun also die harte Kante. Darauf bin ich vorbereitet. „Sehr geehrte Präsidentin Fernandez, ich ersuche Rat in einer dringlichen Angelegenheit. Es handelt sich um eine Bedrohung durch einen unbekannten extraterrestrischen Feind.“ Ein verächtliches Raunen erfüllt den Saal. Nun wendet Felix das Wort an mich. „Kapitän Lebedew. Sie wissen, wie sehr ich Sie und ihre Arbeit schätze. Glauben Sie bitte nicht, dass nur weil ihre vormalige Kontaktaufnahme bezüglich irgendwelcher außerir-discher Flugkörper unbeantwortet blieb, es bestünde kein Interesse daran. Es ist lediglich so, dass unsere Experten uns sehr deutlich versichert haben, dass in den nächsten hundert Jahren kein nennenswerter Kontakt zu anderen Lebewesen als den U’lami hergestellt werden kann und wird. Und das diese uns friedlich gesinnt sind, wenn sie überhaupt Notiz von uns nehmen, ist bereits versichert und vertraglich festgehalten. Glauben Sie mir: niemand würde es mehr begrüßen, den Kontakt zu erweitern, als ich. Wir könnten wirtschaftlich gesehen sehr davon profitieren. Aber sehen Sie den Fakten ins Auge: Was Sie gefunden haben, war ein defekter Satellit der U‘lami, nichts mehr. Bilden Sie sich bitte nicht ein, das dieser Flugkörper größere Bedeutung habe.“ Diese Bloßstellung vor meiner engsten Mitarbeiterin und meinem besten Freund schmerzt. Doch ich lasse mir nichts anmerken. „Mr. Felix, ich danke ihnen für die Sorge um meine geistige Verfassung, doch ich muss ihnen versichern, dass es sich nicht um Hirngespinste handelt. Ich habe mit der Hilfe von Doktor Goldsteen hier eine deutliche Botschaft empfangen. Ich drücke zwei Knöpfe an meinem Handgelenk und auf dem Schirm in der Mitte über dem Versammlungstisch wird die Zeichnung Maria Worobjowas offenbart. Dann höre ich meine Stimme durch den Raum hallen und die seltsame Botschaft dringt erneut an mein Ohr. Die Reaktion, die ich mir erwünsche, bleibt aus. Ich sehe in gelangweilte und mitleidige Gesichter. Die Präsidentin wendet sich an mich: „Ich hätte es mir denken müssen, Lebedew. Diese Versammlung war eingangs überflüssig und nun ist sie sogar zu einem Ärgernis geworden. Es ist offensichtlich, dass sie diese Worte selbst gesprochen haben und diese Zeichnung da ist nichts weiter als das Tyton-Areal, zu dieser Jahreszeit etwa eine Wochenreise von hier entfernt. Was soll dieser Blödsinn?“ Ich muss mich angesichts dieser Anschuldigung sammeln. „Präsidentin, ich flehe Sie an: bitte hören Sie mich noch einmal an!“ Doch sie hat bereits ihren Platz verlassen und ist in Begriff das Versammlungszimmer HB501 zu verlassen. Einige weitere der Ahnungslosen tun es ihr gleich. Ich spüre, wie weiterhin der mitleidige Blick von Dimitri Puškas auf mir ruht. Geschlagen lasse ich mich nun endlich auf den Stuhl hinter mir fallen. Niederlage spricht auch aus den Augen Goldsteens und Isabel Shaws. Sie wissen, dass durch mein Versagen auch ihre Reputation verwirkt ist. Es ist klar, dass die Nachforschungen über die Schwarzen Zyklen nun in meiner Hand liegen. Ohne weitere Informationen werde ich das Konzil nicht überzeugen können, wenn sie mich überhaupt noch empfangen. Schlimmstenfalls erhalte ich in den nächsten Wochen eine Kündigung meines Postens. Aber was macht das schon? Sollte etwas Wahres an der merkwürdigen Botschaft sein, ist unsere Existenz nicht mehr allzu lange gesichert. Das spüre ich jetzt deutlicher als zuvor. Sollte ich meinen Posten verlieren, sind meine Mittel Nachforschungen anzustellen jedoch extrem begrenzt. Ich muss umgehend handeln, sobald ich meine Station wieder erreiche. Am Nachmittag besuchen wir Maria Worobjowas Familie in einem schmutzigen Außenbezirk von Moskau. Die Straßen sind neblig und verworren. Es sind nur wenige Menschen auf den Straßen unterwegs, vielleicht wegen der Patrouillienroboter, die hier und da über die Straßen rollen. Die wenigen Menschen, die ich sehe, sind grobschlächtige Ex-Soldaten, die sich vor den Wettbüros und Kaschemmen versammelt haben. Sie blicken uns finster aus diesen Augen an, die zu viel gesehen haben. Endlich biegt Maria in einen überdachten Hauseingang ein. Auf dem Namensschild, das in der Form eines stilisierten Baumes angefertigt ist, steht in kyrillischen Buchstaben der Familienname Воробьeв. Wir treten ein und tauchen in eine andere Welt ein. Während die Gegend draußen nicht an Trostlosigkeit zu überbieten war, herrscht im Haus eine ausgelassene Stimmung: Wir werden von Marias Mutter Olga herzlich umarmt und in das Wohnzimmer geleitet. Dort haben die Telewände an allen vier Seiten des Raumes Bilder einer russischen Wohnstube des späten 20. Jahrhunderts projiziert. Im Raum sitzen noch vier Personen, die uns sogleich vorgestellt werden: Andrej Worobjow, Marias Vater, spielt uns zur Begrüßung auf dem Akkordeon Die Internationale vor, bis Olgas tadelnder Blick ihn stoppt. Außerdem sind noch drei Freunde der Familie anwesend, die am Stubentisch um eine Flasche Wodka versammelt sind. Ich lasse mich in dieser warmen, offenherzigen Atmosphäre treiben. Sie ist Balsam, nach der Kühle und Verachtung, die mir im Konzil entgegengeschlagen war. Zwar kann ich mich nicht von der tiefen hintergründigen Angst lösen, die von nun an mein Begleiter sein wird, doch lasse ich es zu, dass Olga mich an einen Tisch schiebt und mir eine heiße Suppe und ein Glas Wodka auftischt. Mrs. Shaw wirkt ebenfalls sehr angespannt – sie ist einen so direkten und unförmlichen Umgang nicht gewöhnt. Goldsteen hingegen wirkt, als ob er nie anderswo gewesen wäre, als eben hier an diesem Tisch mit diesen Leuten. Ich traue meinen Ohren nicht, als ich meinen Freund sagen höre: „Frau Worobjowa, diese Suppe schmeckt ganz köstlich. Ich nehme gern noch ein Glas Wodka – und, gestatten Sie die Frage, darf bei ihnen geraucht werden? Haben Sie einen Balkon, wo ich rauchen könnte?“ Der kleinen Frau steigt sogleich ein noch breiteres Lächeln ins Gesicht. „Mein Lieber Doktor, bitte nennen Sie mich Olga, oder Mama, wenn Sie wollen. Das machen hier alle so. Natürlich bringe ich ihnen sofort einen Aschenbecher! Wie angenehm, hier endlich mal einem Mann mit Manieren zu begegnen.“ Sie holt aus der Küche einen Porzellanaschenbecher, mit einem Bild der Eremitage und dem Stadtwappen von Sankt Petersburg. Ich frage mich, ob es Stolz oder Abscheu ausdrückt, einen Aschenbecher der Stadt zu besitzen. Schließlich ascht man fortwährend auf das Stadtwappen und die letzte ehrwürdige Kunstsammlung der Menschheit. Der Wodka ist wirklich von guter Qualität und so trinken wir alle viel davon, während Maria sich angeregt auf Russisch mit ihrer Mutter unterhält. Ich beneide sie darum. Ich selbst habe nur noch die Einheitssprache gelernt und verstehe bestenfalls Wortfetzen. Nach und nach verschwinden die Gäste der Worobjows und es wird Zeit zu Bett zu gehen. Der Zigarettendunst in der Stube hat den Raum bis etwa einen halben Meter über dem Tisch eingenebelt, wie die Gassen draußen. Für Goldsteen und Isabel Shaw wurden zwei Einzelzimmer von der Größe von Abstellkammern gefunden. Ich gehe mit Maria in ihr altes Kinderzimmer. An den Wänden hängen, sorgfältig eingerahmt, zwei Urkunden, die sie einmal gewonnen hat: Die erste für einen Aufsatz mit dem Titel Der Wald als Lehrmeister – warum wir Europas Natur bewahren müssen. Die zweite Urkunde gewann sie bei einem Vorlesewettbewerb. Sie erzählt mir, während ich mir eine Matratze neben ihrem Bett ausrolle, mit nostalgischem Glanz in den Augen, sie habe eine Passage aus Dostojewskis Schuld und Sühne auf Russisch vorgetragen, was bereits damals nur noch von Wenigen fehlerfrei gesprochen wurde. Nun lege ich mich hin und beobachte im Halbdunkel, wie Maria Worobjowa, diese Frau, die ich seit vier Jahren kenne, sich auszieht. Sie tut es mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre nichts Besonderes dabei – alles ganz natürlich. Doch für mich ist es ein Moment, der mich in das Zentrum meines Wesens zurückführt. Was hier geschieht, ist Magie, ist Metamorphose. Diese junge Frau, die ich für eine Wäscherin und ein sexuelles Abenteuer gehalten habe, gewinnt schneller an Eigenschaften, als ich folgen kann, hier in dieser urtümlichen Umgebung. Wieso ist dieses begabte Mädchen, das die Welt verändern wollte eine Wäscherin geworden? Wieso sitzt sie nicht auf dem Platz der Präsidentin? In diesem Augenblick fühle ich, dass mein Herz nach Maria Worobjowa ruft. Ich habe immer geglaubt, sie genug zu kennen. Genug, um sie einschätzen zu können. Nun muss ich sehen, wie sie sich vor mir in hunderte und tausende Rätsel aufgliedert. Und ich möchte nichts sehnlicher, als diese Rätsel zu lösen. Als Maria neben mir in ihrem Bett liegt, beginnt sie plötzlich zu sprechen: „Piotr, ich habe Angst. Seitdem ich das Sternbild gesehen habe, zieht es mich zu diesem mir unbekannten Ort. Ich habe das Gefühl, als wäre nichts wichtiger, als dorthin zu gelangen, als wären alle anderen Orte nicht mehr sicher für mich. Ich kann sogar spüren wo dieser Ort sein muss.“ In der Dunkelheit kann ich hören, dass sie mit dem Arm in Richtung Fußende des Bettes zeigt. „Piotr, was soll das alles bedeuten? Warum sind wir hier gewesen? Sind wir in Gefahr?“ „Es ist nichts, Maria. Mach dir keine Sorgen.“ Am nächsten Morgen werden wir von Olga mit ein paar Broten und Tee geweckt. Das Wohnzimmer sieht bereits wieder frisch geputzt aus, so als hätte Olga nach der Gemeinschaft nachts noch sauber gemacht. Während des Frühstücks läutet jemand an der Tür. Es ist ein Bote von Puškas. Er will mich vor der Abreise am Shuttle-Hafen sprechen. Wir verabschieden uns von der Familie. Es fließen viele Tränen und Maria muss mehrfach versprechen, bei ihrem nächsten Besuch mehr Zeit mitzubringen, damit man an die Newa fahren könne. Obwohl ich Olga und Andrej nur wenige Stunden getroffen habe, vermisse ich die Beiden bereits jetzt. Etwas ist nicht richtig in einer Welt, in der so gute Menschen ein solches Schattendasein fristen müssen. Aber es ist müßig, darüber nachzudenken. Am Shuttle-Hafen erwarten uns zwei Sicherheitsbeamte. Sie nehmen unser übersichtliches Gepäck mit und erklären, dass ich mitkommen müsse. Die anderen Beiden dürfen sich derweil frei auf dem Gelände bewegen. Ich weise Mrs. Shaw an, sich um einen Schluck Wasser für den noch immer recht betrunkenen Goldsteen zu kümmern. Anschließend folge ich den Beamten in ein weitläufiges Zimmer mit Panoramablick im obersten Geschoss des Gebäudekomplexes. Dort begegne ich Puškas, der vor einem Aquarium steht und einen enorm großen Fisch begutachtet. „Ah, Lebedew! Bitte kommen Sie doch zu mir. Nehmen Sie sich gerne etwas zu Trinken, wenn Sie möchten. Ist es nicht eine Qual? Dieser wunderschöne Arapaima hier stammt aus einem Zuchtaquarium in Minsk. Seine Artgenossen im Amazonas sind natürlich alle bereits ausgerottet. Ich denke nicht, dass ich in Kürze eine Partnerin für ihn finden kann. Bald wird seine Art ausgelöscht sein.“ Mit einem kleinen Seufzer wendet er sich ab und schaut mich flüchtig an. Dann nimmt er hinter einem breiten Marmortisch Platz. „Ich habe Sie hier her bringen lassen, weil ich Sie gerne habe, Lebedew. Sie sind ein guter Mann, niemand könnte das bezweifeln. Wie es sich nun gerade darstellt, sind ihre Tage auf ihrem Posten jedoch, leider Gottes, gezählt. Das Konzil ist der Meinung, dass Sie ihre Aufgabe, aufgrund der Wahnvorstellungen, die Sie und ihre Mitarbeiter entwickelt haben, nicht mehr ordnungsgemäß ausüben können. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Sie ihres Amtes zu entheben, Lebedew. Nein, sagen Sie jetzt nichts! Hören Sie mir erst einmal zu! Ich könnte es nicht verkraften, einen so grundsoliden und hervorragenden Mann, wie Sie einer sind, Lebedew, zu opfern. Stattdessen möchte ich Sie in ein Geheimprojekt einweihen. Ich benötige entschlusskräftige Mitarbeiter, die mir bei einer Forschungsmaßnahme helfen, und da habe ich natürlich sofort an Sie gedacht!“ Es fällt mir schwer, ihm in diesem Moment etwas entgegenzusetzen. Alle Hoffnung auf weitere Aufklärung der Warnung schwindet mit dem Verlust meiner Kontrolle über Putin 2. Wenn die Schwarzen Zyklen einsetzen wird es alle treffen, das spüre ich. Was bliebe mir also übrig, als dafür zu sorgen, bis dahin noch gut zu leben? Arbeitslos gäbe es sicher nicht einmal eine kurze Zukunft für Maria und mich. Ich bemerke, dass Puškas bereits fortgefahren war: „es handelt sich jedenfalls um eine streng geheime Mission. Wie Sie wissen, hat die Vergiftung der Amerikas unser Ökosystem hier auf der Erde bedenklich geschädigt und wir werden über kurz oder lang eine Alternative zum Leben brauchen. Bisher sind, wie ein gebildeter Herr wie Sie, Lebedew, sicher weiß, jedoch alle extraterrestrischen Wohnorte von der Erde abhängig geblieben. Wir müssen nun ein System entwickeln, das autark ist – das gewissermaßen ohne Hilfe von Europa bestehen kann. Und da kommen Sie ins Spiel. Ich werde in einem Monat den Bau eines Protoplaneten beginnen. Dort sollen ein paar ausgewählte Testpersonen den Aufbau einer neuen menschlichen Zivilisation leiten. Der neue Planet wird sehr viel kleiner sein, als die Erde. Denken Sie etwa an den Mond, bevor wir ihn ummantelt haben. Sie könnten sich ein Team zusammenstellen und eine Revolution einleiten, Lebedew. Man würde Sie auf alle Tage als einen Gründervater verehren! Denken Sie nur einmal! Ich selbst bin, für Sie, sehr gerne bereit auf diesen Ruhm zu verzichten. Nun, was sagen Sie?“ Mir ist natürlich klar, dass dies ein Himmelfahrtskommando ist. Puškas wird mich elegant entsorgen. Was dabei schief gehen kann, passt nicht in ein Buch. „Diese Ehre, Senator Puškas, ist zu groß für mich. Wie könnte ich, einfacher Kapitän eines Lagersystems eine solche Aufgabe bewältigen?“ Er macht ein gekränktes Gesicht. „Mein lieber Lebedew, ganz im Gegenteil. Sie haben bewiesen, dass Sie eine große Menschenmenge hervorragend organisieren können. Und bedenken Sie doch mal ihre Chancen: Sie sind wahnsinnig, das wissen wir beide ja. Auf einem neuen Planeten könnten Sie die Erholung finden, die ihr Geist benötigt. Es wird ein Urlaub für Sie, Lebedew! Der Mensch braucht Aufgaben. Bleiben Sie hier, so werden Sie in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Nehmen Sie an diesem Geheimprojekt teil, so können Sie ihre alte Stellung vor dem Konzil wiedergewinnen.“ Nun hat er mich in eine Enge getrieben. Möglich, dass mich seine Schergen gleich hier vor Ort beseitigen, stimme ich nicht ein. Eine Schwärze ergreift Besitz von mir. Für eine Sekunde sehe ich vor meinem inneren Auge die Erde zerfallen, wie einen Kadaver. In allen Richtungen wartet der Tod. Und so höre ich mich diesem irren Angebot letzten Endes zustimmen. Nicht nur das, ich handle aus, alle mir wichtigen Personen mit ins Ungewisse zu nehmen: Andrej, Olga, Maria, Goldsteen, Mrs. Shaw. Jetzt besiegele ich unser aller Schicksal. Ich hatte früher mal den Spruch gehört: It’s better to burn out than to fade away. Bisher hielt ich dies für ausgemachten Schwachsinn, doch nun beginne ich etwas Wahres darin zu sehen.
„Fräulein Shaw, bitte nehmen Sie folgendes zu Protokoll: Informationen über die Vorbereitung und Umsiedlung. Erstens: Die Masse des neuen Planeten soll sukzessiv, beginnend mit einem Lavakern aufgeschichtet werden. Auch sonst soll sich der Aufbau an dem der Erde orientieren. Das Verhältnis Wasser zu Land sei drei zu zwei und die Landmasse durch ausreichend Flüsse versorgt. Zu Beginn der Besiedlung sollen große und artenreiche Wälder auf der Landmasse vorhanden sein. Auf der Landmasse werden Höhenunterschiede von fünf Kilometern zu finden sein. Alle noch auf der Erde lebenden Tierarten, die zu Fortpflanzungszwecken auf dem neuen Planeten zur Verfügung stehen, sollen in angemessener Zahl dorthin ausgesiedelt werden. Auf dem neuen Planeten sollen drei Siedlungszentren für die neuen Bewohner angelegt werden. Diese sollen weit genug voneinander entfernt sein, um sich durch unterschiedliche Entwicklung von Kunst, Kultur und Wirtschaft bereichern zu können. Alle Bewohner sollen sich frei zwischen den drei Städten bewegen können, um Anfeindungen und Sippenbildung vorzubeugen.“ „Kapitän Lebedew, meinen Sie nicht es ist etwas früh, um die Regeln der Gesellschaft zu bestimmen?“ „Damit könnten Sie recht haben, Mrs. Shaw. Streichen Sie den letzten Satz. Dann sind wir erstmal fertig, bis mir noch mehr einfällt. Vielen Dank!“
Die Wochen und Monate vergehen und ich merke, dass Puškas Wort hält. Ansonsten hätte ich meinen Posten hier auf der Station schon lange verlassen müssen. Jener schwarze Punkt am Horizont, der unsere Abreise ins Ungewisse kennzeichnet, scheint mit jedem Tag schneller vorzurücken. Ich erinnere mich lange Gespräche mit den eingeweihten Mitarbeitern geführt zu haben. Mir scheint, als wären auch meine Freunde seltsam leicht zu überzeugen gewesen, sich dem Projekt anzuschließen. Wahrscheinlich nicht aus Vertrauen zu mir, sondern aus Abscheu vor den zerrütteten Leben, die wir auf Putin 2 führen, ohne Nähe, ohne Menschlichkeit. Vielleicht ist es die Erschöpfung in diesem, sich immerfort nur im Kreise drehenden Hamsterrad, die uns zu dem Schritt treibt. So finden wir uns letztendlich in einem leichten Transportgleiter wieder. Unser erneutes Verlassen der Station begründen wir mit der Wartung einiger Satelliten. Olga und Andrej, die vor einer Woche angereist sind, wurden den Bewohnern bereits von Anfang an als Ordnungspersonal vorgestellt. An Bord transportieren wir in einem Koffer eine kleine bläulich-grün glänzende Kugel, die uns als Planetenursprung mitgegeben wurde. Wir werden dieses Ei an eine freie Stelle im Weltall pflanzen und es wird dort, in nur wenigen Tagen, zur Größe eines Planeten, komplett mit Atmosphäre heranwachsen. Dann beginnen wir unsere Arbeit. Nach einem halben Tag Flug verlassen wir den europäischen Raum und müssen uns entscheiden, wo wir etwas Platz finden. Doch die Antwort auf diese Frage scheint zumindest Maria und mir bereits klar zu sein: das Tyton-Areal. Wortlos programmiere ich die Flugroute. Es wird etwa einen Monat dauern, bis wir das Zielgebiet erreichen würden. Unsere einzige Verbindung zur Erde führt über einen Ortungsmechanismus, der dem Transportgleiter zu eigen ist. So kann Puškas jederzeit unseren Aufenthaltsort kontrollieren, ohne dass wir eine Möglichkeit hätten Nachricht nach außen abzugeben. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er uns eine Sonde nachsenden und prüfen, ob wir Erfolg hatten. Ich bete, dass wir überleben.

 
Aus den Manuskripten der ulamidischen Forschungssammlung
Die Wesen, die wir heute als wenig zahlreiche, friedliche Rasse des Tyton-Areals kennen, nennen sich selbst Menschen. Ihre Entwicklung begann auf dem Planeten Erde, den sie schnell und erfolgreich bevölkerten. Der Organismus entwickelte sich in kurzer Zeit zu der Fähigkeit, den Raum zu bereisen und stellte früh Kontakt zu uns her. Das Volk der Menschen litt, wie sich herausstellen sollte, an einer großen Schwäche: Der erhebliche technische Fortschritt führte zum Besitz von Wissen, welches noch nicht kontrolliert werden konnte. So verwüstete die unverantwortliche Handhabe von Kernenergie weite Teile des Ursprungsplaneten. Armut und Aufstände waren die Folge der Finanzierung von teuren Raumfoschungsprojekten, mit Mitteln, die die Grundversorgung des Menschenvolkes hätten sichern können. Ein destruktives, konkurrenzbasiertes Wirtschaftsdenken führte zur kulturellen Duldung und schließlich Verherrlichung von Gier und Geiz. Die U’lami waren nicht in der Lage die Bewohner der Erde zu einer lobenswerteren Lebensweise zu bringen. Vielmehr führte der Wissenszuwachs zur Intensivierung der Missstände.
Wir wissen nun, dass das Universum sich nach dem einen, umfassenden Prinzip von Leben und Sterben richtet. So folgen auf grüne Zyklen der Entwicklung vielfältiger Lebensformen stets schwarze Zyklen, die den Untergang jener Lebensformen besiegeln. Dieses Prinzip gilt im Kleinen, wie im Großen. Von der Zellteilung bis zum unvermeidbaren Untergang, der auch uns U’lami einmal ereilen wird, gibt es keine Form im Unendlichen, die nicht einmal den schwarzen Zyklen zum Opfer fallen wird. Denn nur durch die schwarzen Zyklen sind die grünen Zyklen möglich und umgekehrt.
Die Erdenwesen beschleunigten den Weg ihres Untergangs auf der Erde und riefen das Eintreffen der schwarzen Zyklen geradezu herbei. Doch trotz ihrer Maßlosigkeit fand unser Geschlecht Gefallen an ihnen und der Gedanke an den Verlust der Gemeinschaft mit ihnen schmerzte unsere Obersten. Und so sandten die Obersten eine Nachricht an die empfänglichen unter den Menschen. Man warnte sie vor der Unvermeidbarkeit des Untergangs, der schnell und plötzlich eintreffen würde. Man warnte sie vor dem achtlosen Umgang mit gewonnenem Wissen und gewonnener Verantwortung. Als letzte Rettung gab man den Menschen eine Sehnsucht nach den Sternen mit. Diese Sehnsucht sollte sie zu einem freien Platz im Tyton-Areal führen, eben jenem Ort wo die versprengten Reste ihres Volkes nun leben. Dort hätten die U’lami die letzten lebenden Menschen empfangen und mit in die Heimat genommen.
Fast wäre diese Warnung nie bei jenen Wesen angekommen, da unser Sender mit einem Meteoriten kollidierte. Es geschah, dass der Sender von zwei Medien angenommen wurde, die bis heute im Tyton-Areal als Eltern des heutigen Menschenvolkes verehrt werden: Kapitän Lebedew und seine Frau Maria Worobjowa. Gegen alle Widrigkeiten konnten sie sich durchsetzen und die Besiedlung eines neuen Planeten einleiten. Schweren Herzens ließen unsere Obersten die Menschen gewähren und stellten keinen Kontakt her. Als die Erde schließlich die kritische Giftmenge überschritt und kollabierte, war das Tyton-Areal bereits ein autarkes System, das keinerlei Kontakt zur Erde mehr unterhielt. Der primitiven Rasse, die dort jetzt lebt, ist nicht einmal bewusst, dass sie die einzige menschliche Lebensform im Universum darstellt. Bald schon hatten sie auch das Wissen über die Existenz der U’lami verloren und sie trachten nicht mehr nach dem Bereisen des Weltalls. In Eintracht leben sie mit der Natur ihrer Atmosphäre. Sie stehen am glücklichen Anfang eines grünen Zyklus. Unsere Aufgabe ist es zu beobachten, wie dieser Stamm sich entwickelt, bis er in vermutlich 5.000 Sonnenumläufen ihres vergifteten Heimatplaneten wieder sang und klanglos im All vergeht…

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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2 Antworten zu Schwarze Zyklen

  1. FloDo schreibt:

    Möglicherweise ein Vorgeschmack auf das, was uns in ferner(?) Zukunft erwartet? Auf jeden Fall humorvoll erdacht und geschickt formuliert. Eine unterhaltsame Kurzgeschichte mit Witz 🙂

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  2. colourfulwilbur schreibt:

    Hallo FloDo,
    Vielen Dank für dein Feedback! Tatsächlich habe ich beim Schreiben gemerkt, dass ich da einer größeren Sache als gedacht auf der Spur war. Das Ende sollte dementsprechend auch Raum für weitere Stories lassen. Dass du dies offenbar gespürt hast freut mich sehr!

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