Die „Derleth-Lovecraft-Collaborations“

 

von N.-G.H.

Fragt man die Lovecraft-Enthusiasten des 21.-Jahrhunderts über ihre Meinung zu August Derleth, so wird das Gros der Befragten nur wenige nette Worte übrig haben. Die Gräben zwischen den „Puristen“ (jenen, die Lovecrafts Welten in erster Linie durch Lovecrafts Geschichten interpretieren), wie S.T. Joshi, und den „Häretikern“ (jenen, die eher Lovecrafts Welt mit Derleths Interpretationsschlüssel erschließen (zu diesem Thema wird eine längere Abhandlung von mir erscheinen)), wie John D. Haeffele, wirken übergroß. Die negative Rezeption hat sich, so möchte ich behaupten, durchgesetzt und kein ernsthafter „Lovecraft-Scholar“ sollte noch auf die vielen Ungenauigkeiten, Umdeutungen und Fallstricke hereinfallen, die Derleth hinterlassen hat.

Eine besondere Rolle in der negativen Rezeption Derleths innerhalb der Lovecraft-Leserschaft nehmen die posthumen Kollaborationen ein. Nachdem Derleth mit Wandrei Arkham House gegründet und die ersten Bücher veröffentlicht hatte, kamen bald Geschichten auf, deren Autorenschaft in der Regel mit „H.P. Lovecraft und August Derleth“ angegeben wurde. In der Werbebroschüre „Books from Arkham House“ schrieb Derleth 1945:

When H.P. Lovecraft died in 1937, he left behind certain notes and fragments, among them portions of an unfinished novel, which August Derleth took up, wove together, and completed as The Lurker at the Threshold … This is the second in the Arkham House Fantasy Novel series. (I, S. 132.)

Die Notizen und Textfragmente auf die sich Derleth hier bezieht sind „The Round Tower“, „Of Evil Sorceries done in New-England of Daemons in no Human Shape“ und „The Rose Window“. (II). Insgesamt haben diese Fragmente im englischen Original eine Länge von etwa 1200 Wörtern, während der gesamte Text von The Lurker at the Threshold (im Deutschen als Das Tor des Verderbens erschienen) etwa 50000 Wörter umfasst. (III). Diese drei Fragmente stehen in keinem direkten Zusammenhang zueinander. Es folgert sich also, dass Derleth den Löwenanteil der Geschichte geschrieben hat und die Verbindung dieser Fragmente zu einer einzelnen Geschichte auch Derleths Idee war. Bei dieser Sachlage von einem „unfinished novel“ zu sprechen wirkt eher wie der Versuch Lovecrafts Namen zu instrumentalisieren, ihn als Werbung zu nutzen. Haefele stellt dem sogar entgegen, dass Derleth sich zum Mitautor gemacht hat, da so das Buch besser verkäuflich wäre, da Lovecraft kurz nach seinem Tod weniger bekannt war als August Derleth. (I, S. 130). Hierbei gilt zu bedenken, dass erst ab den 1960er Jahren, durch Derleths Verträge mit den großen Taschenbuchverlagen, eine größere Leserschaft auf Lovecraft aufmerksam wurde. Andererseits ist dieses Argument äußerst fraglich, da The Lurker at the Threshold 1945 bei Arkham House erschien, einem Kleinstverlag, dessen Leserschaft in der Regel mit Lovecraft vertraut war. An anderer Stelle, in dem Artikel „Myths about Lovecraft“, schreibt er:

Actually, Lovecraft left no unfinished manuscripts. He left certain fragmentary ideas, but these were comparatively few in numbers. He left certain fragmentary writings – pages or paragraphs of stories which he hoped to write. The most complete of these was incorporated in The Lurker at the Threshold. One or two others may be similarly developed, time permitting. (I, S. 133)

In einem Artikel für sein Magazin Arkham Sampler schreibt Derleth 1948 sogar: „The total wordage thus written by the late H.P. Lovecraft was thus in the vincity of 1000, certainly not over 1200. The possibility exists that the two sets of notes were for different stories“. (I, S. 134).

Hier, drei Jahre nach der Veröffentlichung des Buches, verlässt Derleth den Ton der Werbung und erörtert die tatsächliche Zusammensetzung der Geschichte.

Neben Das Tor des Verderbens gehören noch fünfzehn weitere Geschichten Derleths zu den sogenannten posthumen Kollaborationen. Die ersten Kollaborationen nach Das Tor des Verderbens erschienen 1957 in The Survivor and Others. (IV). Arkham House bewarb diese Geschichtensammlung mit den Worten:

Coming! Dates to be announced later! The Survivor and Others by H.P. Lovecraft and August Derleth … A group of stories, outlined or begun by the late H.P. Lovecraft, completed by August Derleth, in the vein of stories of virtually every period of Lovercaft´s … A book for all Lovecraft collectors…. (I, S. 152)

Auch hier wirbt Derleth damit, dass Lovecrafts Wirken an den Geschichten zumindest im Groben noch erkennbar ist, doch auch hier wird er seinen Kunden nicht die Wahrheit sagen.

Die Namensgebende Geschichte, „The Survivor“ („Der Nachkomme“), wurde bereits in der Juli-Ausgabe des Weird Tales 1954 unter der Autorenschaft von Derleth und Lovecraft veröffentlicht. In dieser Zeit war das Interesse der Leserschaft an Lovecraft gerade wieder gewachsen, weswegen Derleth sich wohl ermutigt sah weitere Geschichten zu schreiben und sie als Kollaboration auszugeben. Haefele verteidigt Derleth indem er anführt, dass ein Teil der Verantwortung für die doppelte Autorenschaft bei den betreffenden Geschichten auch bei den Taschenbuchverlagen lag, die möglichst viele Titel mit dem Namen Lovecrafts im Sortiment führen wollten. (I, S. 137). Allerdings kann man auch hier wieder Derleths eigene Interessen an seinem Verlag ins Gespräch bringen, denn erstens wurden die betreffenden Bücher zuerst bei Arkham House veröffentlicht (und das mit doppelter Autorenschaft) und zum zweiten schrieb er in einem Brief an Ferguson: „A study of sales indicates that our best selling authors are Lovecraft, Derleth, Smith, Howard in that order.“ (I, S. 185 ). Es ist also durchaus denkbar, dass Gewinnstreben zur Entscheidung beigetragen hat Lovecraft als Co-Autor der 16 Geschichten zu nennen.

Die übrigen elf Geschichten finden sich zuerst in The Mask of Cthulhu, 1958, und The Watchers Out of Time and Others, welches 1974, posthum, veröffentlicht wurde und dessen namensgebende Geschichte unvollendet abgedruckt wurde. Lassen sich für die Geschichte Das Tor des Verderbens noch Texte finden, die ihr zu Grunde liegen, ist es bei den übrigen 15 Geschichten anders. Sie basieren nicht auf Notizen oder Fragmenten, wie Derleth es so oft ausgeführt hat. Diese Geschichten basieren auf Gedankenschnipseln die unter der Überschrift „Notizbuch“ in Lovecrafts Anmerkungs- und Notizbuch (Commonplace Book) zu finden sind. (V, S.277ff.). Alle 15 Texte den entsprechenden Einträgen zuzuordnen würde den Rahmen dieses Essays sprengen, doch sollen exemplarisch zwei Geschichten herangezogen werden:

„Der Nachfahre“ ist die Geschichte eines Wissenschaftlers, der durch Mischung seiner eigenen Erbinformationen mit denen von Reptilien nicht nur ein reptilisches Äußeres, sondern auch ein immens verlängertes Leben erhalten hat und nun als sein eigener Erbe sein altes Anwesen zurückfordert. (VI). Vergleicht man die Geschichte mit Lovecrafts Einträgen in seinem Notizbuch, so fällt auf, dass ihr die beiden Notizen Nummer 123 („Vertrockneter Mensch lebt jahrhundertelang in kataleptischem Zustand in uraltem Grab“) (V, S. 285) und 129 („Ein Arzt versteift sich darauf, daß das bestimmte Amphibium von dem der Mensch [Hervorhebung von Lovecraft] abstammt, keinem der Paläontologie gekannten gleicht. Um es zu beweisen, führt er ein seltsames Experiment durch oder erzählt von einem“) (V, S. 286) zugrunde liegen.

„Das Erbe der Peabodys“ handelt von einer Art vererbtem Fluch, dem der letzte der Peabodys nicht entkommen kann. Vergleicht man die Geschichte mit Lovecrafts Einträgen in seinem Notizbuch, so fällt auf, dass ihr die Notizen Nummer 33 („Determinismus und Prophetie.“), (V, S. 279) 82 („Macht eines Hexenmeisters, die Träume anderer zu beeinflussen.“) (V, S. 282), 99 („Salem-Geschichte. Hütte einer betagten Hexe, worin man nach ihrem Tod verschiedene entsetzliche Gegenstände findet.“) (V, S. 284), 105 („Vampir sucht Menschen an uraltem Wohnsitz der Vorfahren heim; ist der eigene Vater.“) (V, S. 284), 136 („Eine abscheuliche Welt überlagert die sichtbare. Durchgang – eine Macht führt den Erzähler zu einem uralten und verbotenen Buch, das Anweisungen für den Zutritt enthält.“) (V, S. 287)und 43 („Mitglieder eines Hexenkultes wurden mit dem Gesicht nach unten begraben. Jemand stellt über einen Vorfahren im Familiengrab Nachforschungen an und findet einen beunruhigenden Zustand vor.“) (V, S. 287) zugrunde liegen.

Es zeigt sich also, dass – zum Guten wie zum Schlechten – die Leistung diese Geschichten geschrieben zu haben August Derleth zusteht.

In privaten Briefwechseln, wie dem Brief an Ramsey Campbell vom 15. Februar 1962, steht Derleth auch offen dazu diese Geschichten nur anhand der sehr schematischen Fragmente des Notizbuches verfasst zu haben, so etwa zur Geschichte „Witches Hollow“: „Yes, the story „Witches Hollow“ is from the Commonplace Book note [130 & 134].“ (VII, S. 45).

Doch ist diese Erkenntnis nicht erst seit der „Scholary Revolution“ bekannt. Auch wenn Carters Abhandlung viele Schwächen hat, so merkt er in ihr dennoch an, dass die posthumen Kollaborationen quasi komplett auf Derleth zurückgehen. (VIII, S. 17). Haefele, bemüht Derleth zu verteidigen, führt aus, dass „what Derleth produced with the `collaborations` is not much different than what Lovecraft himself had been producing during his final years, primarily revision work for clients.“ (I, S. 174).

Doch liegt er falsch: Lovecraft nahm Auftragsarbeiten der Menschen an unter dessen Autorenschaft die Geschichten erscheinen sollten. Sie konnten die Geschichten nach der Fertigstellung selbst lesen und doch nicht veröffentlichen lassen, falls sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden waren. Derleth hingegen nahm Ideenschnipsel Lovecrafts und schrieb daraus Geschichten, die er wie er selbst einräumte, ohne Überarbeitung veröffentlichte. Lovecraft war zu dem Zeitpunkt bereits tot, er konnte sich nicht gegen die Autorenschaft oder Co-Autorenschaft wehren. Dziemianovizc merkt zudem an, dass viele Geschichten Derleths nur seine Version bereits existierender Geschichten Lovecrafts waren. So sind die Überschneidungen von Derleths „Der Bewohner der Dunkelheit“ und Lovecrafts „Der Flüsterer im Dunkeln“ genauso deutlich, wie „Der Schatten aus dem All“ und „Der Schatten aus der Zeit“, oder „Das Grauen vom mittleren Brückenbogen“ und „Der Fall Charles Dexter Ward“. (IX, S. 242). Letztlich ist Rottenstein recht zu geben, wenn er ausführt: „[d]iese Imitationen erreichen nie die Überzeugungskraft Lovecrafts, der immerhin, gleich was man von seinen schriftstellerischen Fähigkeiten halten mag, eine Methode erfunden hat, die Mythen eine zeitgemäße, so moderne wie archaisch-zeitlose Form gibt und ein System des Grauens entwickelt, das höchst wirkungsvoll ist.“ (X, S. 9).

Quellennachweis und Anmerkungen

I : Haefele, John D.: A Look Behind the Derleth Mythos. Origins of the Cthulhu Mythos. H. Harksen Productions. 2012

II: Joshi hat die Originalfragmente transkribiert. Im Internet unter der URL:      http://crypt-of-cthulhu.com/fragmentsthreshold.htm, zuletzt eingesehen am 28. 08. 2015 , um 14.00 Uhr.

III: Ein Zitat aus Joshis Untersuchung findet sich im Internet unter der URL:http://www.hplovecraft.com/writings/derleth.aspx, zuletzt eingesehen am 28. 08. 2015, um 14.00 Uhr.

IV: Enthalten sind: „The Survivor“ („Der Nachkomme“), „Wentworth´s Day“ („Wentworths Tag“), „The Peabody Heritage“ („Das Erbe der Peabodys“), „The Gable Window“ („Das Giebelfenster“), „The Ancestor“ („Der Vorfahre“), „The Shadow out of Space“ („Der Schatten aus dem All“), „The Lamp of Alhazred“ („Die Lampe des Alhazred“).

V: Lovecraft, H.P.: Anmerkungs- und Notizbuch. S. 268-297. In: Lovecraft, H.P. : Azathoth. Vermischte Schriften. Aus dem Amerikanischen von Franz Rottensteiner. Suhrkamp Verlag. 1989

VI: Lovecraft, H.P./ Derleth, August: Der Nachkomme. S.7-30. In: Lovecraft, H.P./ Derleth, August: Die dunkle Bruderschaft. Suhrkamp Verlag. 1987

VII: Joshi, S.T. (Hg.): LETTERS TO ARKHAM. The Letters of Ramsey Campbell and August Derleth, 1961-1971. PS Publishing LDT. 2014

VIII: Carter, Lin: Lovecraft. A Look Behind the ´Cthulhu Mythos´. Panther Books. 1975

IX: Dziemianovicz, Stefan: Divers Hands. S. 233- 254. In: Joshi, S.T. (Hg.): Dissecting Cthulhu. Essays on the Cthulhu Mythos. Miskatonic River Press. 2011

X: Rottenstein, Franz: Vorwort. In: Rottensteiner, Franz (Hg.): H.P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Suhrkamp Verlag. 1997

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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