Trauerzeit – Teil 1: Beginnt der Tod, uns krank zu machen


von: Max P. Becker

 

Es tötet nichts so sicher wie das Leben.“

– Raabe

Und dieser Abgrund ist – was? Wie sollen wir seine Schatten von denen des Grabes unterscheiden?“

– Edgar Allan Poe: „Wassergrube und Pendel“

 

 

Nicht weit der Stadt Ulthar an den verwegenen Klüften jahrtausendealter Berge, dort, wo das Land durch das rötliche Licht unbekannter Sterne bei Nacht in einen scharlachroten Schein getaucht wird, da gab es einmal eine unbedeutende Stadt, in der die Menschen einst starben. Es ist kaum überliefert, auf welche Weise es sich zutrug, wie auch nicht bekannt ist, wie die Menschen der Last ihrer eigenen Nichtigkeit unter jenem Ozean glühender Sterne auszuharren vermochten.

Josuh, Besitzer eines kleinen, bescheidenen Lokals im Zentrum der Stadt, berichtet davon, dass die Menschen, wenn sie eine bestimmte Altersgrenze überschritten hatten, in die weite Wüstenei entflohen und ihren Körper und ihren Geist den Älteren Göttern auslieferten. Einer der Zuhörer lässt ein kurzes Gebet gen Himmel fahren, dann ruft der tollkühne Kreh mit bebender Stimme, dass es womöglich die Schwarzgeflügelten seien, die einst von den kränklichen Fluten eines nicht weit gelegenen Bergsees geschwärmt sein sollen und die wohl auch für das Phänomen des Sterbens zur Rechenschaft zu ziehen seien.

Nardia, die weise Weberin, schüttelt den Kopf und weiß zu erwidern, sie sei alt genug, um zu wissen, dass das Sterben auf eine ganz andere Art und Weise vonstattenging, die sich weit von den wirren Behauptungen der anderen abgrenzt. Bevor sie aber ihre Meinung kund tut, tritt ein weiterer Mensch zu der Gruppe. Niemand anderes als der gutmütige Sej ist es, der von einer Schar Kinder umkreist, seine Stimme erhebt: „Ist es wirklich solange her, dass ihr nichts weiter als eure Mären vorzubringen wagt? Vertuscht ihr mit euren Lügen den Tod selber oder ist es die Angst, die sich in euren Seelen eingenistet hat nach der Zeit als das Glauben an den Tod mehr war als eine Last – nämlich ein Privileg – und die euch am Erinnern hindert?“

Aufgeregt bitten die Kinder ihn, seine Geschichte zu erzählen. In ihren Augen erkennt der gutmütige Farmer das frische und unschuldige Antlitz der Ewigkeit.

Eine Wolke schiebt sich vor das Licht des Tages und doch kneift Sej seine müden Augen zusammen, als er die Gruppe mustert. „Ich erinnere mich, lang ist’s her – das ist wohl wahr!“, murmelt er, doch er ist für alle gut zu verstehen. Fast könnte man meinen, die von dem nahenden Gewitter mit Energie geladene Luft wolle der Narretei der Unwissenden ein gütiges Ende bereiten. „Es ist richtig, dass es Trauerzeiten gab, in der die Menschen dieses Städtchens an nichts anderes zu denken wagten als den eigenen Tod. Keine Schuld will ich euch zusprechen, wenn ich doch sehe, dass keinerlei Scham euch zu Gesicht steigt. Eure Erinnerungen sind fort, meine sind es nicht.“ Sej macht eine bedächtige Pause und legt Rie, einem aufgeweckten Jungen mit Augen wie zwei Monde, eine schwielige Hand auf den Kopf. Dann fährt er fort und in seinen Augen spiegelt sich das ferne Glimmen der Sterne: „Ich, meine Freunde, will euch nun berichten von eurer aller Tod …“

Es waren jene Tage, an denen die Menschen trauerten und die Erkenntnis ihrer eigenen Sterblichkeit wie eine garstiger Schatten über ihren Verstand herfiel, zu der sich jene absonderlichen Ereignisse zutrugen. Von überall her begannen die Menschen den Hauch des Todes zu verspüren und keinem war wohl bei dem Gedanken, wie es nach diesem Leben sei.

Jene Stadt, in der die Menschen einst starben, war eine kleine Gemeinde, nicht mehr als ein Dorf vielleicht, und nicht viele Fremde kamen zu Besuch, die zu fragen es möglich gewesen wäre, welche Grauen der Tod für sie alle bereit hielte. Zudem sprach man allgemein nicht viel zu jener Zeit, denn schon die Angst lähmte die Zungen der meisten bei dem Gedanken, den letzten Atem zu vergeuden. Und so harrten die Menschen tagein, tagaus mit nichts im Kopf außer ihren eigenen, ganz persönlichen Gedanken über den Tod.

Ich sage euch, dass in gewisser Weise von jedem von uns tatsächlich ein Teil starb, als wir sahen, wie wir gegenseitig vor unseren Augen verfielen. Unsere Augen wurden matt, das Antlitz bleich wie eine schaurige Maske, unsere Rücken krümmten sich unter unserem ängstlichen, gebückten Gang, der zu jener Zeit üblich war. Doch das Schlimmste – da wären wir heute wohl alle einig, wenn die Umstände der Ereignisse nicht andere Pläne gehabt hätten – war die Stille.

Bevor es anfing, bevor die Menschen zu trauern begannen, sei es um sich selbst oder um andere, da war die ganze Stadt vom Singen und Lachen erfüllt und einzig Frohsinn beherrschte die Gemüter. Da war Rascheln und Scheppern und auch das Plätschern von Wasser zu hören, das Zwitschern der Vögel, die über die Berge flogen, doch am wichtigsten waren die Stimmen der Menschen. Man hörte sie noch ohne Bürde sprechen und keiner scherte sich um den Atem, den er vergeudete. So simpel die Gespräche auch waren, lag doch viel Wärme dort drinnen und erleichterten das Leben durch die einfache Erkenntnis, nicht allein zu sein.

Damals zu der Trauerzeit sahen die Menschen keinerlei Sterne, die vom Himmel strahlten. Das störte niemanden, bis einer zu klagen begann, dass es bei Nacht ganz so wirke, als würde das menschliche Wesen von einem leeren, schwarzen Raum verschluckt. Wie eine Seuche verbreitete sich die Angst in später Nacht auf die Straßen zu gehen und wo zuvor Laternen das bunte Treiben von Musik und Tanz beschienen hatten, da war es nun tatsächlich, als würde alles von einem leeren, schwarzen Raum verschluckt. Diese Angst ging soweit, dass die Menschen sich nicht einmal mehr in ihren eigenen Häusern sicher fühlten und sich schon bei Beginn der Dämmerung unter ihren schweren Wolldecken vergruben. Man kann durchaus davon sprechen, dass der Mensch von einer schwarzen Leere verschluckt wurde, nur wollte dieser es auch nicht anders.

Diese Leere, so glaubten die Menschen schließlich, ließe sich vielleicht doch mit Lichtern lindern, wenn auch offensichtlich nicht zur Gänze vertreiben. Fackelschein vertrieb nun die meisten der Dämonen, die den Gedanken entsprungen waren, und zu keiner Nacht brannte es nicht lichterloh an jeder Straßenecke, in jedem Haus und jedem Zimmer. Die Flammen gierten und verlangten den Menschen alles ab, was sie nur hatten, bis sie dazu übergingen, das Getreide, die Grundlage ihres Lebens, und ihr hölzernes Baumaterial, die Voraussetzung ihres Wachstum, dem Trost spendenden Feuer zu überantworten. Sie wollten nicht wachsen, sprach dieses naive Völkchen; sie wollten nicht leben, zeigten sie damit der Welt. Dieser Wahnsinn dauerte zum Glück nicht allzu lange, denn schon bald meinte jener kreative Geist, der bereits seine Theorien über jene Leere verbreitet hatte, dass das Licht, ja, dieses höllische Licht, auf die Köpfe der Menschen brannte und ihnen den baldigen Tod in züngelnder Gier versprach.

So blieben die Menschen also in ihren Hütten. Menschen wurden krank, ihre Augenränder färbten sich bläulich und nichts geschah, als das immer mehr und mehr jener neuartigen Infektion zum Opfer fielen. Da trat jener Einfaltspinsel ein drittes Mal zu ihnen, er gackerte, denn sein Geist war vor Hunger nicht ganz klar, und er schrie, dass das Ende bald kommen würde, denn es sei das Essen, dass der Tod den Lebenden als letztes Verhängnis bereitet hatte. Er rief, das ganze Dorf solle hungern und auch dürsten, alle sollen in ihren Hütten bleiben und dort die Trauerzeit überdauern. Die Menschen blieben stumm, gingen jedoch mit vielsagenden Blicken in ihre Stuben.

Es war die nächste Nacht, als jeder am Schlafplatz wachend bellende Rufe hörte, dann das hysterische Kreischen eines Mannes im Ausnahmezustand. Als die trübe Sonne aufging und die Menschen in ihrer Lethargie nach draußen schauten, sahen sie, dass die Hütte jenes einen Propheten aller schlechten Dinge bis auf die Grundmauer abgebrannt war. Vom Propheten keine Spur.

Da waren sie also, sie husteten und keuchten, ihr Äußeres verfallen, ihre aller Stimmen waren stumm. Die Rippen zeichneten sich unter ihren Tüchern ab, und sie tranken nicht mehr als das, was sie in ihren kümmerlichen Vorräten an Regenwasser gesammelt hatten. Sie alle hatten Angst, und auch wenn jener närrische Prophet verschwunden war, war dennoch sein Samen des Irrsinns in den Geist der meisten gesät worden.

Auch ich hatte Angst zu jener Zeit, das möchte ich nicht leugnen. Auch ich hatte den Worten jenes Narren Glauben geschenkt. Der Unterschied zu euch anderen bestand in der Tatsache, dass ich niemanden hatte, um den ich hätte trauern können. Ihr alle mögt Liebe und Verwandte gehabt haben, doch ich war einmal ein fahrender Händler, der Karawanen von Reisenden mit Rationen versorgt und mit den merkwürdigen Händlern auf ihren schwarzen Galeeren gefeilscht hatte.

Deshalb schüttelte ich die Lähmung von mir, die mich seit Wochen schon ergriffen hatte, und ich begann von Haus zu Haus zu ziehen. Nirgendwo auf meinen langen Reisen hatte ich je derartiges Elend gesehen wie in diesem kleinen, unbedeutenden Dorf, das ihr Heimat nennt. Ich sah Menschen, deren Leben darin bestand, den Kopf vor und zurück zu wiegen und immerzu in eine Ecke des Raums zu starren und sich auf die mageren, blutigen Finger zu beißen. Ich hörte wie manche von ihnen zwischen trockenem Husten lachten, manche weinten und baten die Älteren Götter darum, ihnen ihre Angst zu nehmen. Weder sie noch ich vermochten jedoch, dies zu vollbringen.

Also kehrte ich meinen Freunden und Bekannten den Rücken zu. Ich verließ den Ort, den auch ich meine Heimat nenne, und hoffte inbrünstig, ein Mittel gegen die Sterblichkeit der Menschen zu finden.

[Diese Geschichte wird fortgesetzt am 07.05.2016]

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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