Das Licht am Ende des Tunnels

von: Bartok

Er kauerte in einer Nische. Er fühlte sich sicherer in der Nische. Es gab zu viel Platz in den Tunneln, zu viel Platz in den… Er starrte in das grünpulsierende Licht des Fungus, das sein bärtiges Gesicht noch kränklicher aussehen ließ. Seine Haut juckte und er konnte es nicht ignorieren, konnte nicht aufhören zu kratzen, bis er etwas anderes spürte, bis das Blut in seinen struppigen Bart sickerte! Die Haare auf seinem Kopf waren ihm ausgefallen und er hatte sie in den Tunneln verstreut, wie ein Wolf der sein Revier markiert. Er konnte seine Pisse dafür nicht verschwenden.

Seine Hände zitterten, sein ausgemergelter Körper bebte und ein tiefes Knurren entstieg seiner Kehle, presste sich zwischen zusammengebissenen, gelben Zähnen hindurch.

Seine schmutzigen, schwieligen Hände griffen nach einem der Elbenohren, die an einer Kette um seinen Hals hingen, und er hielten es sich vor seine Lippen. „Hast du das gehört?“ Seine Augen hatten sich an das wenige Licht, das es hier unten gab, gewöhnt und zuckten über die Wände des Tunnels. „Bienen. Sie kommen, um mich zu quälen. Ihre Stacheln sind zu kurz, um mich zu töten.“ Das Summen wurde lauter und lauter und brummte in seinem Kopf. Das Licht des Fungus pulsierte schneller, heftiger, aggressiver. „Sie kommen… Sie kommen!“ Er griff nach seiner stumpfen Axt und sprang in den Tunnel.

Sein Kriegsschrei halte in den Gängen, die er und seine Brüder gegraben hatten. Mit beiden Händen hielt er die Axt über seinen Kopf, als wollte er ein Holzscheit spalten. Doch hier unten gab es kein Holz, hier unten gab es kein Feuer, nur nackten, kalten Stein. Sein Fuß kickte einen Goldklumpen, der vorausrollte, bis er nutzlos liegen blieb. Der Gang endete an einer Kreuzung. Er rannte nach rechts und stieß hart gegen die Felswand. Seine Axt fiel ihm aus der Hand. Er bückte sich nach ihr und hielt inne.

Da war eine Stimme. Eine Stimme! Sie echote in den Tunneln.

Ein unterdrückter Laut war zu hören und er wirbelte herum, doch außer ihm war niemand in dem spärlich beleuchteten Gang.

ICH BIN HIER!

Er rannte weiter, folgte der Stimme, die von allen Seiten kam, brach in die Höhle des Ungeheuers und erstarrte.

Leise! Wachsam! Behutsam musste er vorgehen, wenn er es schaffen wollte seinen Wasserbeutel zu füllen. Sie hatten die Höhle gefunden, als sie sich durch den Berg gegraben hatten, auf der Suche nach seinen Schätzen. Unangetastet war sie gewesen wie eine Jungfrau und sie hatten keine Hand an sie gelegt. Keinen Stein hatten sie verrückt, geschweige denn mit ihren Spitzhacken und Meißeln bearbeitet. Doch sie hätten es tun sollen!

In dem Teich, der unheilvoll in der Mitte der Höhle lag, hauste eine Kreatur, eine gefährliche Bestie. Deshalb wagte er sich nur selten hier her. Deshalb musste er seine Pisse trinken. Mit angeschwollenen Zunge leckte er sich über seine trockenen Lippen und trank mit gierigen Augen das kühle Nass.

Das Monster schien nicht in der Höhle zu sein. Entweder streunte es in den Tunneln, zu denen man auf der anderen Seite des Teichs gelangte, oder es schlief auf dem dunklen Grund.

Er tastete nach seinem Wasserbeutel und trat näher.

Des Schreckens fauliger Atem ließ seine Nackenhärchen sich aufstellen und das Blut in seinen Adern gefrieren. Es war hinterlistig! Hatte ihn in eine Falle gelockt!

Er nahm war, wie es ihn umkreiste. Er fühlte große Augen ihn verschlingen. Er spürte den Herzschlag des Ungetüms. Er ahnte die Klaue nach ihm schnappen und hob seine Axt. Hieb um Hieb trieb er die Klinge in den Wanst des Scheusals und hackte auf dessen Gliedmaßen ein, bis sie sich vom Rest des Körpers trennten.

Schnaufend stand er am Rand des Teichs. Seine Arme hingen schlaff herunter, schwer von ihrem blutigen Werk. Das Miststück hatte ihn am Bein erwischt, doch er ignorierte den Schmerz und ging auf die Knie. Er beugte sich weit über den Rand und sah sein Spiegelbild auf der schwarzen Oberfläche, doch erkannte er sich nicht wieder. Er nahm seinen Wasserbeutel vom Gürtel und stieß ihn hinein, seine Hand gefror. Abgelenkt von den aufsteigenden Luftbläschen bemerkte er nicht, dass etwas hinter ihm war. Und so fiel er ins Wasser und befand sich in lautloser Finsternis.

Orientierungslos strampelte er mit Armen und Beinen. Kälte stach seine Haut, wie die Stacheln der Bienen – hier unten würden sie ihn nicht finden. Er öffnete seinen Mund und schrie. Wasser fand den Weg in seine Lungen und sein geschundener Körper zuckte.

Über ihm war ein dunkler Himmel mit schweren Wolken. Raben zogen über das zerklüftete Land. Der steinige Boden war noch immer feucht vom Regen. Er rannte und stolperte und sprintete und hechelte. Der Wind riss an seinen Kleidern und rauschte in seinen Ohren. Donner grollte in der Ferne und die Raben krächzten. Dies ist die Unterwelt, dachte er, alles ist so laut. SO LAUT!

Er durchbrach die Oberfläche des Teichs, zog sich über den Rand und spuckte Wasser. Keuchend raffte er sich auf, nahm seine Axt an sich und lief an dem Stalagmit mit den Kerben vorbei. Das Wasser hinterließ eine Fährte, als es unbemerkt aus den Löchern des Beutels floss. Er wusste nicht wie lange er in den Tunneln umhergeirrt war, es mochte eine Stunde gewesen sein, vielleicht zwei, vielleicht fünf, doch als er die Kammer erreichte, die er und seine Brüder sechzehn Fuß vor der Höhle in den Stein gehauen hatten, war er erschöpft und die Beinwunde brannte fürchterlich. Seine Axt glitt ihm aus der Hand und er ließ sich gegen die Wand fallen. Er holte seinen Wasserbeutel hervor, doch er war leer. Ein letzter Tropfen fiel auf seine Zunge und damit versiegte die Quelle. Bald würde er sich wieder in die Höhle wagen müssen dachte er und nieste.

Ich werde sterben, raunte er in das Elbenohr. Die Luft ist so stickig hier unten. Er zog an seinem Hemd, das ihm am Hals kratzte. Der Schmerz in seinem Bein wurde zu einem Pochen. Seine Hand schnellte zu Boden, denn er wollte sich abstützen, doch brach sie durch den Brustkorb des Skelets, das neben ihm lag. Er keuchte, sprang auf und tastete sich an der Wand entlang. Die Kammer war spärlich beleuchtet, sie hatten sie vom Fungus gesäubert, doch er hatte seinen Weg zurückgefunden. Und in seinem grünen Licht ruhten die Runen, um eine schreckliche Geschichte zu erzählen.

…bebte der Berg. Wir… nicht was passiert ist… niemand den eingestürzten Tunnel freiräumt… besorgniserregend. …nichts zu essen. Der Teich versorgt uns mit ausreichend Wasser. …dihn suchen nach einem anderen Ausweg. Die elbischen Botschafter… Schuld.

Meine Brüder sind noch immer nicht… Die Elben streiten.

…ist zurückgekehrt, ohne… er sei gefallen. …Blut an seiner Kleidung.

Die Elben haben sich aufgemacht… zu finden. Ro… ist fort. Ich höre Schreie. Habe nach ihnen gesucht. …Botschafter Glordogan gefunden. Etwas… die Kehle aufgebissen. Ich darf den Verstand… verlieren.

…Kannibale…

Rodihn hat mich angegriffen.

Habe zwei Finger verloren.

Er blickte auf seine linke Hand, deren Mittel- und Ringfinger nur noch zur Hälfte vorhanden waren. Sein Magen knurrte. Niemals mehr würde er wieder satt werden.

Knochen und Metall kratzten über Stein.

Er warf einen Blick über seine Schulter und sah, wie das Skelet zuckte und ruckte und sich langsam aufrichtete. Schwärze flackerte in den leeren Augenhöhlen seines Bruders. Der Unterkiefer klappte herunter und bläuliches Gas strömte heraus zusammen mit einem schrecklichen Seufzer.

Dieses Mal war es kein Kampfschrei, den er ausstieß.

Der Tunnel drehte sich und bald lief er auf der Wand, bald auf der Decke. Er fiel und spürte Blut aus seiner Nase schießen. Verfolgt vom Untoten rannte er durch die Gänge, noch verzweifelter als sonst nach einem Ausweg suchend.

Der Berg bebte, Steine prasselten auf ihn nieder. Er will mich verlangsamen, will mich nicht freilassen, denn noch hat er mich nicht verdaut. Der Fungus platzte, als er an ihm vorbeilief, und spritzte ihm seine ätzende Flüssigkeit ins Gesicht. Er schlug sich mit der flachen Hand ins Gesicht und wischte die dickflüssige Substanz aus seinen Augen.

Die Tunnel sahen alle gleich aus, waren gleich lang, gleich breit, gleich hoch. Es war als würde er denselben Tunnel auf und abrennen. Verlaufen, verloren, verrückt, es war aussichtslos. Rasch blickte er sich um und sah nur die Enge. Die Wände kamen näher. Seine Kraft schwand. Seine Gier war schon lange taub, sein Haar ausgefallen, und seine Axt stumpf.

Ich bin kein Zwerg mehr, erkannte er.

Selbstmord, das ist ein Ausweg! Er quetschte sich in die Nische und hielt das Elbenohr an seine Lippen. Zwischen dem Gebrabbel des Erleuchteten produzierte er in unregelmäßigen Abständen die Worte ‚Ich kann mich enden‘.

Die Axt war zwar stumpf, doch es würde schon gehen. Ein gut platzierter Schlag, er würde ihn vielleicht nicht sofort umbringen, wahrscheinlich würde er schmerzlich verbluten, aber es würde schon gehen. Er nahm die Klinge der Axt in beide Hände und hielt sie vor seine Kehle.

Die Nische gab ihm ein Gefühl von Sicherheit, als wäre er in ein Tuch eingewickelt und von seiner Mutter geschaukelt. Der Fungus pulsierte im selben, wilden Rhythmus in dem sein Herz schlug.

Er holte aus…

…und hörte das Summen einer Biene, die an ihm vorbei flog, ohne ihn zu stechen, ohne ihn zu quälen, er stand auf und sah ihr nach, seine Füße bewegten sich, schlurften über den Boden, bewegten sich schneller, er rannte, seine Gedanken rasten, seine Füße flogen, die Biene musste von draußen gekommen sein, sie würde den Weg kennen, würde ihn führen, zu ihrem süßen Honig, der Berg würde ihn nicht bezwingen, das Monster würde ihn nicht fressen, der Untote ihn nicht zu seines Gleichen machen, doch das Summen der Biene wurde leiser, er würde sie verlieren, seine Gedärme zogen sich zusammen, etwas zerquetschte sein Herz und trieb die Luft aus seinen Lungen, er würde sterben, würde sterben, würde sterben, ist das Licht, dort voraus, es war nicht grünlich, es war golden und so rannte er und roch die Luft, deren frische meinen Geist belebt und ich höre das weiße Rauschen und ich sehe das weiße Licht, es blendet mich, MEINE AUGEN, MEINE AUGEN!

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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