Trauerzeit – Teil 2: So zieht ein Sucher aus zu finden

von: Max P. Becker

Im Schneidersitz legt Sej seinen Kopf auf seine gefalteten Hände und sieht hoch. Am wolkenverhangenen Himmel zeichnen sich die ungläubigen Mienen seiner erstaunten Zuhörer ab. Er hört sie flüstern und tuscheln und raunen, etwas dergleichen sei niemals geschehen, jemand solle ihn doch bitte zum Schweigen bringen, aber an ihren Gesichtern sieht er, dass niemand es wagen würde, ihn zur Ruhe zu zwingen. Er lässt sich Zeit, hofft seine Zuhörer würden sich erinnern, wünscht sich zumindest ein Fünkchen Verständnis in den strengen Musterungen auszumachen, denen er ausgeliefert ist. Das Einzige aber, was er erntet, ist verhaltenes Lächeln und spöttische Blicke.

Einzig die Kinder sind wie gebannt von seiner Geschichte, und während seiner kurzen Pause beginnen sie, unruhig von einem Fuß auf den anderen zu wippen. Sej senkt den Blick und blickt auf die gekrümmte, weiße Narbe auf seiner Handfläche und schließt die Augen. Beinahe spürt er das Pochen, jenes heiße Pochen von damals.

Nichts hatte ich mit als eine Feldflasche, mein Jagdmesser und Teufelsgras, als ich dies Dorf verließ. Ich brauchte einige Tage, um zur Besinnung zu kommen, ich trank nur wenig und rauchte regelmäßig in der Überzeugung, von den Älteren eine Eingebung zu empfangen. Der Alkalistaub der Wüste trieb mir das Wasser in die Augen und mein Hunger – ach mein entsetzlicher Hunger! – kannte keine Grenzen in jenen Tagen. Die Hitze zehrte an meinen Leibeskräften, doch zu keinem Zeitpunkt fühlte ich mich elender als zu der Trauerzeit. Tatsächlich kam ich zu der Einsicht, eine Läuterung zu durchleben und die Angst, die sich wie ein rastloses Tier in meinem Verstand breit gemacht hatte, blieb in der sengenden Wüste verwesend zurück.

Nichtsdestotrotz war es kaum mein eigenes Leiden, das ich von meinem Körper gebrannt wissen wollte, nein, schließlich war ich auf der Suche nach der Beendigung der Trauerzeit! Ich erhöhte die Dosis dieses verfluchten Grases und kühlte aufgrund eines tobenden Fiebers nicht einmal mehr in den eisigen Nächten ab, in denen ich allerdings die roten Sterne wieder über mir beobachten konnte. Eine lange Weile muss ich so gewandert sein, kaum wissend, ob ich wachte oder schlief, vergessend, wer ich war und woher ich kam.

Vielen Hirngespinsten bin ich während meines Deliriums begegnet: Ich sah entfernt eine Blitzen wie von Gold und das flimmernde Schemen einer weiteren verlorenen Seele. Nicht lange nachdem ich es erblickt, war es auch wieder verschwunden, doch ich schätze, dieser Umstand war aufgrund meines verwirrten Verstandes wohl kaum von größerem Interesse. Einmal toste der Wind um meine Ohren und plötzlich konnte ich das Schlagen eines Gongs vernehmen. Dies wiederholte sich noch einige Male, ohne dass ich mir darüber den Kopf zerbrach. Letztlich war mein Körper so abgemagert und verkommen, aber auch rein und frei von jedweder Last, dass ich selbst das dritte Phänomen beinahe missachtet hätte.

Ich taumelte durch die Wüste und tränkte gerade den staubigen Stofflappen, der einst meine Zunge gewesen war, mit den letzten Tropfen Wasser, die mir verlieben, als ich vor mir den Umriss eines Menschenleibes erspähte. Kaum war ich ein paar Schritte näher heran getreten, da wusste ich bereits, dass er tot war. Außer eine zerschlissene Schürze trug er nichts und weder der Sand noch die Strahlen der Sonne waren seiner Haut wohlgesonnen gewesen. Teils fehlten ganze Hautpartien, dass das offene und von Schmutz bestäubte Fleisch darunter offen hervortrat. Fast könnte man meinen, die Fliegen hätten ein neues Heim für ihre Brut entdeckt, aber nein, kein einziges jener störrischen Geschöpfe setzte auch nur ein Bein auf diesen unglücklichen Wanderer. Was aber am merkwürdigsten war, war die Tatsache, dass dieser Mensch seine Augen mit einem schmutzigen Stoffrest verbunden hatte, unter welchem einst Blut geflossen sein musste. Vielleicht noch ein wenig merkwürdiger erschien jedoch die Richtung, in der die Blutspuren verliefen, denn nahmen sie eine ganz andere Wendung, als es zu erwarten gewesen wäre.

Ich trat wieder ein wenig näher und beugte mich über das gezeichnete Gesicht des Fremden. Doch – siehe da! – er war mir nicht fremd! Überall hätte ich das Antlitz Nihils erkannt, das Antlitz jenes unglücklichen Propheten, der das Dorf in tiefste Verzweiflung gestürzt hatte. Und als die Erkenntnis seiner Identität mich übermannte, begann er zu husten und zu ächzen, und ich fürchtete, dass mein Fieber meinen wildesten Alpträumen zu neuer Wirklichkeit verhalf. Mit den Händen in den Staub gestemmt, begann er zu krächzen und fragte, wer ich denn sei, der sich durch diese von den Göttern verlassenen Weiten wagte.

„Ich bin es, der alte Sej!“, rief ich und spürte die Freude über ein denkendes Wesen in meiner Nähe über meinen Geist herfallen. „Ich kann einfach nicht glauben, dich hier zu sehen!“

Seine splittrigen Lippen umspielte etwas, das einem Grinsen gleich kam, und endlich richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. Erst jetzt sah ich, dass sein Rücken von einer schweren Last gekrümmt und sein Körper an so mancher Stelle von dickem Ruß bedeckt war. Seine Hände tasteten blind nach mir, und als er meine Schultern zu fassen bekam, da sah ich, dass es doch kein Grinsen war, das seinen Mund verzerrte. Es war vielmehr eine verkrampfte Grimasse. Speichel floss ihn sein Kinn hinab, und er kam näher an mein Gesicht. Er hauchte, dass er mich nie zuvor gekannt hatte, dass er Angst hatte, weil er nicht wisse, wo er war, und dass es ihm fehle.

„Was meinst du, Nihil?“, fragte ich, während sich alles um mich herum drehte. Mein Hunger und der Schock über das abnormale Benehmen meines Vertrauten beunruhigten mich über alle Maße. „Was meinst du mit es?“

Es, krähte er und nichts als Panik war es, die seinen Geist lenkte, es sei der einzige Sinn der Existenz. Nicht Namen, schrie er, nicht Bekannte und Freunde seien von Bedeutung! Nein – nur es sei wirklich wichtig!

Auch ich spürte unerbittlich Panik in mir aufflammen. In einer unmöglichen Wendung der Ereignisse sah ich Nihil mit seinen spinnenartigen Fingern nach meinem Gürtel und dem dort befindlichen Jagdmesser grapschen! Ich war zu schwach, um seiner unnatürlichen Kraft, die er allein aus dem Wahnsinn selber zu schöpfen schien, etwas entgegen zu setzen. Im nächsten Moment lag ich auf dem glühenden Boden, auf dem mein vermutlich letzter Schweiß mit einem ekelerregenden Zischen verdunstete. Er stand über mir und begann, das Messer in seiner Hand zu drehen. In diesem Augenblick intensivster Verzweiflung lockerte ich meinen Widerstand, und beinahe akzeptierte ich mein Schicksal, in dieser Ödnis zu sterben. Die Sonne war heiß; heißer noch schien das schwere Atmen Nihils. Mit der Hand, die sich nicht länger gegen meinen Arm zu behaupten hatte, tastete er nach meiner Hand und hielt sie in einer derart eisernen Klammer, dass ich fürchtete, er würde sie mir auf ewig nehmen, wie ihm die Augen genommen worden waren. Doch dieser Mann führte anderes im Schilde. Er fuhr mit der Klinge über die verbrannte Haut meiner Handfläche und ließ sogleich von mir ab. Das Messer warf er in den heißen Staub, wo das wenige Blut fast augenblicklich Blasen warf.

Plötzlich schrie er, kreischte, ich würde finden, was alle hier draußen suchten! Ich solle dem Puls des Lebens folgen, niemals vom Weg abkommen! Der Lebenswille fände sogar im Tode noch zum Leben zurück! Dann warf er sich aus einer hysterischen Laune heraus zu Boden und fingerte im Dreck nach meinem Messer. Aus Angst ihm stünde Übleres im Sinn, als mich an der Hand zu zeichnen, kam ich ihm zuvor.

Erst habe er nur an mich gedacht, schluchzte er, und mich überraschte, wie viel Leben noch in ihm steckte, aber er wolle selber zurück! Wie aber, wie, schrie er und riss sich die Binde von den Augen, unter der nichts zu finden war als Höhlen verkohlten Fleisches.

Ich ließ alle Hoffnung fahren, ihn je wieder zu Besinnung bringen zu können, und betrachtete ängstlich meine verwundete Rechte, in der sich der Schmutz der Umgebung abzeichnete. Derweil schrie und zeterte Nihil am Boden, bis er wieder regungslos liegen blieb. Ich beachtete ihn nicht weiter, denn nun hielt mich die Merkwürdigkeit an meiner Hand in ihrem Bann. Ich sah – nein, ich glaubte zu sehen – wie mein eigenes Blut entgegen aller Rationalität meinen Arm hinaufzukriechen begann! Wahrhaftig, nicht der Hunger oder der Durst oder der Rausch vermochte solcherlei Trugbilder in meinen Kopf zu setzen! Niemals war ich klarer als zu diesem Zeitpunkt, der so kurz nach meiner vermeintlichen Ermordung spielte. Ihr könnt mir glauben, es wand sich meinen Arm hinauf, als wäre es dort zu neuem Leben erwacht.

Ich drehte mich und schaute mich um, ich wusste selber nicht, was ich zu finden hoffte. Nein, hier war nichts, nichts als die trostlose Weite. Die Ruckartigkeit meiner Bewegung ließ einen nicht geringen Anteil meines Blutes abermals auf den Boden spritzen, wo es zwar leichte Dampfschwaden ausbildete, jedoch gleichsam noch viel mehr tat. Ich ging auf allen Vieren, nicht der Verbrennungen auf meiner Haut achtend, um das Spektakel mitverfolgen zu können: Dort auf dem rissigen und nach Feuchtigkeit gierenden Stein versank mein Blut nicht etwa, es verdunstete (zumindest vorläufig) auch nicht, nein, es schien sich, wie von einer unermüdlichen Lebenslust gepackt, unaufhörlich in eine bestimmte Himmelrichtung zu bewegen!

Da fielen mir die Worte Nihils ein, und ich wandte mich um zu der Stelle, an der er gelegen hatte. Doch nichts war dort zu finden weder meine unglückliche Bekanntschaft noch seine blutige Augenbinde.

Er hatte gesagt, ich solle dem Puls des Lebens folgen, ja, das hatte er gesagt, und weil mir nichts blieb, kein Wasser, keine Nahrung, keine Droge, die mir den Rest unerheblich werden ließ, da begann ich der Fährte meines eigenen Blutes zu folgen. Immer, wenn auch noch der letzte Tropfen meines Lebenssaftes von meiner Haut gewichen war, nahm ich mein Jagdmesser zur Hand und riss auf, was mein Körper so verzweifelt zu heilen versuchte. Einige Male nahm meine Reise seltsame Wenden, anscheinend torkelte ich in meinem Delirium so manches Mal in die falsche Richtung, denn an der Unfehlbarkeit des Blutes, dem Quell des Lebens, mochte ich zu keiner Sekunde zweifeln.

Wie hätte ich dies auch nur gekonnt? Alles hatte ich zurückgelassen, die Menschen meines Dorfes, meine Farm, meine Identität einzig in der Hoffnung, in dem Land, in dem der Tod zu der Trauerzeit und bis in alle Zeit residierte, den Lebenswillen in seiner reinsten Form zu finden. Was mir blieb, war nicht viel. Es belief sich auf jene irrational anmutende Hoffnung, irgendetwas zu finden, und meinen Name. Und letzteren riss die körperliche und geistige Belastung meiner Lage mir beizeiten ebenfalls gnadenlos aus dem Gedächtnis.

Hatte mein Fieber mir bereits das Zeitgefühl vollkommen aus den Angeln gehoben, so war die ach so lebendige Marter, die fortan meinen Alltag zeichnete, die endgültige Entgleisung meiner fünf Sinne. Ich sah nichts, roch nichts, schmeckte nichts, hörte und fühlte nichts und es war verwunderlich, wie ich mich dennoch an die schneidenden, beinahe kreischenden Sandwehen erinnere. Die brennenden Sonnenstrahlen bei Tag und die klamme Phosphoreszenz des Mondes bei Nacht. Das Absterben meiner schmorenden Haut an meinen Füßen. Und diese alles umhüllende Müdigkeit. Worauf ich wahrscheinlich hinaus will, ist, dass mein Bewusstsein zwar bereit war, Dinge aufzunehmen, doch nicht sie zu verarbeiten. Ich glitt – und da war ich mir zu jener Zeit sicher – unaufhörlich in einen Zustand hinüber, der weder das wache Leben noch der schlafende Tod war, sondern etwas dazwischen.

Die Frage, die man sich zwangsläufig zu stellen hat, ist jene, warum Zo-Kalar nicht meine Seele einforderte. Warum bin ich in dieser so lebensfremden Umgebung nicht gestorben, war ich doch vollkommen ausgezehrt? Zunächst hatte ich mir eingeredet, es musste dieses von den Göttern verfluchte Teufelsgras sein, das ich zu den Zeiten meines unerbittlichen Fiebers und meines zehrenden Hungers sogar zu kauen begonnen hatte, bis es mir wie ein widerwärtiger grüner Belag auf den Zähnen gelegen hatte! Jetzt aber mussten es, wenn mich mein Gedächtnis nicht allzu sehr getäuscht hatte, schon im Mindesten drei Wochen gewesen sein, in denen ich beinahe nichts gegessen oder getrunken hatte! Wie also war mein Weiterleben zu begründen?

Ich konnte es mir nicht erklären, doch bei den Göttern ich erfuhr schon bald mehr, als meine zerrüttete Seele je hätte verkraften können. Mehr als ich euch eigentlich erzählen sollte, meine Freunde jenes unbedeutenden Dorfes, in dem die Leute einst gestorben sind. Das Unterbewusstsein hat eine Bedeutung für unseren Verstand, es ist wie der nach Flüssigkeit gierende Wüstenboden. Nur giert das Unterbewusstsein nicht nach Wasser oder dem Lebenssaft, der mir zu der Trauerzeit vom ausgestreckten Arm getropft war, nein, es giert nach unseren Erinnerungen. Es verschluckt, was besser verschluckt bleibt; es filtert, was besser gefiltert sein sollte. Es nährt und speist sich von guten, wie den schlechten Erinnerungen, und daher frage ich mich, welch ein Narr ich wäre, euch die Schrecknisse zu beichten, die nie zuvor jemand zu Augen bekommen hatte als ich?

Es – es tut mir Leid für meinen ungezügelten Egoismus, euch die Wahrheit nicht wie all die vielen Jahrhunderte zuvor vorzuenthalten und mir das Schwarz, dieses grenzenlose Schwarz, das meine Gedanken befleckt, von jetzt bis in alle Zeit von der Seele zu reden versuche. Nein, vor dem Tod habe ich keine Angst mehr, meine Freunde, nicht seitdem ich an das Ziel meiner Reise gelangt war.

Nun hört doch endlich auf, mich derartig anzublicken! Schüttelt nicht den Kopf, hört doch auf – könnt ihr nicht einhalten so zu tuscheln?!

Ich soll verrückt sein? Was?! Dieser Tölpel Nihil steht wahrhaftig und in seiner ganzen Gestalt vor mir? Lasst mich zu Ende reden! Das – ihr könnt mir nicht den Rücken zuwenden! Bitte! Ihr –

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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