Unterirdische Anderswelten

von: The Colourful Wilbur

In der phantastischen Literatur wurde ein weites Spektrum an Anderswelten bearbeitet. Viele Autoren wecken das Interesse ihrer Leserschaft gerade durch die Erfindung einer abweichenden Realität: Parallelwelten, in denen sich Menschen durch Gedankenübertragung unterhalten, Leben unter großen gläsernen Kuppeln, weil außerhalb kein Leben möglich ist, archaische und postapokalyptische Realitäten. Doch eine Form dieser Anderswelten hat den Menschen, neben dem Leben im All, wohl am meisten beschäftigt: Eine Parallelwelt unter unseren Füßen, im Inneren der Erde.

Der Grund dafür liegt wohl auf der Hand: Unsere Assoziationen zu cthonischen Orten sind derart vielfältig und widersprüchlich, dass sie bereits den ersten Menschen zum mystischen Gegenstand wurden. Der Neandertaler beerdigte seine Toten, wahrscheinlich zuerst aus hygienischen Gründen, doch auch erste rituelle Bedeutungen sind nicht auszuschließen.[1] In der Antike kulminierte die menschliche Auseinandersetzung mit dem Leben an unterirdischen Orten dann in einer komplexen Landschaft des Totenreiches, komplett mit seinen Bewohnern, denen spezielle Charaktereigenschaften genau zugeordnet werden konnten. Da wir uns hier noch nicht im Gebiet der phantastischen Literatur befinden, denn Hades, Orkus, usw. waren im Bewusstsein der Menschen keineswegs Erfindungen, gehe ich an dieser Stelle nicht ins Detail. Für diese Betrachtung genügt die Feststellung, dass es sich hierbei um eher unangenehme Orte handelte. Dahingeschiedene Menschen fristeten ihr schattenhaftes Dasein in finsterer Gesellschaft von Chimären, Hydras, Erinnyen, Gorgonen und vielen anderen wenig vertrauenserweckenden Fabelwesen und Göttern. Der Leser mag an dieser Stelle auch andere unterirdische Totenreiche zum Vergleich heranziehen, oder auch die eigene Vorstellung eines solchen Ortes prüfen. Lohnenswert ist diesbezüglich wohl auch ein Blick in Dantes Göttliche Komödie.[2] Der Protagonist muss sich in einem trichterähnlichen Krater immer weiter in das Erdinnere fortbewegen. Auf seinem Weg in die Tiefe begegnet er den Sündern, die, wiederum von einem bunten Reigen von Fabelwesen, ihre Strafen empfangen. Am absoluten Erdmittelpunkt harrt Satan mit den Sündern, die ihren Herren verraten haben. Von dort durchtritt Dante den Ermittelpunkt und bewegt sich auf der Südhalbkugel über den Berg der Läuterung wieder der Oberfläche, dem Himmel und somit dem Guten und Sicheren entgegen. Die Göttliche Komödie kann als klassisches Beispiel der Bipolarität in der Gedankenwelt des Menschen gelten. Es lässt sich durchaus behaupten, dass ein Großteil der Ideen, welche der Mensch zum Leben unter der Erde entwickelte, grausam, kalt und elend waren.

Eine ganz andere, gegenteilige Interpretation liefert C.G. Jungs Theorie der Archetypen. Träumt ein Mensch von einer Höhle, oder entspringt situativ spontan ein solches Bild, so kann sein unbewusster Nährboden ein gänzlich anderer gewesen sein. Das Bild einer Höhle ist nach Jung konnotiert mit Obhut, Schutz, Geborgenheit, Sicherheit und dem Gefühl versorgt zu sein. Die Höhle ist eine Form des Mutterarchetyps[3]. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Mutterarchetyp ebenfalls je nach Kultur sehr unterschiedlich ausfallen kann. Doch die Erklärung ist offensichtlich: Im Angesicht einer gefahrvollen Außenwelt, ist eine Höhle, als abgeschlossener, überschaubarer Kosmos, ein Ort der Sicherheit. Keine überraschende Bedrohung kann auftreten.

Vollziehen wir nun den Schritt in die Literatur, dann lässt sich unser erworbenes Konzept von unterirdischen Anderswelten wie folgt zusammenfassen: Sie sind Welten, in welchen sich der Gegensatz zwischen Schutz und Gefahr sehr deutlich manifestiert. [4] Sie sind gleichzeitig überschaubar und schneiden den Blick doch vom Größeren und Äußeren ab. Der Autor kann diese, in unserem Wesen seit Generationen veranlagten, Bilder hervorragend nutzen, um eine widersprüchliche, aufregende Atmosphäre zu kreieren. Und ist es nicht letztendlich der Widerspruch, das Ungereimte, das eine Anderswelt definiert?

Betrachten wir die unterirdische Welt Menzoberranzan, Heimat des eigensinnigen Dunkelelfen Drizzt Do’Urden. Der Klappentext erklärt:

„Dies ist das Unterreich, eine geheime Welt unter der bewegten Oberfläche der Vergessenen Welten, deren Himmel von einer Decke aus kühlem Stein gebildet wird und deren Mauern die graue Sanftmut des Todes im Fackelschein der zufällig hierher gelangten törichten Oberflächenbewohner zeigen. Dies ist nicht ihre Welt, nicht die Welt des Lichts. Wer uneingeladen hierher kommt, kehrt meistens nicht zurück…“[5]

Welche Attribute des Kontrastes Schutz – Bedrohung Salvatore hier anspricht, ist klar. Er kreiert eine blutrünstige, hasserfüllte Unterwelt, voller Missgunst und Tücke. Seine Bewohner lauern stets darauf, sich einen Vorteil verschaffen zu können und die Zeitgenossen zu unterdrücken. Der Leser wird in die beklemmend engen und finsteren Gänge des Höhlensystems entführt, wo er anstelle von Action und Schockeffekten nur allzu oft der gespenstischen Stille, der zermürbenden Langsamkeit und der nagenden Kälte begegnet. Hier ist Hel[6]. Nicht die christliche, heiße und pulsierende Hölle, sondern die Unterwelt der nordischen Mythologie, kalt und leblos. In diese Anderswelt (der Leser möge sich fragen, ob eine sich gegenseitig um des eigenen Profits Willen zerfleischende Gesellschaft sehr anders ist, als die unsrige), setzt Salvatore nun einen Lichtpunkt. Drizzt Do’Urden ist ein strahlender Held, der sich in seiner Mission die Höhlenwelt zum Schutz, zum Verbündeten macht. Ich verzichte darauf mehr von der Handlung preiszugeben, um dem Leser ein eigenständiges Erfahren der phantastischen Anderswelt zu ermöglichen.

Stattdessen soll ein weiteres Phänomen der Anderswelten beleuchtet werden: Der cthonische Ort als Medium für eine veränderte Entwicklung der Welt. Edmont Halley, ein britischer Astronom und Mathematiker, veröffentlichte 1692 seine Theorie einer Erde, die nicht vollständig ausgefüllt sei, sondern im Inneren hohl. Diese, unter dem Namen Hollow Earth Theory bekannt gewordene Theorie erfreute sich über etliche Jahrzehnte bis in das 20. Jahrhundert hinein großer Beliebtheit bei Wissenschaftlern, Lyrikern und Esoterikern gleichermaßen.[7] Mit wachsendem wissenschaftlichen Fortschritt nahm ihre Bedeutung für die Geologen ab und für die Literatur zu. Wenn also, so die Vision der Schreiber, eine unterirdische, hohle Welt möglich sei, so könne dort doch ebenfalls Leben möglich sein. Wenn dort Leben möglich sei, so könnte es doch dem auf der Oberfläche ähnlich sein. Wenn Evolution geschieht, so kann sie sich doch auch im Inneren der Erde vollziehen? Durch diese Überlegungen entstanden literarische Gegenstände, die vergangene und zukünftige Zeiten plötzlich nicht mehr unerreichbar, sondern augenblicklich präsent erschienen ließen. Jetzt gerade laufen, viele hunderte oder tausende Kilometer unter des Lesers Füßen, dinosaurierartige Wesen an einem See entlang. In diesem Augenblick diskutiert tief unter dem Meer ein Zirkel Gelehrter Technologien, die hier oben noch nicht erforscht, ja noch nicht einmal entdeckt sind. Zu einem der ersten und populärsten Werke dieser Art zählt Jules Vernes Voyage au centre de la terre.[8] Die Reisenden gelangen durch einen Vulkan in das Erdinnere, wo sie eine Reihe prähistorischer Tiere und Pflanzen vorfinden, bis sie durch einen Vulkanausbruch wieder an die Erdoberfläche gelangen. In der Tradition dieser Fiktion steht auch H.P. Lovecrafts seltsame Pinguinrasse aus Berge des Wahnsinns. In Vergessenheit und abgeschottet von der Entwicklung der Welt auf ihrer Oberfläche, hatte sich diese Art von ihrem gemeinsamen Vorfahren mit dem Oberflächen-Pinguin dahingehend verändert, zu außergewöhnlich großen Tieren zu werden und durch die ewige Dunkelheit ihre Augen zu verlieren.[9]

Für den Leser ist eine detaillierte Beschreibung der physikalischen und biologischen Umstände in den unterirdischen Anderswelten hilfreich und zuweilen reizvoll, aber nicht immer zwingend notwendig. J.R.R. Tolkien lieferte stets höchst präzise Beschreibungen der geographischen Begebenheiten Ardas. So konnte Fonstad durch die Interpretation und Auswertung der gegebenen Informationen sogar Karten der berühmten Höhlenstädte Menegroth, Nargothrond und der „schwarzen Grube“ Moria anfertigen.[10] Alle drei Höhlensysteme unterscheiden sich in ihrer Beschaffenheit, nicht aber in ihrem Schicksal. Menegroth, ein künstlich geschaffenes unterirdisches Gangsystem, war lange Zeit Sitz des Elbenherrschers Thingol. Es wurde von Zwergen systematisch in den Felsenberg geschlagen. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei den Höhlen von Nargothrond (den Narog-Höhlen) um ein natürlich entstandenes Reich, welches von den Bewohnern lediglich ausgebaut wurde. Moria war seit jeher nicht nur eine Wohnstätte, sondern ein wirtschaftliches Unterfangen. Von Durin in ältester Vorzeit entdeckt, entwickelte es sich schnell zu einer Mine von riesigem Ausmaß (ca. 3800 Meter tief, 64 Kilometer vom Hulstentor zum Spiegelsee[11]). Allen drei Höhlenorten ist interessanterweise die Ambivalenz der eingangs beschriebenen Zuschreibungen gemein: Zuerst ein Ort des Schutzes für Thingol, Finrod, Celegorm und viele andere, fielen sie alle letztendlich durch Verrat und Gier. Thingol wurde in Menegroth erschlagen und Feanors Nachkommen mordeten dort in ihrer eigenen Sippe. Nargothrond wurde, wenn auch durch den übermütigen Bau von Túrins Brücke, von dem Drachen Glaurung eingenommen. Moria fiel, als der Balrog aus der alten Zeit befreit wurde und Horden von Orks diese Schwächung des Zwergenvolkes zu nutzen wussten. Tolkien, so scheint es, übermittelt uns folgende Botschaft: Eine Höhle bietet Schutz, solange ihren Ort kein Feind kennt. Wenn dies geschieht, wird sie zur Todesfalle. Jedenfalls evoziert die detaillierte Beschreibung dieser verborgenen Reiche viele Bilder und auch das Wissen über die Dimensionen lässt ein klareres Verständnis entstehen. Die Genauigkeit ist Tolkiens Liebe zu seiner Kreation zu verdanken. Die Sagen Mittelerdes hingegen, würden ebenso gut ohne sie funktionieren. Fonstad meint mit einiger Wahrscheinlichkeit herausgefunden zu haben, dass Nargothrond aus Kalkstein bestand.[12] Ändert dieses Wissen unsere Vorstellung von Glaurungs Schatzkammer? Wenn ja, dann sicher nicht in großem Maße. Wenn andere Autoren uns mit weniger detailverliebten Arbeiten beglücken, so ist dies nicht zwangsläufig ein Makel.

Jules Vernes Champignons kleben nicht wie Antipoden an der Decke, sondern wachsen vom Zentrum der Erde in Richtung Erdkruste. Gibt es also doch noch einen festen Kern in der hohlen Erde? Wovon ernähren sich Lovecrafts Pinguine? Wie verhält es sich mit Sauerstoff und Atmung im Inneren der Erden? Verachten wir diese Werke, in denen vieles im Nebel und unerklärt bleibt? Mitnichten! Rätselhaftes, das in der unterirdischen Anderswelt geschieht ist mitnichten ein Ärgernis, sondern macht den Reiz dieses ganz besonderen literarischen Themas aus, das uns Menschen seit Jahrtausenden fasziniert.

[1] http://www.welt.de/wissenschaft/article123994995/Neandertaler-bestatteten-ihre-Toten-doch-warum.html (Zugriff: 11.09.2016)

[2] http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-gottliche-komodie-5060/2 (Zugriff: 17.09.2016)

[3] http://s893ed170da916027.jimcontent.com/download/version/1418147231/module/5822772751/name/Mutterarchetyp.pdf (Zugriff: 11.09.2016)

[4] Vgl. Eco, U.: „[…] die Höhle mochte ein Ort sein, an dem man den Ungeheuern der Tiefe begegnete, aber auch Zuflucht vor menschlichen Feinden und anderen oberirdischen Unholden fand“ In: Die Geschichte der legendären Länder und Städte. 2013. München: Carl Hanser Verlag

[5] R.A. Salvatore: Der Dritte Sohn. Die Saga vom Dunkelelf 1. 1990: TSR.

[6] http://norse-mythology.org/cosmology/the-nine-worlds/helheim/ (Zugriff: 11.09.2016)

[7] Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch der mythologische Ort Agharta, ein okkultistisches Gebiet unter Zentralasien, welches vor allem durch rassenideologische Deutungen instrumentalisiert wurde.

[8] Verne, J.: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde. 2011: tredition. Leseprobe in der Datenbank des Projekt Gutenberg: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-reise-zum-mittelpunkt-der-erde-4001/1 (Zugriff: 11.09.2016)

[9] Lovecraft, H.P.: Berge des Wahnsinns. 2015. Leipzig: Festa Verlag.

[10] Fonstad, K.W.: Historischer Atlas von Mittelerde. 1994. Stuttgart: Hobbit Presse Klett Cotta.

[11] Vgl. ebd.

[12] Ebd. S.21

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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