Jenseits der profanen Welt – Algernon Blackwoods „Der Zentaur“

von N.-G.H.

In der Weird Fiction gibt es einige Namen um die man schlicht nicht herum kommt – Lovecraft gehört dazu, Clark Ashton Smith und mit Sicherheit auch Arthur Machen. Ein Name ist jedoch so eng mit dem Genre verbunden, dass man sich oft fragen kann, ob das Genre ohne ihn in dieser Form entstanden wäre: Algernon Blackwood. Blackwood wurde am 14. März 1869 als Sohn von Sir Stevenson Arthur Blackwood und Sydney, Duchess of Manchester in Shooter’s Hill (damals in der Grafschaft Kent) geboren. Bereits zu Schulzeiten wurde sein Interesse für die Psychologie geweckt und so begann er 1885 ein Studium im habsburgischen Königsfeld, wechselte 1886 ans Wellington College in Crowthorne, wo er 1887 mit einem Bachelor of Medicine abschloss. Ein Folgestudium brach er 1890 aus mangelndem Interesse ab. Wichtig zum Verständnis der Person ist zudem, dass Blackwood sich sehr für Okkultismus und Theosophie interessierte. Er war unter anderem Mitglied in der Theosophischen Gesellschaft und ab 1910 auch im Hermetic Order of the Golden Dawn, jener berühmten Gesellschaft, der unter anderen auch Arthur Machen angehörte. Anders als etwa Lovecraft, der wissenschaftlich und materialistisch geprägt war, ist Blackwood also eher als ein Autor zu sehen, der einer Anderswelt, ihren Mysterien und ihrer Magie nicht kritisch gegenüberstand, sondern sie als denkbare Möglichkeit betrachtete.

So wundert es auch nicht, dass der vorliegende Roman, Der Zentaur mit Ideen aus dem Bereich der Esoterik und „Erdseele“ aufgreift. Der Protagonist, Terrence O’Malley, ist ein Reiseautor im England des frühen 20. Jahrhunderts. Diese Zeit-Ort-Konstellation ist eine besondere: Als Bürger des British Empire sah man sich als Mitglied der führenden kulturellen und wirtschaftlichen Nation des Planeten. Die viktorianischen Werte steckten immer noch fest in den Köpfen der Menschen, die Industrialisierung und der Kapitalismus hatten Besitz und das Streben nach Reichtum zum gesellschaftlichen Leitbild werden lassen. O`Malley kann mit dieser Welt jedoch nichts anfangen. Er sieht sie als beengend und materialistisch an. Ihm fehlt der spirituelle Kern der Welt, den er in der reinen Natur verwirklicht sieht. Er beschließt eine Reise in den Kaukasus zu machen, eine Region, die er für besonders ursprünglich hält. An Bord des Schiffes, das ihn durchs Mittelmeer bringen soll trifft er seinen alten Reisegefährten und Bekannten, Dr. Stahl und ein seltsames russisches Vater-Sohn-Gespann. In Ihnen erkennt O´Malley im Laufe der Reise seine Verbindung zur mystischen Welt in der alles Teil einer großen Erdseele ist und in der das Natürliche gut und schön ist. Im Kaukasus angekommen muss er sich auf eine beschwerliche Reise machen um den russischen Vater, der Sohn ist an Bord des Schiffes umgekommen, schließlich wiederzufinden. Schließlich taucht O´Malley in die Erdseele ein und wird in eine mystische Welt geleitet. Doch er wird aus dieser wieder herausgerissen und steht vor den Scherben seiner Träume. Dennoch beschließt er nach England zurückzukehren um dort für ein Einswerden mit der Erdseele zu werben.

Dieser Roman ist keine leichte Kost. Er spielt mit den Ideen von Gustav Theodor Fechner (1801-1887) und William James (1842-1910). Beide waren Psychologen und Naturphilosophen, beide vertraten im Groben die These von einer Beseeltheit der Natur. Immer wieder wird aus Werken der beiden (und anderer Autoren) zitiert. Manchmal möchte man glauben, die Handlung des Romans diene nur als Reissbrett auf dem Blackwood die Ideen dieser Autoren durchexerziert. Dies tut er auf höchstem sprachlichen und inhaltlichen Niveau. Auf den ersten Blick wirkt der Text verträumt und etwas romantisierend gegenüber der Natur, doch zeigt sich, dass er diesen idealisierenden Ton wählt um noch konkretere Gegensätze ziehen zu können und tiefer in seine eigene Prämisse einzudringen.

Die Geschichte spielt mit typischen Elementen des Okkultismus der Jahrhundertwende: Ein zentrales Element ist der Vitalismus. Die Lebenskraft ist am stärksten in den ursprünglichen und am wenigsten kultivierten Menschen und Landstrichen zu finden. Sie ist Gradmesser für die Empfänglichkeit des Individuums für die Lehre einer allbelebten Erde. Zudem greift die Geschichte die Idee einer Rückkehr zum utopischen Anfangszustand der Erde und eine Vermischung von mythischer mit realer Welt auf.

Zwar erscheint das Buch in der Reihe „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, doch muss der geneigte Leser gewarnt werden: Weder handelt es sich hierbei um einen „Horrorroman“, noch ist die Verbindung zu Lovecraft sehr groß. Kein Cthulhu-Mythos, kein Cosmicism. Das Buch erschien vornehmlich in dieser Reihe, weil Lovecraft ein begeisterter Blackwood-Leser war und diesen oft lobend erwähnte (meistens Blackwoods Kurzgeschichte „Die Weiden“).

Was ist nun von diesem Buch zu halten? Selten habe ich mich bei einem Buch so schwer getan. Es ist anspruchsvoll, aber wunderschön. Es ist esoterisch, hat aber mystische Tiefe. Es ist altmodisch, aber frisch. Wer sich an eleganter Sprache und romantischer Naturphilosophie erfreuen kann, wird hier auf seine Kosten kommen. Wer jedoch nicht bereit ist über den Tellerrand zu schauen, wird das Buch fluchend zur Seite legen. Mir hat es gefallen. Dennoch, so denke ich, sollte ich es mit etwas Abstand erneut lesen um noch mehr in ihm zu entdecken.

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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2 Antworten zu Jenseits der profanen Welt – Algernon Blackwoods „Der Zentaur“

  1. Blackdiablo schreibt:

    Dazu sei noch das Schlagwort Transzendentalismusströmung genannt, in dessen Tradition ich Blackwood sehe.

    Die Verknüpfung zu Lovecraft entsteht insbesonders dadurch, dass das Motto von „Der Ruf des Cthulhu“ aus besagtem Roman von Blackwood stammt. Im Gegensatz zu Blackwoods verzaubertem Kosmosbegriff, bei dem eine melancholische verloren gegangene Einheit von Individuum und Welt heraufbeschworen wird, steht die sich schleichend verlierende Distanz außerweltlicher Schrecken entgegen unserem Rationalismus bei Lovecraft. Eines jener ‚mythischen Wesen‘ aus dem Motto stellt bei Lovecraft Cthulhu dar, der jedoch einen Fremdkörper in einer rationalisierten Welt repräsentiert. Der anzustrebende Zustand bei Blackwood wäre eben die Annäherung des Materialismus zum Idealismus. Nicht nur divergieren diese Kosmikbegriffe stark, sondern Lovecrafts ist die erschreckende Perversion des Kosmikbegriffs von Blackwood.

    Mit freundlichen Grüßen
    Blackdiablo

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    • N.-G.H. schreibt:

      Hallo Blackdiablo,
      Ein paar sehr gute und richtige Ergänzungen!
      Dem Lovecraft-Enthusiasten stößt natürlich Blackwoods Cosmicism auf, da dieser all das umfasst, was Lovecraft nicht ist.
      Letztlich war Lovecraft wohl mehr vom Effekt als vom Inhalt des Blackwoodschen Werkes fasziniert. EIne ähnliche Umdeutung von Konzeptionen beobachtet man ja unter anderem dann wieder bei August Derleth, der Loveraft zum Anlass nimmt ganz anders gelagerte Geschichten zu verfassen.
      Letzten Endes dienen diese Referenz-Geschichten ihren Nachfolgern doch nur als Reibungspunkt an dem sie ihre eigenen Geschichten entfachen.

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