Wanck iXT

von: Don Leachim

Jim stand am Rande seines Wohnzimmers, das eigentlich nur aus einem sehr großen, kreisrunden Raum bestand. Pilzförmig erhob sich dieses Zimmer, ellipsenförmig und komplett Glas-überdeckt auf einem Stiel, 200m über einer endlosen Prärie. Im Stiel auf dem Boden waren die Garagen. Gelegentlich zogen riesige Herden Bisons über die Prärie. Jim spähte angestrengt in die Ferne. Diesmal sollte ihm der Leitbulle nicht entgehen, diesmal würde er ihn mit seinem Spezialfahrzeug fertigmachen. Diesmal würde er ihm, die mit Stacheln gespickte Ramme direkt in die Schulter jagen. Das Blut würde auf seine Frontscheibe spritzen und er würde wissen, dass er der alleinige Herrscher der Prärie wäre. Das würde ihm diese Kraft, dieses Bewusstsein und die nötige Kampfstärke gegen die Trox geben, die seit Jahren die Erde bedrohen.

Er musste lächeln, als ihm das letzte Treffen mit Tabea in den Sinn kam. Er wusste jetzt, wie sich Küssen anfühlt. Sie lagen auf ihrem gemeinsamen Lieblingsplatz. Tabea hatte Jim in den Arm genommen und streichelte seinen Kopf. Sie waren auf ihrem Planeten, den sie selbst erschaffen hatten. Am Fuße eines Wasserfalls im warmen Sonnenlicht. Sanfte wunderbare Geräusche kamen aus dem Urwald um sie herum. Über dem Wasserfall leuchtete ein Regenbogen und aus dem herabfallenden Wasser flogen immer wieder bunte Papageien in schillernden Farben davon. Tabea hatte immer so gute Ideen. Diesen Teil des Planeten hatte sie geschaffen. Das Ufer an dem sie lagen war von Blumen umsäumt. Bei einer Blüte rollte sich eine Lakritzschnecke der Hand entgegen, wenn man sie berühren wollte. Silberne Fischchen sprangen aus dem Wasser hervor, um gleich wieder darin einzutauchen. Ganz kurz kam ihm der Gedanke, wenn er Tabea nicht bald küssen dürfte, würde er sie wegwünschen. Aber dann wäre auch ihr gemeinsamer Planet weg und das würde er nicht übers Herz bringen.  Es war alles so sanft und friedlich. Und dann sprach Tabea unerwartet leise und sanft: sie müsse nun gehen aber er dürfe sie nun küssen. Es war wunderbar. „Aber warum können wir nicht zusammenbleiben?“, fragte Jim. Und sie antwortete mit einem Augenzwinkern: „So sind wir Femmels eben“. Dann ging Tabea. Sie hatte sich auf einen großen Stein gestellt und drehte ihm den Rücken zu, zog ihre kurze Jeans und ihr T-Shirt aus und aus ihrem Rücken wuchsen durchsichtige Libellenflügel. Sie flog davon. In ihrer Flugbahn platzten kleine leuchtende Sternchen. Sie zog einen Sternenschweif hinter sich her und verschwand in den Urwald.

Jim war ganz benommen von dieser Erinnerung besann sich dann. Er wollte nun speisen und wünschte sich Milchreis mit Zucker und Zimt. In dem großen Raum war ein 4m großes Becken, das füllte sich nun mit Milchreis. Normalerweise war das Becken mit Naschsachen gefüllt die er so liebte. Er hatte Geparden die mit ihm aßen, mit denen er zusammenlebte, damit er sich nicht so alleine fühlte. Er hatte sich gewünscht, dass sie keine Zähne und keine Krallen haben, denn davor hatte er Angst. Es war lustig, wenn sie, was vorkam, das Essen schlürften statt es aufzulecken. Die ganze große Fläche seines Zimmers war flauschig ausgelegt und wenn er schlafen wollte, brauchte er sich nur fallenlassen. Doch er wollte gleich nach dem Essen mit der Planetarischen Kampftruppe die Trox angreifen.

Es saß in seinem Kampfgleiter und von allen Seiten blitzten die Astralgeschosse. Mitten im Kampf war seine Konzentration aufs Äußerste gesteigert, als er bemerkte das ihm übel wurde. Ihm war schlecht, und er konnte seine Armaturen nicht mehr deuten, alles verschwamm vor seinen Augen und die Bouncy-Musik war nur noch ein Rauschen.

„Kraftfeld aktivieren, Kampfgas aktivieren, Nährflüssigkeit nachfüllen, magnetische Felder illuminieren, …!……….?…..“

Alles ging durcheinander und er verlor das Bewusstsein.

Als er wieder aufwachte, befand er sich in einer Senke auf einem staubigen Planeten. Sein Raumgleiter zeigte keine Kampfspuren, war einfach notgelandet. Jim schoss es durch den Kopf: Sie haben eine neue Waffe! Sie beeinflussen sein Hirn, sein Denken bis zur Ohnmacht, bis zur Kampfunfähigkeit und es gab kein Mittel dagegen. Er kannte das +*Astrale Wissen*+.

Er war ihr Opfer, immer wieder überkam ihn Schwindel und Müdigkeit, er konnte nur noch lethargisch in der Schale liegen, das Essen schmeckte nicht mehr.

Der Rettungsdienst brach die Wohnungstür auf. Ein Junge hatte Hilfe geholt, weil Jim sich nicht mehr in der Wanck Komuniti*+ zeigte. Sie öffneten das Gerät und holten Jim aus dem Softpunch, der sehr eng war. Er war viel zu lang im Wanck gewesen. Die angegebene Spielzeit war um 2 Monate überschritten, zudem war kein Tropfen Nährflüssigkeit im Behälter. Die Eltern waren immer noch nicht aus dem Urlaub zurück. Jim hatte nicht mitgewollt und die Eltern wollten ihn auch nicht mithaben. Und so hatten sie sich im Guten geeinigt. Jim war ja schon alt genug.

Inzwischen waren alle froh, dass Jim nach vielen Mühen wieder zu Kräften kam. Er hatte zugenommen und war körperlich wieder auf dem besten Wege. Aber er war noch verwirrt und man hatte große Sorge, ob er sich wiederfinden würde.

Jim glaubte die Trox haben ihn auf einen Strafplaneten gebracht und er wollte mit diesen -face-Typen die mit ihm sprachen nichts zu tun haben. Er kratzte und biss, und musste vereinzelt werden. Er murmelte immer wieder, mit zusammengekniffenen Augen „Ich wünsch‘ mir, dass ich wieder zu Hause bin“. Jim fühlte eine endlose Traurigkeit, alle Gefühle sammelten sich in der Betrachtung seiner Hände: die Fingernägel, die Struktur der Oberfläche. Darunter konnte er die Adern erkennen, die Sehnen, sie waren eiskalt und nass, aber es waren nicht mehr seine Hände.

 Die Ärzte meinten, die Eltern sollten versuchen sich ihrem Sohn über das Wanck iXT–System zu nähern, indem sie ihn auf seinem Planeten besuchten. Sie sollten sich mit den Wanck iXT-Technikern in Verbindung setzen. „Es kann ganz schnell gehen, bis sie ihren Sohn wiederhaben, es kann aber auch Jahre dauern. Ein Versuch ist es auf alle Fälle wert“.

Wanck iXT-News Titelte:

Junge überschreitet die maximale Spielzeit um 2 Monate. Das Überschreiten der maximalen Spielzeit kommt immer häufiger vor, aber 2 Monate ist der absolute Rekord. Die Ärzte sind zuversichtlich. Der Junge wird wohl nach einer Auszeit wieder voll in die Wanck iXT-Komuniti*+ einsteigen.

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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