Unter den Rabenklippen

ein Round Robin

von: N.G.H., The Colourful Wilbur und Bartok
N.G.H.

Die Waldarbeiter die mich am 6. Januar 2015 im Wald vor Bad Harzburg bewusstlos fanden, glaubten meine Geschichte nicht. Sie hatten mich völlig durchnässt, aber in keiner Form unterkühlt, nein, eher bei warmer Körpertemperatur am Wegesrand gefunden und nach längeren Versuchen mich zu wecken, war es ihnen gelungen. Es ist nun über ein Jahr her und noch heute weiß ich nicht, ob ich mir selbst trauen darf. Nach dieser Nacht habe ich meine Anstellung bei der Versicherung gekündigt und verbringe seitdem jede freie Minute damit Nachforschungen zu betreiben, die mir helfen sollen zu verstehen was sich dort ereignete.
Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass die Welt, die wir bewusst wahrnehmen nur eine Art Schutzmechanismus des Geistes ist. Der Mensch ist nicht im Stande die inneren Antriebe und Mechaniken der Unendlichkeit und der Kräfte des Kosmos zu verstehen. Nur durch eine Brille der Ignoranz ist es uns erlaubt gesunden Geistes aus dem Abgrund zu starren und jene, die in schimmel-schwarzen Zellen kauern und die kosmischen Wahrheiten kennen, werden von uns nicht als Propheten verehrt, sondern viel mehr bemitleidet in der Annahme, sie seien gestört. Doch wie viel mehr Wahrheit liegt in den gestotterten Worten des in der Psychiatrie in Schleswig untergebrachten Maximilian Leibner, als in den Phrasen unserer „modernen Wissenschaft“? Und wer vermag schon ruhigen Blutes zu berichten, was sich in Skellerup, nahe Flensburg, einst abspielte?
Doch nun möchte ich von dem berichten, was in jener Nacht – aus meiner Sicht, denn ich bin der einzige Augenzeuge – geschah, in der Hoffnung, dass diese Zeilen andere erreichen, die, wie ich, hinter die Schleier geschaut haben.
Ich hatte mich sehr auf die Wandertage im Harz gefreut und bereits am 4. Januar meine geräumige Ferienwohnung in der Altstadt von Goslar bezogen, von der aus ich mehrere kleine Wanderausflüge in die Region machen wollte. Gerade die schiefergedeckten Fachwerkhäuser dieser mittlerweile eher verschlafenen Region hatten es mir angetan. Es sind Orte wie diese, die das Herz des Historikers höher schlagen lassen und so gehörte nicht nur die gebieterische Kaiserpfalz zu meinem touristischen Programm, sondern auch die Harzburg, jene Höhenburg, die dem Ort seinen Namen verlieh. Die Berge dieser Region bildeten für einen Mann wie mich, der sonst nur die seichten Horizonte der Küste gewöhnt ist einen besonderen Reiz. Doch denke ich heute voller Unbehagen daran zurück, was ich in den dunklen Schluchten jener Wälder erlebte, die so viel mehr Leben in sich aufgesogen haben, als es die jämmerlichen Kulturwälder meiner Heimat je imstande sein werden.
Ich hatte nur einen leichten Rucksack mit etwas zu Essen und zu Trinken, sowie einer Karte bei mir, da ich plante die Nacht in einer der vielen Pensionen im Ort zu verbringen. Es muss gegen 16 Uhr gewesen sein, dass ich in Bad Harzburg ankam. Der Weg war anstrengend gewesen und der frisch gefallene Schnee hatte diese Etappe zwar in einen besonders malerischen Rahmen gelegt, doch merkte ich, dass ich durch den weichen Neuschnee sehr viel mehr Kraft investieren musste, als ich gehofft hatte. Daher beschloss ich meinem Plan untreu zu werden und suchte mir einen etwas bequemeren Weg von der im Tal gelegenen Ortschaft zur Harzburg. Im kleinen Touristenbüro in der Ortschaft saß eine junge Frau von vielleicht 25 Jahren. Auf meine Frage ob es einen bequemen Weg gäbe den Berg zu erklimmen, verwies sie mich mit einem freundlichen Lächeln auf die alte Seilbahn. Gerade als ich dankend das Büro verlassen wollte, erinnerte sie mich noch daran, dass die Seilbahn aber nur bis 18 Uhr in Betrieb ist und ich vielleicht, sofern ich heute noch auf den Berg wollte, zu Fuß zurück ins Tal müsse.
Mit einer kleinen, fast antiken Seilbahngondel gelangte ich vom Stadtkern hoch zur Harzburg. Diese alten Steine übten eine sagenhafte Anziehung auf mich aus und so beschloss ich in den Bergen um die Burgruine den Abend zu verbringen. Je höher ich kam, desto kälter wurde es mir. Irgendwann hatte ich das Gefühl am höchsten Punkt der Welt zu sein, auch wenn ich mir bewusst darüber war, dass dieser Eindruck meiner Euphorie entsprungen war. In einem Prospekt, den ich mir noch in Goslar mitgenommen hatte, fand ich einen Hinweis auf die Gaststätte „Rabenklippen“ und wurde neugierig. Die Beschilderung in den Bergen um Bad Harzburg war sehr gut und so konnte ich abschätzen, dass ich gegen 18.00 Uhr in der Gaststätte ankommen würde. Die Rabenklippen waren eine wunderschöne Felsformation, die sich einem Vorsprung gleich erhob und direkt neben ihnen lag ein Gasthaus gleichen Namens. Bei meiner Ankunft stellte ich fest, dass dort auch ein größeres umzäuntes Gehege angelegt war in dem halbwilde Luchse eine Heimat gefunden hatten.
Als ich in die Schankstube kam, war es draußen bereits dunkel. Vielleicht ein halbes Dutzend Menschen tummelten sich noch in dem großen Raum, hauptsächlich Touristen, wie ich bald anhand der Gespräche der Leute bemerkte. Die meisten Touristen haben eine sehr auffällige Art sich in einer fremden Umgebung zu verhalten. Ich wollte mich nach dem langen Marsch aufwärmen und bestellte mir einen heißen Kakao mit Schuss. Schnell leerte sich die Stube und ich saß alleine da. In der Zwischenzeit hatte ich noch zwei weitere Becher getrunken und mittlerweile merkte ich, wie sich ein wohliges Gefühl der Wärme in mir ausbreitete. Es war 20 Uhr, als der Wirt mich bat nun zu gehen, da er für heute dicht machen wollte. Mit einem freundlichen Nicken beglich ich meine Schulden und gab zudem noch ein großzügiges Trinkgeld. Als ich aus der Schankstube ging, kam ich zuerst in eine Art zugigen Vorraum für Raucher und erst dann ins Freie. Daher traf mich die nächtliche Kälte nicht ganz so überraschend und ich stapfte fröhlich am Luchs-Gehege vorbei. Eine dieser edlen Wildkatzen strich neben mir auf der anderen Seite des Zauns entlang und beobachtete mich aufmerksam.
Unweit des Geheges gab es eine kleine provisorische Bushaltestelle, um die Touristen und Wanderer bequem ins Tal zurück zu fahren. Doch leider musste ich feststellen, dass ich den letzten Bus anscheinend gerade verpasst hatte. Also beschloss ich zu Fuß ins Tal zurück zu laufen. Ich dürfte spätestens um 22 Uhr am Hotel ankommen, davon war ich überzeugt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, dass die folgenden Stunden mein Leben für immer verändern sollten.
Ich muss etwa eine halbe Stunde unterwegs gewesen sein, als ich merkte, dass ich die Orientierung verloren hatte. Ich stand an einer Weggabelung und entschied mich für den linken Pfad.
Obwohl ich stetig in Bewegung war kroch mir die Kälte immer tiefer in die Knochen und irgendwann spürte ich, dass irgendetwas da war. Zuerst mutmaßte ich, dass es wohl ein Vogel sein müsse, der irgendwo im Unterholz wühlte. Doch dann viel mir auf, dass die Geräusche zu schwerfällig für einen Vogel waren. Sicherlich wuselte nur eine Katze durchs Gebüsch. Einige Zeit später, es können aber nicht mehr als fünf Minuten gewesen sein, hörte ich das Geräusch wieder. Ich drehte mich neugierig um. Vielleicht war es eine Halluzination, aber ich schwöre, dass ich einen kurzen Augenblick zwei leuchtende Punkte im Schwarz des Waldes ausmachte. War etwa einer der Luchse aus dem Gehege entkommen und streifte nun auf der Suche nach etwas Essbarem durch den Wald? Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Das Rascheln wurde immer regelmäßiger und deutlicher. Mittlerweile spürte ich meinen Puls in meiner Schläfe hämmern. Es war weniger eine rationale Entscheidung, als ein instinktives Relikt unserer animalischen Vorfahren, doch aus Furcht begann ich zu laufen. Ich kämpfte mich durch den kalten, schwarzen Wald, doch der Boden war schmierig vom Schnee und so kam ich ins Schlittern. Ich versuchte immer wieder meinen Lauf dem Boden anzupassen, doch bei einer Kurve an einem Abhang gelang es mir nicht und so rutschte ich, bis ich über die Klippe fiel. Schmerzhaft presste sich die Luft aus meinen Lungen, als ich mit aller Wucht auf dem Boden aufkam. Einige Minuten lag ich nur da, nicht wissend ob ich mir etwas gebrochen hatte oder ob ich noch verfolgt wurde. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich die Kraft finden mich aufzurichten. Meine Glieder schmerzten und meine Hose war zerrissen, doch gebrochen war anscheinend nichts. Ich schaute nach oben, um zu sehen wie tief ich gefallen war. Es waren etwa sechs Meter von der Klippe bis zu meiner jetzigen Position – ich hatte also Glück gehabt. Doch wo war ich hier? Die Klippe zu erklimmen kam nicht in Frage, also müsste ich mir meinen Weg durch das Dickicht des Waldes suchen. Ich war davon überzeugt, dass ich im Tal ankommen musste, wenn ich mich immer bergab halten würde. Ich fror. Doch noch bevor ich mich durchs Laufen aufwärmen konnte erblickte ich etwas Seltsames: keine hundert Meter von meiner Position sah ich ein sanftes Licht, ähnlich dem einer gedämpften Lampe. Neugier und der Wunsch dem winterlichen Wald zu entkommen brachten mich dazu auf das Licht zuzugehen. Als ich näher kam, hörte ich leise Flötenmusik. Nun, keine fünf Meter von der Lichtquelle entfernt, war ich nah genug herangekommen um mir ein Bild der Situation zu machen: Dort war eine Lichtung von etwa zehn Metern im Durchmesser. Von ihr kamen die Klänge, von ihr kam das Licht, doch ließ sich keine genaue Quelle ausmachen. Es war eher, als sei die Lichtung in einen Schleier aus diffusem Licht gehüllt, dass sich wie fließender, zäher Honig ausbreitete. Das Licht erinnerte mich an das warme, fast kriechende Licht kurz bevor im Sommer die Sonne untergegangen ist. Doch als wäre all das noch nicht genug, war der Boden auf dieser kleinen Insel der Wunder nicht mit Schnee bedeckt, nicht einmal mit verrottendem Laub, der Boden auf der Lichtung war der einer grünen Wiese. Ich denke voller Schrecken an die Passagen in den Schriften des Cyprianus, die ich unlängst bei meinen Nachforschungen entdeckte! Spielte der Alkohol und die Panik meinem Verstand einen Streich? Ich wusste es nicht, doch war die Neugier stärker als die Skepsis und so beschloss ich auf die Lichtung zu treten.

The Colourful Wilbur

Welch ein majestätisches Bild bot sich mir nun dar. Ich trat durch einen goldenen Schleier und befand mich in einer funkelnden, ätherischen Welt ohne Zeit. Der Boden unter meinen Füßen war übersät von bunten Blumen und Kräutern. Die hünenhaften Buchen rings um mich standen ruhig und mächtig.
Ich persönlich habe Feen immer verachtet. Sie sind ein erbarmungswürdiges Produkt der Kitschindustrie und haben nichts mehr mit ihren sagenumwobenen nordischen Vorbildern gemein. Doch hier hätten diese unsäglichen kleinen Flügelwesen, trunken im güld‘nen Lichte auf halber Höhe torkelnd, sehr gut ins Bild gepasst. Glücklicherweise sah ich keine solchen Erscheinungen und auch als mein wortloses Staunen schlussendlich nachließ und ich wieder fähig war mich zu bewegen ließen sie sich nicht blicken.
Ich schärfte meinen Geist und wies ihn in seine Schranken: Dies kann nicht sein, das wissen wir beide. Was kann nun also passiert sein? War ich im Dunkeln abgerutscht, oder gegen einen Baum gelaufen und verhauchte just in diesem Moment unter den nahen Rabenklippen mein Leben aus. Falls ja, muss ich gestehen, habe ich mir das Sterben immer etwas radikaler vorgestellt… Ich denke doch noch?! Zweite Möglichkeit: Einer dieser amüsiersüchtigen Touristen hatte mir etwas in mein Getränk getan. Dies ist gut möglich, denn direkt nach den Feen sind Touristen das schlimmste Pack. Keiner von ihnen ist sich der uralten Geschichte dieses Gebietes bewusst. Sie kennen seine Legenden nicht, spüren nicht den Puls, den die Natur hier wie eh und je ausstrahlt. Sie kommen, um den Schierker Feuerstein zu trinken und sich später damit zu rühmen sie wären dort gewesen, wo der Goethe wohl auch mal war. Diesen ist alles zuzutrauen. Doch hatte mich nicht etwas verfolgt? Etwas katzenhaftes, das sich flink und sicher in der Dunkelheit bewegte. Keiner von diesen schwermütigen, schwerfälligen und schwerzüngigen Trotteln wäre dazu noch imstande gewesen. Während ich überlegte, ob ich diese goldene Lichtung verlassen solle, hörte ich hinter mir ein Rascheln im Gebüsch. Ich fuhr herum und sah eine Gestalt in den Kreis treten.
Jene Gestalt war höchst ungewöhnlich gekleidet. Zwar sagt man den Bewohnern der Harzregion nicht zu Unrecht eine gewisse Rückständigkeit nach, doch dies erklärte nicht das Bild, das sich mir bot. Die Gestalt war ganz und gar in Lumpen und Pelze gekleidet. Ein ernst zu nehmender Schneider hätte sich heutzutage nicht zu einer solchen tölpelhaften Verarbeitung hinreißen lassen, selbst wenn er vorgehabt hätte die Kleidung der Wildheger des 14. Jahrhunderts nachzuahmen. Ich sprach zu ihm: „Tritt näher du Halunke! Wolltest dir wohl einen Spaß mit mir erlauben? Ich falle nicht drauf rein.“ Und als er nicht reagierte überkam mich ein wenig Furcht und ich entschied in den Angriff überzugehen. „Lächerlich siehst du aus, du alter Herumtreiber. Willst‘ wohl mein Geld, was? Das bekommst du nicht. Ich boxe seit 10 Jahren. Komm ja nicht näher!“
Plötzlich blieb der Mann – ich vermutete anhand der Körperstatur es wäre einer – stehen und warf die lange Jacke aus Lederfetzen und Stoffstreifen ab und hob seinen Blick. Mich durchfuhr es heiß und kalt zugleich. Die Augen des Fremden funkelten gelb-grünlich, so dass kein Zweifel bestehen konnte: Dies waren die Augen die mich verfolgt hatten. Dies waren die Augen, wie man sie vom Lynx Lynx, vom eurasischen Luchs kennt. Nie zuvor hatte ich solche Jägeraugen bei einem Menschen gesehen. Ich scheiterte beim Versuch das Alter meines Verfolgers zu schätzen. Er mochte ebenso jung und kräftig sein, wie seine Züge ein hohes Alter und viele Jahreszeitenwechsel offenbarten. Er hob seine linke Handfläche und Schwindel schlug sich vor mir nieder. Zwischen den Buchen, wo sich bisher der winterliche Wald abzeichnete konnte ich nun nur noch tiefe Schwärze sehen – nur noch unser goldenes Refugium war da. Im Zentrum des etwa 25 m umfassenden Kreises entstand in jenem Moment ein prasselndes Feuer. Die gestrengen und todbringenden Augen des Fremden zwangen mich meinen Blick in das Feuer zu wenden und ich musste sehen.
Heiß schlug mir die Lohe entgegen und meine Augen schmerzten. Doch wagte ich es nicht die Lider zu schließen und so begannen sich die Flammen zu Formen und Mustern zu vereinen und schon nach kurzer Zeit fand ich die Wälder und Städte der Harzregion darin. Verändert sahen sie aus: Mir bekannte Kirchtürme ragten strahlend und unversehrt vor mir auf. Die modernen Gasthäuser und Souvenirgeschäfte fehlten. Ich beobachtete, wie plötzlich ein Dach abgedeckt wurde. Nach und nach verschwanden auch der Dachstuhl und die Fachwerkgemäuer, bis zuletzt auch das hölzerne Skelett verschwand. Ich begriff nun, dass die Zeit rückwärts lief. Immer schneller verflog die Zeit und ganze Dörfer und Städte verschwanden und der Wald rückte immer weiter vor. Wo eben noch kräftige Roggenfelder waren, eroberte der ursprüngliche Nadelwald, den zu sehen ein Grund für meine Reise gewesen war, nun sein Terrain zurück. Nun stand alles still und mir wurden einzelne szenische Bilder und Ereignisse offenbar.
Ich beobachtete nun eine winzige Hütte am Rande des grünen Meeres vor mir. Ich erkannte, dass es ein Häuschen an den Rabenfelsen gelegen sein musste, denn diese ragten dort empor, bis heute unverändert. Eine junge Kräutersammlerin lebte dort. Die Wirren eines dunklen Zeitalters trugen ihr einen verlorengegangenen Söldnerburschen zu und die beiden liebten sich für eine Weile. Mir ist nicht klar, was passiert war, aber die junge Frau zog den kleinen Jungen der aus dieser Verbindung entsprang allein groß. Bald kannte der Knabe die weiten Wälder wie seine Westentasche und streifte oft tagelang darin umher. Er kannte die Fährten der Wildtiere, wusste welche Beeren essbar waren und welche Heilkräfte besaßen. Auch wusste er, wo es schmackhafte Pilze zu finden gab und wie man sich einen sicheren Unterschlupf für die Nacht errichtete. Viele Jahre strichen so ins Land und Mutter und Sohn lebten in Eintracht, bis eines Tages die Katastrophe eintraf. Eines Nachts näherten sich an die fünfzig Personen aus einem Dorf in der Nähe. Die Pest hatte sie gezeichnet und viele von ihnen waren betrunken. Sie trugen Fackeln und grölten hasserfüllte Parolen. Die Mutter war längst nicht mehr schön anzusehen – sie hatte ein paar Narben von einer Pockenerkrankung davongetragen. Auch konnte sie nicht mehr gerade stehen und viele Bewegungen erzeugten großen Schmerz, so dass sie sich stets über einen krummen Stock beugen musste. Diese Frau, die ihr Leben lang Dienerin und nicht Herrscherin der Natur gewesen war, hatten die Dörfler nun als Hexe, und somit als Ursache der Pestwelle, erkannt.
Ich erspare mir an dieser Stelle die Beschreibung der furchbaren Schreie jener Frau. Sie wurden gottlob bald übertönt durch die geifernden, irrsinnigen Flüche der teuflischen Menge, die sie auf den Scheiterhaufen gezerrt hatte. Während ich voller Abscheu darauf schaute, wie sich brave Bürger, die durch Indoktrinierungen und Masseneffekte zu einer schäumenden mordlüsternen Horde geworden waren, an dem qualvollen Ableben einer reinen, unschuldigen Frau ergötzten, bemerkte ich plötzlich etwas am Rande des Geschehens.
Ruhig stand dort der Sohn der Waldfrau, die Augen fest auf die schwarzen Reste seiner Mutter gerichtet. Ich hörte seine Gedanken in meinem Kopf widerhallen: Fünfzig Teufel raubten unter den Rabenklippen eine Seele, die fünfzig ihrer eignen wert. Dies darf nicht ungesühnt sein. Ich soll nicht eher ruhen, als bis ich an dieser Stell‘ habe zurückgezahlt fünfzig Seelen der Ihren. Die Dörfler waren zu beschäftigt damit, den Bonifatius und andere Heilige, die ihnen gerade einfielen anzurufen in der Hoffnung die schwarzen Beulen wären morgen fort, als dass sie bemerken könnten, wie zwischen den Buchen unter den Rabenklippen ein Luchs auf leisen Sohlen in der kalten Nacht verschwand.
Der Bann der mich gehalten hatte fiel nun von mir ab. Ich hatte Klarheit. Ich wusste, warum ich an diesem Ort verweilte und was mit mir geschehen sollte. Ich musste fliehen.

Bartok

Ich rannte. Oh, wie ich rannte! Durch das Dickicht, spürte jeden Zweig, der mir ins Gesicht schlug, wie der Hieb einer Peitsche. Ich wurde bestraft für etwas das ich nicht getan hatte. Wie alltäglich in einer so grausamen Welt. Einer der unzähligen, dürren Finger stach mir ins Auge. Ich riss meine Hände hoch, schirmte mit ihnen meine Augen und streifte einen Baum. Ich verlor das Gleichgewicht und stolperte über ein paar tote Äste halb im Schnee vergraben. Wie unfair es doch war, dachte ich, mein Gesicht in der „weißen“ Decke der Welt vergraben, dass der Schnee des Nachts so unrein war. Als sei er ein Leichentuch. Als sei der Kampf zwischen Gut und Böse entschieden. Ich habe mich immer zu Antihelden hingezogen gefühlt. Manchmal sogar zu Schurken. Wer bekommt keine Gänsehaut (der guten Art), wenn er den Imperial March hört. In vielen Geschichten heißt es, dass es eine Balance zwischen Gut und Böse geben muss. Wie sehr ich in jenem Moment doch darauf geschissen habe. Die Welt hätte ein utopisches Paradies sein können über dem die Sonne niemals unterging und Menschen Regenbögen pissten. Mir wäre es recht gewesen.
Die Bestie kam näher.
Ich drückte mich hoch, zog mein rechtes Bein an, um den ersten Schritt zu machen und fiel wieder zu Boden. Meine Schnürsenkel hatten sich im Wirrwarr der Äste verfangen. Die gelben Augen des Jägers stachen durch die Dunkelheit. Ich war mir sicher, dass ich sie sogar noch sehen würde, schlösse ich meine eigenen. Ich machte mich an meinen Schnürsenkeln zu schaffen, doch meine Finger waren furchtbar kalt, ich spürte sie kaum noch. Sie sterben als erstes, erkannte ich, wie passend für einen Dieb. Noch einmal sah ich auf. Die Bestie bewegte sich ohne Eile. Sie war so selbstsicher. So davon überzeugt, dass sie Opfer nicht entkommen würde. Als wüsste sie, dass ich unfähig war, eine Enttäuschung. Aber das stimmte nicht. Das ist eine Lüge!
„Hörst du mich, du Schwanzlutscher! Das ist nicht wahr!“
Ich dachte ich hätte das Krächzen eines Raben gehört, doch der Wald war still. Da war nur das Knarzen des Schnees unter den schweren Stiefeln meines Blutrichters. Ich zitterte am ganzen Körper. Ihr seid als nächstes dran, dachte ich und zog meinen Fuß aus dem verlorenen Schuh, wie passend für einen Fluchtfahrer.
Ich rannte, humpelte. Und spürte seinen kühlen Atem in meinem Nacken. Ich wirbelte herum, doch er war nicht da. Ich drehte mich, vielleicht war es aber auch der Wald gewesen, der nach der Pfeife der Bestie tanzte. Da war etwas, es kam aus der Dunkelheit, kam aus ihr gekrochen, wie das Monster selbst, das Monster das jenen Klang mit sich gebracht haben musste. Die Flötenmusik war nicht mehr wohlklingend, sondern misstönend. Sie klang wie das ferne Kreischen einer gemarterten Frau.
Ich stützte mich mit den Händen auf meinen Oberschenkeln ab, doch das Ziehen in meiner Magengrube war zu peinigend, als das ich mich auf den Beinen hätte halten können. Ich fiel auf die Knie und erbrach den heißen Kakao, dessen Wirkung lange verflogen war. Rotz und Speichel hingen aus Nase und Mund und wären wahrscheinlich zu Eiszapfen gefroren hätte ich aufgegeben und mich nicht mehr bewegt. Ich schlang meine Arme um meinen Körper.
Der Wind deutete sein Kommen an. Er prallte gegen mich und sandte mich in den weichen, betäubenden Schnee. Es würde nur ein bisschen wehtun, dachte ich. Wie das Piksen einer Nadel vom Doktor. Der Luchs fletschte die Lefzen und ich roch den Gestank seiner Opfer. Einmal mehr erlangte ich die Kraft des Überlebenden, der alles tun würde, um seine eigene Haut zu retten.
Ich drückte ihn zur Seite und rollte unter ihm hervor. Der Luchs landete im Schnee neben mir (nicht auf allen Vieren) und fauchte mich an, doch ich war bereits aufgesprungen und rannte wieder. Aber wohin? Nach Norden? Nach Süden? Aufwärts oder abwärts? Würde ich bald erwachen oder verlor ich mich immer tiefer in diesem Albtraum? Es war so dunkel.
Ich hätte schwören können, dass ein großer Mond (größer als man ihn in der Stadt sieht) über den Nachthimmel gezogen war, als ich meinen Abstieg begonnen habe. Doch kein fahles Licht fiel mehr von ihm herab. Er versteckte sich nicht hinter irgendwelchen Wolken, die beinahe unbemerkt durch die Nacht trieben; noch immer sah ich ein Heer von Sternen, doch ihr Licht war nicht hell genug und orientieren konnte ich mich an ihnen auch nicht, denn es waren so viele und sie bewegten sich wie Glühwürmchen. Ich streckte meine Hand nach ihnen aus und ein Schock schoss durch meinen Körper, meine Muskeln spannten sich an und ich konnte nicht atmen. Der Nachthimmel erbebte, Wellen gingen von meiner Hand aus, wie von einem gefüllten Sack der in einen See geworfen wurde. Die Sterne tanzten um meine Hand herum. Ich lachte und glaubte wieder das Krächzen eines Raben zu hören.
Und hinter einer schwarzen Wolke trat ein roter Mond hervor und der Mond hatte die Augen einer Bestie und den Mund eines Mannes der gehässig lachte, mich auslachte und die Schatten der dürren Äste schlängelten sich über den Schnee und streckten sich mir gierig entgegen denn sie waren so hungrig. So hungrig! Ich wusste nicht was zur Hölle los war, ok? Ich weiß es nicht! Aber sie kamen näher, lautlos und ich konnte mich nicht bewegen, denn meine Hand wurde von den Sternen festgehalten. „Lass mich gehen!“, schrie ich unter Tränen. Die Schatten krochen über das Leichentuch in das sie mich wickeln wollten, unaufhaltsam, nur noch wenige Zentimeter von meinem nur noch in einer Socke steckenden Fuß entfernt.
Ich sah Blut im Schnee. Ein Tropfen des roten Lebenssafts fiel auf dieselbe Stelle wo andere sich bereits mit dem Schnee vereinigt hatten. Dann noch einer. Blut sickerte aus meinem Ärmel an meiner Hand runter. Meine Augen wanderten meinen Arm hinauf und ich sah Risse in meiner Jacke. Ich lachte. Es platzte einfach heraus und war nur kurz. Für einen Außenstehenden musste es sich mehr wie ein schmerzerfüllter Schrei angehört haben, doch die Wahrheit war, dass ich keinen Schmerz spürte. Ich weiß nicht, ob es die Kälte oder das Adrenalin war. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen einen Baum und fuhr mir mit der blutigen Hand über das Gesicht.
Und durch den roten Schleier sah ich die Fratze der Bestie und ihr Maul war weit und ihre Zähne sanken-
Es klopfte an der Tür.
„Herein.“
Der Stift war mit energischer Hand geführt worden. Das Schriftbild war kantig, zackig, als sei er…
„Gehetzt.“
„Doktor Heilmann?“
„Mh.“ Der Doktor sah von den Papieren in seinen Händen auf. Im Türrahmen seines Büros stand eine junge Frau gekleidet in Weiß. „Oh, bitte verzeihen Sie mir, Frau Schlepping.“
„Ihre Frau hat angerufen. Sie hat das Abendessen fertig.“
Heilmann schob den Ärmel seines weißen Kittels hoch unter dem seine Armbanduhr zum Vorschein kam. Sie war ein Geschenk seiner Frau gewesen. Zu seinem Geburtstag. Im Januar. „Ah, schon so spät.“ Er räusperte sich. „Danke, Frau Schlepping.“
Frau Schlepping nickte. Doch blieb sie in der Tür stehen. „Wieder eine seiner Geschichten?“
„Ja“, sagte Heilmann. Seine Augen flogen über die letzte Seite, die er bis zur Hälfte gelesen hatte, bevor er gestört wurde.
„Worum geht es?“
„Das Übliche. Er wird von irgendeiner Bestie gejagt.“
Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Irgendwo klingelte ein Telefon. Weitere Mitarbeiter der Psychiatrie in Schleswig liefen durch den Korridor.
„Also kein Fortschritt?“
Heilmann ließ seine Finger über seinen kurzen, grauen Bart gleiten. „Die Geschichte ist wie einer seiner Anfälle. Sie beginnt harmlos, aber am Ende… Er scheint sich mit seiner Situation auseinanderzusetzen, jedoch, anstelle zu erkennen was er ist und was er getan hat, bezeichnet er sich als Dieb und Fluchtfahrer, als gehöre er irgendeiner Gruppe von Gangstern aus den 30ern an.“
„Sie sollten seine Geschichten sammeln und einem Verlag zuschicken. Vielleicht können sie mit ihnen ja Geld machen.“
Doktor Heilmann sah Frau Schlepping mit zusammengezogenen Augenbrauen an, doch ihr Schmunzeln verriet ihm, dass es nur mal wieder einer ihrer Scherze war.
„Vergessen sie Ihre Frau nicht“, sagte Frau Schlepping und schloss die Tür.
Heilmann nickte obwohl sie es nicht mehr sehen konnte. Er sah auf die Papiere in seiner Hand, auf seine Uhr, auf die Papiere. Zehn Minuten später trat er auf den Parkplatz. Der Himmel war düster und der Asphalt schimmerte noch immer vom ersten Herbstregen. Er ging nach Hause, nahm einen Anruf von seinem Sohn entgegen, der ihm erzählte, dass Karen das Baby bekommen hatte. Ein wunderschönes Mädchen. Er versprach seinem Sohn, dass er und seine Mutter sie am Wochenende besuchen kommen würden und setzte sich endlich zum Abendessen hin. Als Heilmann im Bett lag konnte er lange nicht schlafen. Er hörte der gleichmäßigen Atmung seiner Frau zu und starrte an die Zimmerdecke, die des Nachts nicht mehr weiß sondern grau war.
Die Papiere lagen in einer Schublade seines Schreibtischs und seine Gedanken fanden immer wieder ihren Weg in ebendiese.

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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