All Hollow?

 

Warum Halloween und Horror gut funktionieren

von: N.-G.H.

Es muss Mitte der 1990er Jahre gewesen sein, als ich das erste mal bewusst wahrnahm, dass es ein Fest namens „Halloween“ gibt. Damals war dieses Fest etwas exotisches, es kam aus den USA und man sah Horrorfilme und verkleidete sich. Das war wie eine Offenbarung für mich: Es gab ein Fest, das nicht verstaubt und langweilig war und irgendwie gar nicht wirkte wie einer der typischen Feiertage in Deutschland.

Nun, gute 20 Jahre später hat Halloween endgültig Einzug in die Köpfe der Menschen gehalten ( – natürlich ist fraglich, ob es nicht vor allem ein Fest ist, das von der Industrie eingeführt wurde).

Mit dem Abstand der Jahre zu meinem ersten Halloween und mit mehr Wissen möchte ich diese Gelegenheit nutzen, einige Gedanken zu diesem Fest zusammenzutragen.

Geschichte

Es gibt viele Mythen um Halloween und die wenigsten scheinen der Wahrheit zu entsprechen – dafür sind es schließlich Mythen. Der Name lässt sich als Kontraktion des „All Hallows Eve“ (Aller Heiligen) verstehen, deutet damit einen christlichen Brauch an. Diese Kontraktion lässt sich zum ersten Mal in Robert Burns Gedicht „Halloween“ (1785) nachweisen. (1)

Das All-Hallows-Eve finden wir unter anderem als All-Hallond-Eve in Shakespeares Stück Measure for Measure von 1606.

Fest steht, dass Halloween traditionell in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November gefeiert wird und seine Wurzeln in Irland hat.

Gesichert ist nur, dass All-Hallows-Eve, also Aller Heiligen, ein christliches Fest zur Verehrung der Heiligen ist. Die katholische Kirche hatte immer schon ein gutes Verständnis davon, wie man heidnische Feste assimiliert und so wundert es nicht, dass Aller Heiligen am selben Tag begangen wird wie in keltischer Zeit das Fest Samhain.

Samhain war ein besonderes Fest in der Mythologie der Kelten, denn in dieser Nacht verschwamm die Grenze zur Anderswelt, genauer gesagt zum Reich der Elfen. Die Menschen versuchten das Haus nicht zu verlassen, um nicht von den mystischen Wesen angegriffen oder entführt zu werden. (2)

Die einzige Möglichkeit den Geistern und Wesen aus der Anderswelt zu entgehen, sollte man dann doch vor die Tür gehen, boten Kostüme, die die Wesen verschrecken sollten, oder in denen man als einer der ihren durch gehen konnte. Natürlich ist dieses eher eine Art Interpretation und Vermischung des antiken mit dem modernen Brauch.

Die irischen Einwanderer der USA nahmen ihre alten Bräuche und bauten sie weiter aus, bis schließlich die frühe Form des heute bekannten Halloween zustande kam. Gerade in der Zeit der Wiederfindung einer irischen Identität (Mitte des 19. Jahrhunderts) wurde versucht dieses neue Fest in eine Tradition der keltischen Kultur, vor allem dem Samhain-Fest, zu bringen.

Warum der Horror uns nicht los lässt

Was ist nun die Faszination dieses Festes? Warum gelingt es ihm den Weg über den Großen Ozean anzutreten und sich hier zu etablieren?

Letztlich ist es wohl zwei Umständen geschuldet: Erstens darf man nicht die Wirkmacht der PR vergessen, die von der US-amerikanischen Kultur ausgeht. Durch Filme und Serien (wer kennt und liebt nicht die Simpsons Halloween-Folgen, die jährlich unter dem Namen „Treehouse of Horror“ seit der zweiten Staffel, 1990, ausgestrahlt werden?) werden amerikanische Traditionen auch in Deutschland bekannt und finden Anhänger. Zweitens gibt es eine grundsätzliche Begeisterung des Menschen am Schrecken, am Horror und am Makaberen.

In einer Zeit in der uns in den Medien täglich Nachrichten präsentiert werden, die bestätigen wie gefährlich diese Welt, wie verletzlich unsere Ordnungssysteme sind, ist die Furcht – zumindest unterschwellig – eine konstante Größe.

Um die großen Schrecken der Welt besser ertragen zu können erscheint es mir logisch, dass wir uns immer wieder kleine Schrecken verabreichen. Hier ist der Schrecken klar reglementiert: entweder ist es ein Film oder ein Roman, wobei, trotz aller Immersion, klar ist, das es sich nur um Fiktion handelt, oder – wie bei Halloween – handelt es sich um ein bestimmtes Fest/eine Feier, die zeitlich und räumlich definiert ist. In beiden Fällen findet der Schrecken in klar abgesteckten Arealen statt und wird damit kontrollierbar. In diesen Situationen können Spannungen und Ängste verarbeitet werden, die im Alltag latent vorhanden sind. Anders gesagt: In einem Bürgerkriegsgebiet ist es nur natürlich jede Sekunde Angst um sein Leben zu haben, bei einem Horror-Film ist die Angst teil der Fiktion und somit verarbeitbar.

In seinem Essay über den Horror „Danse Macabre“ spricht Stephen King zurecht davon, dass der Horror eine kathartische Wirkung hat. (3; S. 78)

Ein weiterer wichtiger Gedanke Kings soll in diesem Zusammenhang auch genannt werden:

Der Mensch sucht nach Sicherheit, Beständigkeit und nach der Normalität. Gerade das Makabere und Schreckliche (in einem kontrollierten Setting) ist dafür geeignet die Normalität zu bestätigen. Wenn es das Absonderliche gibt (und hier, in diesem Film sehe ich es doch…), dann gibt es eine klare Trennlinie zu meinem Leben, welches im Vergleich zum absonderlichen doch noch sehr normal und sicher ist. (3; S. 123)

Also hilft der kontrollierte Schrecken nicht nur bei der Bewältigung des latenten realen Schreckens, sondern ist zudem ein identitätsstiftendes Element in unserer Realität.

Außerdem macht es natürlich Spaß sich ein schreckliches Kostüm auszudenken, es zu basteln und mit Freunden alte Horror-Filme zu sehen.

Quellenverzeichnis

(1)Robert Burns – Halloween. Unter der URL: http://www.robertburns.org/works/74.shtml , zuletzt eingesehen am 30.10.2016 um 8.30 Uhr.

(2)Michael Livingston: The Medieval Origins of Halloween. Unter der URL: http://www.tor.com/2016/10/20/the-medieval-origins-of-halloween/ , zuletzt eingesehen am 30.10.2016 um 8.30 Uhr.

(3)STephen King: Danse Macabre. Die Welt des Horrors. Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber. Heyne Verlag. 2011.

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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