Autorenportrait: August William Derleth

von: N.-G. H.

Im deutschsprachigen Raum ist der Name August Derleth nur wenigen Lesern phantastischer Literatur ein Begriff. Bestenfalls erinnern sich einige daran, dass er irgendwie in Verbindung mit dem Meister der Weird Fiction stand.

Kurzbiographie

August Derleth wurde als August William Derleth am 24. Februar 1909 in Sauk City, Wisconsin, als eines zweier Kindern von William Julius und Rose Louise Derleth geboren.1 Derleths Ur-Großvater Michael Derleth kam 1839 von Bayern nach Amerika – zuerst nach Philadelphia, dann, 1852, nach Sac Prairie.2 Derleth prägten literarisch in seiner Jugend vor allem Schauergeschichten und Conan Arthur Doyles Sherlock Holms. Anders als seine vornehmlich protestantischen Freunde besuchte er die katholische Schule im Ort. Noch während seiner Schulzeit entdeckte er das Magazin Weird Tales für sich. Zu dieser Zeit begann er Kurzgeschichten zu schreiben. Während seiner High-School-Zeit lehnte Weird Tales seine ersten Geschichten ab. Letztendlich gelang es Derleth seine achtzehnte Geschichte, „Bat´s Belfry“, nach zweimaliger Überarbeitung in Weird Tales unterzubringen. So begann eine Geschäftsbeziehung, welche bis zur Einstellung des Magazins 1954 andauern sollte und bei der Derleth 139 Geschichten im Magazin unterbringen sollte.3 Derleth war einer der verlässlichsten Zulieferer für Weird Tales. Er besuchte die Universität von Wisconsin. Dort verbrachte er die Zeit, die ihm neben dem Studium blieb, damit Geld zu verdienen, um sich sein Studium finanzieren zu können, da seine bescheiden lebenden Eltern ihn nur in geringem Maße unterstützen konnten. Eine erste Würdigung seines Brieffreundes und Mentors, Lovecraft, ist eine Semester-Thesis unter dem Titel „The Weird Tale in English Since 1890“, die Derleth einreichte.4 In dieser behandelter er, ähnlich Lovecraft in Supernatural Horror in Literature, das Genre der makaberen Literatur. Anders als Lovecraft war Derleth jedoch auch bereit den Erstgenannten in seine Untersuchung einzubringen.

Nachdem Derleth sein Studium abgeschlossen hatte, wurde ihm eine Stellung als Lektor bei Fawcett Publications in Minneapolis angeboten, die er umgehend annahm. Doch entpuppte sich diese Stelle als unbefriedigend, sodass er nach nur sechs Monaten kündigte und zurück nach Sauk City ging.5 Derleth hatte zu dieser Zeit keine feste Anstellung, wodurch er darauf angewiesen war, im Haus seiner Eltern zu leben und eine sparsame Lebensweise zu führen. Als Autor war er dafür sehr erfolgreich: Er gewann Auszeichnungen und wurde von den Kritikern gelobt. Von diesem sich einstellenden Erfolg und kleineren Tätigkeiten für Zeitschriften und Zeitungen beflügelt, nahm Derleth sich vor, sich ein eigenes Haus zu bauen. Er half, um Geld zu sparen, beim Bau des neuen Hauses mit, welches er in Anlehnung an eine seiner Kurzgeschichtensammlungen `Place of Hawks` nannte und später als Sitz seines Verlages Arkham House, nach Lovecrafts fiktiver Stadt am Miskatonic, diente. Nach dem frühen Tod seines Brieffreundes H.P. Lovecraft beschloss Derleth dessen Geschichten in Hardcover herausbringen zu lassen. Derleth und Wandrei stellten aus Lovecrafts Geschichten die Textsammlung zusammen, welche heute als The Outsider and Others bekannt ist. Vergeblich boten sie die Sammlung mehreren Verlagen zur Veröffentlichung an. Es war Derleth, der Wandrei vorschlug einen eigenen Verlag zu gründen, um die sie veröffentlichen zu können. Zweck des neuen Verlages, Arkham House, war es zunächst nur drei Bücher mit Lovecrafts Geschichten zu veröffentlichen. Ein längerer Verlagsbetrieb war zunächst nicht vorgesehen.6 Dennoch überdauerte Arkham House und wurde sein Lebenswerk. In den 1950-er Jahren veröffentlichte Derleth vor allem weiter Kurzgeschichten in den Pulps und arbeitete als Herausgeber. Spätestens ab 1969 scheint Arkham House Derleth mehr Geld einzubringen als sein eigenes Schreiben. Alleine im April 1970 versandte Arkham House 2661 Bücher, was für einen kleinen Verlag mit sehr fokussierten Themenspektrum eine stattliche Summe war.7 Im August 1969 musste sich Derleth einer Gallenoperation unterziehen. Der seit seiner Geburt unter Bluthochdruck und einer Hernie leidende Derleth musste sich innerhalb von drei Tagen zwei Operationen unterziehen, infolge derer er kollabierte und mehrere Tage bewusstlos blieb. Als er außer Lebensgefahr war, lautete die Diagnose :[…] he had a collapsed and punctured lung, pleuritis, hepatitis, peritonitis, moniliasis, and protens.8 In Folge dieser Diagnose musste er vier weitere Male operiert werden. Noch im Krankenhaus für eine weitere Hernien-Operation im August 1970 schloss Derleth weitere Verträge für Taschenbücher mit Ballatine ab (Lurker at the Threshold , Tales of the Cthulhu Mythos), welche 4000 Dollar einbrachten und so erst den Druck der Lovecraft´s Selected Letter III ermöglichte.9 Grobe Litersky berichtet über Derleths Tod,. Dieser sei am 4. Juli 1971 unter einem Baum auf seinem Grundstück sitzend an einem Herzinfarkt gestorben, nachdem er sich früher am Tag telefonisch von einigen Freunden verabschiedet habe.10

Literarische Einordnung

Derleths Werk ist geprägt von drei großen Säulen: Zum Einen wären da seine Sherlock-Holmes-Pastiches (sein Detektiv hört auf den Namen Solar Pons), dann seine Wird Fiction (von der ein nicht zu unterschätzender Teil in Lovecrafts Tradition steht) und seine Regionalliteratur (geprägt von Thoreau) für die er in Wisconsin heute noch geschätzt wird. Seine Detektivgeschichten schwanken stark. Außer in einigen Krimi-Anthologien (vor allem in den 1980-er und 1990-er Jahren) wurden diese Geschichten nicht übersetzt. Um seine Regionalliteratur ist es in Deutschland noch schlechter bestellt: Hier gibt es keine einzige Übersetzung. Dies ist vor allem damit zu erklären, dass es in Deutschland keinen Markt für das Thema Wisconsin gibt. Wirklich bekannt ist Derleth hier zu Lande vor allem wegen seiner Geschichten in der Tradition Lovecrafts und seiner Tätigkeit als Lovecrafts erster Verleger und beständiger Fürsprecher. An anderer Stelle habe ich bereits über das problematische Thema der posthumen Kollaborationen gesprochen, wobei angemerkt werden muss, dass Derleth zudem Lovecrafts Werk maßgeblich umgedeutet hat und eine kritische Auseinandersetzung mit Lovecrafts Werk erst nach Derleths Tod möglich war. Dennoch kann man Derleth nicht genug dafür danken, Lovecraft vor dem Vergessen gerettet zu haben. Es ist schwer eine definitive Aussage zu treffen, welche Texte Derleths man gelesen haben muss. Bei der Regionalliteratur ist es definitiv Walden West. Bei den Kriminalgeschichten lohnt es sich eine Handvoll zu lesen und ein generelles Verständnis davon zu gewinnen. Bei seiner weird fiction ist diese Aussage schwieriger: Das Tor des Verderbens ist mit Sicherheit eine seiner besten Geschichten. Außerdem die liebevolle Würdigung an seinen Mentors Lovecraft in „Die Lampe des Alhazred“ eine gute Wahl. Möchte man sich tiefer mit Derleth beschäftigen, gibt es zwei Anlaufstellen: Da wären zum einen Haefeles bisher vorliegende Monographien. In der kürzeren (Derleth REDUX) gibt er einen Überblick von Derleths Arbeit als Kopf des Verlags Arkham House. In der Zweiten (A Look Behind the Derleth Mythos) untersucht er Derleths, von Lovecraft beeinflussten Geschichten und kontextualisiert sie. Hierbei bezieht er sich immer wieder auf die Fundamentalkritik, die der Lovecraft-Forscher S.T. Joshi in seiner Monographie The Rise and Fall of the Cthulhu Mythos an Derleths Werk äußert. Haefele argumentiert hier deutlich als Derleth-Fan, dennoch ist dieses Werk – gerade, wenn man zusätzlich Joshis Werk zur Verfügung hat – eine wichtige Informationsquelle. Zweitens die Derleth-Biographie von Dorothy M. Grobe Litersky. Die Autorin war selbst Schülerin in einer von Derleths Wrting Classes, die er in den 1960-ern und 1970-ern gab. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie Derleth sehr schätzte. In der Biographie verlässt sie nur zu oft den distanzierten und kritischen Standpunkt und wird emotional und parteiisch. Außerdem basiert ihre Biographie nur auf sehr wenigen Quellen; sie gibt als Quellen vor allem eine gewisse Zahl Briefe von Derleth an, sowie Gespräche, die sie vor seinem Tod mit ihm geführt haben möchte. Zurzeit, ist dieses Werk also das Beste, was wir haben. Man kann nur hoffen, dass irgendwann eine stärkere Biographie erscheinen wird (was aber zurzeit nicht zu erwarten ist).

Letztlich ist Derleth ein zwiespältiger Autor: Sein Wirken für das Genre war von immenser Bedeutung, auch wenn seine Interpretationen und Texte oft eher mittelmäßig waren. Dennoch darf man nie vergessen, dass sein Werk immer an dem Lovecrafts gemessen wird, was, beachtet man Lovecrafts Größe, fast schon etwas unfair erscheint.

Literatur

Carter, Lin: Lovecraft. A Look Behind the ´Cthulhu Mythos´. Panther Books. 1975

Grobe Litersky, Dorothy M.: Derleth. Hawk and Dove. The National Writers Press. 1997

Haefele, John D.: A Look Behind the Derleth Mythos. Origins of the Cthulhu Mythos. H. Harksen Productions. 2012

Haefele, John D.: August Derleth REDUX. The Weird Tale 1930-1972. H. Harksen Productions. 2009

Einzelnachweise

1Im Internet unter der URL: http://www.arkhamhouse.com/augustderleth.htm, zuletzt eingesehen am 10.09.2015 um 15.00 Uhr.

2Vgl. Grobe Litersky, Dorothy M.: Derleth. Hawk and Dove. S. 9f..

3Vgl. Grobe Litersky, Dorothy M.: Derleth. Hawk and Dove. S. 17f..

4Vgl. Haefele, John D.: August Derleth REDUX. S. 4.

5Vgl. Grobe Litersky, Dorothy M.: Derleth. Hawk and Dove. S. 31f..

6 Vgl. Carter, Lin: Lovecraft. A Look Behind the ´Cthulhu Mythos´. S. 137ff..

7 Vgl. Grobe Litersky, Dorothy M.: Derleth. Hawk and Dove. S. 216ff..

8 Vgl. Grobe Litersky, Dorothy M.: Derleth. Hawk and Dove. S. 213f..

9 Vgl. Grobe Litersky, Dorothy M.: Derleth. Hawk and Dove. S. 219.

10 Vgl. Grobe Litersky, Dorothy M.: Derleth. Hawk and Dove. S. 226f..

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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