Der Anfang von meinem Ende

von: Sternentochter

Dieses Ende begann, als ich aufstehen musste. Ich wühlte mich aus den Tiefen meines Bettes. Mein ganzer Körper schrie vor Schmerz und Müdigkeit.

Ich war erst spät zurückgekommen und die Prügelei vom gestrigen Abend war auch nicht spurlos an mir vorübergegangen. Überall hatte ich blaue Flecken und auf meinem Arm prangte eine große Schnittwunde. Mein Kopf brummte immer noch. Ich hatte wohl eine übergezogen bekommen. Kein Wunder, dass ich mich an kaum was erinnern konnte. Es klopfte an die Tür meines Hotelzimmers. Ich guckte vorsichtig durch das Loch und sah, dass zwei Polizisten vor der Tür standen. Ich drehte mich um, sammelte schnell und leise meine Sachen zusammen und stieg aus dem Fenster, die Feuerleiter hinunter. Ich sah, dass die Kutschen der Polizisten an der Straße, vor dem Eingang des Hotels standen. Ich musste verschwinden, doch wusste ich nicht wohin.

Ich lief unauffällig von der Straße weg, an einer dunklen Gasse vorbei, an der ein Mann stand. Er wirkte sehr seriös. Er trug einen schwarzen Mantel und einen Hut, den er tief ins Gesicht gezogen hatte. Ich wollte an ihm vorbeigehen und ihn ignorieren, doch plötzlich sprach er mit deutlich zu vernehmender Stimme: „Marie!“. Seine Stimme klang tief, mürrisch und doch vertrauenserweckend. Ich blieb wie angewurzelt stehen und drehte mich zu dem Fremden um. Er hob den Kopf, guckte mich mit seinen dunklen Augen an und sagte: „Du stellst dich nicht gerade schlau an. Nicht so wie An es dir beigebracht hat!“ Ich schnappte nach Luft. Woher kannte er An? Woher wusste er meinen Namen?

Diese Fragen taten sich mir auf, doch ich hackte ich nicht weiter nach. Stattdessen guckte ich diesen Mann nur weiter verwundert an. Plötzlich packte er mich am Arm – leider den mit der Schnittwunde. Er zerrte mich in die dunkle Gasse, in eine offene Tür. Er schloss die Tür hinter uns. Der Raum, der einem Kabuff ähnlich war, war nur schwach erleuchtet. Es dauerte, bis meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. In dem Raum waren ein Tisch und vier Stühle aufgestellt. Auch eine Lampe, die von der Decke baumelte. Auf zweien der Stühle saßen zwei Männer, die ich als Jack und Steve erkannte. Ich kannte sie von Fahndungsplakaten. Ich saß also der Königsliga des Verbrechens gegenüber! Der Mann sprach wieder: „Du bist also die Tochter vom legendären Antonio Diabolo!“. Ich nickte.

Für alle, die meine Geschichte noch nicht kennen: Ich bin nicht wirklich die Tochter von Antonio Diabolo. Ich war eigentlich eine Vollwaise, doch An adoptierte mich. Ich war damals gerade 5 Jahre alt. Antonio Diabolo war der bedeutendste und bekannteste Verbrecher. Er besaß alle Drogenkartelle der Westküste und es unterstanden viele Männer seinem Befehl. Genau dort, mittendrin, wuchs ich auf. Er brachte mir alles bei, was man über das Verbrecherdasein wissen musste. Ich war also bestens vorbereitet auf das Verbrecherleben. Aber es gab Dinge, die geheim waren. Räume, die ich nie von innen gesehen habe, Gespräche die im Keller eingeschlossen stattfanden und Fremde die zu Besuch kamen. Einmal und dann nie wieder. Wenn es um die mir verbotenen Räume ging, war An sehr genau gewesen. Doch es kam der Tag an dem An vergaß, alles abzuschließen. Neugierig wie ich war, nutzte ich diese Chance um Licht ins Dunkle zu treiben. Der Raum im ersten Stock war besonders interessant: Die Entdeckungen, die ich dort machte jagen mir noch heute Gänsehaut über meinen Rücken. Als wenn der Teufel in diesem Raum hauste, war alles schwarz. Es gab nur ein Fenster, dessen Gardinen zugezogen waren. Auf dem Boden war mit Wachs ein Kreis gezogen worden, der von komischen Symbolen geziert war. Schwarze Kerzen standen auf dem Boden und auf dem Tisch in der Ecke lagen Messer und Peitschen. An manchen Messern klebte noch Blut. Nach jenem Tag betrat ich dieses Zimmer nie wieder und fragte auch nicht weiter danach.

Als ich gerade 15 Jahre alt war, starb An durch Herzversagen. Er hatte mir nichts hinterlassen an Geld oder an Immobilen. Obwohl er doch so viel besessen hatte.  Das einzige, was ich wirklich wusste, war das An einen Bruder hatte und dieser einen Sohn der etwa zehn Jahre älter war als ich. Offensichtlich stand genau dieser Sohn vor mir. Anders konnte ich mir das sonst nicht erklären.

Er sprach erneut zu mir: „Ich will dich und deine Fähigkeiten für mein Team!“ Ich guckte ihn erschrocken an. Okay, eigentlich ist an diesem Morgen noch nichts passiert, was mich nicht gewundert hat. Doch jetzt war ich wirklich verblüfft. Er lachte. „Ich schlage dir einen Deal vor. Du tust das, was ich sage und gehörst zu meinem Team. Im Gegenzug beschütze ich dich vor der Polizei“. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde, aber ich willigte ein.

Ich wusste, dass wenn ich es nicht tat, es keine vierundzwanzig Stunden dauern würde, bis mich die Polizei schnappen würde. Dann wäre der Strick nicht mehr weit.

„Eine Frage habe ich aber doch… wie heißen Sie eigentlich?“

Er antwortete: „Marco. Ich bin Marco Diabolo.“ Diesmal lächelte ich. Mir gefiel der Name sehr. Da nun die Sachlage geklärt war, folgte nun die Erläuterung des Planes. Marco erklärte, dass wir gleich zur nächsten Straße laufen würden. Da wartete eine Kutsche auf uns, die uns auf direktem Wege zum Diabolo-Anwesen bringen wird.“ Ich habe noch nie etwas von einem Anwesen gehört. Doch fragte ich nicht, sondern lauschte Marcos Worten. „In der Kutsche werden wir unsere Investoren antreffen, die uns bis zum Anwesen begleiten.“ Ich fragte etwas misstrauisch: „Investoren? Wozu brauchen wir Investoren?“ Marco: „Derjenige der sterben wird, hat außer uns noch andere Feinde. Diese zahlen Geld, um ihn tot zu sehen.“ „Wer ist dieser Jemand?“: viel ich Marco ins Wort. Jack erwiderte: „Das wirst du später erfahren. Boss, wir müssen los!“ Marco: „Du hast recht! Los, schnappt euch eure Sachen und folgt mir!“

Ich stand auf und nahm meine Sachen. Jack und Steve verließen als erstes den Raum. Marco nahm mich bei der Hand und zog mich mit sich. Als wir aus der dunklen Gasse traten, dachte ich, ich erblinde. Wir hatten so lange in diesem dunklen Raum gesessen, dass meine Augen sich gar nicht so schnell an das Tageslicht gewöhnen konnten. Marco zog sich den Hut noch tiefer ins Gesicht. Er ließ meine Hand nicht los, sondern schleifte mich, wie eine Skulptur, hinter sich her. Jack und Steve waren dicht hinter uns. Wir liefen an der Gasse vorbei, rechts um eine Ecke und auf eine große, viel befahrene Straße zu. Wir gingen an alten Häusern vorbei, deren Scheiben größtenteils eingeschlagen waren. Es waren vielleicht noch zwanzig Meter bis zur Straßeneinmündung. Jack und Steve beschleunigten ihre Schritte und überholten uns. Plötzlich passierten etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Marco zog mich zu einer der Hauswände, drückte mich sanft dagegen und küsste mich. Mir war klar, dass das eine Art Ablenkungsmanöver war. Um es festzuhalten: Marco konnte sehr gut küssen, doch als er von mir abließ, erklärte er: „Siehst du die beiden Polizisten? Die, die dort die Kreuzung überqueren? Ich verstand! Wir sollten also nicht so verdächtig wirken. Und doch war ich mir sicher, dass Marco der Kuss gefallen hatte.

Als die Polizisten aus unserem Blickfeld verschwunden waren, gingen wir weiter. Jack und Steve waren schon am Straßenende angekommen, wo auch die Kutsche stand. Vor die Kutsche waren zwei Rappen gespannt, die nur so vor Kraft strotzten.

Jack öffnete die Tür der Kutsche, während Steve uns die Sachen abnahm und obendrauf verstaute. Ich stieg als erstes in die Kutsche, nach mir Marco, Jack und schließlich Steve. Ich setzte mich, in die von mir aus gesehen, rechte Ecke. Neben mir ließen Jack und Steve sich auf die Bank fallen. Gegenüber von mir saßen zwei gut gekleidete Herren, neben denen sich Marco niederließ.

Die Kutsche war von innen mit dunklem Samt bezogen. Die beiden Herren musterten mich interessiert.  Marco begann mit den beiden zu reden, doch ich hörte nicht zu. Ich guckte aus dem Fenster, vertieft in meine Gedanken. Wir fuhren aus der Stadt raus. Die Wege, die wir fuhren, wurden immer holpriger und der Wegesrand immer verwucherter, vor lauter Büschen und Bäumen. Ich war so vertieft, dass ich nicht einmal merkte, als die Kutsche  stoppte. Neben mir ging die Tür der Kutsche auf. Die beiden Herren stiegen zuerst aus, danach Marco und ich. Da Jack und Steve zuletzt ausstiegen, kümmerten sie sich um das wenige Gepäck.

Wir standen vor einem riesigen Haus, eher einer Villa. Sie sah sehr prunkvoll aus. Die beiden Herren gingen vor. Auch Jack und Steve waren bereits an den Stufen, die zum Eingang hochgingen, angelangt. Ich wiederum war stehengeblieben und merkte plötzlich eine Hand an meiner Hüfte. Es war die Hand von Marco. Er zog mich an sich ran und flüsterte mir ins Ohr: „Das ist das Anwesen, welches An und mein Vater erschaffen haben. Für uns beide. Wir sollen hier leben!“ Ich atmete schwer, denn jetzt begriff ich, warum An mir nichts hinterlassen hatte. Marco: „Du musst keine Bedenken haben. Es kleben kein Blut oder andere Taten daran.“ Er gab mir einen Kuss auf die Wange, ließ mich los und ging die Treppe hoch.

Ich war sehr beeindruckt, denn nicht nur die Villa sah prunkvoll aus, sondern auch der riesige Garten, der das Haus umfasste. Der Garten strahlte nur so vor exotischer Farben. Doch trotz dieses idyllischen Eindrucks, überkam mich ein beklemmendes Gefühl. Es kam mir vor, als würde mich aus dem Haus heraus eine dunkle Macht in ihren Bann ziehen. Wie ein Blitzeinschlag, schossen mir die Bilder in den Kopf. Tote, ein Schrank und ein silberner Totenkopf. Mir war kalt. Dieses Haus löste Unbehagen in mir aus. Ich setzte mich über dieses Gefühl hinweg und stieg also die steinernen Stufen der Treppe hoch. Nun stand ich vor einer dunklen, schweren Flügeltür, die prompt aufschwang. Ein Mann im Anzug öffnete. Er hatte einen weißen Bart, der ihm bis zur Brust gewachsen war. Er guckte mich an und sagte: „Ah! Miss Diabolo! Ich habe sie erwartet. Ich bin Thomson, Miss. Ich bin der Hausdiener.“

Ich antwortete: „Da sie meinen Namen schon kennen, brauche ich mich ja nicht vorstellen!“ Er ging nicht weiter darauf ein, sondern forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich trat durch die Tür und stand in einer Eingangshalle, aus der zwei Treppen links und rechts ins Obergeschoss führten. Die hohen Wände waren mit Bildern versehen. Die hohe Decke verlieh der Halle eine gewölbeartige Struktur.

Thomson wählte die linke der beiden Treppen, die mit rotem Teppich gesäumt waren. Doch trotz des Teppichs knarrte das  alte Holz unter unseren Schritten. Oben angekommen, blickte ich in einen Flur, der unendlich schien. Der Flur wies viele Holztüren, die in andere Räume gingen, auf. Auch hier hingen viele Bilder, Bilder die Zeugen eines paradiesischen Zeitalters waren. An einigen Bildern blieb ich stehen, um sie näher zu betrachten, doch dann rief Thomson und schickte sich an, weiter zu gehen.

Der Flur war nur schwach erleuchtet, doch wusste er wo er hinging. Er führte mich zur hintersten Tür und öffnete sie. Ich blickte in ein helles, großes und freundlich wirkendes Zimmer! Thomson grummelte: „Ich werde Ihnen Anna raufschicken!“ Ich nickte und bedankte mich. Er schloss die Tür hinter sich. Ich atmete durch und ging zu einem der großen, blau umrahmten Fenster. Mir schien die untergehende Sonne entgegen. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Ich drehte mich um und musterte das Zimmer. Es standen ein gemütliches aussehendes Himmelbett, ein blaues Sofa, ein Tischchen, eine kleine Mahagoni-Kommode und ein Bücherregal in diesem Zimmer. Ich beschloss mich auf dem Bett auszuruhen, doch als ich mich hingelegt hatte öffnete sich prompt die Zimmertür. Eine junge Frau kam in das Zimmer, schloss die Tür und stellte sich mit folgenden Worten vor: „Ich heiße Anna und ich bin ihre Kammerzofe.“ Anna hatte blonde Haare und trug ein dunkles Bedienstetenkleid. Sie hatte ein sommersprossiges Gesicht und lächelte freundlich. Ann bereitete mir ein heißes Bad vor und half mir später beim Einkleiden für das Abendessen.

Um 20 Uhr verließ ich das Zimmer, um zum Speisezimmer zu gehen, doch merkte ich schnell, wie groß das Haus wirklich war. Ich lief durch viele Flure. An Vasen und Vitrinen vorbei. Bis ich in einen kalten Flur kam, an dessen Ende ein dunkler Schrank stand. Es kam mir so vor, als würden Stimmen mich rufen. Diese Stimmen schienen aus dem Schrank zu kommen. Marie du darfst das nicht zulassen! Marie hüte dich vor seinem schwarzen Schatten! Er wird dich holen!

Es war An! Eindeutig sprach seine Stimme aus diesem Schrank zu mir. Ich setzte langsam, wie hypnotisiert einen Fuß vor dem anderen. Als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Es war Thomson, der mich gesucht hatte. „Bitte folgen sie mir. Ich werde sie zum Speisezimmer bringen. Die werten Herren warten schon auf sie!“

Das Speisezimmer war sehr opulent gestaltet, wie alles andere in diesem Haus. An einer hölzernen Tafel saßen die beiden mir noch fremden Herren, Jack, Steve und Marco. Alle standen auf, als ich mich der Runde näherte. Marco: „Ah Marie! Wir haben auf dich gewartet. Setzt dich und iss erstmal etwas.“

Das tat ich. Das Essen war sehr bekömmlich. Nach dem Essen stand der mir gegenübersitzende Mann auf und sprach mit einer sehr tiefen Stimme: ,,Meine Dame, meine Herren, nun sind wir endlich an dem Punkt der Aufklärung angelangt. Ich möchte Ihnen nun das Vorhaben erläutern!“

Dieser Plan, so verstand ich, beinhaltete ein Fest. Ein Fest für die Königsliga der Kriminalität. Unsere Zielperson, ein reicher und machthaberischer Lord, würde so einer Gelegenheit, zum Knüpfen neuer krimineller Verbindungen, nicht wiederstehen können. Marco: „Du kennst ihn!“ Ich blickte ihn schockiert an. Unsere Zielperson war niemand geringerer, als Lord Blackwood. Er hatte mich das Fürchten gelehrt.  Schon einmal geriet ich in seine Klauen, denen ich, wenn auch nur knapp, entkam. Nicht nur die Polizei zählte zu meinen Verfolgern, auch andere haben es auf meinen Kopf abgesehen, zu den ich Blackwood zählen  darf. Nun begriff ich, was ich für eine Rolle in diesem Plan spielen würde: Ich war der Köder. Ich war diese Person, nach der sich Blackwood, an dem Abend, am meisten sehnen würde.

Mir wurde schlagartig kalt. Ich stand abrupt vom Stuhl auf. Ich ging mit schnellen Schritten zur Terrassentür und stieß sie auf. Die kalte Abendluft blies mir ins Gesicht. Draußen war es dunkel. Ich stand auf der Terrasse und atmete die frische Luft ein. Das Haus, so dachte ich, hätte mich verseucht und nur die Luft könnte mich davon reinigen. Dieser Plan: Ich hatte kein gutes Gefühl dabei. Mir wurde übel. Ich merkte wie ich nach hinten kippte, als würde mich etwas mit Gewalt dazu zwingen. Mir wurde schwarz vor Augen.

Ich hörte Stimmen um mich herum. Ich schlug die Augen auf. Ich lag in meinem Bett, an dessen Ende Marco saß und mich besorgt musterte: „Du bist wieder wach, wie schön! Ann wird sich um dich kümmern. Das Fest wird in zwei Tagen stattfinden. So lange kannst du dich noch ausruhen.“

Er erhob sich und schritt zu Tür. Er hatte die Hand bereits am Türgriff, als er wieder sprach: „Marie? Hast du Angst?“  Darauf antwortete ich nicht. Er verließ das Zimmer.

Ob ich Angst hatte? Ja natürlich hatte ich Angst davor, den Mann zu treffen, der mich gefoltert und beinahe umgebracht hatte. Er wünschte mir nichts anderes, als den Tod. Ich fühlte mich, wie eine Maus die, auf die Mausefalle zuläuft. Ich würde ihm praktisch meine Kehle hinhalten, in der Hoffnung, ihn locken zu können ohne dabei zu sterben.

Die folgenden Nächte machte ich kein Auge zu. Ich streifte nachts durch die langen Flure, in der Hoffnung vielleicht eine Tür zu finden, die mich aus meiner verzwickten Lage befreien würde. Aus dem Schrank kamen keine Stimmen mehr, als wären sie in all‘ der Aufregung verstummt. Doch der Tag, an dem das Fest stattfinden sollte, kam. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Die Küche bereitete ein großes Festessen vor. Auch das Haus wurde auf Hochglanz gebracht. Ich flüchtete in den Garten, um dem überfülltem Haus zu entkommen. Alle fünf Minuten kamen Lieferanten, die Blumenbuketts, Seidentischdecken oder Lebensmittel brachten.

Ich schlenderte ein wenig auf den Kieswegen, durch bunte Blumenbeete hindurch, an großen alten Bäumen vorbei, als ich unter einer Eiche, eine weiße Bank stehen sah. Ich ließ mich darauf nieder und zog ein Buch aus meiner Tasche. Ich ließ meine Tasche nie aus dem Auge. In ihr waren alle meine Habseligkeiten, so auch ein Kinderbuch, dass An mir zum sechsten Geburtstag geschenkt hatte. Es hieß Der kleine Hobbit. Es war ein wundervolles Buch. Immer wenn ich mich einsam fühlte oder mir vor etwas graute, war dieses Buch meine Rettung. Die sanft umwogenden Geschichten aus Mittelerde wirken so schwerelos, so paradiesisch. Das war mein Paradies, doch wurde ich gerade jetzt aus meiner Fantasie schlagartig zurückgeholt. Es war einer dieser beiden Männer, die uns unterstützen wollen. Er stütze sich auf einen Gehstock und kam auf mich zu.

„Du redest nicht sehr viel habe ich Recht?“, rief er mir zu. „Warum bist du so zurückhaltend, so schüchtern?“ Er setzte sich und schaute mich erwartungsvoll an. „Ich kann es ihnen nicht sagen. Mir kommt, dieses Haus irgendwie merkwürdig vor. Warum sollte Antonio Diabolo mit seinem Bruder eine solche Villa bauen und mir das verschweigen. Wo ich ihm, doch anscheinend so wichtig war.“ Du solltest nicht so zweifelnd über deinen Vater urteilen. Du solltest seinen Entscheidungen, die er für dich traf, mehr vertrauen.“ „Was wissen sie schon über ihn?“, rief ich, plötzlich erzürnt. „Woher wollen sie wissen, wie er war?“ Er holte tief Luft und schaute mich mit einem gequälten Blick an. „Wenn du wüsstest, was ich mit An alles durchgemacht habe. Du warst zu jung, als dass An dich mit seinen Taten belastet hätte. Ich habe deinen Vater aufsteigen und fallen gesehen, es begann mit einem Mord und hörte mit zahlreichen Leichen auf. Was glaubst du, was immer abends im Keller, deines Vaters passierte.“ Ich wurde ruhig. In mir sträubte sich alles. Ich wollte es gar nicht so genau wissen. „Ich habe nachts manchmal Schreie gehört.“, antwortete ich. Er nickte und sah dann zu dem Marmorbrunnen, in dem das Wasser vor sich hinplätscherte. „Glaube mir, wenn ich dir sage, dass du nicht alle Geheimnisse, deines Vaters kennen möchtest.“ Ich fragte mich woher er meinen Vater kannte und schon hatte diese Frage, ohne dass ich wirklich darüber nachgedacht hatte, meinen Mund verlassen. Er schaute immer noch in die Ferne und erklärte dann: „ Ich bin Frankie Yale. Ich habe mit deinem Vater zusammengearbeitet!“ An und er haben eine Menge Männer, bei Casinospielen und Drogenhandel abgezockt. Doch kam es zu dem Tag, als ein Mann sie mit Falschgeld hereingelegt hatte. Dieser Mann, so erklärte mir Yale, wurde von An am Eingang, der Kneipe abgefangen.  „Dein Vater nahm ihm das Geld ab, doch dieser sagte ihm, er würde ihn kennen. An zögerte nicht lange und erschoss ihn. Er wollte nicht, dass unser Geschäft in Gefahr geriet. So begann alles, bis zu jenem Tag als dein ehrenwerter Vater starb.“

Ein kalter Windhauch, trieb mir auch den letzten Rest Farbe aus dem Gesicht. Ich stand auf. Ich wollte nichts mehr von den Taten meines Vaters hören oder dieses Haus betreten. Ich bereute es mich dem Vorhaben angeschlossen zu haben. „Ich will nicht mehr“, dachte ich. Ich ging zur Terrasse, betrat die Lobby und ging ohne ein Wort zu Thomson, weiter. In meinem Zimmer angekommen zog ich das Kleid aus und meine alte Kleidung wieder an. Ich würde gehen. Sollten die doch Lord Blackwood ohne mich kalt machen.

An der Eingangstür begegnete ich Marco. Er schaute mich überrascht und entsetzt zu gleich an. „Du verlässt uns jetzt doch nicht etwa Marie?“, fragte er. „Du kannst jetzt nicht aufgeben. Ich kann es verstehen, dass du Angst hast, aber ohne dich werden wir das nicht schaffen!“  Ich öffnete meinen Mund, um zu antworten, doch er zog mich zu sich ran und küsste mich. Dieser Kuss war so voller Leidenschaft und Liebe. Als er mich los ließ, schaute er mir tief in die Augen. Mir wurde bewusst, ich könnte Marco nicht im Stich lassen. Nicht jetzt kurz vor dem Finale!

Der Abend kam schnell und alles war bereit. Es kamen 100 Gäste und einer davon, war Blackwood. Alle waren edel gekleidet, außerdem trugen alle Masken, denn nicht jeder wollte auf Anhieb erkannt werden.  Ich trug ein dunkelblaues Kleid und silbernen Schmuck. Auch Marco, Steve, Jack und die beiden Herren waren in edlen Smokings gekleidet. Ich ging in Lobby, die Gäste standen dort und schauten gespannt auf das Podest, was am Nachmittag aufgestellt worden war. Thomson bediente die Gäste, währenddessen stieg Marco auf das Podest. Die Menge verstummte und lauschte Marcos Worten: „Ich begrüße sie alle recht herzlich zu diesem Fest! Das Essen steht bereit und die Gläser sind gefüllt. Doch bevor auf diesen unvergesslichen Abend anstoßen wollen, möchte ich ihnen den Ehrengast vorstellen. Ich bitte nun meine Cousine Marie Diabolo zu mir!“ Ich bewegte mich langsam, bewusst, dass mich alle anstarrten, auf das Podest zu. Marco lächelte mich an und wir stießen mit unseren Gläsern an. Die Gesellschaft tat es uns nach und langsam leerte sich der Raum, denn nun strömten alle zum Buffet. Ich hatte nun auch das Bedürfnis etwas zu essen und folgte deswegen dem Strom. Doch merkte ich, wie mich ein Mann anschaute. Ich wagte es, ihn für einen Augenblick zu mustern. Er trug einen dunkelblauen Smoking und stützte sich auf einen schwarzen Stock, dessen Knauf ein silberner Totenkopf war. Es war Lord Blackwood keine Frage. Sein Blick saß mir, wie ein kalter Windstoß im Nacken.

Die Jagd hatte begonnen! Der Abend schritt rasch voran. Alle tranken, aßen, lachten und unterhielten sich angeregt. Auch ich unterhielt mich mit einigen. In meinem Augenwinkel sah ich Lord Blackwood, doch auch Steve und Jack waren nie weit entfernt von mir. Marco hatte sie angewiesen, mich immer im Auge zu behalten. Ich hielt es nun für den richtigen Moment unauffällig zu verschwinden, wenn Blackwood sich aus der Reserve locken ließ, würde er mir folgen. Ich nickte Jack zu, der verstand. Nun setzte sich alles in Bewegung. In der Lobby schrie jemand, eine Frau war in Ohnmacht gefallen. Natürlich nicht wirklich, doch dank dieses Ablenkungsmanövers, war die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Frau gelenkt. Ich huschte aus dem Speisesaal und die Treppe hoch. Ich schlich die Flure entlang, bis ich vor dem Schrank stand. Ich hörte hinter mir Schritte auf dem Flur und plötzlich sprach jemand. Es war eine dunkle Stimme. Dunkel und Unheilvoll. „Du bist weit gekommen Marie!“ Ich drehte mich um und sah Blackwood. Er schritt auf mich zu und nahm seine Maske ab. Sein Gesicht sah in der Dunkelheit noch schrecklicher aus, als sonst. Es prangte eine große Narbe darauf. „Erinnerst du dich noch an diese , Marie?“ Ich nickte. „Du hast mir wehgetan Marie! Ich habe dir so viel geholfen und du hast mich im Gegenzug verletzt.“ Er stand nun ganz dicht bei mir. Er nahm meine Hand und drehte sie um, zum Vorschein kam ein Brandmahl.  „Ah! Es ist noch da. Du hast geschrien, als ich es dir eingebrannt habe! Geschrien wie ein kleines Mädchen.“ Ich zog meine Hand angewidert weg. „Du kannst mir nichts mehr tun, Henry!“, erwiderte ich. In mir brodelte Hass und Zorn.  Er drückte mich gegen die Wand und würgte mich mit seinen Händen. „Du jämmerliches Gör! Ich habe dir ein Leben gegeben und habe dich vor jedem beschützt!“ „Nein!“, schrie ich heißer. „Du hast mich eingesperrt und gefoltert. Du wolltest mich gefügig machen, als wäre ich ein wildes Tier. Ich habe mich nur gegen dich gewehrt.“ In meinem Kopf spielten sich die Bilder ab. Er hatte mich damals gepackt und ich aus Verzweiflung zum Messer gegriffen. Nun ist davon nur noch die Narbe im Gesicht geblieben. „Nun werden wir es hier zu Ende bringen!“, schrie er. Doch plötzlich…

Jack kam um die Ecke gehastet und stürzte sich auf Blackwood. Ich flüchtete. Die Männer kämpften, während ich den Flur hinunter rannte. Ich hörte einen Schuss. Blackwood kam hinter mir her. Ich schlug die Tür zum Balkon auf und rutschte fast auf den nassen Steinen aus. Es regnete. Blackwood kam, stand in der Tür und zielte mit einem Revolver auf mich. Er lächelte breit. Es knallte. Ich merkte, wie mich etwas unterhalb meiner Brust traf. Ich schaute an mir hinab. Aus der Wunde trat Blut und ich kippte. Ich schlug auf den nassen Steinen auf und wusste, dass ich nicht mehr lange Zeit hatte. Es knallte wieder. Ein dumpfer Schlag verriet mir, dass auch Blackwood auf dem Boden lag. Marco stürmte auf mich zu und ließ sich neben mir auf die Knie fallen. Er war kreidebleich. „Du darfst jetzt nicht sterben Marie.“ Ich sah ihn an und in seinen Augen schwammen Tränen. Ich legte meine Hand auf seinen Arm. Mir war kalt und mein Blick wurde immer dunkler. Marco küsste mich und hielt mich verzweifelt in seinen Armen.

Ich schrie vor Wut und Trauer. Marie war tot. Ich hielt sie in meinen Händen. Steve kam auch auf den Balkon gerannt. Er legte seine Hand auf meine Schulter. Ich fühlte mich so leer. Ohne Marie schien diese Welt nicht mehr so schön. „Lass los Marco. Sie ist jetzt bei ihren Eltern dort, wo uns der Schrank nicht hinlässt.“, sagte Steve. Zwar war Blackwood tot, doch er hatte Marie und Jack mit sich in den Tod gerissen. Nun sprachen keine Stimmen mehr aus dem Schrank, sie waren verstummt, als wären die richtigen nach Hause zurückgekehrt.

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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