Verfall und Rückbesinnung – Arthur Machens „Der Grosse Pan“

von: N.-G. H.

Es gibt einen relativ eng gefassten Kanon britischer Phantastik, mit dem jeder Genre-Liebhaber vertraut sein sollte. M. R. James gehört dazu, Bram Stoker, Lord Dunsany und sicherlich auch Joseph Sheridan Le Fanu und Algernon Blackwood. Ein weiterer großer Autor ist der Waliser Arthur Machen. Zunächst studierte der am 3. März 1863 im walisischen Caerleon-on-Usk geborene Machen in London Medizin, brach das Studium jedoch kurz darauf ab. Dann arbeitete er als Übersetzer bis er mit eben dem heute zu besprechenden Werk 1894 seinen literarischen Durchbruch feierte: Der Grosse Pan. Auch war Machen – wie viele seiner Zeitgenossen – interessiert an alternativen Heilslehren und so war er neben Aleister Crowley und William Butler Yeats eines der bekannteren Mitglieder des okkulten Hermetic Order of the Golden Dawn. Und genau diese Bereitschaft an das Übersinnliche zu glauben, beziehungsweise dessen Präsenz in unserer Welt, ist Thema der beiden in diesem Band versammelten Geschichten. Der Gott Pan steht hierbei für die Mächte der Natur. Die Geschichte „The Great God Pan“ wurde zuerst 1890 im Magazin The Whirlwind veröffentlicht und erschien aufgrund der großen Nachfrage 1894 in Buchform, damals bereits mit der zusätzlichen Geschichte „The Inmost Light“, welche in dieser deutschen Fassung beigefügt ist. Zur Zeit seiner Veröffentlichung sorgte „The Great God Pan“ für einen Medienskandal, da der Inhalt als zu dekadent, zu sexuell aufgeladen angesehen wurde. Doch wie so oft mit Skandaltexten schmälerte dies nicht etwa das Interesse am Text, sondern entfachte es sogar noch weiter. So wird die titelgebende Geschichte zum Beispiel in H.P. Lovecrafts Essay über Das Übernatürliche Grauen in der Literatur mit den Worten beschrieben:

“Niemand könnte auch nur ansatzweise die wachsende Spannung und das ultimative Grauen, das jeden Absatz durchdringt, beschreiben, ohne peinlich genau der Ordnung zu folgen, in der Mr Machen seine stufenweisen Andeutungen und Enthüllungen entfaltet.“    (Lovecraft: Grauen. S. 144)

Der vorliegende Band ist der vierte Teil einer sechsteiligen Reihe des Piper-Verlags aus der Mitte der 1990er Jahre, dessen Ziel es war die wichtigsten Texte Machens in deutscher Sprache zur Verfügung zu stellen. Die Geschichte („Der Grosse Pan“) beginnt bereits mit einer fast unerhörten Situation. Ein Chirurg hat seinen Freund Mr. Clarke eingeladen, Zeuge zu werden, wie er die Gehirnchirurgie revolutionieren wird. Dieses will er durch einen Schnitt in einem Gehirnareal erreichen, welches so fein und versteckt ist, dass fast kein Experte diesen Schnitt nachvollziehen könnte. Als Versuchsobjekt stellt der Chirurg seinem Gegenüber das Straßenmädchen Mary vor, welches er, wie er meint, nutzen kann wie er möchte, da er es aus der Gosse geholt hat und es nun sein Eigentum sei. Ziel dieses Experiments soll es sein, dass das Versuchsobjekt in die Lage versetzt wird, den großen Gott Pan zu sehen, also eine neue Bewusstseinsebene oder Realitätsebene erreichen zu können. Anschließend erfährt man mehr über Mr. Clarke, welcher sich selbst als Chronist des Übernatürlichen betrachtet. Im Rahmen dessen wird deutlich, dass es Dinge auf dieser Erde gibt, die den meisten Menschen verborgen und zutiefst beängstigend sind. In einem anderen Teil Londons trifft einige Zeit später ein Mann auf einen alten Studienfreund, welcher eine bewegende Lebensgeschichte zu erzählen weiß. Die Erzählebenen der Charaktere beginnen sich zu überschneiden und Unheimliches deutet sich an. Eine mysteriöse Selbstmordserie in Londons High-Society hält die Stadt im Griff, dessen Wurzel zurück geht bis zu dem gewagten Experiment. In einer zweiten, sehr viel kürzeren Geschichte („Das innere Licht“) die ebenfalls in diesem Band enthalten ist, wird fast das selbe Thema noch einmal angegangen, um nicht zu viel zu verraten belasse ich es bei dieser kurzen Skizze. Die Geschichten sind natürlich mit einer dicken Patina überzogen: altertümliche Sprache und antiquierter Aufbau lassen den modernen Leser zum Teil mit den Zähnen knirschen. Dennoch sind beide Geschichten sehr gut geschrieben und verfügen über den gewissen mystischen Funken, der gute Phantastik auszeichnet. Es muss wohl kaum erwähnt werden, dass „Der Grosse Pan“ nicht nur komplexer arrangiert ist, sondern auch zugänglicher und spannender ist, als „Das innere Licht“. Eine wirkliche Identifikation mit einem Protagonisten bleibt zugunsten des Effekts aus und man legt das Buch etwas fasziniert und auch vielleicht etwas wissenschaftsskeptisch zur Seite.

Dieser Band der sechsteiligen Reihe des Piper-Verlags ist ein klarer Gewinn für jedes Bücherregal. Leider ist die Reihe bereits lange verlagsseitig vergriffen. Es wäre mehr als wünschenswert, wenn diese Texte erneut aufgelegt werden würden. Denn eins darf nicht vergessen werden: Arthur Machens Werk gilt – obwohl er hier zu Lande fast vergessen ist – als eines der Einflussreichsten der Phantastik des frühen 20. Jahrhunderts.

Das Buch:

Arthur Machen: Der Grosse Pan. Erzählungen. R. Piper. München 1994

Quellenangaben:

Lovecraft, H.P.: Das übernatürliche Grauen in der Literatur. Herausgegeben, mit einer Einleitung & Anmerkungen versehen von S.T. Joshi. Mit einer Bibliographie von S.T. Joshi & Robert N. Bloch. Aus dem Amerikanischen von Alexander Pechmann. Golkonda Verlag. 2014

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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