Heimkind

von: N.J.W.

Wir sitzen am Strand. Das Heim, in dem ich arbeite steht mitten in den Dünen, nur wenige hundert Meter von uns entfernt und schaut auf uns herab mit seinen großen dunklen Fenstern, lässt uns nicht aus den Augen. Die Kinder spielen im Sand. Nur ein Junge sitzt direkt am Wasser und starrt vor sich in die Wellen. Eigentlich soll ich auf alle aufpassen, aber mir fällt es schwer meinen Blick von diesem Jungen zu wenden. Er ist ein Spinner, sagen sie, nicht ganz dicht. Ich denke nicht, dass es so einfach ist. Ich schaffe es für einen Augenblick meinen Blick zu lösen und mich umzuschauen. Die Kinder bauen Sandburgen, heben Gräben aus und scheinen zufrieden, außerdem scheint Iris alles im Blick zu haben.

Also wende ich mich wieder dem Jungen zu. Ich meine etwas vor ihm in den Wellen zu sehen, bemühe mich zu es erkennen. Ein Ruck fährt durch mein Hirn, durch meine Sinne. Vor dem Jungen sitzt ein Abbild des Jungen, nur viel kleiner, kaum so groß wie mein Daumen. Ich traue mir und meinen Sinnen nicht. Unmöglich, denke ich. Sofort wird das Abbild zu einem Blitzen auf dem Wellenkamm. Nur die Spiegelung des Sonnenlichts. Ich bin erleichtert. Der Junge wendet seinen Kopf und sieht mich an. Ertappt, denke ich. Doch ich ihn oder er mich?

Plötzlich geht alles ganz schnell. Der Junge zeigt ein Grinsen, dass ganz und gar nicht nach seinem eigenen aussieht. Er springt auf und rennt in Richtung Haus. Ich brauche einen Moment um zu reagieren, dann springe auch ich auf und folge ihm. Die anderen Kinder habe ich in dem Augenblick völlig vergessen. Ich renne also hinter dem Jungen her, zu meinem Erstaunen bemerke ich, dass ich keineswegs aufhole. Der Junge rennt südlich am Haus vorbei und überwindet den fast vier Meter hohen Zaun ohne Mühe, der das Gelände absichern soll, gegen die Straße und das Moor auf der anderen Seite. Das ist nicht möglich, denke ich. Woher nimmt der Junge diese Kraft und Schnelligkeit. Ich entschließe mich kurzerhand durch das Haus zu rennen, traue mir den Zaun nicht zu. Atemlos hetze ich durch die Hintertür, den Flur entlang, brauche einen Moment den Schlüssel aus meiner Tasche zu holen und die Tür zu entriegeln. Dann reiße ich sie auf und springe die Eingangsstufen hinunter. Der Junge ist schon über die Straße, ich sehe gerade noch wie sein Schopf hinter der Böschung verschwindet und setze ihm ohne auf den Verkehr zu achten hinterher. Wäre unwahrscheinlich, dass mich gerade jetzt ein Auto erwischt. Kann mich nicht erinnern, wann wir das letzte Mal Besuch hatten und ansonsten führte die Straße nirgendwohin.

Ich bekomme das Gefühl den Boden kaum noch zu berühren, fliege förmlich hinter ihm her, als wäre auch auf mich etwas von der eigentümlichen Kraft übergegangen, die den Jungen ergriffen zu haben scheint. Entsetzen packt mich als ich für einen Augenblick den Jungen aus den Augen verloren habe.

Da! Er hat den Fuß der Böschung bereits erreicht und setzt seine ersten Schritte auf den sumpfigen Boden. Scheiße, denke ich. Erinnerungen kommen hoch, die sofort wieder verblassen. Das mir etwas passieren könnte, daran denke ich nicht. Ich muss den Jungen zurückbringen. Er kann nichts dafür, denke ich und weiß das ich Recht habe.

Schneller als es einem Menschen möglich sein sollte, folge ich ihm in den Sumpf. Ich scheine aufzuholen. Er schlägt Haken wie ein Hase, aber ich bleibe dran.

Plötzlich wieder so ein Ziehen im Kopf.

Gerade eben läuft vor mir noch der Junge, fast in Greifreichweite, dann plötzlich ist an seiner Stelle etwas anderes. Irgendwie verschwommen. Kann nicht sagen was es ist, bleibe aber dran. Aber jetzt wo es einmal angefangen hat, geht es einfach immer weiter. Kurz meine ich etwas vierbeiniges Pelziges zu erkennen, dann nimmt er oder es die Umrisse eines Reptils an. Mit jeder Verwandlung wird die Gestalt vor mir kleiner. Mir fällt immer schwerer, sie zu erkennen.

Ich folge nun nur noch dem Plätschern in den Pfützen und am Rand der Wasserlöcher vor mir. Auf einmal nehme ich überall um mich herum Plätschern und Spritzen wahr. Frösche, Insekten, alles Leben im Sumpf scheint sich in diesem Moment gegen mich verschworen zu haben und in Bewegung geraten zu sein. Ich erkenne keine Spur mehr, der ich folgen könnte.

Die Gewissheit trifft mich wie ein Schlag. Er ist weg. Und er kann nichts dafür. Ist ein Gefangener dieses Wesens und ein Gefangener seines Selbst. Ich bin mir nicht sicher was das heißt, aber sicher das es so ist.

Ein Kind ist verloren und hat Angst. Was kann ich nur tun. Ich bin nicht bereit aufzugeben und doch weiß ich das ich hier und jetzt nichts mehr tun kann. Ich drehe um und gehe zurück zum Heim.

Wie soll ich nur erklären, dass ich den Jungen verloren habe. Ich klettere die Böschung wieder hinauf hinter der Straße und Haus liegen.

Oben angekommen spüre ich wie etwas Feuchtes meine Hand anstupst. Ich schaue herab und sehe Zap. „ Was machst du denn hier?“, frage ich. Dann fällt mir auf, dass mein Hund eine böse aussehende Wunde am Hinterbein hat. Außerdem ist er vor über zehn Jahren gestorben. Ich erschrecke nicht, frage mich nur wie das alles zusammenhängen könnte. Suche in den Augen des Hundes nach dem Jungen. Nichts. Nur ein Hund, ein toter lebendiger Hund.

Es spielt keine Rolle, ich muss zurück. Wir müssen etwas tun um den Jungen zu finden.

Die Tür des Hauses steht noch offen und mein Schlüssel steckt. Sie werden wohl noch alle am Strand sein. Ich suche einen meiner Kollegen. Möchte erzählen was passiert ist und weiß schon vorher, dass das schwer wird. Aber Zap ist bei mir. Ein Beweis für meine Geschichte und ich bin erleichtert.

In der Küche höre ich Geklapper. Ich betrete die Küche und sehe zwei meiner jüngeren Kollegen das Essen zubereiten. Gerade möchte ich den Mund öffnen, da fällt mir ein, dass wir uns noch nicht lang genug kennen. Vor allem kennen sie meinen Hund nicht, haben ihn nie gesehen. Ich nicke ihnen kurz zu und trete dann den Rückzug an. Ich muss George oder Sandra finden. Außer ihnen wird mir niemand die Geschichte von meinem toten Hund glauben und wohl auch nicht den anderen Teil.

Ich suche sie, fange an zu zweifeln, fange an zu verzweifeln.

Sie sind nicht da, haben frei.

Waren nie hier?

Ich fange an zu schwitzen. Zap schaut zu mir herauf, mit heraushängender Zunge, wie Hunde es eben tun.

Lebend und tot.

Wahr und unwahr.

Was davon ist hier, was davon bin ich?

Es spielt keine Rolle.

Der Junge ist weg.

Ich bin weg.

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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