Immersion, Implosion und Simulakrum Handlungsräume in der Cyberpunk-Literatur

 

von: Joschka Briese

„Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal gestellt war.“[1]

Bereits in den ersten Worten von William Gibsons „Neuromancer“, welches als Vorzeigewerke der literarischen Cyberpunk-Bewegung gilt, lässt sich die Fusion natürlicher und technologischer Handlungsräume erkennen. Dieser Satz dient nicht nur als Establishing Shot einer Geschichte von zwielichtigen Helden, korrupten Unternehmen und digitalen Räumen, sondern steht paradigmatisch für das Kulturverständnis der Cyberpunk-Welten. Was auf der textuellen Oberfläche als plumpe Beschreibung eines grauen Himmels erscheint, zeigt sich in seiner semantischen Tiefenstruktur als virtuose Konzeptualisierung. Die traditionelle Definition der Metapher[2] trifft hier zwar zu, erklärt aber noch nicht die prototypische Cyberpunk-Atmosphäre, die durch die Metapher erzeugt wird. Die technologische und kulturelle Errungenschaft wird hier nicht etwa durch vorhergehende natürliche Prozesse erläutert, sondern dient der Verflechtung eines Naturphänomens mit einem elektronischen Anzeigeapparat. Die vermeintlich diametral entgegengesetzten Pole „Natur“ und „Technologie“ werden kulturell umgekehrt.

Die Raumkonzeptionen in der Cyberpunk-Literatur unterscheiden sich wesentlich von klassischen Raumtheorien, die auf eine naturgegebene und externale Welt rekurrieren. (Handlungs-)Räume in der Cyberpunk-Literatur sind immer schon wesentlich durch kulturelle Ereignisse geprägt und de- und konfigurieren sich ständig neu. Paradigmatisch für diesen Wandel ist der Cyberspace, dessen Ausdruck von Gibson in seiner Kurzgeschichte „Burning Chrome“[3] eingeführt wurde. Auch wenn bereits vor der goldenen Ära der Cyberpunk-Literatur in den 1980ern, einige Autoren wie Stanislaw Lem die Konzepte kybernetischer Räume beschrieben hatten, findet sich erst bei Gibson eine eindrückliche Definition des Cyberspace wider:

„Cyberspace. Eine Konsens-Halluzination, tagtäglich erlebt von Milliarden zugriffsberechtigter Nutzer in allen Ländern, von Kindern, denen man mathematische Begriffe erklärt… Eine grafische Wiedergabe von Daten aus den Banken sämtlicher Computer im menschlichen System. Unvorstellbare Komplexität. Lichtzeilen im Nicht-Raum des Verstandes, Datencluster und -konstellationen. Wie die zurückweichenden Lichter einer Stadt…“[4]

Was wie eine Collage anmutet, eine blitzartige Verbindung von Elektronen und Neuronen symbolisiert, lässt sich aus medientheoretischer und -philosophischer Perspektive beleuchten und entschlüsseln. Die Definition von Raum und Rauminhalten bzw. -nutzern ähnelt sehr dem Leitspruch von McLuhans Medientheorie:

„In a culture like ours, long accustomed to splitting and divining all things as a means of control, it is sometimes a bit of a shock to be reminded that, in operational and practical fact, the medium is the message.“[5]

Der Cyberspace dient also nicht nur als Raum möglicher Aktanten, sondern konfiguriert die Subjekte wesentlich mit. Die Nutzer des Cyberspace sind nicht nur über neuronale Kanülen mit dem Medium verknüpft, sondern interagieren in ihm und mit ihm. In der Cyberpunk-Literatur sind Cyborgs, Androiden oder Künstliche Intelligenzen, die sich selbst in der Matrix erschaffen haben, keine Besonderheit und dienen dort als Lehrer oder Kumpanen und sind kaum noch vom Menschen zu unterscheiden.

Die radikale Geschwindigkeit der Datenübertragung führt im Cyberspace zu einer Implosion[6] der virtuellen Welt. Raum und Zeit werden aufgehoben, Nutzer und Matrix stehen in einer radikalen Wechselwirkung. Jiré Emine Gözen formuliert dies treffend, indem sie konstatiert:

„Die Geschwindigkeiten der Aktionen, Reaktionen und des Informationsaustausches erfahren in der Matrix eine völlig neue Dimension der Beschleunigung. Losgelöst von Körper, Raum und Zeit stehen das elektrische und das menschliche Zentralnervensystem in der Matrix in einem Austausch, der durch elektrische Impulse in Lichtgeschwindigkeit stattfindet.“[7]

Der Einfluss des Cyberspace lässt sich aber nicht auf die implodierende Wechselwirkung der Medienrezeption und die damit einhergehende Einbettung des Subjektes in digitale Welten reduzieren. Der Cyberspace dient in der Cyberpunk-Literatur auch als Matrize für soziale, gesellschaftliche und politische Umkehrungen. Er ist ein Simulakrum der Simulation, also kein abgeleiteter Algorithmus einer vermeintlich realen Welt mehr, sondern nimmt wesentlich Einfluss auf das Gesellschaftssystem. Jean Baudrillard, der McLuhans Medientheorie radikalisiert und die zivilisatorischen Epochen in ihre Medienabhängigkeit einordnet, formuliert es folgendermaßen:

„Three orders of simulacra:

simulacra that are natural, naturalist, founded on the image, on imitation and counterfeit, that are harmonious, optimistic, and that aim for the restitution or ideal institution of nature made in God’s image;

simulacra that are productive, productivist, founded on energy, force, its materialization by the machine and in the whole system of production – a Promethean aim of a continuous globalization and expansion, of an indefinite liberation of energy (desire belongs to utopias related to this order of simulacra)

simulacra of simulation, founded on information, the model the cybernetic game – total operationality, hyperreality, aim of total control”[8]

Das Simulakrum der Imitation symbolisiert die Epoche, die mit dem Ende der Feudalzeit beginnt. Schaffensprozesse orientieren sich am Naturgegebenen und versuchen dem Original nachzueifern. Das Simulakrum der Produktion beginnt mit dem Einsetzen der Industrialisierung. Artefakte sind nicht mehr Imitate der Natur, sondern können beliebig oft reproduziert werden. Waren verlieren dadurch an Einzigartigkeit, was sich auf deren Stellung im gesellschaftlichen System auswirkt.

Im Simulakrum der Simulation hingegen, welches in der Cyberpunk-Literatur durch den Cyberspace eine Gestalt bekommt, wird das Verhältnis von Natur- und Kulturprodukt erstmals umgekehrt:

„Das Realitätsprinzip hat sich mit einem bestimmten Stadium des Wertgesetzes gedeckt. Heute kippt das ganze System in die Unbestimmtheit, jegliche Realität wird von der Hyperrealität des Codes und der Simulation aufgesogen. Anstelle des alten Realitätsprinzips beherrscht uns von nun an ein Simulationsprinzip. Die Zwecksetzungen sind verschwunden, es sind Modelle, die uns generieren. Es gibt keine Ideologie mehr, es gibt nur noch Simulakren.“[9]

Der Cyberspace dient in der Cyberpunk-Literatur nicht mehr als Abbild der natürlichen Welt, sondern wird als vollendende Instanz angestrebt und damit zu etwas Transzendentem erhoben. So ist es der größte Wunsch von Pretty Boy[10] in ein Musikvideo konvertiert zu werden und für alle Zeit auf den Bildschirmen der Diskotheken tanzen zu können. Das Modell erlöst den Protagonisten aus seiner leidigen menschlichen Existenz.

Die Simulation wird somit zur wirklichen Realität und bekommt ein merkwürdiges Eigenleben. Die Implosion, die Radikalisierung von Zeit und Raum, prägt die Gesellschaft in der Cyberpunk-Literatur wesentlich mit. Die Protagonisten modellieren sich mit Hilfe technologischer Errungenschaften um, werden selber zu mechanistischen Gestalten. Sie wechseln in ihrer hyperglobalisierten Welt ihre Schauplätze in einer immensen Geschwindigkeit, wie es sonst nur Datenübertragungen machen könnten. Die natürlichen Beschränkungen von Mensch und Gesellschaft werden aufgehoben und ins Digitale erhoben:

„Wir befinden uns in der Logik der Simulation, die nichts mehr mit einer Logik der Tatsachen und einer Ordnung von Vernunftgründen gemein hat. Das Charakteristische an der Simulation ist die Präzession des Modells, aller Modelle, die über den winzigen Tatsachen kreisen.“[11]

Die Logik des Cyberspace und damit der Cyberpunk-Literatur wirkt für den Leser klassischer Science Fiction damit entfremdet. Die Protagonisten sind eben keine sympathischen Gestalten mehr, da sie fremden inhärenten Normen folgen und so fällt es dem Leser oftmals schwer, Empathie für die Handlungen, Entscheidungen und affektiven Regungen der Protagonisten zu zeigen. Nichtsdestotrotz sind die literarischen Modelle der Cyberpunk-Literatur eine Reise wert und könnten Handlungssequenzen und -konsequenzen in einer fortschreitend digitalisierten Welt aufzeigen.

 

Fußnoten:

[1] Gibson (2000), S. 29.

[2] „The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of thing in terms of another.“ (Lakoff/Johnson (1980), S. 5.)

[3] „Burning Chrome“ (dt. Chrom brennt) und anderen Kurzgeschichte Gibsons finden sich in Gibsons Sammelband „Cyberspace“ (1986) wider.

[4] Gibson (2000), S. 87.

[5] McLuhan (1994), S. 7.

[6] McLuhan (1994), S. 35.

[7] Gözen (2012), S. 232f.

[8] Baudrillard (1994), S. 121.

[9] Baudrillard (1991), S. 8.

[10] Der Protagonist von Pat Cadigans Kurzgeschichte „Pretty Boy Crossover“ (Cadigan 1991)

[11] Baudrillard (1978), S. 30.

 

Literatur:

Baudrillard, Jean: Agonie des Realen. Aus dem Französischen von Lothar Kurzawa und Volker Schaefer. Merve Verlag. 1978

Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod. Aus dem Französischen von Gerd Bergfleth, Gabriele Ricke und Roland Voullié. Matthes & Seitz Verlag. 1991.

Baudrillard, Jean: Simulacra and Simulation. Aus dem Französischen von Sheila Faria Glaser. University of Michigan Press. 1994.

Cadigan, Pat: Pretty Boy Crossover. S. 189–204. In: Cadigan, Pat: Patterns. Harper Collins Publishers. 1991.

Gibson, William: Cyberspace. Science Fiction einer neuen Generation. Aus dem Amerikanischen von Reinhard. Heyne. 1986.

Gibson, William: Neuromancer. Aus dem Amerikanischen von Reinhard Heinz und Peter Robert. S. 25–330. In: Gibson, William: Die Neuromancer-Trilogie. Heyne. 2000.

Gözen, Jiré Emine: Cyberpunk Science Fiction. Literarische Fiktionen und Medientheorie. transcript Verlag. 2012.

Lakoff, George/Johnson, Mark: Metaphors We Live By. Chicago University Press. 1980.

McLuhan, Marshall: Understanding Media. The Extensions of Man. MIT Press. 1994.

 

Advertisements

Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
Dieser Beitrag wurde unter Essays veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s