Mauern und Fels

von: The Colourful Wilbur

Sing of thy trees, Kortirion, again…[1]

Tritt näher, mein junger Freund. Setze dich zu uns an das Feuer. Es ist eine kalte Nacht und ein anständiger Bursche ist stets willkommen. Los doch, sei nicht so hochmütig. Ich erzähle dir die Geschichte von Wafanlut. Es ist eine alte Geschichte und nur noch wenige kennen sie; und den Wenigen, die sie noch kennen, hört man gewöhnlich nicht mehr so genau zu. Und doch ist sie lehrreich und spannend.

Wafanlut, magst du nun wohl denken, welch ein seltsamer Name. Und zustimmen könnte man dir, denn diese Sprache wird heute nicht mehr gesprochen. Nur die Weisen, die Jahr und Tag ihre Nasen in steinalte Büchern stecken, könnten dir sagen, dass dieser seltsame Name ein mächtiger und furchteinflößender war. Die Stadt war nach dem Klirren von Klingen, dem Bersten von Holzschilden und dem Krachen von Stahl auf Stein benannt. Ihr Name war das Klirren der Waffen. Wafanlut thronte auf dem Gipfel eines Berges, auf nacktem, grauen Fels. Der Berg, Betari genannt, war umgeben von einem Gehölz uralter Bäume. So war Wafanlut gleichermaßen von der Wildnis selbst und von seinen tapferen Bewohnern geschützt. Es galt als uneinnehmbar.

In Wafanlut herrschte ein gerechter Mann. Stets sprach er über die Belange seines Volkes Urteil, mild genug ihnen nicht zu schaden, streng genug ihnen eine Mahnung zu sein. Und in Kriegen mit den Orks, deren Volk damals noch zahlreich war, sah man Fürst Oglid Seit‘ an Seit‘ mit seinen Mannen in der vordersten Kampfesreihe sein Schwert schwingen. Das Reich war groß und hell. Alte Bäume wuchsen in Wäldern, die so tief und dicht waren, dass sie wohl nie von einem Mann erkundet werden konnten. Junge Männer schworen voller Stolz ihre Eide auf Fürst Oglid und das Volk war dankbar.

Wie du weißt, junger Freund, liebt der Widersacher solche Eintracht nicht und er dürstet jederzeit danach, den Frieden zu stören und Missgunst und Hass zu säen. Und so kam es, dass eine besonders niederträchtige, lederflügelige Kreatur auf einem Erkundungsflug von Wafanlut erfuhr. „Ich will dem Herrn davon berichten, er wird mich belohnen“, dachte sie sich. „Vielleicht mag er mir ein Federkleid schenken, so wie den eitlen Schwänen, oder ein vielleicht ein gülden-gewundenes Horn auf der Stirn?“ Denn wie du weißt, mein kaltfüßiger Freund, gedeiht aus Neid und Gier stets nur weiteres Übel. Der Widersacher tobte und spie vor Ärger über das glückliche Reich. „Es ist nicht rechtens! Ich kann es nicht ertragen, dass es diesen Würmern so gut ergehe, während ich, hochgeborener und rechtmäßiger Erbe dieser Lande, hier in der Finsternis darben muss! Ich will sie lehren, ihre schamlose Fröhlichkeit zu verbreiten!“, dachte er bei sich.

Der Feind begann noch in der darauffolgenden Nacht, seine Streitmacht zu versammeln. Hunderte von faulzähnigen und triefäugigen Orks lagerten in ihren maroden Zelten auf der Ebene vor der Feste des Widersachers. In der dritten Nacht zogen sie im Schein des Mondes los. Schaurige und blutige Lieder sangen sie, als sie marschierten. Ihre kehligen Kriegslieder hallten von den Bergen hinab und wurden vom Wind getragen. Wo man sie hörte, versteckten sich Kinder unter ihren Betten oder in den geheimen Kammern auf dem Dachboden. Väter und Mütter versuchten sich mit dem Wenigen, was sie hatten, freizukaufen und ihr Hof und Land zu schützen. Doch sie wurden nicht verschont und die Erde trank ihr Blut.

Ein alter Wanderer streifte zu der Zeit durch die Wälder. Er roch den Geruch von hunderten von Pechfackeln und hörte das niederträchtige Geheul, das die Horde veranstaltete. Er wusste, dass dies nicht mit rechten Dingen zugehe und dass es nun an ihm wäre Wafanlut zu warnen. Ja, ich sage dir: Unterschätze nie die Alten – sie kennen oft noch Wege und Pfade, die den Jüngeren unbekannt sind. Und so erreichte der Wandersmann die Stadt rechtzeitig, um Fürst Oglid zu warnen.

Als das Heer der Orks die Stadt im Morgengrauen erreichte, wurde es von hunderten von Bogenschützen auf dem Wall erwartet. Kessel mit siedendem Öl und Haufen von Steinen waren auf den Mauern vorbereitet. Alle Zugbrücken waren hochgezogen und das Volk war sicher im Inneren der Festung geborgen. Über Allem wehten stolz die rot-schwarzen Banner von Wafanlut und ihr Anblick gab den Männern Mut und Kampfeslust.

Nun kannst du dir sicher vorstellen, dass die Orks keine große Lust hatten, sich in den Kampf gegen eine solche übermächtige Burg zu werfen. Doch umkehren konnten sie nicht, aus Angst vor ihrem Herren. Und so entschlossen sie sich, Wafanlut zu belagern. Es begann eine schreckliche Zeit für die Bürger der Stadt. Tag für Tag lauschten sie den furchtbaren Liedern der Orks und sahen, wie diese ihre Felder abernteten, ihre Bäume fällten und ihr Vieh fraßen. Doch blieben sie standhaft und sandten den Orks jedes Mal einen gewaltigen, todbringenden Pfeilhagel entgegen, wenn diese sich zu nah an die Burg wagten.

Fürst Oglid beriet sich zu jener Zeit täglich mit seinen Vertrauten und so kam es, dass sich diese nach einem Mondlauf wieder in der Stammeshalle trafen. Der getreueste Knecht und engste Vertraute Fürst Oglids, Fogalrarta, sprach zu seinem geliebten Herren: „Erhöre deinen Knecht, oh Fürst Oglid. Ich habe dein Volk in den Straßen und Wirtshäusern unserer Stadt gesprochen und trage dir die Sorgen ebenjener zu. Noch ist ihr Herz stolz und zuversichtlich. Stets haben sie dir vertraut und so auch nun. Doch ihre Rücken beginnen sich unter der Last der täglichen Wache zu beugen. Graue Schatten schleichen sich unter ihre Augen und die Gürtel müssen längst enger geschnürt werden, da ein jeder seine Rationen kürzt, wo es nur geht. Willst du, oh Gerechter, deinen Feinden der Amboss sein, an dem sie zerschellen, dann handele schnell. Ich schaue in den Sternen, dass ein Kampf gegen das niedrige Gesindel in unseren Landen nur dann siegreich sein kann, wenn er bis zum dritten Tag von nun an erfolgt.“ Der König hörte seinem Vasallen Fogalrarta, von dem es hieß er könne von Zeit zu Zeit die Zukunft schauen, aufmerksam zu. Nachdem er sorgfältig überlegt hatte, ließ er sein Volk auf dem Vorplatz versammeln und rief es mit feurigen Worten zu den Waffen.

Recht so, denkst du nun wohl. Ein Herrscher ist nicht dazu erkoren, sich in seinen Hallen zu verkriechen, wie ein getretener Köter. Er darf den Kampf nicht scheuen. Und so kam es, dass Fürst Oglid an der Spitze seines gesamten Heeres, auf einem rotbraunen Ross und in silberglänzender Rüstung in die Schlacht ritt. Klar und schön klangen die Fanfaren und das Banner von Wafanlut wehte hundertfach vor dem blauen Himmel.

Die beiden Streitmächte prallten aufeinander wie gewaltige Urmächte. Lange schien es, als könnten die Orks einen Ring um des Fürsten Gefolgschaft ziehen. Doch schließlich brach dieser mit zehn berittenen Lanzenträgern durch die Angriffslinie hindurch. Durch diese Heldentat geteilt, war das Heer der Orks ohne Führung und schon desertierten die Feigsten unter ihnen in die umliegenden Wälder. So manch ein tapferer junger Krieger Wafanluts machte sich an diesem Tag einen Namen. Fürst Oglid selbst erschlug trotz einer tiefen Schnittwunde am Bein mehr als zwanzig Orks und ritt nach der Schlacht erhobenen Hauptes und siegreich den Betari empor. Wafanlut blieb uneingenommen.

Während die Bewohner der Feste ein großes Freudenfeuer entzündeten und die im Kampf um ihre Stadt Gefallenen zu den Göttern sandten, erhob sich ganz in der Nähe eine abscheuliche Gestalt aus dem Wipfel einer Fichte und flog davon, dem Widersacher von der Niederlage seiner Streitmacht zu berichten.

Der Verderber spie und brüllte in seinem Kerker. „Gewürm! Wie kann solch ein Unwürdiger, solch ein Schmutzkerl, es wagen, sich meinem Willen zu widersetzen? Mögen Maden seine Lunge zerfressen und Fäule sein Gehirn verzehren! Ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen müssen. Wenn schon nicht durch den Stahl, dann sollen diese Strolche wenigstens durch meine List vernichtet werden.“ Und schon begann er in seinen tiefsten Gruben und Kerkern zu arbeiten. Schwarze Wolken und rote Dämpfe stoben aus den vielen kleinen Rohren und Schloten an die Oberfläche und nach einem Mondlauf trat der Widersacher in der Gestalt einer kleinen, hutzeligen Großmutter aus seiner Burg.

Du möchtest wohl wissen, wie diese Verwandlung gelungen war? Nun, es genügt wohl, wenn ich dir verrate, dass keine Fliegen mehr das Haupt des Finsteren umschwirrten. Die Fußspur hinterließ keine verdorbenen Gräser mehr und selbst die klugen Waldtiere flohen nicht, als das Mütterchen seiner Wege ging. Natürlich ahnte auch die Schildwache Wafanluts nichts und ließ die kleine Gestalt ohne Weiteres passieren.

So kam es, dass der Widersacher in seiner Tarnung vor den Fürsten Oglid trat und bei einer Versammlung das Wort ergriff. „Oh Ruhmreicher! Dein Volk ist dir dankbar, soviel ist sicher. Und wohl sei denen, die sich glücklich schätzen dürfen, Untertanen deiner Regierung zu sein. Wie lange wird man sich noch Sagen von deinen Taten erzählen?“ Fürst Oglid erhörte diese Worte mit Wohlwollen und antwortete: „Habt Dank, Mütterchen. Die Siege Wafanluts werden niedergeschrieben in unseren Chroniken, so dass sie auf immerdar zu studieren seien.“ Ruhig vernahm der Widersacher diese Worte und setzte alsbald nach: „Ja sicher, hoher Richter, doch Pergament wird von Feuer und Ratten zerfressen. Gibt es denn nichts, das von größerer Dauer wäre? Etwas, das in Erzählungen und Legenden nicht verzerrt und entstellt werden könnte?“ Bei diesen Worten rührte sich etwas Ungekanntes in Fürst Oglids Herz. Ein warmes Gefühl stieg aus seinem Herzen empor in seine Stirne und setzte sich dort fest. „Du sprichst wahr, Schwester. In vielen Schlachten habe ich mein Volk sicher geführt und es steht mir zu, das Gesicht meines Landes zu einem Denkmal zu formen.“ Fürst Oglid gab noch in der selben Nacht den Auftrag, Fels vom Betari abtragen zu lassen. Die Festung Wafanlut sollte auf einem Gipfel stehen, der nur von einer einzigen Treppe erreicht werden könnte. Wenn der Fels rings um die Festung abgetragen sei, so könne nie wieder ein Feind bis an die Mauern der Stadt vordringen. Fürst Oglid wäre fortan, so dachte er, als der Fürst bekannt, der zum Wohle seiner Gefolgschaft sogar das Gesicht des Landes verändert hatte.

Doch Fogalrarta hatte den Worten seines Herren gelauscht und nun ergriff Furcht sein Herz. Zu allen Zeiten war Demut stets die Stärke Oglids gewesen und nun plötzlich und unerwartet war ihm die Sehnsucht nach immerwährendem Ruhm zum Beweggrund geworden. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Fogalrarta versuchte im Flug der Wolken und Raben, in den grünblauen Tiefen des Trobisees und in den Glutresten des Herdfeuers zu lesen, doch gab sich ihm nichts preis. „Es mag mir vielleicht nicht gefallen, doch steht meinem Herren der von ihm ersehnte Ruhm vielleicht tatsächlich zu“, dachte er und versuchte nicht, den Fürsten von seinem Plan abzubringen.

Klammheimlich aber, schlich sich eine dunkel gekleidete, krumme Figur aus der Stadt und zog in der Abenddämmerung davon, verdorbene Gräser unter ihren Schritten zurücklassend.

Fünf Jahre lang ließ Fürst Oglid den Betari einebnen. Mit Spitzhacken und Schaufeln wurde dem alten Berg bei jeder Witterung Gestein geraubt, bis Wafanlut schließlich auf einem einzelnen Gipfel thronte, wie es befohlen war. Fortan konnte ein Reisender die Stadt des Waffenklirrens nur noch über eine enge Stiege erreichen, die sich einmal halb um den verbliebenen Fels zog.

Was denkst du? Ist es ein weiser Entschluss Oglids gewesen? Die Götter lieben es nicht, wenn der Mensch sich über ihre Wege hinwegsetzt. Wo sie einen Berg wachsen lassen, oder einen Fluss entlangsenden, da ist es gewiss der beste Ort dafür und es darf nicht sein, dass diesem Plan zuwidergehandelt wird. In seinen finsteren Gewölben wartete der Widersacher und rieb sich die Hände. „Ich habe nicht wider die Natur gehandelt“, sagte er sich. „Es ist ja nicht meine Schuld, dass dieser Nichtsnutz eine solch unrühmliche Idee hatte. Ja, wenn man es recht sieht, habe ich doch versucht, ihn davon abzubringen. Ich wollte ihn retten, jawohl. Doch nun wird es kommen, wie es kommen muss.“ Und ein hasserfülltes, widerliches Grinsen zog sich durch die bleiche Totenmaske des Widersachers.

Im fünfzigsten Jahr der Regentschaft Fürst Oglids geschah eine fürchterliche Tragödie: Ein Erdbeben erschütterte das Land. Vielerorts riss die Erde auf und verschlang Häuser und Felder. Doch am härtesten fiel der Hammer auf Wafanlut. Der schmale Rest, der vom Betari übrig geblieben war, konnte der bebenden Erde nicht standhalten. Es gab einen gewaltigen Erdrutsch und Wafanlut, samt allen Bewohnern sauste in einer turmhohen Wolke aus Schutt ins Tal. Die Massen begruben alles, was in ihrem Weg stand und es gab keine Überlebenden.

Die glorreiche Stadt Wafanlut mit ihren rotschwarzen Fahnen und ihrem güldenen Glanz war bis zu ihrem Ende nicht eingenommen worden. Keine Kriege konnten sie vernichten, keine Belagerung konnte sie in die Knie zwingen. Einzig die verderbliche Saat der Hochmut, gepflanzt in das Herz eines tapferen Mannes, sollte ihr Untergang sein. Was aus Fogalrarta geworden ist, fragst du? Man erzählt sich, dieser habe die Stadt vor ihrem Ende verlassen und treibe sich nun als Geschichtenerzähler herum, stets geplagt von der Schmach, einem guten Freund einen ehrlichen Rat verwehrt zu haben. Sicher sein können wir uns nur, dass die Bäume die Ruinen Wafanluts eingenommen haben. Du stehst mitten unter ihnen.

Siehst du nun, dass sich Eitelkeit nicht auszahlt, junger Freund? Na siehst du! Dann sei nicht so hochmütig und setze dich zu uns an das Feuer, ehe dir die Zehen blau werden.

 

[1] J.R.R. Tolkien: Kortirion among the trees

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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