Dispecta est et Thule

von The Colourful Wilbur

Seit meiner Reise in das Erdinnere waren vier Jahre vergangen. Vier Jahre, die ich damit verbrachte, kleine Kerben in meinen hölzernen Bettrahmen zu ritzen, für jeden Tag eine. Vier Jahre voller Alpträume vom Feuergott und seiner Rache an den Lebewesen der Oberfläche. Vier Jahre, die ich bis auf wenige Besuche Cliffords, allein und wortlos verbrachte. Aus seinen Besuchen weiß ich, dass er die vier Jahre damit verbracht hat, neue Gelder zu sammeln. Geld, das er benötigt, um seine Forschung am Ignisstahl wiederaufzunehmen. Jeder seiner Besuche endete mit einer Tirade meines einstigen Freundes, wie hinterlistig und falsch meine Tat gewesen sei. Noch immer denkt er, es sei mir damals um den Ruhm gegangen…

Heute jedenfalls werde ich aus meiner Haft vorzeitig entlassen. Die Nachricht konnte ich zuerst gar nicht einordnen. Mein Gehirn weigerte sich plötzlich, sich die Welt draußen in der Freiheit vorzustellen. Ich hatte die letzten Jahre in der Sicherheit verbracht, volle zehn Jahre in diesem Gefängnis zu verbringen. Ich erfuhr bei meiner Entlassung (wegen guter Führung), dass in diesem besonderen Jahr, 1931, die Weltwirtschaftskrise zu einer großen Kriminalität in Londons Straßen führte. Mit anderen Worten: Mein Zellenplatz wurde für neue Insassen benötigt. Außerdem war die tägliche Versorgung der Häftlinge teuer und da ich ja nicht einmal gewalttätig gewesen war, konnte ich gehen. In den Augen meiner Aufseher handelte es sich bei meinem Fall sowieso nur um den Streitfall zwischen zwei Verrückten.

Wieder in den grauen, konformen Gassen der Stadt unterwegs, umfing mich Zerrissenheit. Wo sollte ich einen Platz beanspruchen? Womit sollte ich mein Geld verdienen? Ich konnte mich nur an das einzige halten, das mir geblieben war: Meine Referenz als Bücherwurm. Ich nahm mir ein heruntergekommenes Zimmer in einer Arbeitergegend und besuchte tags darauf die alte Bibliothek des King’s College. Um mir wieder einen Ruf aufzubauen, der mir einen Lehrstuhl gewähren würde, musste ich eine neue Arbeit verfassen. Ich stöberte einige Tage in alten Sammelbänden und längst in Vergessenheit geratenen Büchern, bis ich urplötzlich auf eine Notiz stieß, die mein Interesse weckte. Es handelte sich um eine Nachricht des römischen Reisenden Iulius Agricola, notiert von seinem unbekannten Vertrauten Flavius. Sie lautete wie folgt:

Lieber Flavius,

Zeichne diese meine Gedanken auf.

Wie ein Traum erscheint es mir noch heute. Meine Reise um die britannische Insel ist nun einige Jahre her und doch verlässt mich ein Bild seither nicht. Stelle dir vor: Die Sklaven legten sich Tag für Tag in die Riemen und trieben unser Schiff borealis, stets entlang der unfreundlichen Westküste Britannias. Regen und Sturm zwangen uns, sehr nah an den schroffen und felsigen Landstrichen zu navigieren, um mit unserer Polyere nicht in Seenot zu geraten. So hatte ich einen guten Blick auf die Region. Der Norden des Landes ist karg. Das Auge kann weit über die baumlosen Ebenen und die vielen Berge sehen. Es ist ein wunderschönes, melancholisches Land. Täglich beobachtete ich, wie sich das Sternbild der Corona Borealis ein wenig verschob, bis wir schließlich in das Terra Incognita eindrangen. Wir hatten bewiesen, dass Britannia, wie vermutet, eine Insel war und bewegten uns nun um ihre Nordspitze. Frohen Mutes trat ich an die Reeling und spähte auf den Ozean hinaus. Was für Wunder mochten dort noch verborgen liegen? Verträumt blickte ich auf das Meer.

Das Bild, das sich mir bot, war aufgrund des dünnen Regens leicht verschwommen und der aufkommende Nebel tat sein Übriges. Ich schaute in eine wogende blaugraue Masse. Doch plötzlich zerschnitt ein kleiner, aber deutlicher schwarzer horizontaler Streifen das Bild und war sogleich wieder verschwunden. Durch das Schwanken des Schiffes auf den Wellen hatte ich ihn wieder aus dem Blick verloren. Verblüfft sah ich erneut durch das Fernrohr und suchte den Landstrich erneut. Und dort lag er vor mir: Ein flacher Streifen Erde, weiter im Norden als je ein Bewohner der mächtigen Stadt Roms gereist war.

Unsere Expedition war von wichtigen Patriziern Roms bezahlt worden und man duldete sicher kein Abweichen von der Route, war doch der Beweis der Inselform Britannias, und möglicherweise der Beschaffung einer Handvoll Sklaven zur Vorführung, ein Erfolg an sich. Dennoch wünschte ich mir nichts mehr, als dieses unbekannte Land zu erforschen. Ich kämpfte mit mir selbst. Immer war ich ein verlässlicher Mann gewesen, der seine Aufträge sorgsam erfüllte. Sollte ich mein Ansehen durch ein gefährliches Abweichen vom Plan in Gefahr bringen? Das Schiff noch einmal auf offenes Gewässer führen, noch dazu in unbekanntem Terrain? Mich dem Spott der Mannschaft aussetzen, wenn es sich doch nur um eine unbedeutende Brutstätte für Seevögel handelte? Nein, ich musste dem Auftrag treu bleiben.

In der Nacht erlebte ich einen Traum, der seither immer wieder zurückkehrt, Jahr um Jahr. Ich setze am Südufer, in einer kleinen von Felsen gesäumten Bucht, Fuß auf Thule. Ein Gefühl des unmessbaren Alters überkommt mich. Ich wandere in leicht westlicher Richtung, vorbei an den niedrigen, schneebedeckten Kiefernwäldern, auf den einzigen Hügel, der in der Nähe liegt hinauf, einer Person entgegen, die mich erwartet, die ich erwarte. Über dem Himmel erstrahlt ein seltsames Licht in roten und grünen Bändern. Es erleuchtet die karge Ebene hinter unserem Hügel und lässt in der Ferne höhere und schneebedeckte Berge erahnen. Die Person ist eine in Felle gekleidete Frau mit einem ledernen Stirnband. Ihre hellblonden Haare sind zu einem dicken Zopf geflochten. Sie ist jung und schön, mit ernstem und stolzen Blick. Zu ihren Füßen wächst eine kleine weiße Blume. Die junge Frau pflückt die Blüte und legt sie mir in die Hand. Dann weist sie mit dem Finger auf das Meer. Ich erwache und verfasse eine kurze Notiz zu meiner Erinnerung: Nur in Sicht kam Thule.

Iulius Agricola

Ich konnte nicht sofort benennen, was das Sonderbare an diesem Schriftstück war und las es noch zwei weitere Male, bis es mir klar wurde: Die Beschreibung der Landschaft auf dieser Insel, die vermeintlich Thule war, war so detailreich und klar, dass sie kaum einem Traum hätte entstammen können. Hatte Iulius Agricola doch einen Abstecher auf die sagenumwobene Insel gewagt und später mithilfe dieses Schriftstückes versucht, sein Abweichen vom Kurs zu vertuschen? Ich zeichnete sogleich eine Skizze der Beschreibungen des Römers, die ich in der kartographischen Sammlung suchen und vergleichen wollte.

Meine Recherche war endloses und ermüdendes Stückwerk. Alle renommierten Bibliotheken und selbst die Kartensammlungen der erlesensten Gesellschaften Londons ließen mich nach stundenlanger Suche enttäuscht davonziehen. Ich bekam dunkle Augenränder und meine Haut nahm mit der Zeit ein kränkliches Grau an und doch hielt ich an meiner Suche fest. Schließlich fasste ich mir ein Herz und fuhr mit der Kutsche hinaus in das verkommene Twopence-Viertel. Ich wusste, dass dort ein abgehalfterter Illusionist lebte, von dem es hieß, er habe eine recht ansehnliche Sammlung seltener und seltsamer Schriftstücke angesammelt. Dieser sogenannte Magier trug den, für meinen Geschmack allzu extravaganten Namen Clancularius. Ich ließ meinen Kutscher direkt vor dem heruntergekommenen Backsteingebäude halten und zahlte ihm ein paar Münzen im Voraus, damit er an dieser Stelle auf meine Rückkehr warte. Ich zog an einem einfachen Strick neben der Tür und aus dem Inneren des Gebäudes konnte ich das Scheppern einiger Metallglocken hören. Clancularius empfing mich in einem fleckigen Morgenmantel. „Guten Tag, junger Mann. Wie kann ich ihnen dienen?“, fragte er. „Ich bin auf der Suche nach ein paar Kartenwerken, die Europa abbilden. Leider bin ich in den bekannten Bibliotheken noch nicht fündig geworden und erhoffe mir nun, einen Blick auf eure Sammlung werfen zu dürfen.“ Sichtlich enttäuscht bat mich Clancularius herein. Ich vermutete, er hatte in mir einen Kunden für Kartenlegerei oder Handlesen gesehen. Er führte mich durch einen engen Korridor. Durch die offenen Türen konnte ich einen Eindruck der Wohnung gewinnen. Es gab eine schmutzige Küche, in der sich das Geschirr stapelte, ein Schlafzimmer mit Schimmel an den Tapeten und ich vermutete, dass hinter der einzigen verschlossenen Tür ein Bad zu finden sei, welches wohl ähnlich ungepflegt sein musste. Wir erreichten das Ende des Flurs und standen vor einer holzverkleideten Wand. Der Magier vollführte ein paar theatralische Bewegungen, doch ich bemerkte, dass er dabei auf ein lockeres Dielenbrett am Boden trat, welches einen geheimen Mechanismus in Gang setzte, der vor unseren Augen einen gut versteckten Durchgang öffnete. „Natürlich können Sie hier solange stöbern, wie Sie möchten. Pro Stunde kostet das dann eine halbe Crown. Trinken Sie Tee?“ Vor mir lag ein winziges Studierzimmer, welches bis unter die Decke mit Büchern und Schriftstücken vollgestopft war. „Nein, danke. Ich komme zurecht.“ Clancularius deutete eine Verneigung an und zog sich zurück. Ich begann mit der Suche.

Ich verbrachte eine gute Woche damit, die Werke in der kleinen Kammer zu sichten. Es waren in der Tat einige Schätze unter ihnen, nach denen sich die einschlägigen Societies die Finger lecken würden. Hemfordsons „Solidifying“ war darunter, auch Nicodemus von Achschats „Ceratinus“, zwei Bände der verschollenen „Chronik der Spagyrik“ und noch einige weitere Kleinode. Am Samstagnachmittag weckte plötzlich ein unscheinbares Manuskript meine Aufmerksamkeit. Der Verfasser hatte in Eile mit einem Kohlegriffel eine Karte skizziert, die meiner sehr stark ähnelte. Darüber hinaus war die Karte mit einem Gitternetz markiert. Welch ein Fund! Ein Gitternetz zur Navigation auf Thule, bedeutete das diese Person die Insel betreten haben musste, oder dies zumindest geplant hatte. Thule, dieses Rätsel welches sich in den letzten Tagen immer mehr zu einem Wunschtraum verflüchtigt hatte, gewann mit einem Schlag wieder klare Konturen! Jemand war dort gewesen. Ich entnahm das Pergament vorsichtig aus dem Album, in welchem es bewahrt wurde und konnte einen kleinen Freudenschrei nicht unterdrücken, als ich sah, dass die Rückseite beschriftet war. Es dauerte nicht lange, da hatte ich die Notiz entziffert und übersetzt (es war eine Mischung aus Latein und einigen Dialekten aus dem antiken Mittelmeerraum). Die Nachricht war von einem kilikischen Seeräuber des Namens Kyarnessis verfasst worden und lautete wie folgt:

Mithra, der Gerechte, weiß Kyarnessis verdiente seine Schätze in Ehren. Ist es nicht recht, Rom seine in Sünde gesammelten Güter zu nehmen? Darum betet Kyarnessis im Gefängnis ein Jahr. Er vollführt gefährliche und geheime Rituale, bis ihn die Götter an einen heiligen Ort nehmen. Dort zeichnet Kyarnessis eine Karte dieser Insel.

Es folgte eine Beschreibung der komplexen und bedrohlichen Rituale, die er Seeräuber in seiner dunklen Zelle durchgeführt hatte. Nicht nur wegen der verwendeten Gegenwartsform erschien mir der Text sonderbar. War hier von einer Art Astralreise die Rede? Oder sprach Kyarnessis metaphorisch und wurde aus seiner Zelle entlassen oder befreit und fand das vermeintliche Thule auf einer späteren Seereise? Im zweiten Fall musste er eine, für die damalige Zeit unglaubliche Entfernung zurückgelegt haben. Vorbei an allen römischen Häschern, entlang der Küste der Iberischen Halbinsel, durch die Straße von Gibraltar und auf dem ungezügelten Atlantik immer nordwärts. Selbst wenn Kyarnessis, wie der legendäre Odysseus vor ihm, die Grenzen der bekannten Welt hinter sich gelassen hatte, so musste er unheimlich zielstrebig gesegelt sein. Wieso zog es ihn stets weiter in die Kälte? Es gab keine Erklärung. Ich musste mehr über Kyarnessis herausfinden. Doch wo sollte man Informationen über einen unbedeutenden kleinasiatischen Piraten bekommen? Einer spontanen Eingebung folgend suchte ich meinen Gastgeber Clancularius in dem ekelerregenden Kämmerlein auf, das er eine Küche nannte. Meine Frage heiterte den sonst eher melancholischen Kameraden sichtlich auf und er begann auf der Stelle erregt zu berichten.

Er selbst, der Große Clancularius, dürfe eigentlich nicht darüber berichten, denn es handele sich um Wissen, welches nur Angehörigen des Mithras-Kultes anvertraut werden dürfe. Doch mir gegenüber habe er schon seit unserem ersten Treffen ein inniges seelisches Verständnis empfunden und er wisse, dass ich verantwortlich mit den nun folgenden Offenbarungen umgehen würde. Er ließ es mich dreimal schwören. Kyarnessis war ein treuer Ergebener des Mithras und hatte sich dem Kampf für Gerechtigkeit verschrieben. Anstelle reicher Passanten im Sherwood Forest, beraubte er Schiffe reicher römischer Händler und sorgte so für das Überleben seiner Sippe. Eines Tages wurde Kyarnessis mit seinem Schiff römischen Kriegspolyeren in die Enge getrieben. Er musste sich ergeben, denn er war für das Leben seiner Besatzung verantwortlich. Da die Seeräuberei im Mittelmeer keine Besonderheit war, erhielt Kyarnessis keinen Prozess, sondern wurde kurzehand in ein römisches Gefängnis in Salamis auf Zypern gesperrt. Dort habe der Mithras-Adept die beschriebenen Rituale vollzogen. Da er in seiner Zelle keinen Zugriff auf Zutaten oder Artefakte hatte, musste Kyarnessis sehr lange Zeit warten. Er sammelte die nötigen Mittel letztendlich, indem er vorgab, die Zukunft weissagen zu können. Es dauerte nicht lange, da hatte er einen abergläubischen Aufseher ausgemacht, der ihm die gewünschten Mittel beschaffte, um seine Zukunft zu erfahren. Kyarnessis behielt von jeder Zutat ein Quäntchen für sich zurück und war nach einem Jahr in der Lage den Zauber zu vollführen, der ihn auf die magische Insel versetzen würde. Clancularius wisse nicht, was auf der skizzierten Insel geschehen war. Verbürgt sei unter den Kundigen lediglich, dass Kyarnessis eine Weile, wie vom Erdboden verschluckt war. Seine Spur findet sich ungefähr zehn Jahre später in seinem Heimatdorf bei Kalonoros wieder. Dort legte er ein Schweigegelübde ab und verbrachte seinen Lebensabend arm und einsam.

Eine solche hanebüchene Geschichte konnte sich natürlich jeder ausdenken, der die Karte und die Beschriftung kannte, doch Clancularius verstand sich überraschend gut darauf mit geheimnisvollen Blicken und Erzählpausen an den richtigen Stellen zu spielen. Ich fühlte mich gut unterhalten, doch mit meinem Rätsel war ich keinen Schritt weitergekommen, so fand ich. Ehe ich mich auf die Suche nach weiteren Quellen machte, oder untersuchen konnte, ob Iulius Agricola die Karte des Kyarnessis gekannt hatte, wollte ich das Ritual erkunden. Möglicherweise erzeugte es Halluzinationen, die einem antiken Seefahrer als transzendente Erfahrungen erschienen sein mögen.

Ich trieb mich auf einigen Raritätenmärkten herum und fand nach einiger Zeit alle, für das Ritual benötigten Zutaten. Allerdings dämmerte es mir inzwischen auch, dass ich diese ohne finanzielle Unterstützung nicht bezahlen könnte. Doch wer würde mir Geld leihen? Ich musste Reginald Clifford aufsuchen und um Gnade bitten.

Das alte Haus in welchem mein ehemaliger Studienkollege lebte, schien sich nicht im mindesten verändert zu haben. Selbst der graue Regenschleier lag genauso über der Straße, wie er auch vor meinem inneren Auge fest mit diesem Haus zusammengehörte. Ich pochte mit dem bronzenen Türklopfer an und wartete unruhig auf eine Reaktion. Nach einiger Zeit öffnete mir Clifford und sein Blick verfinsterte sich auf einen Schlag. Doch zu meiner Freude ließ er mich eintreten und wies mich an in die Stube zu gehen, ganz so, als habe er bereits erwartet oder geahnt, dass dieses Treffen noch einmal erfolgen würde. „Reden wir nicht lange herum, Albert. Du bist da an einer Sache dran und wünschst, mich zu beteiligen, um deine Schuld zu begleichen“, riet er, ohne Umschweife. So hätte ich es natürlich nicht ausgedrückt, doch diese Auslegung könnte mir den erwünschten Vorteil schneller verschaffen, als verhofft und so nickte ich demütig. „Nun, ich bin da auf ein interessantes altes Papier gestoßen. Wenn meine Vermutungen stimmen, hat sich ein Mittelmeerpirat durch eine Art Selbsthypnose in Trance versetzt und von einer sagenumwobenen einsamen Insel schwadroniert. Die Visionen dieses Freibeuters gelangten durch dessen Gefangenschaft an die Ohren eines römischen Entdeckungsreisenden, der durch die Behauptung, die geheime Insel entdeckt zu haben, seinen Ruhm vergrößern wollte. Nun möchte ich das überlieferte Ritual nachahmen, um zu beweisen, dass es Halluzinationen hervorruft.“ Clifford hörte sich meine Ausführungen über das Ritual aufmerksam an und in seinen Augen las ich schon längst keine Verachtung mehr, sondern Heiterkeit. Eine wissenschaftliche Begründung für Versuche mit Drogen kam Clifford stets sehr gelegen. „Gut, mein alter Junge. Ich werde diese Spielerei finanzieren, jedoch zu meinen Konditionen: Du nimmst die Substanzen zu dir und ich führe das Protokoll. Nach Anfertigung der Schrift melde ich den Artikel als alleiniger Autor bei den üblichen Journals an. Sollten wir Erfolg haben, schleuse ich dich als Mitarbeiter wieder in der Society ein und dein Ruf ist wieder hergestellt. Mehr noch: In diesem Falle sehe ich den Schaden, den du mir zugefügt hast als beglichen an.“ Das war mehr als ich zu träumen gewagt hatte. Mein alter Freund gab mir eine zweite Chance.

Wir arbeiteten etwa fünf Tage daran, dass Ritual vollständig zu entschlüsseln und die Vorbereitungen in Cliffords Keller, wo vor ein paar Jahren der unheilvolle Ignisstahl erfunden wurde, zu treffen. Bei dem Ritual handelte es sich um eine Mischung aus geometrischen Operationen, welche mit verschiedenen Kreiden und Farbflüssigkeiten an einer Wand des Zimmers vollführt wurden und einigen, zur richtigen Zeit eingenommenen Pflanzenextrakten. Dazu mussten einige wenige okkulte Formeln intoniert werden. Natürlich erwarteten wir von diesen Worten nicht viel, doch um das Ritual für den Artikel möglichst detailgetreu zu imitieren, beschloss ich auch diese auszusprechen.

Am 17. September 1931 sollte unser Selbstversuch durchgeführt werden und ich fand mich vor der nackten Steinwand wieder, wo ich das Ritual wie Kyarnessis viele Jahrhunderte vor mir, durchführen sollte. Ich begann das oft geprobte Spektakel, während ich Cliffords amüsierten Blick auf mir heften spürte. Zunächst geschah nichts Besonderes. Mir wurde etwas schwindelig und ich bemerkte einen bitteren Geschmack. Meine Bewegungen schienen langsamer zu werden und ich sah sie gespenstisch nachziehen, wie bei einer doppelt belichteten Fotographie. Doch ich hatte derartiges erwartet und hielt mich fest an die Abfolge. Als ich der Zeichnung an der Wand die letzte Ellipse hinzugefügt hatte, fröstelte es mich. Ich fühlte mich zu groß, so als ob meine wahre Form ihre fleischliche Hülle übertreten würde. Ich drehte mich herum, um Clifford meine Erfahrungen zu berichten, doch nun trat die Wirkung vollends ein. Anstatt des dunklen Kellers sah ich eine weite, blaugrüne Landschaft vor mir liegen. Hier und dort lagen Flecken von Schnee und in der Ferne war eine Anhöhe zu erkennen. Dies musste Thule sein.

Da ich keinen weiteren Anhaltspunkt hatte, wanderte ich los, entschlossen so viele Eindrücke wie möglich zu erhaschen. Je mehr ich zu berichten hatte, desto wahrscheinlicher, dass unser Artikel einige Leser begeisterte und sie ebenfalls zum Erproben der seltsamen Sinnestäuschung anregte. Welch eine Sensation, wenn diese Ritualhandlung bei allen Probanten dieselbe Täuschung erzeugte, statt wie bei anderen bekannten Drogen unterschiedliche Wahrnehmungen. Ich wanderte durch das karge Tal und erreichte schließlich die Berge. Um mich herum war nun mehr Schnee und Eis zu entdecken. Auf einem Felsvorsprung machte ich nun eine Person aus. Neugierig beschleunigte ich meine Schritte und näherte mich, bis ich meinen Freund Clifford entdecken konnte. Dieser murmelte unentwegt vor sich hin: „Kurios!… Ganz faszinierend!… Bemerkenswert!“ Obwohl ich Clifford für eine Projektion meines Geistes hielt, sprach ich ihn an: „Heda! Reginald! Willst du nicht ein Stückchen mit mir gehen?“ Kaum überrascht wandte er sich mir zu. „Sehr gern, alter Junge. Wir sollten den Gipfel erklimmen, um einen Überblick über die ganze Insel zu erhalten.“ Er schloss sich mir an und wir begannen den Aufstieg. In meinem Sakko war es mir inzwischen sehr kalt geworden, doch ich erinnerte mich, dass es in Cliffords Keller gut beheizt gewesen war und diese Einbildung längerfristig keine Erkältung zur Folge haben könne.

Vorbei an haushohen Felsenwänden und munter plätschernden Eisbächen, führte unser Weg uns dem Gipfel entgegen. Wir mussten oft die Richtung ändern und stellten ein ums andere Mal fest, dass einige Pfade uns nicht voranführten. Zu dem eisigen Wind gesellte sich nun ein leichter Schneefall, der uns den Blick nach oben erschwerte. Plötzlich machte der Clifford-Geist neben mir ein erstauntes Geräusch. „Sieh mal dort oben!“, raunte er mir zu. Nun sah auch ich in der Ferne eine kleine, in Felle gekleidete Frau. Dies war ohne Zweifel eine manifestierte Erinnerung an die Frau aus dem Bericht des Iulius Agricola. Wir schlugen die Richtung der weißen Herrin ein und versuchten ihr zu folgen. Der Schneefall wurde immer wilder. Die Flocken waren nun groß und schwer, so dass die Frau oft nur schwer zu sehen war. Nach einer langen Zeit der mühsamen Wanderei – meine Beine schmerzten mittlerweile auf eine sehr realistische Art und Weise – erreichten wir ein Hochplateau. Auf dem Plateau waren vier gigantische Felsen senkrecht aufgestellt und mit einer ebenso großen Steinplatte abgedeckt worden. Die Felsen waren mit fremdartigen Runen in roter und weißer Schrift versehen und inmitten dieses mystischen Bauwerks stand strahlend weiß und erhaben die Herrin.

„Kommt herbei, ihr Irrenden, ihr Schneeflocken im Wind. Es ist nicht eure Verfehlung, dass es euch an diesen Ort verschlagen hat.“ Clifford und ich traten in den Schutz des Bauwerks und urplötzlich, wie beim Eintauchen in Wasser, schien das Tosen des Schneesturms zu verstummen. Ich wollte etwas sagen, doch meine Lippen ließen sich nicht öffnen. War mir bisher alles wie selbstverständlich vorgekommen, so überkam mich nun doch Panik. Alles war so unbegreiflich echt – konnte es noch Einbildung sein? Wann würde dieser Rausch enden? Ich redete mir selbst zu und richtete meine Augen auf die wunderschöne Erscheinung vor mir.

„Was ihr entdeckt habt, war nicht für eure Augen bestimmt, doch seid ihr nicht die ersten Eindringlinge in das Reich von Thule. Ehe die Menschen auf dieser Welt zu wandeln begannen, war dies das Reich der Titanen, oder wie ihr sagen würdet, der Riesen. Mächtig und weise regierten sie diese magische Insel. Und nicht nur diese. Lange schafften es die alten Hühnen durch die Kraft ihrer Gedanken die Geschicke der Menschen derart zu lenken, dass die Natur keinen Schaden nahm. Je älter das Volk der Menschen jedoch wurde, desto unbeherrschter und gieriger wurden sie. Die großen Herren der Insel waren nicht länger imstande sie zur Vernunft zu erziehen. Die Menschen zogen in immer größere Kriege und mit jedem im Zorn vergossenem Blut, wurden auch die Riesen schwächer und starben. Die demütigen, anbefohlenen Wege der Natur waren gescheitert. Doch der lebendige Odem des Lebens ist unauslöschlich. Und wenn die Menschheit eines Tages, wie ihre Lehrmeister die Titanen, vergeht, dann wird sich von diesem Schrein aus erneut die Kraft der Natur verbreiten und ein neues Leben entstehen lassen. Darum muss der heilige Ort bewahrt werden und ich bin seine Wächterin. Nie hättet ihr Menschenkinder den Weg hierher erfahren dürfen. Doch der Pfad war bereits angelegt, lange bevor ihr beiden dem Mutterschoß entschlüpftet. Es war Tid, einer der weisesten der großen Denker, der als Erster eine Reise in die Menschenwelt unternehmen wollte. Er war gutmütig und hatte einen tiefen Glauben in die innere Güte der Menschen. Er glaubte daran, den Menschen ein Freund und Lehrer sein zu können. Er wollte von Angesicht zu Angesicht mit ihnen sprechen. Als Tid sich den ersten Menschen zeigte und sie das Ritual lehrte, welches auch euch hierhergeführt hat, begegneten sie ihm mit Ehrfurcht. Doch als seine Bekanntheit in den Landen immer größer wurde, verloren die Menschen ihre Liebe zu dem Meister und sie misstrauten ihm. Sie legten seine Hände und Füße in Ketten, damit er ihnen keinen Schmerz zufügen könne. Der Titan ließ es geschehen und weinte vor Trauer um seine Kinder. Doch einmal gesätes Unheil gedeiht zu größerem und sie begannen ihn in fernen Städten vorzuführen. Sie ließen den Ehrwürdigen für sie Tanzen und bewarfen ihn mit Steinen zu ihrem Spaß. Als sie seine Worte am Ende alle vergessen hatten und auch das Ritual verschollen war, schlugen sie ihn zu Tode und ließen ihn vor den Toren für die Aasvögel liegen. Das Ritual wird jedoch, da es einmal in die Welt gebracht war, von Zeit zu Zeit gefunden und vollführt. So gelangten Kyarnessis der Seeräuber und Iulius Agricola der Entdecker nach Thule und beide waren töricht genug, meine Warnungen zu übergehen. Sie hinterließen Spuren, welche ihr aufnahmt. Ich bitte euch inständig: Kehrt zurück und gebt der Sucht nach Ruhm nicht nach! Berichtet nicht von eurer Reise auf die Insel der gefallenen Hühnen. Tausende würden danach trachten, diesen Ort zu erreichen. Er wäre bald zerstört und mit ihm die Hoffnung auf eine Rückkehr zu den alten Wegen. Kehrt zurück und verschweigt, was ihr hier gesehen habt. Zum Lohn gewähre ich euch einen Blick auf dieses Wunder.“ Der Schneefall wurde weniger und hörte kurz darauf komplett auf. Nun konnten wir die Insel Thule betrachten. Ich sah den Kiefernwald, den auch Iulius Agricola beschrieben hatte und konnte die Umrisse der Karte des Kyarnessis erkennen. Die gesamte Insel strahlte in einer unbeschreiblichen Pracht. Ich konnte mich nicht sattsehen und während ich dieses mystische Eiland komplett in mich einsog, verschwamm sein Anblick immer fortwährend. Ich spürte, wie ich mich von ihm entfernte und eine unbändige Sehnsucht packte mich. Ich konnte nicht von hier weg. Doch ich musste, soviel spürte ich.

Als ich erwachte war es elf Uhr abends. Hinter mir schlief Clifford in seinem Stuhl, den Notizblock auf den Beinen. Ich rüttelte ihn an seiner Schulter wach und wir gingen die Kellertreppe hoch und setzten uns in Cliffords Stube. Ich versuche das folgende Gespräch in aller Kürze darzustellen. Clifford war, während ich das Ritual des Kyarnessis vollzog in einen unruhigen Schlaf gefallen, den wir beide auf austretende Dämpfe der Kräuter zurückführten. Er habe von einer kuriosen Landschaft geträumt und alles sei ihm bemerkenswert echt vorgekommen. Ich berichtete ihm ebenfalls von meinem Traum von Thule und von der Warnung der weißen Frau. Clifford konnte sich vage an eine ähnliche Begegnung erinnern, war sich aber nicht mehr sicher. „Was machen wir nun mit unserem Wissen, mein lieber Albert?“ Es entging mir nicht, dass Clifford mich wieder wie ein Freund ansprach. „Ich bin mir nicht sicher. Offensichtlich teilte uns unser Unterbewusstsein, in Form einer weiß gekleideten Frau, mit, dass die von uns gewonnen Erkenntnisse nicht an die Öffentlichkeit geraten sollten“, mutmaßte ich. Clifford sog geräuschvoll Luft durch die geschürzten Lippen ein. „Ja, so muss es sein. Es wäre nicht gut, wenn mein Ruf als ernstzunehmender Wissenschaftler durch simple Drogenexperimente auf dem Spiel stünde. Man würde uns als Scharlatane verlachen. Dies wird wohl nur ein Versuch bleiben“, bedauerte er. Kurz darauf lachte er herzlich und meinte: „Aber es war ein schöner Ausflug! Es fühlte sich so echt an! Wirklich erstaunlich, zu welchen Täuschungen der menschliche Geist imstande ist.“ Ernüchtert räumte ich unsere Utensilien zusammen und ordnete meine, sowie die Aufzeichnungen des Kyarnessis und des Iulius Agricola in einen der Sammelhefter, die für unvollendete Arbeiten vorgesehen waren. Ich verabschiedete mich von meinem wiedergewonnenen Freund und ging nach Hause. In den nächsten Tagen hatte ich mit einer hartnäckigen Erkältung zu kämpfen.

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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