Ein Patchwork aus Verweisen – Cthulhus Rückkehr von Robert Bloch

von: N.-G. H.

Befasst man sich mit der phantastischen Literatur der letzten hundert Jahre und besonders mit Howard Phillips Lovecraft, so stößt man unweigerlich auf den Namen Robert Bloch. Natürlich ist den meisten Fans der Horror- und Weird Fiction Bloch zumindest durch Psycho (1960 von Hitchcock verfilmt) ein Begriff. Die Wenigsten wissen jedoch, dass Bloch bis zu Lovecrafts Tod (1937) eine innige Brieffreundschaft zum Schriftsteller aus Providence pflegte und diesen als seinen Mentor ansah. Emsig schrieben sich die beiden und kritisierten einander die Geschichten und spannen (mit anderen) an dem was später durch August Derleth als „Cthulhu-Mythos“ in die Literaturgeschichte eingehen sollte. Die Freundschaft ging sogar soweit, dass sie einander in ihren Geschichten töteten (1). Doch schon bald nach Lovecrafts Tod gelang es dem jungen Bloch sich von seinem Vorbild zu emanzipieren und eigenständige und gekonnte Geschichten zu konstruieren. Nichtsdestotrotz ist Uwe Sommerlad zuzustimmen, wenn er Bloch als „Lovecrafts beste[n] Schüler“ anerkennt (2).Cthulhus Rückkehr ist im Original erst 1978 erschienen und stellt eine späte Würdigung Lovecrafts durch seinen „Schüler“ Bloch dar. Man kann sich glücklich schätzen, dass Frank Festa (erst verantwortlich für die Lovecraft-Reihe im Blitz-Verlag, seit Jahren im eigenen Festa-Verlag) diesen nun doch schon alten Stoff 2001 in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht hat.

Doch zuerst sollte ein kurzer Blick auf den Autor gelegt werden.Robert Albert Bloch wurde am 5. April 1917 als Sohn der deutsch-jüdischen Einwanderer Raphael „Ray“ Bloch und Stella Loeb in Chicago geboren. Bereits mit zehn Jahren kam er in Kontakt mit dem Magazin Weird Tales und wurde ein begeisterter Leser. Im Alter von 15 begann er sich mit Leserbriefen im Magazin in die literarische Diskussion mit H. P. Lovecraft und dessen Zirkel einzumischen, um zwei Jahre später seine ersten eigenen, noch stark von Lovecraft beeinflussten, Geschichten „The Feast in the Abbey“ und „The Secret in the Tomb“ zu veröffentlichen.

1940 heiratete er Maria Ruth Holcombe und nahm eine Stelle in einer Werbeagentur an. 1943 kam seine Tochter zur Welt. Dennoch hörte er nie mit dem Schreiben auf und erweiterte sein Repertoire um Science-Fiction und Kriminalliteratur. 1946 erschien dann sein erster kompletter Roman, Der seidene Schal. Mittlerweile war er so erfolgreich, dass er 1953 seine Stelle in der Agentur aufgeben konnte um sich ganz dem Schreiben zu widmen. 1963 kam es zur Scheidung und im Jahr darauf heiratete Bloch Eleanor Alexander. Zu den vielen Auszeichnungen, die er im Laufe der Zeit sammelte, gehören unter anderem der Bram Stoker Award und der World Fantasy Award. Robert Bloch starb im Alter von 77 Jahren an Speiseröhren- und Nierenkrebs.

Die Freundschaft und die gemeinsam erschaffene Welt um die Großen Alten nehmen einen besonderen Platz in Blochs Werk ein, so auch in Cthulhus Rückkehr.

Das vorliegende Buch besteht aus drei Textfragmenten, welche als „Heute“, „Später“ und „Bald“ betitelt sind. Es beginnt mit dem wohlhabenden Albert Keith, der in einem Trödelgeschäft irgendwo in Kalifornien ein faszinierendes Bild einer monströsen Gestalt entdeckt und es für seine Sammlung des Skurrilen kauft. Dieses Bild wurde von einem gewissen R. Upton hergestellt. Nach Rücksprache mit einem Freund, der in phantastischer Literatur bewandert ist, erfährt Keith, dass es einen Richard Upton Pickman in einer Geschichte des mittlerweile 40 Jahre verstorbenen Autors H. P. Lovecraft gibt, welcher in besagter Geschichte ein Künstler des Makaberen ist. Albert wird in Ereignisse verwickelt die ihn daran zweifeln lassen, dass Lovecrafts Geschichten reine Fiktion waren. Er versucht dem Treiben auf den Grund zu gehen.

Auch das „Später“ ist noch immer von diesen Ereignissen geprägt doch begleitet der Leser nun Kay, Alberts Ex-Frau, auf einer abenteuerreichen Odyssee und fühlt sich bedrückt und in die Enge getrieben.

Im „Bald“, das 25 Jahre nach den Ereignissen der ersten beiden Passagen spielt, ist von den Keiths keine Rede mehr und man begleitet den Reporter Mark Dixon, dem während eines Erdbebens bewusstwird, wie nah doch Fiktion und Wirklichkeit (bei H. P. Lovecraft) beieinanderliegen.

Dem Lovecraft-Leser fallen sofort die konsequent zum Stilmittel erhobenen Referenzen auf Geschichten des „Einsiedlers aus Providence“ (3) auf. Bereits das Bild, welches die Handlung in Gang bringt referiert auf die berühmte und hervorragende Geschichte „Pickmans Modell“. So wird der Leser auf doppelte Weise zum Spurensucher: Zum einen, um hinter die Geheimnisse der Handlung zu kommen und zum anderen, um die Referenzen zu entdecken, die den Text durchziehen wie einen Flickenteppich. So macht sich Bloch das für Lovecraft wohl prägendste Stilmittel – die Intertextualität – zu nutzen und hebt dessen Geschichten so auf eine Stufe mit so verruchten (fiktionalen) Werken wie dem Necronomicon oder dem Cultes des Ghoules.(4 )

Jedoch muss dazu gesagt sein, dass Lovecraft-Neulingen diese Referenzen sicherlich verloren gehen und dadurch einer der wohl reizendsten Teile der Erzählung nicht seine Wirkmacht entfalten kann.

Ebenfalls ist es der Spannung zuträglich, dass die Geschichte aus drei unabhängigen Perspektiven dargestellt wird, denn keiner der Protagonisten versteht das ganze Ausmaß der Misere die der Geschichte zugrunde liegt, was einzig dem Leser vorbehalten bleibt. Interessanterweise fühlen sich die Charaktere – gemessen an der Kürze ihrer Auftritte – durchaus stimmig an. Stilistisch zeigt Bloch hier, dass er einer der ganz Großen der Unterhaltungsliteratur ist.

Doch natürlich hat das Buch auch Schwächen, so kommt zwar Spannung auf, doch dieses beklemmende Gefühl der (in Ermangelung eines besseren Wortes nenne ich es) Angst, welches in den Erzählungen seines Mentors fast schon mit dem ersten Absatz einsetzt, bleibt aus. Vielmehr ist die Geschichte in der Tradition der phantastischen Abenteuer-Geschichten zu verstehen und dort nimmt sie eine solide Stellung ein.

Abschließend lässt sich also sagen, dass dieses Buch wohl vor allem für diejenigen ein Genuss sein wird die sich in Lovecrafts Welt orientieren können, da es nicht nur eine Geschichte ist, sondern auch ein Patchwork aus Verweisen.

Das Buch:

Robert Bloch: Cthulhus Rückkehr. Blitz-Verlag, erste Auflage 2001

Verweise

1)Bloch tötet Lovecraft in Das Grauen von den Sternen (1935), Lovecraft Bloch (als Robert Blake) in Der Jäger aus der Finsternis (Nov. 1935)

2)Uwe Sommerlad: Lovecrafts bester Schüler. Howard Phillips Lovecraft und Robert Bloch. in: Robert Bloch: Cthulhus Rückkehr,  S.161 ff.

3)über den Sinn und Unsinn dieses Titels: Frank Festa:Vorwort des Herausgebers, in: Frank Festa (Hg.): Der Lovecraft-Zirkel, S.7ff.

4)Zum Thema Intertextualität bei Lovecraft:  Susanne Smulda: H.P. Lovecrafts Mythologie. „Bricolage“ und Intertextualität. Erzählstrategien und ihre Wirkung. Bielefeld 1997; oder den besonders guten Aufsatz: Marko Frenschkowski: Lovecraft als Mythenschöpfer, in: Andreas Kasprazak (Hg.): H.P. Lovecraft. Von Monstren und Mythen, S.109-183

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Über N.-G.H.

Niels interessiert sich für Literatur, Geschichte und Filme/Serien. Seine Forschungsschwerpunkte sind das "Golden Age of Pulp", Herrschaftssysteme und Mythopoetik. Niels ist Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft.
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