Die mutigen Maiden von Zhangmàn

von: Bartok

Gesang und Gelächter kommen aus dem Wirtshaus, rau und von Alkohol geschwängert. Sie trinken auf den Ogowan, ihren König. Sie loben ihr Kampfgeschick und vergessen ihre Furcht. Unter den Tischen liegen ihre Säbel. Der Wirt schenkt den Soldaten mehr Schnaps ein. Mit einer Verbeugung nimmt er die Münzen entgegen und stemmt die Fäuste in die Hüften, denn er ist stolz auf das, was er erschaffen hat. In einer Ecke sitzt eine Frau. Ihr Gesicht ist unauffällig, ihr wird keine Beachtung geschenkt. Auf ihrem Schoß ruht das Bani-han, doch ihre Fingerspitzen liegen sehnsüchtig auf den Saiten. Es ist ein Haus mit nur drei Wänden und die Männer blicken hinaus auf den Pushkvu Platz.

Silbernes Licht schimmert auf dem Wasser der Pfützen, es tropft von einem fahlen Mond. Ein sternenklarer Abend hatte sich über die Stadt auf der Khonshi-Ebene gelegt. Ein kühler Wind rollt bei Tage über die Wiesen. Bald würde es Herbst sein. An den Rändern des Pushkvu Platzes hängen Laternen von den Dächern der Häuser und Zelte. Ihr Licht lässt Schatten tanzen wie bei einem Schattenspiel der Schausteller. Karren transportieren kostbare Stoffe aus Seide, Gewürze in Tontöpfen und das weiße Gold der Wasserfelder aus den Südlanden. Einige Männer sind unterwegs. Einfache Stallburschen und Zimmerleute. Und die Soldaten im Wirtshaus schweigen beim Anblick der schönen Maiden von Zhangmàn.

Ein Staatsbeamter wird zu später Stunde zum Palast kutschiert. Er sitzt auf weichen Kissen und pafft träge an einer Pfeife. Sein Bauch ist rund, der Staatsbeamte ist gut genährt. Seine Robe ist violett wie die Blumen im Tal der Yank, deren Blütenblätter über die Köpfe junger Bräute geworfen werden. Ringe aus Gold und Silber stecken an seinen Fingern. Schon lange lebt er in der Stadt, doch war er einst aus dem Süden gekommen.

Am Ende einer der Straßen, die vom Pushkvu Platz ausgehen, liegt das Tor zum Hof des Palasts. Der Palast ist das größte Gebäude in der Stadt, ein Zeichen für Wohlstand und Stärke. In fernen Ländern weiß man von seiner Pracht. Sie senden Botschafter, die Allianzen knüpfen sollen, denn wichtige Handelsrouten führen durch die Stadt. Der Staatsbeamte streicht sich über seinen Bart und stutzt. Er klopft gegen die Kutsche. Sie hält an. Und der Staatsbeamte bestaunt die Schönheit der Maiden von Zhangmàn.

Reiter sitzen ab von ihren Pferden. Sie tragen Hosen und Hemden aus rauem Stoff, lederne Stiefel und Felle. Eine lange Reise liegt hinter ihnen. Nur selten findet man sie in der Stadt. Die weiten Steppen zwischen dem Deshkep Gebirge und der Südgrenze sind ihre Heimat. Dort jagen sie unter dem freien Himmel. Sie kämpfen mit Speeren und Bögen. Sie überfallen die Zeltlager des Feindes.

Als Kundschafter stehen sie im Dienst des Ogowan, patrouillieren die Grenzen des Herzlands seines Reiches. Ein Aufstand erhebt sich im Süden. Im Dschungel sammeln sich die Aufrührer, doch ihre Worte finden den Weg in die Städte. Ein schneller Schlag muss gegen die Verräter geführt werden. Der Abend wird zur Nacht. Und die noblen Banditen halten inne, wegen der mutigen Maiden von Zhangmàn.

Viele Tempel vieler Religionen befinden sich in der Stadt. Zu vielen Göttern wird gebetet und zu den Ahnen. Es gibt keine Götzen. Höllische Schrecken lauern außerhalb der Mauern. Die Asche des Brennenden Baums wird weit getragen vom Wind. Die Worte einer Schlange sind Gift. Mit Hingabe und Ergebenheit beten die Menschen für eine gute Ernte, für einen milden Winter. Und Schutz vor Geistern.

Sollte alles Menschenmögliche zu nichts führen.

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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