Sternenvölker

von: Bartok

Die Wissenschaftlerin hatte immer davon geträumt. Zu stehen, wo sie stand, zu sehen, was sie sah. Jene zu sein, die das Heilmittel für die Große Depression fand. Und sie hatte so hart dafür gearbeitet. Rückschläge hatten sie nicht davon abhalten können Ihr Ziel zu erreichen. Budgetcuts, Hohn, Ausgrenzung, sie hatte sich nicht unterkriegen lassen und für ihren Glauben gekämpft. Die Menschheit hatte schon lange aufgegeben. War in ein tiefes, dunkles Loch gefallen. Und so hatten die Leute an der Wissenschaftlerin gezweifelt, Fremde, Kollegen, wie Freunde und Familie. Sie war als Verrückte abgetan worden. Und ironischer Weise als hoffnungsloser Fall. Kaum jemand hatte noch mit ihr arbeiten wollen. Jene die es taten gingen mit ihr ins Exil – so fühlte es sich zumindest an, wenn die Wissenschaftlerin sich auf der, im All treibenden, Forschungsstation befand. Von einigen wurde ihre kleine Gruppe Verschworener als Kult bezeichnet. In Kutten gewandte Beschwörer die versuchten durch unheilige Rituale mit Geistern und Dämonen in Kontakt zu treten. Was sie aber wirklich waren, war Entdecker. Die letzten ihrer Art. Und sie hatten einen Funkspruch erhalten.

Am Rande der Galaxie hatte sie die Anderen gefunden. Oder waren es die Anderen, die die Wissenschaftlerin gefunden hatten? Sie stand an einem der Backbordfenster des Shuttles, welches sich auf einem Sinkflug durch die regenschweren Wolken befand. Vergebens versuchte sie etwas zu erkennen – ihr Atem beschlug das Fenster – und sah nur grau und dahinter die gelegentlich mattaufleuchtenden Lichter der Blitze. Donner grollte, wie das wütende Brüllen ihrer Rivalen, und das Shuttle erschütterte. Man sagte ihr, dass sie sich doch lieber setzen und anschnallen sollte, doch sie ignorierte die wohlgemeinten Worte. Die Zeit verging so langsam, aber ihr Herz raste so schnell. Und dann geschah es! Sie durchstießen den Bauch der Wolkendecke und zum ersten Mal sah sie die Anderen. Auf einer kleinen Ebene zwischen scharfen Felsen und steilen Klippen war ein Shuttle. Es sah so fremdartig aus. Und so auch die Figuren, die vor dem Shuttle standen, warteten… auf sie.

Ihr Shuttle landete. Die Wissenschaftlerin lief vor der Rampe hin und her. Was würde sie sagen? Würde sie etwas sagen können? Sie hatte die Sprache der Anderen studiert, doch in diesem Moment schien jedes Wort in einem Schwarzen Loch zu verschwinden. Erstkontakt! Mit einem Mal bekam die Bedeutung dieses speziellen Worts eine neue Schwere, die sie vorher nie auf ihrer Zunge gespürt hatte. Sie war doch nur ein Mensch! Ein Zischen war zu hören, Licht fiel durch einen größer werdenden Spalt. Der Planet war seit einiger Zeit wegen seiner Bewohnbarkeit bekannt – flüssiges Wasser, der richtige Anteil an Gasen. Noch war aber keine Expedition ausgesandt worden. Man hielt es wohl für Zeit- und Ressourcenverschwendung. Die Handelsrouten führten nicht an dieser Welt vorbei. Ein kalter Wind rauschte über die vom Regen nass schimmernde Ebene. Es war in diesem Moment, da die Wissenschaftlerin realisierte: Sie stand am Fuß der Rampe, blickte zu den Anderen. Und die Anderen sahen sie.

Alles fiel von ihr in jenem Moment ab. Sie ging auf die Anderen zu, schneller, schneller, rannte. Der Anführer der Delegation – sie waren humanoid – stand alleine einige Meter voraus. Er trug eine dunkelrote Robe mit gelbem Saum. Seine Haut war grau, nicht wie Asche sondern wie die Haut eines Elefanten oder Rhinozeros‘. Gütige Augen von der Farbe eines klaren, blauen Himmels lagen tief in seinen Augenhöhlen. Kurze, hornähnliche Auswüchse standen vom Hinterkopf ab.

Sie prallte gegen seine Brust und schlang ihre Arme um seinen Hals, weinte und lachte zur selben Zeit. Der Andere war überrascht – vielleicht dieser Geste unkundig – doch nach einem Moment erwiderte er die Umarmung.

Wir sind nicht alleine.

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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