Folklore und Wahn – Max P. Beckers „Alpträume in Norwegen“

von: N.-G. H.

Die Nachricht, dass Max P. Becker seinen ersten Roman bei der Goblin Press veröffentlichen würde, hat mich mit großer Vorfreude erfüllt. Immerhin hatte Max erst letztes Jahr mit seiner Geschichte „Trauerzeit“ sein Debüt als Autor bei der Flensburger Gesellschaft für Phantastik. Derzeit schließt der 1996 in Duisburg geborene Autor sein Bachelor-Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften in Aachen ab. Im Jahr 2016 nahm er Kontakt zu Jörg Kleudgen von der Goblin Press auf und konnte das Manuskript unterbringen. Dass es die Goblin Press ist, die den Roman verlegt, ist ein Qualitätsmerkmal. Hinter dem Kleinverlag steht Jörg Kleudgen, den man in Kreisen der deutschen Phantastik eigentlich nicht vorstellen muss. Jedes einzelne Buch des Verlags wird von Hand gebunden und eingeschlagen.

Doch nun wollen wir uns dem eigentlichen Text widmen und sehen, was für Alpträume uns in Norwegen erwarten.

„Albträume in Norwegen“ spielt irgendwann nach 1922. Die Geschichte wird uns aus zwei Perspektiven erzählt: Die des englischen Autoren Rick Fairwell und die der  Matilde Visconti, einer italienischen Adeligen und Jägerin.

Die Erzählung beginnt mit der Vernehmung von Matilde durch die norwegische Polizei. Es hat eine Schießerei im Zug nach Lom gegeben, deren Hergang und Ursache völlig unklar sind. Auch ihr Freund der Schweizer Hans Schmidt ist unter den Toten. Sie beschließt ein Zimmer in der Juvasshytta Lodge zu beziehen. Obwohl er tot ist, lässt Hans sie nicht los. Immer wieder erscheint ihr sein Geist und bittet sie darum ihn zu begraben. Die Juvasshytta Lodge wird zum eigentlichen Haupthandlungsort in dem sich die Albträume, Wahnvorstellungen und Psychosen bis zur Greifbarkeit verdichten. Dort ist auch Rick Fairwell untergebracht, dessen Freund Hassan nach dem Unfall im örtlichen Krankenhaus auf der Intensivstation liegt. Sowohl Matilde als auch Rick treiben ihre eigenen, zum Teil umnebelten, Pläne nach Norwegen.

Max P. Beckers Roman ist komplex im besten Sinn des Wortes. Bereits das Vorwort bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Einleitung und Verwirrung des Lesers. Die einzige Gewissheit des Romans ist die Ungewissheit. Nichts ist wie es auf den ersten Blick scheint, niemand ist, wer er vorgibt zu sein. Der Leser findet sich wieder in einem Netz aus kurzen szenischen Erlebnissen der Hauptcharaktere, deren Wahrheitsgehalt er immer wieder hinterfragen muss. Selbst die elementarsten Aussagen über die Charaktere, wie etwa ihre Identitäten, sind bei Weitem nicht sicher. Hierbei ist wichtig zu betonen, dass sich ein nicht unerheblicher Teil der Handlung im Reich der Einbildung der Charaktere vollzieht. Was ist real, was Traum? Die initialisierende Szene der Schießerei in der Eisenbahn wird an mehreren Stellen aufgegriffen und mit jeweils anderem Verlauf geschildert. Auch gibt es eine Szene in der Matilde Hans Leichnam in einem Gletscher beerdigen will. Gerade um diese Szene sammeln sich die Motive der nordischen Mythologie. Wikingerbegräbnis, Götterwelt, Mythos. Diese sonderbare Situation verdichtet sich darin, dass Matilde die vermeintliche Bekanntschaft mit einem mystischen Geisterwesen macht.

Um so weiter man voranschreitet, um so offensichtlicher wird, dass der Tod von Hans Schmidt ein zentrales Ereignis ist. Dieses zeigt sich zum einen in der Person Matildes, die sich quasi auf eine persönliche Queste begibt, zum anderen aber auch darin, dass weitere Akteure mit Verbindung zu Schmidt, die erst im Verlauf der Handlung aktiv werden (werden sie es überhaupt oder sind sie nur eingebildet?), sich einschalten.

Ein weiteres Element neben dem Folkloristischen und dem Psychotischen ist das Kultische. Nicht nur wird mit der Nennung von Büchern wie dem Cultes des Ghules und dem Livre d´Ivon eine Tür zum Cthulhu Mythos geöfnet, mit dem fiktiven Werk (ist es wirklich fiktiv?) The Day´s End von Howard Wilde wird auch ein eigenes mysteriöses Buch präsentiert, welches im Hintergrund hervorscheint.

Leider musste „Albträume in Norwegen“ an einigen Stellen gekürzt werden. Jedoch findet man eines der herausgefallenen Fragmente unter dem Titel „Die Asgardische Reise“ in der dritten Ausgabe der Cthulhu Libria Neo.

Und hier kommen wir auch schon zu den abschließenden Gedanken die nach der Lektüre aufkommen. Natürlich ist es etwas verwirrend, dass die verschiedenen Akteure verschiedene Alter Egos besitzen, dennoch darf man nicht vergessen, dass es gerade dieser Effekt der Unsicherheit ist, den der Autor hervorrufen will. In Verbindung mit der postmodernen Erzählweise fügt es sich jedoch zu einem stimmigen Ganzen. Nicht grundlos wird der Roman vom Verlag in Verbindung mit David Lynch gestellt. Sehr positiv ist das komplexe Zusammenspiel von Rick und Matilde zu sehen, ebenso wie die nur dezente Einbindung der nordischen Geisterwelt. Vor dem Lesen war ich darauf gefasst, eine Pulp-Horror-Geschichte mit Trollen zu lesen, angenehmerweise blieb mir das erspart. Auch die Andeutungen auf einen über den Roman hinausreichenden Metaplot, machen Lust auf mehr. Es ist nicht zuletzt das fiktive Buch „The Day´s End“, das es eher an die Gedichte Justin Geoffreys (Robert E. Howard – Der Schwarze Stein) erinnert, als an mittlerweile überstrapazierte Titel wie das Necronomicon.

Alles in Allem ist „Albträume in Norwegen“ ein gelungener Erstling, der mich darauf hoffen lässt, dass Max P. Becker weitere tolle Romane vorlegt.

 

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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