T.C. Boyle – „Die Terranauten“

von: The Colourful Wilbur

Das im Oktober 2016 erschienene und bereits in der 3. Auflage erhältliche Buch ist an wahre Begebenheiten und Berichte realer Personen angelehnt.[1] Acht Wissenschaftler werden für zwei Jahre unter Glaskuppeln eingeschlossen, um zu erforschen, ob ein Überleben über längere Zeiträume in quasi-selbsterhaltenden ökologischen Systemen möglich ist. Nichts darf hinein, nichts darf hinaus – so lauten die Vorgaben.

Nach einem quälenden Auswahlverfahren werden zu diesem Zweck von der leitenden Organisation die geeignetsten Terranauten, unter ihnen die Protagonisten Dawn (im Team nur ‚E‘ genannt) und Vaj, in der Ecosphere 2 in der Wüste Arizonas eingeschlossen. Nicht für die vermeintlich ruhmreiche Expedition nominiert wurde Dawns Freundin Linda Ryu. Sie funktioniert über die Dauer des Einschlusses als Kommunikations-Schlüsselfigur und sammelt sowohl persönliche Informationen der ihr nahestehenden Personen in der Ecosphere, als auch Pläne der Master Control, der Führungsebene des Unternehmens. Diese nutzt sie, um die teils recht naiven Figuren des Romans zu manipulieren.

Die Erzählperspektive wechselt pro Kapitel zwischen Dawn, Vaj und Linda, wobei die Darstellungen der Ereignisse von den Dreien teilweise sehr unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet werden. Boyle versteht es hervorragend, den Leser zwischen Ablehnung und Verständnis gegenüber den Motiven der Hauptfiguren in einer unbequemen Schwebe zu halten, schließlich rechtfertigt die gefühlte Gefangenschaft der Terranauten doch einige triebgesteuerte Verhaltensweisen, oder etwa nicht? Wer detaillierte Ausführungen zu der Arbeit am ökologischen Gleichgewicht erwartet, wird überrascht. Nur wenige Phänomene werden erläutert und dienen meistens eher der Erklärung menschlicher Handlungen. So nutzt Vaj, wie vor ihm bereits der berühmte Prinz Hamlet[2] die Pflanzenwelt als Äquivalent zu menschlichen Auswüchsen:

Rachel Carson hat gesagt: ‚In der Natur existiert nichts nur für sich selbst‘, und damit meinte sie, dass jedes Ökosystem aus Vernetzung und Interdependenz besteht. Es ist eine Gemeinschaft von Organismen, die zusammenwirken, um das Ganze zu erhalten. Unsere Gemeinschaft war nicht anders: Was den einen betraf, betraf auch die anderen. Während der ersten Mission waren einige Spezies ausgestorben, andere dagegen – Ärgernisse wie die Prachtwinden – waren gediehen und setzten nützlicheren Arten zu, aber das war eine andere Art der natürlichen Auslese […][3]

Und so ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Psychogramme der verschiedenen Figuren schnell zum eigentlichen Gegenstand des Buches werden. Dawn und Vaj stellen den Zusammenhalt der Terranauten nachdem erste Engpässe im System überwunden wurden schließlich auf eine harte Probe, während Linda aus Verbitterung darüber, dass sie draußen bleiben musste zum klassischen Iago der Geschichte wird, der durch Einflüsterungen und gezielt gestreute Informationen und Gerüchte danach trachtet die Geschicke in seinem Sinne zu lenken.

Querverweise zu anderen Boyle-Werken wie „Ein Freund der Erde“ und „Drop City“ lassen sich vor allem durch die Mikrokosmos-Thematik leicht ziehen und wieder stellt sich die Frage nach dem Allgemeinwohl. In diesem Fall möchte ich dazu auffordern „Die Terranauten“ zu lesen und ihr ein weiteres Mal nachzuspüren.

 

[1] Siehe dazu die Geschichte der Biosphäre 2 unter http://biosphere2.org/visit/about-biosphere2/history (Zugriff: 14.06.2017)
[2] William Shakespeare: Hamlet, Akt 1, Szene 2: „Tis [the world] an unweeded garden that grows to seed. Things rank and gross in nature possess it merely.“
[3] Boyle, T.C.: Die Terranauten. München: Carl Hanser Verlag. 2016. S.358

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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