Aslan und Aslahrn – Ein Besuch im Kleiderschrank

Welche Bilder und Gedanken entwickeln sich, wenn Jugendliche zum ersten Mal die Narnia-Geschichten von C.S. Lewis kennenlernen? Dies durfte ich erfahren, als mir eine meiner Schülerinnen, Lilly, kürzlich in einer freien Schreibstunde die folgende Geschichte vorstellte. Ich finde die Geschichte so bemerkenswert, dass ich sie unserem Leserkreis auf keinen Fall vorenthalten möchte. Die Umbenennung des Löwen ‚Aslan‘ in ‚Aslahrn‘ erfolgte absichtlich, um, so die Autorin, darauf hinzuweisen, dass es sich nicht zwangsläufig um dieselbe Person handele. Im Anschluss an diese zauberhafte und phantasievolle Geschichte möchte ich ein paar Kernelemente Lewis‘ erläutern, die Lilly meines Erachtens hervorragend verinnerlicht und nach eigenem Gefühl rekonstruiert hat.

 

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Die Legende der Jahreszeiten

von Lilly W.

Fragst du dich auch: „Wo kommt es her, das Blühen im Frühling, die Hitze im Sommer, die Stürme im Herbst und der Schnee im Winter?“ Man muss hohe Berge, tiefe Schluchten und dunkle Wälder passieren, um in dieses magische Land zu kommen. Früher lebten alle in Frieden miteinander. Doch nach einem Kampf der Rudelführer spalteten sich die vier Länder. Nun sind Familie und Freunde getrennt. Die vier Rudelführer verabscheuen alles, was nicht ihnen gehört. Wenn der Frühlingshase nach dem Winter die Blumen erwecken soll, fällt es ihm schwer, den Schnee zu betreten und der Schneefuchs denkt, die Blätter vom Herbst versauen seinen Schnee. Aber nochmal auf Anfang…

An einem sonnigen Sommertag waren alle vier Anführer sehr gespannt, denn der Anführer aller Jahreszeiten kam zu Besuch. Es war alles wunderschön, jeder Stamm hatte etwas vorbereitet. Ihr Anführer Aslahrn regierte mit Rechten, die nur er und die Stammesführer verstanden. Es war soweit und er kam. Beim Essen begann der erste Streit mit einer blöden Sache: Der Löwe des Sommers aß die Sachen, die der Eisfuchs als Einziges vertrug. Doch nach einem Brüller von Aslahrn war alles wieder gut. Nach einer Stunde fingen alle an zu tanzen. Da kam auch schon der zweite Streit. Diesmal hatte der Frühlingshase der Eule des Herbstes eine Feder ausgerissen. Die Eule fing an, nach dem Hasen zu schnappen. Auch hier ging Aslahrn dazwischen, damit die Eule den Hasen nicht verletzte. Nun verließen alle das Land des Sommers und gingen in die Mitte der vier Länder. Hier stand ein großer Tisch, wo die ganze Welt abgebildet ist. Man konnte auf dem Tisch die ganze Welt sehen. So konnten die Rudelführer sehen, wo sie gebraucht wurden.

Dann passierte ein wildes Durcheinander und alle wollten in das falsche Land. Sie fingen an, sich zu bekämpfen, aber da alle gleich stark waren, spalteten sie die Länder und Aslahrn, der in der Mitte stand, stürzte in die Tiefe und starb an seinen Verletzungen. Doch die Tiere der vier Jahreszeiten gaben sich gegenseitig die Schuld. So entstanden vier Inseln der Jahreszeiten.

Nach zwanzig Jahren kam ein kleines Mädchen zu den Inseln. Doch sie bemerkte die Inseln zuerst gar nicht. Aber als sie sie bemerkte, besuchte sie jede einzelne Insel und sprach mit den Oberhäuptern, die sich dann zusammen trafen und wieder vertrugen. Nach einer Weile bemerkten alle, dass die Inseln wieder zusammen waren und eine unerkennbare Gestalt huschte durch die Wiese. Das war der Geist von Aslahrn. Und dieses Mädchen war ich.

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An Lillys Geschichte lassen sich für Freunde von Narnia sechs Aspekte erörtern, die diese Werke so einfühlsam und berührend machen, dass wir immer wieder gerne durch den Kleiderschrank gehen:

  1. Fabelcharakter: Tiere, die sich miteinander unterhalten und dabei distinkte charakterliche Eigenschaften offenbaren, schaffen ein Sicherheitsgefühl beim Leser. Bereits nach wenigen Worten erkennen wir, dass der Biber ein ängstlicher, aber Aslan treu verbundener Zeitgenosse ist[1]. Auch in Lillys Geschichte können wir Andeutungen von character traits der Tiere erkennen: der Eisfuchs ist eine wählerische, möglicherweise empfindliche Figur, der Frühlingshase übermütig und gedankenlos und die Eule des Herbstes reagiert unwirsch und rachsüchtig.
  2. Wetter/Jahreszeiten: Als Lucy bei ihrem ersten Besuch in Narnia den Faun Herrn Tumnus trifft, erklärt dieser, dass die Jahreszeiten nicht länger einem natürlichen Ablauf folgen, sondern durch Einwirkung der weißen Hexe aus ihrer kosmischen Prädestination herausgeworfen seien: „Why, it is she who has got all Narnia under her thumb. It’s she who makes it always winter“ (Lewis, S. 118). Lilly scheint die Auffassung Lewis‘ zu teilen, dass ein Ungleichgewicht dieser natürlichen Ordnung[2] ein unbedingtes Symbol für Verwerflichkeit ist: Der Zustand die vier Jahreszeiten in Unfrieden voneinander getrennt existieren zu lassen, ist für sie untragbar und kann glücklicherweise durch ihre Schlichtung behoben werden.
  3. Unfriede durch Unachtsamkeit, Vergebung: Bemerkenswert ist auch, dass kein grundsätzlicher Disput zwischen den Tieren der Jahreszeiten besteht: „Früher lebten alle in Frieden miteinander.“ Der Streit bricht vielmehr durch Unachtsamkeit aus. Die Tiere, die sich gegenseitig schätzen, lassen sich ohne die Folgen ihres Handelns zu bedenken auf eine nichtig erscheinende Streitigkeit ein. Auch dieses Motiv kann bei C.S. Lewis entdeckt werden: Eustace, der in seinem Tagebuch den anderen Reisenden Schuld an den Widrigkeiten gibt (Lewis, S.456f.), Edmund, der sich aus Eitelkeit von der Weißen Hexe umgarnen lässt (Lewis, S.127), oder Onkel Andrew, der durch vorschnelle Urteile[3] das größte Wunder missversteht (Lewis, S.75). Allen Figuren gemein ist außerdem, dass ihnen eine Form von Versöhnung, oder in Lewis‘ christlicher Sichtweise Vergebung, offensteht. In Lillys Geschichte wird diese Versöhnung durch die Erscheinung des Geistes Aslahrns symbolisiert, was zu einem weiteren Motiv führt –
  4. Tod und Wiedergeburt Aslahrns: C.S. Lewis Narnia-Geschichten umfassen eine, durch seinen Glauben geprägte Eschatologie[4]. So steht es außer Frage, dass der Tod des, von allen rechtschaffenen Charakteren verehrten, Löwen Aslan mehr als eine zufällige Analogie zum Tode von Jesus Christus darstellt. Aslan stellt sich seinen Feinden widerstandslos, wird gefesselt und verhöhnt und schließlich getötet (Lewis, S.181). Auch in der vorgestellten Geschichte ist es der unschuldige Aslahrn, der dem Zerwürfnis seiner Untertanen zum Opfer fällt, jedoch bleibt ihm in dieser Geschichte eine absichtliche Tötung erspart und es scheint eher ein unabsichtlicher Tod zu sein. Beiden Geschichten gemein ist hingegen wieder der Aspekt der Auferstehung. Nachdem Lucy und Susan[5] um den Löwen geweint haben, werden sie Zeugen dessen Rückkehr ins Leben: „‘Yes!‘ said a great voice behind their backs. ‚It is more magic.‘ They looked round. There, shining in the sunrise, larger than they had seen him before, shaking his mane (for it had apparently grown again) stood Aslan himself.“ (Lewis, S.184). Lillys Aslahrn kehrt hingegen stiller und geheimnisvoller wieder. Keine Machtdemonstration ist nötig, um sich seiner Gegenwart sicher zu werden. Er huscht lediglich als unerkennbare Gestalt über die Wiese.
  5. Zeitliche Auswirkungen: Nach zwanzig Jahren kam ein kleines Mädchen zu den Inseln. Die Leser erfahren nicht, wie es der Autorin gelingt, zu den Inseln der Jahreszeiten zu gelangen, doch man könnte vermuten, dass dies ein ebenso unbeabsichtigter Besuch sei, wie der der Lucy Pevensie in Narnia. Ob sich die Welten in Lillys Geschichte in einer gemeinsamen Zeitstruktur befinden, wissen wir nicht. Über die Besuche von Narnia aus unserer Welt ist uns aber bekannt, dass die Zeit dort anders verläuft als hier: „While they were in Narnia they seemed to reign for years and years; but when they came back through the door and found themselves in England again, it all seemed to have taken no time at all.“ (Lewis, S.317). Möglich also, dass Lilly nach zwanzig irdischen Jahren zu den Tieren kam, was für eine außerordentlich lange Zeit der Trennung der Inseln spricht. Ebenso möglich, dass es sich um zwanzig Inseljahre handelte, welche bei einem kurzen Besuch ihres Kleiderschrankes durch Lilly, am morgen bevor sie in die Schule ging, um diese Geschichte aufzuschreiben, vergangen sein konnten…
  6. Junge Menschen: Lillys Geschichte endet mit den kurzen, aber entscheidenden Worten: „Und dieses Mädchen war ich.“ In diesen wenigen Worten spiegeln sich Selbstbewusstsein, Hoffnung und ein unbedingter Wille wieder, die Welt zum Guten zu verändern. Lilly reiht sich mit diesen Worten in die Reihe der gerechten und friedliebenden jungen Menschen ein, die die Reise in das phantastische Land erlebt haben. Es wäre nicht weitreichend genug gedacht, zu vermuten C.S. Lewis habe sich lediglich aus dem Grund Kinder als Hauptfiguren ausgewählt, weil Narnia eine Jugendbuchreihe werden sollte[6]. Stets finden wir Beispiele dafür, dass die Kinder in den Büchern weisere, gütigere und selbstlosere Urteile zu fällen imstande sind, als ihre erwachsenen Zeitgenossen. Es scheint, als wolle uns Lewis vorführen, dass junge Menschen natürliche Helden sind, weniger durch die Welt korrumpiert. Narnia ist ein Werkzeug, junge Menschen zum Verfechten moralischer Urteile zu ermutigen. In Lillys Fall hat dies, wie sich der Leser überzeugen konnte, hervorragend funktioniert.

 

Quellen:

C.S. Lewis (2001). The Chronicles of Narnia. London: HarperCollins Publishers.  

 

[1] „Then, signalling to the children, to stand as close around as they possibly could, so that their faces were actually tickled by ist whiskers, it added in a low whisper – ‚They say Aslan is on the move – perhaps has already landed.‘“ (Lewis, S.141)

[2] Diese Auffassung erscheint uns auf den ersten Blick selbstverständlich. Das dies eben nicht selbstverständlich ist, sowie die Aktualität der Frage kann aber im weiterführenden Sinne durch einen Tweet des US-Präsidenten hervorgehoben werden. Diesem zufolge sei die Erderwärmung „created by and for the Chinese in order to make U.S. manufacturing non-competitive“ (Donald Trump auf der Social Media-Plattform Twitter, am 6.11.2012. https://twitter.com/realdonaldtrump/status/265895292191248385?lang=de Zugriff: 17.02.2018)

[3] „For what you see and hear depends a good deal on where you are standing: it also depends on what sort of person you are“ (Lewis, S.75). Es liegt im Auge des Betrachters, zu entscheiden, ob es Onkel Andrew generell möglich ist, sich anders zu entscheiden.

[4] Siehe zu diesem Thema das Autorenporträt der Religions and Ethics Website der BBC: http://www.bbc.co.uk/religion/religions/christianity/people/cslewis_1.shtml (Zugriff: 18.02.2018)

[5] Hier sei auf die Ähnlichkeit zu der Beobachtung der Hinrichtung Jesus Christi durch Maria aus Magdala und Maria, der Mutter von Jakobus, hingewiesen (Mt 27,55).

[6] In der Widmung von „The Lion, The Witch and The Wardrobe“ erfahren wir, dass dieser das Werk für seine Patentochter  geschrieben hat. Vermutlich ist Lucy Barfield damit auch die Inspiration für die Figur Lucy.

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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