Rick Bearman: Die Irrfahrt der Sawfish

von: The Colourful Wilbur

Mürrisch starre ich auf den kleinen grünen Strich, der sich tagein tagaus nimmermüde im Kreis dreht. Dieser pflichtbewusste Bursche würde mir rechtzeitig durch ein zurückhaltendes Piepsen und einen kleinen roten Punkt zu erkennen geben, wenn sich ein Hindernis auf der Route meiner geliebten Sawfish befände. Volle zwanzig Jahre und unzählige Missionen liegen als Kapitän des zur sogenannten Sturgeon-Klasse zählenden U-Bootes Sawfish hinter mir. Warum ich mir die langen Stunden in der Schwärze des Meeres noch antat, vor allem da mir nach meinen Verdiensten bereits diverse besserdotierte Jobs in den militärischen Führungsebenen zustünden, ist einfach: Ein Mann ist rein evolutiv nicht für die Arbeit an einem Schreibtisch gemacht. Jahrtausende des herrlichen Angriff-Flucht-Wechselspiels der Natur und nun sollen wir unser Dasein bis zum finalen Exitus mit niedriger Herzfrequenz in einem Weichpolstersessel fristen. Nicht dieser Mann hier. Nicht Rick Bearman. Rick Bearman bleibt ein Jäger.

Vor einer Woche rief mich mein Vorgesetzter, der Flottenkommandeur T.S. Pike, in den unscheinbaren Besprechungsraum. Als ich das schlichte Zimmer betrat, welches nur durch eine Fahne unserer stolzen Nation geziert war, blickte Pike gerade aus dem Fenster in den peinlichst gepflegten Garten. Er schien mich nicht zu bemerken und so räusperte ich mich, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Langsam und erhaben wandte sich Pike um, schritt an den Beratungstisch und bot mir mit einem Handzeichen an, ebenfalls Platz zu nehmen. „Bearman, gut, dass sie pünktlich eintreffen. Die Lage ist ernst. Und wenn ich sage ernst, dann meine ich natürlich nicht, dass es einem erfahrenen U-Bootkapitän nicht gelingen könnte, sie schlussendlich doch zu unseren Gunsten zu entscheiden, jedoch exakt das Maß an Ernsthaftigkeit, welches es einem weitsichtigen Flottenkommandeur versagen würde, den damit verbundenen Auftrag an irgendwelche grünohrigen Emporkömmlinge zu erteilen, die, ob ihrer jugendlichen Unvorsicht, möglicherweise die Belange des großartigen Volkes, dem zugehörig zu sein wir uns rühmen dürfen, in einer Weise zu gefährden täten, welche einem Flottenkommandeur und einem U-Bootkapitän, der, sagen wir mal diesen Auftrag trotz besserer Qualifikation zuvor nicht angenommen hätte, den Job kosten könnten. Verstehen sie, was ich sagen will?“ Natürlich hatte ich verstanden. Die Mission sollte mich und meine Crew an die französische Atlantikküste führen, wo wir zu Spionagezwecken Funkkontakte abhören sollten. Gegebenenfalls würden wir auch  entscheidende Funksprüche mit Störsendern von ihrem Empfänger fernhalten und selbst ein paar gefälschte Funksprüche in den Äther senden. Sicher eine gefährliche Mission, die mit einem Beschuss enden konnte und so war es klar, warum Pike mich auswählte. Wie üblich gelang es ihm nicht, lediglich eine Bitte auszusprechen. Ja, selbst ein einfacher Befehl wäre mir recht gewesen. Der alte Pike arbeitete aber nicht mit solchen Banalitäten. Ohne ein paar subtile Drohungen brachte er keinen Auftrag über die Lippen. Den Versuch dieser Einschüchterung überging ich natürlich und bekundete die große Freude, die es für mich und meine Crew sei, eine solche Mission zum Wohle aller zu unternehmen. Anschließend musste ich am Hafen einen ordentlichen Schluck Whiskey trinken. Diese doppelzüngige Sprache mit ihren Spitzfindigkeiten liegt mir einfach nicht. Es sollte einfach das gesagt werden, was gemeint wird. Gottverdammich.

***

Jedenfalls nähere ich mich mit meinen Jungs gerade nach einer siebentägigen Fahrt den mir anvertrauten Koordinaten. Sind gute Jungs. Nicht bei allen ist der liebe Gott gleich spendabel mit der grauen Masse zwischen den Ohren gewesen, aber das Herz haben sie am richtigen Fleck. Seit etwa zwei Stunden sind wir abgetaucht, denn hier sind wir nicht gern gesehen. Natürlich kann man über alles sprechen, und die Franzosen und auch die Briten sind Verbündete, Freunde könnte man sagen. Aber auch die besten Freunde mögen es nicht, wenn man am Schlüsselloch horcht. Und wer weiß schon, wer hier noch so alles seine Posten hat? Mir wird jedenfalls bald schwindelig, wenn ich noch länger auf den hypnotisch kreisenden grünen Strich des Sonargerätes starre. Ich werde mich erstmal eine Runde in meine Koje legen.

Nachdem ich mich eine Weile zusammengerollt hatte, wurde ich unsanft von Hound Dog, meinem Oberfähnrich, aus dem Schlaf gerissen. „Käpt’n, sie müssen sich das ansehen. Wir scheinen Probleme mit den Navigationsinstrumenten zu haben.“ Hatte ich nicht vorhin noch die wackere Stetigkeit des grünen Balkens gelobt? Ich kremple mir die Ärmel hoch und steige zurück in die Stiefel. Ich muss mir das wohl selbst anschauen. Als ich mit Hound Dog in den Steuerraum komme, herrscht eine seltsame Stimmung. Hank sitzt stumm herum, während Murray auf und ab geht und vor sich hin faselt. Offensichtlich ist es den beiden nicht gelungen, ruhig zu bleiben. „Jungs, was ist denn los? Murray, komm mal zur Ruhe. Worum geht es hier eigentlich?“ Murray bleibt stehen, schaut seltsam drein, ganz so, als ob er sich an etwas erinnere. Dann spricht er: „Käpt’n, ich weiß nicht wo wir sind, beziehungsweise, wann wir uns gerade aufhalten. Also ich meine zu welcher Zeit wir gerade hier sind. Ich denke, es könnte schon später sein, oder früher? Ja, früher müsste es sein. Der Ort ist ungewiss, Käpt’n. Man weiß nicht genau, ob er hier ist oder war, …“ Ich unterbreche sein unverständliches Gefasel: „Nun halt doch mal den Schnabel. Heute ist Donnerstag und wenn die Geräte gerade spinnen, sind wir höchst wahrscheinlich irgendeinem magnetischen Störsender zum Opfer gefallen. Das sollte sich in ein paar Stündchen erledigt haben. Hank, was hat der Radar zuletzt angezeigt?“ „Zuletzt waren wir nur ein paar Seemeilen vor dem Posten, den wir beziehen wollten. Keine Auffälligkeiten bis dahin. Ich denke, wir sollten schleunigst von hier verschwinden. Wenn es ein Magnetfeld ist, könnten die Geräte ernsten Schaden davontragen…“ „Hankyboy, nur nichts überstürzen! Wenn wir nun Vollgas fahren, ohne unsere Gerätschaften, laufen wir Gefahr gegen ein Riff oder ein anderes Hindernis zu laufen. Nur die Ruhe und Kurs halten. Soweit ich es berechnet habe, könnten wir noch etwa zehn Stunden bei diesem Tempo auf Kurs bleiben, ohne in Küstennähe zu geraten.“ „Aye aye, Käpt’n.“ „Hound Dog, du übernimmst für Murray und Murray, du nimmst dir jetzt einen Rum aus meinem Seesack und legst dich dann mal ein paar Stunden hin. Du stehst ja völlig neben dir.“

Es vergeht eine Stunde, die ich mit alten Seekarten verbringe. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse urplötzlich. Unser Küchenjunge George, den wir alle bloß Boy nennen, kommt an meinen Tisch und fängt vor lauter Aufregung direkt an zu reden, ohne dass ich es ihm genehmigt hätte. Der Junge ist kreidebleich, also übergehe ich diesen Fauxpas. Was ich nun hörte, beunruhigte mich damals zunächst nicht im Mindesten, doch heute treibt es mir immer noch kalte Schauer über den Rücken. „Käpt’n, ich hab‘s nicht gewollt, aber ich bin zufällig vorbeigekomm‘ bein alten Murray seine Kajüte. Da hab ich nur ma gelauscht, eigentlich nich mit Absicht. Aber ich konnt nich aufhörn. ‘S war zu merkwürdig, was der Murray sachte. Sprach mit ner ganz andren Stimme, als sonst. Und was der gesacht hatte, ganz komische Sachen. Hab’s hier aufgeschriebn.“

Natürlich machte ich mir Sorgen. Aber eben nur um meinen lieben Murray und nicht um unsere Mission. Ich glaubte, seine wilden Andeutungen seien Ausgeburten einer fiebrigen Krankheit. Doch in den folgenden Stunden sollte es noch deutlich schlimmer kommen. Da die Geräte weiterhin ihren Dienst versagten und Murray in der Kajüte unter Beobachtung stand, hatte ich nichts weiteres zu tun. Ich schaute mir einen Bildband mit Zeichnungen von modernen Kriegsmaschinen an. Schließlich wurde es mir zu langweilig und ich begab mich auf einen Kontrollgang durch mein Boot. In solchen Situationen ist es besonders wichtig, dass ein Kapitän Haltung bewahrt und die Abläufe durch wohlgemeinte Strenge am Laufen hält. Zunächst verließ ich den Kontrollraum durch die erste Schleuse in Richtung Bug und gelangte in die Torpedokammer. Zwei lange Rohre lagen dort nebeneinander, in welche die Torpedos geladen werden konnten. Ich bewunderte eine Weile unsere starke und präzise Waffentechnologie und ließ mich dann durch die am Boden befindliche Luke in die Schlafkammer der Crew hinab. Dort empfing mich eine seltsame Stimmung. Die Matrosen die dort saßen und sich das Gebrabbel von Murray anhörten, blickten finster vor sich hin. „Männer, wir kommen gut voran. Schon bald werden wir auftauchen und etwas frische Luft schnappen“, frohlockte ich. Obwohl diese Worte für gewöhnlich immer für ein paar Jubelrufe gut waren, verfehlten sie an diesem Tage ihre Wirkung. Kein Mucks gaben die fünf Figuren von sich, die dort auf ihren Matten zusammengekauert saßen. Nur die Bewegung ihrer Augen überzeugte mich, dass sie mich überhaupt wahrgenommen hatten. Es musste sich hier schleunigst etwas tun, um die Gemüter wieder zu beruhigen, soviel war sicher. Nachdem ich betont heiter in Richtung Heck durch die Schlafkammer gegangen war, erreichte ich den Maschinenraum. Zu meinem Erstaunen war er unbesetzt. Gewöhnlich musste hier laut Dienstplan zu jeder Zeit mindestens einer von uns Aufsicht halten. Ich schaute die metallenen Regler und die kleinen Sichtfenster mit den Anzeigen dahinter an und überlegte, wer hier gerade seinen Dienstgrad aufs Spiel setzte. Nur weil die Sawfish gerade mit niedrigster Geschwindigkeit und ohne genaue Position vor sich hin dümpelte, hieß das ja wohl nicht, dass der Posten verlassen werden durfte. Verdammich, ich sollte denjenigen das ganze Boot schrubben lassen, mit nichts als dem eigenen Hemd als Putzlappen.

Ein unscheinbares Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Wie es oft der Fall ist, erschien dieses leise Klicken so unvermittelt und harmlos, dass meine Sinne sofort hellwach waren. Ich kannte alle Geräusche, die hier aufzutreten vermochten, sehr genau und ein solches Klicken gehörte nicht hier hin. Als ein zweites ebensolches Klicken ertönte, war ich mir endgültig sicher. Der Lärm, der in einem U-Boot herrscht ist zuweilen infernalisch, doch eines ist er nie: unregelmäßig. Jedes Rumpeln des Motors, jedes Schaben eines Bleches, jedes Zischen eines Ventils – alle diese Geräusche waren sorgsam abgestimmte Instrumente in einem endlosen Stück: eine perfekt komponierte Oper aus Missklängen, regelmäßig, gleichförmig, berechenbar. Und zwei so unpassend eingeworfene Klickgeräusche aus Richtung des Motors waren darin so fehl am Platz wie Pferdeäpfel in einem Thanks-Giving-Truthahn. Ich pirschte mich auf leisen Sohlen weiter durch den Maschinenraum. Sofern ich nicht bemerkt werden wollte, musste dies durch Lautlosigkeit geschehen. Ein Versteck war in dem kaum mehr als schulterbreiten Gang nicht auszumachen. In der dunkelsten Ecke sah ich einen Matrosen mit dem Rücken zu mir stehen. Als ich verstand, was der Bursche da tat – aufgrund des struppigen, blonden Haares nahm ich an, es handele sich um Hank – traute ich meinen Augen nicht. Mit einer kleinen Kneifzange bearbeitete Hank einen Kabellauf, der zur Schiffsschraube führen musste. Heißer Zorn packte mich und ich erwog den Mann hinterrücks K.O. zu schlagen. Doch zügelte ich mich. Ich sagte mir es sei sicher kein Problem die Kabel wieder zu reparieren und ich wollte in seinem Gesicht lesen, wenn er feststellen musste, auf frischer Tat ertappt worden zu sein. Ich baute mich in dem engen Gang so breit auf, wie es nur ging und wartete, dass dieser Haderlump, den ich bis nun wie meinen eigenen kleinen Bruder behandelt hatte, sich zu mir umwandte.

An dieser Stelle möchte ich die Erklärung, warum die Sawfish mit zwei Verlusten und weiteren sechs dem Wahnsinn anheimgefallenen Matrosen heimkehrte unterbrechen und erneut eine Versicherung über die Richtigkeit meiner Angaben liefern. Ich schwöre auf unsere große Nation, ihre ruhmreiche Flagge und ihre Verfassung, dass die folgende Beschreibung des Zustandes des Matrosen Henry ‚Hank‘ Eliasson, so bar sie jeglicher rationaler Erklärung auch erscheinen möge, nichts als die Wahrheit sei.

Als der metallene Kern des Kabels schließlich nachgab und mit dem verräterischen Klicken auseinanderschnellte, gab Hank, oder vielmehr der Mann, der Hank zu sein schien, eine Art erleichtertes Stöhnen von sich. Er ließ den Arm sinken und aus seiner schlaffen Hand fiel die Zange, ganz so, als ob er nicht einmal einen Gedanken an die Geheimhaltung seiner Tat verschwendete. Langsam drehte er sich um und was ich erblickte drehte mir den Magen um. Ich blickte in ein aschfahles, von unzähligen Falten und Altersflecken entstelltes Gesicht. Die ehemals hellen Augen waren milchig verfärbt und dunkel unterlaufen. Dünne, schwärzlich verfärbte Lippen vermochten es nicht eine Reihe fauliger und spitzer Zähne zu verbergen. Am linken Mundwinkel troff Speichel herab. Fassungslos starrte ich den Unglückseligen an. Dieser tat zwei wacklige Schritte auf mich zu und formte mit einer gurgelnden Stimme, wie man sie sich bei einem Ertrinkenden vorstellt, nur noch zwei verständliche Worte: „Lieber tot.“ Mich packte eine Woge blinden Grauens und ich stürzte mich auf die Überreste meines Kameraden. Dieser leistete kaum Widerstand, auch wenn ich mich kaum an weitere Einzelheiten erinnern konnte. Ich zerrte den weichen Leib zu der separaten Kammer, in welcher der Motor arbeitete und stieß ihn hinein. Später, als vor dem Rest der wahnsinnigen Crew keine Geheimhaltung mehr nötig war, holte ich das stinkende Bündel von dort wieder hervor und ließ es durch das Torpedorohr 1 in die Schwärze des Ozeans gleiten.

Nun muss ich erwähnen, dass ich, wohl durch eine Vererbung hervorragender Eigenschaften der Familie väterlicherseits, imstande bin sehr lange geistesgegenwärtig zu handeln und meinen Pflichten nachzukommen. Selbst im Angesicht eines Horrors eben beschriebenen Ausmaßes, verfalle ich nicht etwa in planlose Raserei, sondern werde im Gegenteil hoch effizient. Rick Bearman tut was er tun muss, bis zum letzten Atemzug. Und so ging ich in den nächsten zwei Stunden zielgerichtet und tatkräftig vor und bin, davon bin ich überzeugt, nur deswegen selbst mit dem Leben davongekommen. Zunächst organisierte ich mir Werkzeug und reparierte den sabotierten Kabellauf. Dann befahl ich Hound Dog, den weiterhin irre vor sich hin brabbelnden Murray in die leere Lebensmittelkammer zu bringen und dort einzusperren, denn ich vermutete einen Zusammenhang zwischen dem fiebrigen Gequassel und dem halb verwesten Hank. Ein aggressives Bakterium? Jedenfalls musste eine Quarantäne eingehalten werden, bis wir auftauchen konnten. Einem Wunder kommt es rückblickend gleich, dass der geistig ebenfalls stark angegriffene Hound Dog meinem Befehl nachkam, zeigte er doch keine weitere Reaktion auf mein Kommen. Sodann durchquerte ich wieder die Schlafkammer. Ich ignorierte es, dass niemand sich anschickte, seine Füße aus dem Weg zu nehmen, als ich durch den Gang schritt. Eine derartige Respektlosigkeit konnte nur durch eine Abstumpfung des Geistes entstanden sein, wie sie gelegentlich eintritt, wenn das Unterbewusste dem Verstand Einhalt gebietet, um diesen zu schützen. So wie eine Mutter ihrem Kind zuruft, es solle nicht hinsehen, wenn etwas Schreckliches passiert. Das ist natürlich einfältig und schwach, denn dies hindert die schrecklichen Dinge keineswegs daran zu passieren. Und Mütter und verängstigte Matrosen scheinen dabei zu vergessen, dass der Geist einem im Zweifelsfall um ein Vielfaches grausigere und abstoßendere Bilder zu zeichnen vermag, als es die Wirklichkeit könnte.

Im Vorbeigehen schnappe ich ein schwach gemurmeltes Wort auf: „Elikia“. Wie ein schwacher elektrischer Schlag durchzieht es meine Knochen und Nervenbahnen. Ich habe keinerlei Ahnung, was dies Wort zu bedeuten hat. Englisch ist es jedenfalls nicht und niemand hier an Bord spricht eine andere Sprache. Dennoch besteht kein Zweifel, dass es kein im Fieber geäußertes Gestammel ist. Ich gestehe, dass meine Knie in diesem Augenblick begannen zu zittern. Hier lief etwas grundverkehrt. Ich musste weiter. Ich stieg entschlossen die metallenen Sprossen zum Kontrollraum empor. Inzwischen war mir heiß und kalt zugleich. Ein Blick auf das Sonargerät bestätigt meine Befürchtung: kein Signal. Was war nun zu tun? In solchen Zeiten muss ein Kapitän auch einmal eine unpopuläre Entscheidung treffen. Ich weigere mich, dass was ich nun tat als Rückzug zu bezeichnen, denn solch eine unpatriotische Handlung ist mir zuwider. Aus reiner Rücksicht auf meine dünnhäutige Crew entschied ich mich für eine Taktikänderung. Ich steuerte die Sawfish auf exakt den umgekehrten Kurs, denn da wir diesen bereits passiert hatten, konnte ich sicher sein, dass sich dort zumindest keine festen Hindernisse befanden. Dann ließ ich die Turbinen zu höchster Geschwindigkeit hochfahren.

***

„Mr. Bearman, um sicherzugehen, dass ich Sie richtig verstanden habe, werde ich ihre absonderliche Aussage zu dem Verlust der Crew der Sawfish wiederholen: Sie erhielten vom Flottenkommandeur Timothy S. Pike, einem Vorgesetzten, den sie bereits seit vielen Jahren kennen, einen Geheimauftrag vor der französischen Küste. Sie folgten der ihnen vorgeschriebenen Route, bis sie den angegebenen Koordinaten bis auf etwa 18 Meilen nahe gekommen waren. Dann setzten die Navigationsinstrumente aus. Bei einer von ihnen geschätzten Tiefe von etwa 800 Metern griff unter der Crew – ich betone hier – gleichzeitig Paranoia um sich. Die gut ausgebildeten Matrosen seien nach Ihren Angaben nicht mehr ansprechbar gewesen und hätten apathisch ausgeharrt. Zur selben Zeit bemerkten Sie den Versuch des auf der Fahrt verstorbenen Matrosen Henry Eliasson, die Fahrt der Sawfish zu sabotieren. Er und ein weiterer Matrose seien von einer unbekannten Krankheit befallen gewesen, woraufhin sie verstarben und von Ihnen durch die Torpedoschächte der Sawfish dem Ozean übergeben wurden. Da Sie allein nicht imstande waren, die Mission weiter zu verfolgen, entschieden Sie sich für eine Rückkehr zum Heimathafen, wo Sie Bericht erstatteten. Sind diese Angaben korrekt?“

„Völlig korrekt, Sir! Der Vollständigkeit halber möchte ich darum bitten die hier skizzierten Äußerungen des erkrankten Funkers Murray Clinton, aufgezeichnet nach Berichten der Crew und den Notizen des Küchenjungen George Henderson, in das Protokoll mit aufzunehmen. Die fragmentarisch auftretenden Aussagen wurden, so gut es ging von mir in eine sinnvoll erscheinende Reihenfolge gebracht:

Der Ozean ist die zweite Grenze, denn er spiegelt den Himmel, welcher die erste Grenze ist. Der Menschheit ist es zugesprochen, sich innerhalb des Raumes zwischen den beiden Sphären zu bewegen. Die Kinder Adams und Evas dürfen den Hohlraum zwischen dem eigentlichen Erdenball und der äußeren Schale, der Atmosphäre, nicht verlassen. Ihre Leiber und Geister sind zu schwach. Sie sind nicht gebaut, um die Felder und Gewebe, Strudel und Spiralen, Interferenzen und Verzerrungen zu erfahren, die dort hinter den Grenzen existieren. Der Ozean ist die Grenze. Erkennt ihr es denn nicht? Er soll in seiner Zeit bleiben, die für ihn entschieden. Einen Schritt hinter die Grenze zu tun jedoch, bedeutet auch einen Schritt in eine andere Zeit zu tun. In eine Zeit, in die die Erben Australopithecus‘ nicht gelangen sollen. Schritte hinter die erste Grenze zu tun, führt Abrams Familie an Zeitorte, welche der Lauf der Gestirne erst in Äonen erreichen soll. Gleichermaßen führt ein Schritt hinter die zweite Grenze die zahlreichen Kinder von Lucy an Zeitorte die selbst die Gebeine der Erde längst vergessen haben. Der Ozean ist die Grenze. Wir müssen auftauchen!“ An dieser Stelle folgte stets wilde Raserei, verbunden mit der Forderung die Sawfish an die Wasseroberfläche zu fahren, gefolgt von apathischem Starren bis zum nächsten Ausbruch.

„Mr. Bearman, ich danke Ihnen für Ihre Mitarbeit bei der Aufklärung dieses Unglücks. Man wird Sie in Kürze an einen sicheren Ort bringen, wo Sie sich von den erlebten Schrecken erholen können. Wir haben Grund zu der Annahme, dass auch Sie selbst die Ereignisse durch ein erlittenes Trauma, welchen Auslösers auch immer, nicht zutreffend schildern können. Nein, protestieren Sie nicht – ich will es Ihnen erklären: Sicher ist, dass außer Ihnen alle Mitglieder der Crew der Sawfish schwere Psychosen erlitten haben und sofern sie denn überhaupt zum Sprechen in der Lage sind, keine Erinnerungen an die vergangenen Tage im Boot mehr haben. Das führt uns zu dem zentralen Problem: Es ist niemand da, der ihre Aussage unterstützen könnte, dass es einen Geheimauftrag von dem sogenannten Flottenkommandeur Timothy S. Pike überhaupt gegeben hat. Auf unsere Nachfrage an den Stützpunkt der Sawfish erhielten wir sehr schnell eine knappe Antwort: Es hat dort nie eine Person mit diesem Namen gegeben. Der einzige Flottenkommandeur der letzten zehn Jahre ist ein gewisser William Trench. Er kennt Sie sehr gut und hat vor einer Woche Anzeige gegen Sie erstattet, als Sie ohne jeden Befehl mit der Sawfish den Hafen verließen.“

***

Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, an der eigenen geistigen Gesundheit begründete Zweifel anbringen zu müssen. Selbst jetzt, wo ich in diesem Ledersessel sitze, dem Möbelstück, das ein Rick Bearman am meisten verabscheut, bin ich mir zu 100 Prozent sicher, dass ich Kommandeur Pike schon ewig kenne. Ich meine mich an zahlreiche Inspektionen meines Schiffes, furchtbar langweilige Ausflüge auf den Golfplatz, Drinks in der Hafenküche und unzählige Aufträge und Taktikbesprechungen zu erinnern. War es das unergründliche Meer, welches mir meine Wahrnehmung der Dinge raubte? Gibt es dort unten wirklich Gegenden, die nicht für uns bestimmt sind? Wieso bin ich nicht in jenen stumpfsinnigen Zustand verfallen, der seitdem das Gesicht aller meiner vertrauten Jungs entstellt? Was war es für eine furchtbare Krankheit, die so schnell und so verheerend wirkte, dass Hank, nur eine halbe Stunde außer Acht gelassen, aussah wie eine Wasserleiche? Nun, ich schätze alle diese Überlegungen werden bis zu meinem Ableben meine eigenen bleiben. Die Pflegerinnen sind sehr nett zu mir. Jegliche Erwähnung der Sawfish und ihrer Abenteuer quittieren sie jedoch mit milder Zurechtweisung. ‚Das Thema wollten wir hier doch nicht mehr haben, nicht wahr?‘ Das war das letzte Abenteuer von Rick Bearman.

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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