Jään

von: Sternentochter

Mir blies der Wind seinen eisigen Atem entgegen. Ich zog die Kapuze tief ins Gesicht und stülpte mir meine Handschuhe über. Aico, mein treuer Wolfshund, hüpfte recht munter durch den Schnee, während ich hinter ihm her stiefelte. In der Ferne konnte ich durch das dichte Schneetreiben die Lichter des Revontulet sehen. An der Holzhütte angekommen, trat ich in die angenehme Wärme der Bar und Aico lief freudig zum Tresen, wo er alle Gäste begrüßte. Jonny, der Wirt, der immer finster dreinschaute, rief: ”Hey Jonna, wie immer?” Ich nickte stumm und ging zum Setzen, wie sonst auch, an den Ecktisch. Aico legte sich nach seiner Begrüßungstour zu meinen Füßen. Jeden Abend verbrachte ich hier.

Die Bar hatte einen langen Tresen, über dem Schiffsutensilien hingen. Unter anderem Steuerräder, Knoten und Kompasse. Alte Seefahrer erzählten hier ihre Abenteuer oder Schauergeschichten über die Monster der Tiefsee.  Auch Jonny war ein ehemaliger Seefahrer. Eines Tages, überlebte er als Einziger ein schweres Schiffsunglück und seitdem redete er nur noch wenig. Viele der reisenden Seemänner, die hier nur ein paar Tage blieben meinten, er wäre mürrisch und unhöflich. Doch ich konnte Jonny verstehen. Nicht alle Ereignisse ließen sich mit Worten erklären. Jonny stapfte auf meinen Tisch zu und stellte mir mein Lieblingsgetränk – Johannisbeersaft – vor die Nase. „Hast du es schon gehört Jonna?”, fragte Jonny mit gedämpfter Stimme. Ich schüttelte den Kopf. „Am Hafen ist wohl gerade ein Schlepper mit einem völlig zerstörten Schiff eingelaufen. Laurin, hat das gerade erzählt. Er kommt frisch vom Dienst.”  Jonny guckte sich verstohlen um und senkte noch weiter die Stimme, so dass ich kaum ein Wort verstand.  „Willst du dort nicht mal nach dem Rechten sehen?” „Na gut“, erwiderte ich und stand auf. „Ich habe sowieso gleich Schichtbeginn.” Das war eine Lüge, doch wenn es einen Notfall oder einen merkwürdigen Befund gab, wurde ich ohnehin immer zur Stelle gerufen.

Am Hafen war ich die Jüngste. Als Hafenaufseherin beobachtete ich das Treiben am Hafen. Ein- und ausfahrende Schiffe, Ladungen die von uns verschifft wurden oder zu uns kamen, die oft auf Herkunft und Schmuggel geprüft werden mussten und Menschen, die unser Dorf besuchten oder wieder abreisten. All dies notierte ich und sobald etwas oder jemand merkwürdig war, gab ich das an die Zuständigen weiter. Eigentlich waren wir nicht größer als ein Dorf, doch weil wir so nah am Wasser lagen und gut genug ans Verkehrsnetz angeschlossen waren, waren wir der nördlichste Knotenpunkt für den Handel über die See. Dies brachte uns Geld, Touristen, und damit noch mehr Geld.

Erneut stapfte ich mit Aico durch den Schnee, doch während ich im Revontulet saß, hatte sich der Sturm gelegt. Dies machte den Weg zum Hafen etwas leichter. Die Nacht war klar und der Mond erhellte den Himmel. Unser kleiner Hafen war nicht weit von der Bar entfernt, so brauchte ich nur 10 Minuten zu Fuß. Doch dort angekommen stand ich in einer riesigen Traube von Menschen, die aufgeregt plapperten. Sie standen vor Steg Nummer 2, an dem ein völlig verbeultes und ausgebranntes Schiff lag. Ich seufzte und ging erstmal zur Aufsichtskabine, wo ich mir meine Warnjacke anzog, mein Walkie-Talkie an den Gürtel schnallte und das Megafon mitnahm. Mit diesem ausgerüstet stellte ich mich vor der Menschentraube auf eine Kiste und sprach laut und deutlich ins Megafon: „Bitte verlassen sie diesen Ort, damit die zuständigen Behörden hier ordentlich ihre Arbeit machen können!“ Nun recht empört plappernd, verschwanden die Neugierigen. Olaf schritt auf mich zu und wir schüttelten uns die Hände. Olaf war ein schlaksiger Mann, der mit gelbem Regenmantel, blauer Wollmütze und Gummistiefeln vor mir stand. „Vorhin ist wohl ein Notruf eingegangen. Das Boot soll vor den Klippen gelegen haben. Aber als die Rettungskräfte dort ankamen, konnten sie nur noch das Wrack bergen.“ In Olafs Stirn gruben sich tiefen Falten und sein besorgter Blick sagte mir, dass dies so noch nie geschehen war und hier seiner Meinung nach etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Erst um zwei Uhr war der Bergungsdienst da und hob das geborgene Wrack aus dem Hafenbecken. Ich saß auf einem klapprigen Drehstuhl auf der Aussichtswache und beobachtete das Geschehen. Plötzlich klopfte es an der Stahltür. Langsam erhob ich mich, um die Tür zu öffnen, doch da schwang sie auf und mir standen zwei Männer in edlen Anzügen und eine Frau gegenüber. Diese Frau passte überhaupt nicht in das kalte, nächtliche Bild des Hafens. Sie trug rote High Heels, einen schwarzen Bleistiftrock mit einer weißen Bluse und einen schwarzen Blazer. In ihren Händen hielt sie einen Nadelstreifenumhang und eine Schreibmappe. Ihre dunklen Haare hatte sie zu einem strengen Knoten nach hinten gebunden und ihr roter Lippenstift rundete den Gesamteindruck ab. Sie trat herein und die beiden Herren schlossen die Tür. Wie Wächter oder Türsteher stellten sie sich davor. Sie rührten sich nicht weiter, während die Frau langsam auf mich zu kam und mir eine Visitenkarte in die Hand drückte. Ich rührte mich kein Stück und begutachtete die Frau skeptisch, als sie sich vor mir aufstellte. Mein Blick wanderte auf die Karte auf der stand: Gold. Im Ernst: Mrs. Gold… Was war das denn für ein klischeehafter Name? Wollte sie mir weißmachen, dass sie das aktuelle Bondgirl sei und aus gewissen Interessen den Hafen kaufen will? Scheinbar verrieten sich meine Gedanken in meinem Gesichtsausdruck. „Sie denken sich sicherlich, ich hätte mich in der Tür geirrt, doch ich kann ihnen versichern, Jonna, dass wir viele Dinge zu besprechen haben.“ Okay, ich konnte sie jetzt schon nicht leiden. Von ihrem High Heel-Absatz bis zu ihren perfekt sitzenden Haaren, nervte mich einfach alles. Ich pustete mir den Pony aus dem Gesicht und antwortete gereizt: „Das mag sein, doch sie denken nicht wirklich, dass ich beeindruckt oder eingeschüchtert von diesem albernen Aufzug bin. Und nur, weil sie meinen Vornamen kennen, heißt das nicht, dass sie ihn benutzen dürfen! Wenn ich sie nun zur Tür hinauswerfen dürfte, wäre ich sehr erfreut.“

Sie rollte mit den Augen und öffnete mit einem Schnappen ihre Mappe. Heraus holte sie einen großen dicken Umschlag und hielt ihn mir entgegen. Nachdem ich ihn ihr nicht abnahm, legte sie ihn neben mir auf den Tisch. „Darin finden sie alles Nötige. Ersparen Sie uns beiden die Mühe und verbrennen Sie ihn nicht gleich.“ Mit diesen Worten schloss sie die Mappe wieder und zog ihren Mantel an. Ihre beiden Bodyguards öffneten die Tür und verließen das Zimmer. Als die Tür hinter ihnen schwer ins Schloss fiel, blieb ein Hauch Parfümgeruch in der Luft. Ich schritt zur Fensterfront und beobachtete ihren Abgang. Es klopfte erneut an der Tür. Ich ignorierte es und sah, dass die Frau in einem Auto einstieg, ihre beiden Begleiter ebenfalls. Wieder klopfte es, diesmal energischer. Ich nippte an meiner Tasse Tee und öffnete die Tür. Wachtmeister Kuhn höchstpersönlich stand vor der Tür. „Jonna! Schönen Abend, noch so spät auf der Wache? Ich hatte Olaf erwartet!“

„Moin Kuhn. Kommen Sie herein. Nein, Olaf ist immer noch beim Beaufsichtigen des Wracks. Sie müssen mit mir vorliebnehmen. Kann ich ihnen was anbieten, einen Kaffee, Tee oder doch lieber einen Schnaps?“ „Aber aber, liebste Jonna, ich befinde mich im Dienst.“, entrüstete er sich. Sein Schnurrbart zitterte immer etwas, wenn er sich über etwas empörte. Er trug einen Pappkasten unter dem Arm und hob diesen auf den Tisch. Mit seinen Händen wühlte er darin herum und begann den Inhalt über den Tisch zu verteilen. „Dies sind alle ausgelesenen Daten aus der Blackbox des Schiffes, inklusive Routendaten, Papieren und Crewlisten. Wenn Sie dies einmal überprüfen würden und dem Gericht als Beweise vorführen würden, wäre ich ihnen sehr dankbar, Jonna. Meine Wache hat alle Hände voll zu tun. Oben im Altersheim hat es einen Einbruch gegeben und nun hat sich ja auch noch der liebe Kasimir erkältet. Ach Gottchen, wie soll ich das bloß alles schaffen?“ „Natürlich werde ich diese Arbeit erledigen“, sagte ich und tätschelte den Wachtmeister, während er in ein großes Stofftaschentuch schniefte. „Vielleicht doch einen Schnaps, Herr Wachtmeister? Ich habe einen vorzüglichen Malteser im Eisfach liegen, der sollte sie aufmuntern!“ Mit diesen Worten wandte ich mich von ihm ab und ging ins Nebenzimmer, welches unsere kleine Küche war. Gut genug für die Aufbewahrung von Schnellgerichten und Schnäpsen. In Wahrheit kochten wir hier täglich frisch und doch war es eine typische Standardküche, wie man es nicht besser erwarten konnte. Als ich zurückkam und die beiden Schnapsgläser auf den Tisch stellte, war Wachtmeister Kuhn schon auf den Stuhl gesunken.  Er sah so elend aus, dass ich gleich einen Doppelten eingoss. „Nun kommen sie. Runter damit!“ Nur wiederwillig griff er nach dem Gläschen und würgte den Inhalt runter. Bevor ich ihm einen Zweiten anbieten konnte, erhob er sich und stürmte zur Tür. „Da fällt mir ein, ich muss ja dringend aufs Präsidium und meine Berichtchen schreiben. Bis dann Jonna!“

Ich grinste. Ja, so ein Schnaps beflügelte doch jeden. Vor allem unseren Wachtmeister. So schrullig er auch wirkte, seit nun fast 30 Jahren bewachte und schützte er das Dorf vor Gefahren und kriminellen Aktivitäten. Nicht immer war er der beste, doch der loyalste und netteste Dorfchef, den man sich wünschen konnte. Er war stets bemüht und hatte schon den einen oder anderen Gauner hinter Gitter gebracht.

Aico, der sich schon die ganze Zeit unter dem Schreibtisch verkrümelt hatte, schaute mich völlig verpennt an. Ich genehmigte mir noch einen und schüttelte mich. Bäh, war das Zeug ekelhaft. Aber es wirkte, denn letztendlich saß ich noch bis fünf Uhr morgens auf der Wache. Bis Jakob und Samson, Olaf und mich ablösten. Zuhause angekommen, stellte ich Kuhns Karton auf den Tisch. Ich ging zum Kamin und zog den Briefumschlag von Mrs. Gold aus dem Mantel. Als ich ihn in die Flammen vom Kamin werfen wollte, stockte ich. Ich legte ihn ebenfalls auf den Tisch. Wer weiß, vielleicht würde mir Mrs. Gold, so wenig ich sie auch mochte, nochmal irgendwann nützlich sein. So begaben Aico und ich uns ins Bett und der dunkle Morgen wiegte uns in tiefen Schlaf.

Es war schon fast Mittag, als Aico und ich aufstanden. Mein Freund hatte mich mit einem Stupser seiner kalten und feuchten Nase geweckt. Die Sonne war gerade aufgegangen, obwohl es schon 13 Uhr war. Doch wir befanden uns im Winter und wenn wir Glück hatten, sahen wir die Sonne vier bis fünf Stunden an klaren Tagen. Mein erster Blick fiel auf den abgestellten Karton und den danebenliegenden Vertrag. Langsam erhob ich mich aus den wärmenden Daunen und bereitete Aico und mir ein Frühstück zu, reinigte den Kamin, um ein neues Feuer zu entzünden und beschloss bei meinem täglichen Johannisbeersaft Mrs. Gold aufzusuchen. Also schlüpfte ich wie immer in meine wettertaugliche Kleidung und Aico dicht an den Fersen, stapfte ich erneut den Abhang hinunter. Mrs. Golds Visitenkarte verriet, dass sie sich eines der Ferienhäuser gemietet hatte. Die waren teuer und schön, halt für Touristen.

An dem schwedisch rot gestrichenen Holzhaus angekommen, stoppte ich skeptisch. Von weitem konnte ich sehen, dass die Haustür offenstand. Im Winter? „Aico bleib!“, befahl ich ihm. Er legte sich gehorsam vor die Steinstufen, die ich langsam gespannt lauschend, emporstieg. Die Tür stand etwa einen Spalt breit offen und ich wollte sie ganz öffnen, jedoch blockierte etwas von innen das Scharnier. Nur mit Gewalt bekam ich sie auf und mit Schrecken sah ich was die Tür blockiert hatte. Es war einer der Sicherheitsmänner, der mit allen Vieren von sich gestreckt im Eingang lag. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Licht fiel auf den leblosen Körper, als ich den Lichtschalter betätigte. Zögernd stand ich vielleicht zehn Minuten da und von Minute zu Minute zweifelte ich mehr an der Realität. Ich wünschte mir es wäre ein Albtraum und in ein paar Sekunden würde Aico mich freudig wecken. Jedoch war dem nicht so. Mit zitternden Fingern wählte ich den Notruf. „Was für Hilfe brauchen sie?“, fragte eine Männerstimme. Überfordert antwortete ich: „Alles! Polizei, Notarzt, Bestatter, Reinigungskräfte, Kripo, Supo, Grenzschutz, alles was sie mir bieten können!“ Da der Mann keine Fragen stellte, legte ich einfach auf. Insgesamt war ich einfach zu angespannt, um einen kühlen Kopf bewahren zu können. Ich wusste ich sollte jetzt nichts unternehmen, denn ich würde Gefahr laufen mich irrational zu verhalten. Doch es gelang mir nicht.

Zweimal atmete ich tief ein und aus und ging tiefer ins Haus. Schritt für Schritt lief ich den Flur entlang und lugte um die Ecke, in die offene Küche. Dort auf dem Tresen lag der nächste Sicherheitsangestellte. In seinem Körper steckten senkrecht alle verfügbaren Küchengeräte, die irgendwie spitz und länglich waren. Würgend beugte ich mich vorne über, zwar brach ich nicht, doch das wäre mir lieber gewesen. An die Küche grenzte das Wohnzimmer, welches wohl mal eine weiße Couch gehabt hatte. Die ganze Garnitur, war dunkelrot. Der kleine Wohnzimmertisch war zur Seite geschoben worden. Anscheinend ziemlich grob, denn die Vase war umgefallen und zu Bruch gegangen. Bücher und Dekoaccessoires lagen verstreut, teilweise ebenfalls kaputt in der Gegend rum, selbst das Bücherregal hatte man umgeworfen. Da, wo vorher der Tisch gestanden hatte, kniete Ms. Gold. Mir blieb die Luft im Hals stecken. Ich begann zu zittern und mir war so übel, dass die Gefühle der Entdeckung, der beiden Wachmänner gar nichts hier gegen waren. Sie kniete auf dem Boden und war schrecklich, bar jeder Beschreibung, zugerichtet. Das Blut war überall verteilt, auf der Couch und den Sesseln. Auf dem Fußboden waren große Abdrücke, die zur der links gelegenen Terrassentür führten, auf welcher ein blutiger Handabdruck war. Mein Blick wanderte weiter, über das Chaos und die Leiche hinweg zur ehemals weißen Wand. Dort waren die beiden Bilder umgedreht worden und als ich einen Schritt zurück machte, erkannte ich warum. Auf der Wand stand eine Nachricht, die mit Blut selbst über die Rückseite der Bilder geschrieben war: „Tyr ist von den Toten auferstanden, um sich an den Sterblichen zu rächen, die sich ihm wiedersetzen!“

Ich starrte ganze vier Minuten die Nachricht an, bis ein lautes Krachen die vorherrschende Stille durchbrach und mich mit den Gedanken und Aufmerksamkeit wieder in die blutige Realität zurückholte. Kläffend kam Aico angerast und kam schlitternd auf dem Parkettboden, vor meinen Füßen zum Halt. Seine Schnauze schnüffelte interessiert in Richtung Mrs. Golds. Gerade noch packte ich ihn am Halsband und hielt ihn fest. Es erschien mir als nicht vorteilhaft, wenn Aico durch das Blut lief und zudem die Beweise vernichten würde. Auf einmal standen etwa zehn Leute vor mir, die mich mit gezückten Maschinengewehren bedrohten. „Hände hoch!“, schrie einer der Typen, die allesamt dicke Schutzwesten, Stiefel und anderes hoch wichtiges Zeug trugen. „Nein!“, schrie ich in all der Aufregung zurück. Da mehr Leute in das Haus drängten, blieb ich bei der Taktik des Schreiens. „Ich muss meinen Hund von den Leichen fernhalten!“, schrie ich. Doch es packten mich zwei der Männer und trugen mich samt Aico aus dem Haus. Vor dem Haus war ein riesiger Tumult. Großflächig hatte man den Eingang und die Auffahrt zum Haus abgesperrt, da sich ein Ring aus Neugierigen, Nachbarn und Presse versammelte, aber es waren dennoch unzählige Schaulustige gekommen. Zudem die Polizei, mehrere Notärzte, der landeseigene Geheimdienst Supo, die Kripo,… Selbst in einiger Entfernung parkten vier Wagen eines Bestattungsunternehmens, welche auf ihren Einsatz warteten. Ich wurde ohne viel Federlesens bei einem RTW abgestellt und sofort war ich von einer Traube von Sanitätern umgeben. Man legte mir eine Decke um, maß meinen Puls, fragte mich nach meinen Wohlbefinden in der Erwartung, dass ich einen Schock erlitten hätte. Da ich alles verneinte, die Decke sofort wieder ablegte und nun Anstalten machte wieder ins Haus zu marschieren, nahm mich ein Mitarbeiter der Kripo unter die Lupe. „Sie sind Jonna Virtanen?“, fragte er kurz angebunden. Nickend betrachtete ich den jungen Mann, der mich mit einem leichten Griff in den Unterarm zu einem Polizeiwagen bugsierte. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig und sein Anzug ließ darauf schließen, dass er eine wichtige Person war. Widerwillig stieg ich in den Wagen und ließ mich mit Aico zusammen auf der Rückbank nieder.

Im fünfzig Kilometer entfernten Rikollin, auf dem großen Präsidium, wartete ich zusammen mit Aico bis spät abends in einem Vernehmungsraum. Der Stuhl war so ungemütlich, dass ich mich nach einigen Stunden zu Aico auf den Boden legte. Man war so freundlich gewesen, Aico etwas Wasser zu holen. Um 22:47 Uhr betrat der junge Mann den Raum. Er hatte den Mantel und das Jackett ausgezogen, welche er in Jään wegen der Kälte noch getragen hatte. Mit einem Schreibblock, einem Glas Wasser und einem Becher Kaffee, ließ er sich auf der anderen Seite des Tisches nieder. „Bitte nehmen sie Platz, Jonna!“ Er stellte mir das Glas Wasser hin.  Als ich der Bitte nachgekommen war, schaute er auf die Uhr und sprach in den Raum hinein: „Es ist 22:49 Uhr am Freitag den 13.11.2121, das Verhör leitet Kommissar Christ. Die Zeugin Jonna Virtanen wird zur Aussage im dreifachen Mord gebeten. Nun Jonna, stellen sie sich einmal vor und achten sie nicht auf die Kamera. Zudem muss ich sie als Zeugin belehren, bei der Wahrheit zu bleiben und bei nichts als der Wahrheit. Allerdings müssen sie keine ihrer Verwandten oder Freunde belasten.“

Nach dieser Einführung schilderte ich alles, was von morgens an passiert war. Wie ich in das Haus kam, wie ich die Leichen vorfand und den Notruf anforderte, der Schreck beim Fund von Mrs. Gold. Was ich von der Nachricht halten würde, woher ich Mrs. Gold überhaupt kannte. Alles, was die Tage vorher passiert war, wie komisch mir der Besuch von Gold auf dem Hafen vorkam. All dies, inklusive der Fragen, die der Kommissar stellte, beantwortete ich. Das Verhör dauerte drei Stunden. Herr Christ beendete die Vernehmung, wie am Anfang mit Datum und Zeit, bis er sich mir schließlich erneut zuwandte: „Da sie momentan als Mörderin nicht in Frage kommen, lasse ich sie gehen. Jedoch stehe ich in der Pflicht, sie darauf hinzuweisen, sich in der Nähe und immer als Hilfe für die Polizei bereit zu halten.“

Ein Taxi fuhr mich und Aico nach Hause. Müde fiel ich ins Bett und auch Aico gab keinen Mucks mehr von sich. Unruhig schlief ich ein und in der Nacht suchte mich ein Traum heim: Ich war wieder in dem Ferienhaus, doch nicht alleine. Als ich, wie am Tag das Haus betrat, es war alles exakt gleich, bis auf die Person in der Stube. Entsetzt musste ich die Hinrichtung von Mrs. Gold beobachten, stand jedoch hinter dem Geschehen. Ein riesiger Mann, mit breiten Schultern und als Wikinger gekleidet, arbeitete sich mit dem Messer durch das Fleisch. Als er fertig war, drehte er sich bedrohlich um und schaute mich an. Mir liefen Schauer den Rücken herunter, denn seine Pupillen waren gelb. Er musterte mich hasserfüllt und sprach mit donnernder Stimme: „Ich bin Tyr, der Herr des Krieges und der Vernichtung. Alle werden sich vor mir verneigen, denn ich bin von den Toten auferstanden. Auch du Jonna, wirst dich beugen!“ Mit dem letzten Wort und seinen hasserfüllten Augen, schrecke ich hoch. Schweißgebadet saß ich kerzengerade im Bett. Hastig schaute ich mich um, doch zum Glück war weit und breit kein nordischer Kriegsgott zu sehen.

Das musste auf der Stelle aufhören. Irgendetwas stimmt hier überhaupt nicht, dachte ich. Mir tat der Kopf weh und ich war blass genug, um selbst als Leiche durchzugehen. Ich litt scheinbar schon an Realitätsverlust. Ein mordender Kriegsgott aus der Wikingerzeit? Ich rieb mir die müden Augen und begann mit den morgendlichen Ritualen. Ungefähr nachmittags verließ ich zusammen mit Aico das Haus und ging zur Arbeit. Olaf, der am Hafenbecken stand, begrüßte mich mit einem steifen Hallo und musterte mich skeptisch, als befürchtete er, ich würde gleich tot umfallen. „Jonna, der Wachtmeister will dich oben im Aufsichtsturm sehen!“ Sein Blick verriet, dass die Sache mehr als Ernst war. Also gingen Aico und ich geradewegs in den Turm und dort saß der Wachtmeister, so dachte ich. Jedoch als sich die Person, die auf dem Küchenstuhl saß umdrehte, erkannte ich den Kommissar aus Rikollin: Herrn Christ. „Sie hier? Ich hatte Wachtmeister Kuhn erwartet!“ „Ich freue mich auch sie zu sehen Jonna!“, antwortete er gekünstelt nett, aber er verfiel schnell wieder in seine typische Ernsthaftigkeit. „Wachtmeister Kuhn ist bis auf Weiteres von dem Fall entzogen, denn für dieses Ausmaß an Gewalt und Schrecken reicht ein einfacher Dorfsheriff nicht.“ Ich wurde wütend, denn eins konnte gar nicht leiden: wenn sich jemand über meine Freunde lustig machte. „Sie wissen doch überhaupt nicht, was Herr Kuhn schon alles geleistet hat.“, entgegnete ich zornig. „Doch, aber darum geht es hier nicht. Wenn ich mit ihnen über Kuhn hätte sprechen wollen, dann hätte ich mich nicht hier mit ihnen getroffen. Setzen sie sich bitte und zeichnen sie eine Uhr für mich.“ Ich runzelte die Stirn und ließ mich auf dem Stuhl gegenüber von Christ nieder. „Eine Uhr?“ Er nickte und schob mir ein weißes Blatt Papier und einen Bleistift hin. Grob zeichnete ich einen Kreis und ordnete der Reihe nach die Zahlen an den Rand. Kaum war ich fertig, da riss mir der Kommissar das Blatt aus der Hand und beäugte es seltsam gierig. „Danke Jonna, ich werde mich bald bei ihnen melden!“ Ohne ein weiteres Wort nahm er seine schwarze Bürotasche und den Mantel, der über seiner Stuhllehne hing und verschwand. Lediglich den Bleistift hatte er vergessen. „Aico, das bedeutet nichts Gutes!“, sagte ich gedankenverloren.

Seitdem das Wrack aus dem Hafen geborgen worden war, waren nun vier Monate vergangen. Die Trauerfeier für die Familienmitglieder war mit leeren Särgen vor vier Wochen auf dem alten Seefahrerfriedhof abgehalten worden. Das Wrack hatte man in ein Schiffsmuseum gebracht und damit den Fall zu einem öffentlichen Mysterium gemacht. Ein weiterer Touristenmagnet in der Nähe von Jään. Auch der vor Kurzem rehabilitierte Wachtmeister Kuhn hatte nun einen Erfolg zu feiern, denn endlich konnte er den Einbrecher vom Altenheim schnappen.

Doch der Fall des Wracks ließ mich nicht los, auch wenn die Öffentlichkeit ihn nun für abgeschlossen hielt. Jeden Abend, den ich seitdem auf der Wache verbracht hatte, arbeitete ich die Beweise aus. Man könnte meinen, dass wäre eine stumpfsinnige und langweilige Arbeit, doch ich irrte mich gewaltig, als ich mir die Containerlisten des Schiffes anschaute. Auch die Besatzungslisten waren interessant und nicht zuletzt die Blackboxmitschrift. Seit fast zwei Jahren war das Schiff von der immer gleichen Crew gefahren worden. Das war durchaus möglich, doch im Schiffsverkehr wechselte die Besatzung eines Schiffes häufig, vor allem auf den internationalen Gewässern. Doch nicht das war das Merkwürdige. Eher, dass alle Crewmitglieder Kriminelle waren, nach denen international gefahndet wurden. Ich bat Kuhn um eine Recherche und schon ein paar Minuten später druckte der Drucker die Gesichter von zwanzig Männern der Interpol Fahndungsliste aus. Mir erschien es so, als wäre jemand mit der Liste shoppen gegangen, um dieses Schiff zu bemannen.

Den Containerlisten nach zu urteilen hatte das Schiff Plastikkleinteile für einen Spielzeughersteller geladen. Um das zu überprüfen rannte ich hinunter in den Keller der Wache, wo alle Akten bezüglich dem, was im Hafen angekommen und abgefahren war, gelagert waren. Ich musste nicht lange suchen, um die Lieferscheine zu finden. Für jedes Schiff, was planmäßig hier einlaufen sollte, um Waren ab- oder aufzuladen, erstellten wir einen Lieferschein. So konnten wir, mithilfe des Scheins die Ware überprüfen. Außerdem ließ sich so der Lagerplatz für die Ware besser bestimmen. Teilweise nahm unser Lager Waren für bis zu drei Monate auf. Bei genauerer Betrachtung des Lieferscheins fiel auf, dass in der Adresszeile kein Spielzeugwarenhersteller angegeben war. Mich traf fast der Schlag, als ich die drei Buchstaben lass. „T Y R!“

Plötzlich schwang die Tür auf. Es war nur Olaf, der sein Walkie-Talkie zur Aufladestation bringen wollte. Ganz beiläufig sprach er: „Ich leihe mir mal deins aus, ich bin jetzt auf Kanal 4 erreichbar.“ Als er mich anschaute, zuckte er zusammen: „Sag mal, wie schaust du denn aus? Los, ab mit dir nach Hause Jonna. Ruh dich bloß aus und bevor du nicht ganz gesund bist, wirst du nicht wieder arbeiten! Ich schicke dir Jonny nachher vorbei, dass er mal nach dir sieht.“ Ich schaute zum Fenster hinaus. In der Scheibe sah ich mein blasses Spiegelbild. Ich packte die ganzen Zettel zusammen und legte sie in den Karton.

Eine Viertelstunde später, ließ ich mich an meinem Esstisch nieder. Aico legte sich in seinen Korb. Den Karton, mit dem Beweismaterial stellte ich auf den Tisch. Da fielen mir der Umschlag von Mrs. Gold und die Visitenkarte von Herrn Christ auf. Er hatte sie mir in die Hand gedrückt, als ich das Verhör verlassen hatte. Ich nahm sie in die Hand und las sie noch einmal aufmerksam durch und wieder stockte ich. Auf der Karte standen zwei Adressen, einmal die der Polizeiwache von Rikollin und einmal seine private. Ich zog den Lieferschein aus der Beweiskiste und glich die Adressen ab. Seine und die, die unter den Buchstaben „T Y R“ stand, war ein und dieselbe. Nun tauchte ein ganz neues Bild in meinem Kopf auf. Was, wenn der Kriegsgott Tyr nur eine Metapher war. Eine Metapher, die meine Fantasie nach den traumatischen Erlebnissen zu einer Figur gemacht hatte. Eine reale Bedrohung, die mich hätte umbringen können. Es hätte mich an den Rand des Wahnsinns getrieben. Was wäre, wenn Tyr, eine kriminelle Intention war, dessen Anführer der Kommissar Christ war? Ein Plan so genial und für den Rest der Welt unsichtbar. Christ agierte direkt vor der Nase der Polizei und doch nahmen es niemand wahr, da er selbst dort ein weisungsbefugter Angestellter war. Nun stellte sich noch die Frage, was dies mit dem Wrack und mit Mrs. Golds Tod zu tun hatte.

Ich schaute in die immer noch dunkle Nacht hinaus. Doch da! Zwei gelbe Augen beobachteten mich. Für einen Moment blieb mein Herz stehen, meine Atmung setzte aus und ich blinzelte. Die Augen waren weg. Da merkte ich, wie mir etwas Spitzes in den Hals gerammt wurde. Ich tastete danach und zog eine Spritze aus meiner Halsschlagader. Sofort erschlaffte mein Körper und alles wurde schwarz. Als ich aufwachte, sah ich alles nur verschwommen. Über mir zogen Wolken über den dunklen Himmel. Ich atmete schwer, man hatte mir eine Maske aufgesetzt und man bewegte mich. Meine Finger, in welche langsam wieder Gefühl zurückkehrte, betasteten den Rand einer Liege. Neben mir tauchten fremde Gesichter auf und plötzlich wurde der Himmel von grellem und bläulichen Licht erhellt. Ich hörte, in der Ferne ein Bellen und alles hallte irgendwie in meinen Ohren. Die Stimmen um mich herum redeten etwas von „vergiftet, ohnmächtig, Puls niedrig“. Erneut wurde mir schwarz vor Augen.

Man brachte mich ins Krankenhaus. Dort wachte ich einige Stunden später auf und erfuhr von einem Ärzteteam das es einem Wunder gleichkam, dass ich noch lebte. Es wäre nur ein Milligramm Gift mehr nötig gewesen, um mir den Garaus zu machen. Zwei Wochen verbrachte ich im Krankenhaus. Jonny, Wachtmeister Kuhn und Olaf kamen regelmäßig vorbei, um mich zu besuchen. Jonny kümmerte sich, wie schon so oft, um Aico während meiner Abwesenheit. Keinem der drei erzählte ich was wirklich geschehen war. Dass ich die gelben Augen gesehen hatte, kam in meiner Erzählung ebenfalls nicht vor. Ich wollte die drei nicht unnötig belasten, da sie sich sowieso schon sorgten.

An einem Montag durfte ich endlich wieder nach Hause und dort angekommen, stellte ich erschrocken fest, dass mindestens die Hälfte der Beweise fehlte. Der Lieferschein, die Visitenkarte von Christ – die ließe sich zumindest schnell erneut beschaffen – die Liste der Crewmitglieder und auch die Blackboxmitschrift waren weg. Hastig suchte ich alles ab: der Umschlag von Mrs. Gold war zum Glück noch da. Schwer ließ ich mich auf den einen Stuhl fallen und öffnete nun endlich den Umschlag, der nun mehrere Monate hier gelegen hatte. Auf insgesamt zehn Seiten eröffnete sich mir ein Angebot für die Hafenübernahme. Alle Angestellten sollten dort weiterhin arbeiten, der Hafen sollte nur von einer anderen Firma betrieben werden. Und da war es wieder: „T Y R!“ Drei große blaue Buchstaben schmückten die Kopfzeile des letzten Blattes. Unten am Rand waren drei Linien. Die erste Unterschrift wurde von den Druckbuchstaben: „Geschäftsführer“ und die zweite von „stellvertretende Geschäftsführerin“ gekennzeichnet. Dort lag er vor mir. Seit vier Monaten lag der vollkommende Beweis auf meinem Esstisch. Ungelesen und unberührt, aufgrund meiner Abneigung zu Mrs. Golds Auftreten. Feinsäuberlich unterschrieben von Herrn Christ und von Mrs. Gold.  Nun war alles klar. Die dritte Linie, unter der mein Name stand, war noch leer. Ich hätte den Hafen verkaufen sollen. Ich, die vor knapp einem Jahr von der Gemeinde dazu befugt worden war, alles kaufmännische des Hafens abzuwickeln.

Doch es passte nicht zusammen. Warum hätte ich das tun sollen? Selbst wenn ich den Umschlag gleich geöffnet hätte, hätte ich Mrs. Gold trotzdem rausgeworfen und das Angebot verbrannt. Außerdem warum, Herr Christ? Wenn er, nach all dem, wirklich ein Polizist sein sollte, dann wäre ich wohl Tyr der Kriegsgott höchstpersönlich. Auf der Rückseite der letzten Seite, stand in winziger Schrift ein Hinweis: „Gewinnbeteiligung am Krieg und der Vernichtung.“  Ich war platt. Schnell schlüpfte ich in meine Schuhe und rannte mit dem Umschlag in der Hand zum Revontulet. Ich riss die Tür auf und stürmte zum Tresen. „Jonny!“, rief ich. „Das musst du dir ansehen!“ Jonny staunte nicht schlecht, als ich ihm den Briefumschlag reichte. Es vergingen einige Minuten und da Jonny mich nur verständnislos anstarrte und die ersten Gäste schon kicherten, handelte ich ohne weiter nachzudenken. Ich stieg auf den Tresen und rief in die Menge hinein: „Jään ist Opfer eines Verbrechens geworden!“ Alle starrten mich nun an, als wäre ich verrückt geworden. Jonny zupfte vorsichtig an meinem Hosenbein, doch ich ignorierte ihn. Stattdessen riss ich ihm den Umschlag aus der Hand. „Hier sind die Beweise dafür, dass der Polizist Christ aus Rikollin und Mrs. Gold, die vor vier Monaten oben im Ferienhaus ermordet worden ist, Verbrecher sind. Sie wollten den Hafen von unserem geliebten Jään, erwerben, um ihn für ihre kriminellen Geschäfte ins Ausland zu missbrauchen!“ Gerade als ich wieder meine Stimme erhob, flog die Tür mit einer solchen Wucht auf, dass alle erschrocken zusammenzuckten. Wachtmeister Kuhn stand in der Tür, weiß im Gesicht und Tränen strömten seine Wangen runter. „Ich habe ihn gesehen!“, stotterte er. „Ich habe ihn gesehen, wie er aus dem Wasser stieg. Er hat gelacht!“ Kuhn schaute angsterfüllt ins Leere und stotterte immer wieder dieselben Worte. Keiner der Besucher rührte sich und ich kletterte vom Tisch und ging zögernd zu Kuhn. Der war mittlerweile zitternd vor Angst auf die Knie gefallen und wiegte sich hin und her. „Kuhn, wen hast du gesehen?“, fragte ich vorsichtig. Plötzlich fixierte er mich mit seinen Augen und sie weiteten sich noch mehr. „Jonna!“, schrie er und packte mich krampfhaft an den Schultern. „Du bist in Gefahr! Du musst verschwinden, bevor er dich kriegt!“ Kuhn wirkte wie ein Wahnsinniger als er das vor sich hinsang. „Wer?“, fragte ich nun dringlicher. „Der Wikinger!“ Völlige Stille beherrschte nun den Raum. Alle hielten ihren Atem an und lediglich die offene Tür, die ab und zu leise gegen die Wand schlug, durchbrach die Stille. Ungläubig schaute ich Kuhn an, der sich nun zu Boden geworfen hatte und dalag wie ein eingerollter Igel. Noch immer stotterte er leise vor sich hin.

Irgendetwas ging hier gewaltig schief. Ich hatte doch gerade den Beweis gefunden, dass Tyr nicht existierte, sondern eine Projektion meiner Fantasie war? Doch nun hatte ihn auch eine andere Person gesehen. Das Schicksal nahm wie immer unbarmherzig seinen Lauf: Nicht lange nachdem Jonny die Tür wieder geschlossen und Kuhn sich etwas beruhigt hatte, schwang die Tür wieder auf. Diesmal flog sie fast aus den Angeln. Draußen standen Herr Christ, im Rücken eine Kampfeinheit, wie damals im Haus von Mrs. Gold. Er hielt ein Megafon in der Hand und rief: „Jonna! Hiermit nehme ich sie fest, wegen mehrfachen, brutalen und grausamen Mordes, wegen Gefährdung der Öffentlichkeit und Beweismittelunterschlagung!“ Mein Herz setzte mal wieder kurzzeitig aus. Doch dieses Mal reagierte ich so blitzartig, dass Christ nicht hinterherkam. Auf mein Zeichen packte Jonny Aico am Halsband und hielt ihn fest. Ich dagegen rannte in Richtung Hinterausgang. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wieso Christ das Revontulet nicht umstellte hatte. Jedenfalls rannte ich. Noch nie in meinem Leben bin ich so gerannt. Ich brauchte nur eines: einen Vorsprung. Ich rannte den Hügel hinab in Richtung der Ferienwohnungen. Neben mir schlugen vereinzelte Kugeln ein. Eine schoss nur knapp an meinem Kopf vorbei. Doch irgendwie schaffte ich es dem tödlichen Feuer der Kampfeinheit zu entkommen. Endlich kam das schwedisch-rote Holzhaus in Sicht. Mit einem gezielten Tritt, entriegelte ich das Türschloss. Ich wusste ich hatte nicht viel Zeit: Ich rannte in das dunkle Wohnzimmer. Immer noch hielt ich den Umschlag mit den Beweisen in meiner Hand. So wie ich Christ einschätze, würde er alleine hierherkommen. Ich versteckte mich hinter der offenen Küchentür.

Das Knarren der Türschwelle verriet, dass jemand den Flur betrat. Die einzelnen Schritte näherten sich dem Wohnzimmer. Mein Herz pochte so heftig vor lauter Aufregung, dass ich fürchtete, es könnte mich verraten. Die Stimme von Herrn Christ hallte auf einmal durch den Raum: „Komm heraus Jonna. Das Versteckspiel ist unnötig. Ich weiß, dass du die Beweise hast und wenn du nicht sterben willst, solltest du sie mir überlassen.“ Er war mir jetzt so nah, dass ich sein Parfüm riechen konnte. Er stand genau vor der Tür, hinter der ich mich versteckte. Mit voller Kraft trat ich gegen die Tür, so dass das Türblatt ihn umwarf. Ich schmiss mich auf ihn, damit er nicht wieder aufstehen konnte, doch er wehrte sich. Er schaffte es, mich von seinem Rücken zu werfen. Ich fiel nach hinten und nun warf er sich auf mich. Er schlug einmal, zweimal und noch ein drittes Mal auf mich ein. Der dritte Schlag wurde vom einem ekelhaften Knacken begleitet. Ich merkte, wie warmes Blut mein Gesicht benetzte. Meine Nase fühlte sich komisch an. Keuchend erhob sich Christ von mir und musterte mich triumphierend. Er zog seine Waffe, doch er zielte damit nicht auf mich. Ich blieb am Boden liegen, in der Hoffnung nicht gleich erschossen zu werden.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht und bebender Stimme sprach ich: „Sie haben Mrs. Gold umgebracht, weil sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hatte mir das Angebot einfach so überlassen, ohne mich zu bedrohen. Sie glaubte an eine gewaltfreie Übernahme für ihre gemeinsamen kriminellen Zwecke. Doch Sie wussten es besser: Warum hätte ich das Angebot freiwillig unterschreiben sollen? Sie sicherten sich ein Beispiel meiner Handschrift, um sie falls nötig fälschen zu können, als Sie mich die Uhr zeichnen ließen. Ihnen war klar, dass ich dieses Dorf liebe und es für kein Geld der Welt verraten würde. Zur Strafe haben Sie sie umgebracht und auch ihre Wachleute, um die Idee eines fremden Mörders zu erwecken.“ Christ grinste süffisant. Ich redete weiter: „Sie haben die Nachricht an die Wand geschrieben und dafür gesorgt, dass Kuhn und ich glaubten, ein nordischer Kriegsgott treibe hier sein Unwesen. Sie haben mich angegriffen und mir das Gift gespritzt, um die Beweise zu vernichten. Ich war Ihnen mit meinen Entdeckungen zu nahegekommen.“ Sein Grinsen wurde immer breiter und nun sprach er, mit fast erregter Stimme: „Ja, völlig richtig Jonna. Ich habe ihnen auf dem Präsidium ein Dissoziativum verabreicht. Ihnen ist sicherlich der leichte Geschmack nach Lakritz in dem Glas Wasser, welches ich Ihnen reichte, aufgefallen. Dies sorgte für die Kopfschmerzen, den Realitätsverlust und den Traum den sie hatten. Ich habe zwei Codewörter im Verhör verwendet, welche in Ihnen die Idee des Kriegsgottes weckten. Mit Kuhn machte ich es ähnlich, doch muss ich zugeben, dass es bei ihm etwas ausartete. Er sah den Gott immer und überall, also war ich gezwungen Kuhn im Auge zu behalten. Doch vor knapp einer Stunde schaffte er es meinem Blick zu entfliehen und ihnen ins Revontulet zu folgen.“

Für ein paar Minuten schwieg er und schaute stattdessen auf die verblasste Schrift, die noch immer auf der Wand zu lesen war. Plötzlich kam er wieder auf mich zu und packte mich am Kragen. Er riss mich mit einer Kraft, die ich ihm nicht zugetraut hätte, hoch. Er drückte mich gegen die Wand. „Beinahe hätte ich es geschafft meine Idee umzusetzen. Hätte Mrs. Gold, diese nutzlose Schlampe es nicht versäumt, dich zu überzeugen. Und wenn meine Angestellten nicht aus Dummheit das Schiff in die Luft gejagt hätten.“ Zorn funkelte nun in seinen Augen. Er drückte mir nun seinen Arm in den Hals, so dass meine Worte nur leise hervorkamen: „Was hatte das Schiff wirklich geladen?“ Ich keuchte, denn er erhörte den Druck, so dass ich beinahe keine Luft mehr bekam. „Krieg und Vernichtung! Was glaubst du, was da darauf war?“ Plötzlich wich er zurück und ich fiel wieder zu Boden. Ich zuckte mit den Schultern. Jetzt zielte er mit seiner Waffe direkt auf meine Stirn. Ich rollte mit den Augen und riet: „Waffen? Drogen? Leichen?“ Nun lachte er schallend und ließ die Waffe sinken. „Du bist gut Jonna, dich könnte ich gut gebrauchen, aber leider muss ich dich für alles was du weißt wenigstens wegsperren! …Das Schiff hatte Waffen und Munition geladen, nur leider brach ein Feuer aus und das ganze Schiff flog in die Luft. Alle waren tot, meine Munition hatte sich in Luft aufgelöst und Mrs. Gold hatte mit dir leider die Person erwischt, die mein ganzes Vorhaben hätte vernichten können.“ „Was hatten sie mit einer ganzen Schiffsladung von Waffen vor? Ich hatte angenommen, das Schiffsunglück sollte nur den Preis für die Übernahme unseres Dorfes reduzieren. Wozu der Wahnsinn mit den Waffen?“, fragte ich entsetzt. Er lachte wieder und schaute mich dann mit einem verrückten Blick an: „Oh, Jonna… ich wäre ein Gott geworden. Jeder wäre zu mir gekommen und hätte um Gnade gefleht. Kennst du den Spruch: Tötest du einen Menschen bist du ein Mörder, tötest du Millionen Menschen bist ein Eroberer, doch tötest du alle Menschen bist du Gott…? Ich hätte diese friedliche Welt hier im Norden in einen neuen Krieg gestürzt und wäre als ihr Beherrscher daraus hervorgetreten!“ „Sie sind wahnsinnig. Einfach wahnsinnig.“, rief ich dazwischen. Langsam robbte ich von ihm weg. Er hörte auf zu lachen und sein Grinsen war verschwunden. Ohne Vorwarnung, ohne ein weiteres Wort hob er seine Waffe und drückte ab. Das Geschoss traf mich in die rechte Schulter und ließ eine Wunde zurück aus der sogleich eine Menge Blut hervortrat. Im Gedanken daran, nun zu verbluten und damit zu sterben, wurde alles um mich herum schwarz.

                                                              ….

„Jonna Virtanen, das Gericht verurteilt Sie zu zehn Jahren Haft wegen mehrfachen Mordes, Beweismittelunterschlagung und Gefährdung der Öffentlichkeit. Doch aufgrund des Verdachts einer psychischen Krankheit hält das Gericht sie für schuldunfähig. Sie werden ihre Strafe in einer forensischen Psychiatrie absitzen.“ Der Richterhammer mag gefallen sein, doch merken sie sich eins Christ: Ich werde mich rächen!

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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