Freunde von damals

von: Kodama

 

Ich schreibe dies in der Hoffnung auf ein wenig Frieden im Geiste.

Es war der 26. März 1958. Nach Jahren der Planung dieser Expedition, war uns unsere Nervosität anzusehen. Julia, unsere Biologin, die sonst heiter von ihren neuen Lieblingsalgen plauderte, stapelte schweigsam immer wieder dieselben Petrischalen. Meinen Kaffee, ich trank sonst zwei, habe ich kalt werden lassen. Der einzige der gewohnt grummelig in seinem Cockpit saß, war unser Skipper Bram. Mit ihm hatten wir schon viele Fahrten auf hoher See gehabt und selbst wenn wir uns schon von Wellen verschlungen sahen, steuerte er uns, mit einem in Stein gemeißelten Gesicht, sicher zurück in den Hafen. Auch wenn er ein einfacher Mensch war und jeden Fremden in seiner Stammkneipe argwöhnisch musterte, habe ich ihn ins Herz geschlossen und, das glaube ich zumindest, er mich auch. Außerdem hatten wir noch Piet an Bord. Er ist der Schöpfer unseres kleinen U-Boots, dass durch geniale Kniffe so stabil sein soll, dass es selbst in 20.000 Metern Tiefe dem Druck der Wassermassen standhalten sollte. Ein wenig unsicher war ich mir schon, aber ich vertraute ihm. Sonst hätte ich dieser Fahrt auf den Grund des Atlantiks nie zugestimmt.

Wir kamen unseren Zielkoordinaten immer näher. Heute hatten wir zwar eine spiegelglatte See vor, jedoch eine erbarmungslose Sonne über uns. Als Piet mein Gefährt ins Wasser ließ, erklärte Julia mir noch einmal detailliert die Experimente, die ich für sie in der Tiefe machen und von was ich alles eine Probe nehmen sollte. Letzteres hätte sie sich auch sparen können, da ich sowieso alles hätte mitnehmen müssen, was ich sah.

Nun war ich an der Reihe. Ganze Bücher würden über uns geschrieben werden, wenn wir auf dem Grund der 14.000 Meter tiefen Felsspalte eine neue Spezies oder überhaupt eine Lebensform entdecken würde, dachte ich und verabschiedete mich mit einem Schulterklopfer bei Bram. Er nickte. Dann stieg ich hinein in die wenige Kubikmeter große Kapsel. Ich betätigte die Zündung, wodurch sich der kleine Raum gelb erleuchtete. Hier sollte ich drei Tage arbeiten und schlafen. Mit einem kurzen Klebestreifen befestigte ich an der kühlen Wand ein Bild meiner Crew, die an der Oberfläche für mein Überleben sorgen würden.

Nachdem ich Funkverbindung, Sauerstoffzufuhr und Radar überprüft hatte, löste sich das Boot unter einem metallenen Kreischen aus seiner Verankerung und sank hinunter in die tiefschwarze See.

Ich schaltete die Scheinwerfer an, doch solange nichts hindurchschwamm, waren es lediglich zwei helle Kegel in einer unheimlichen Leere. Ich wanderte vorbei an kleinen bis mittelgroßen Fischen und grünen Algenresten, die, so schien es, schwerelos durch den schwarzen Kosmos schwebten. So anders als das All ist es vielleicht doch nicht, dachte ich, während ich meditativ in das Nichts starrte.

Nach Stunden des langsamen Abstiegs, kam ich an eine Felswand. Laut meinem Außenbarometer, waren wir nun so tief, dass hier außerirdische Drücke herrschen mussten. Meine Augen folgen aufmerksam den Riefen im Stein. Ich wollte gerade gelangweilt wegschauen, als ich für einen kurzen Augenblick an etwas vorbeirauschte. Es konnte zwar nicht sein, nur würde ich meine Hand dafür ins Feuer legen primitive Bilder gesehen zu haben. Meine Gedanken schon fast als Tiefenkrankheit abgetan, sah ich noch welche. Und dann wieder! Ausgeschlossen, dass es sich bei diesen künstlerischen Formen und Bildnissen um Zufall handeln konnte. Ich war außer mir vor Neugier, aber obwohl mein Forschertrieb sagte: „weiter“, schrie etwas in mir ich solle wieder auftauchen. Ich versuchte meine Entdeckung meiner Crew mitzuteilen, als die Verbindung mitten im Gespräch mit den anderen abbrach. Mir wurde nun etwas mulmig und trotzdem betätigte ich den grünen Schalter, der auf Deck Entwarnung geben würde. Da muss noch mehr sein, sagte ich mir selbst und tauchte weiter hinab.

Nach weiteren hundert Metern, hatte die Wand ein abruptes Ende. Der Fels verschwand jedoch im Hintergrund, was mich zu der Annahme brachte, dass ich mich nun in einer Art Höhle befand. So ein Hohlraum könnte höchstens vulkanischer Natur sein. Ich fing an, meine Erinnerungen an die Bildnisse zu skizzieren, was mir nach selbstkritischer Betrachtung nur mäßig gelang.

Mitten in meinen Studien über die geheimnisvolle Kunst, krachte es und ich lief auf Grund. Endlich angekommen, legte ich meine Unterlagen beiseite. „Chooooohm!“, hallte es plötzlich in meinem Kopf. Erschrocken und irritiert, woher dieses Geräusch kam, blickte ich um mich, wissend, dass es seinen Ursprung außerhalb der Kapsel haben musste. Die Quelle war jedoch nicht auszumachen und so setzte ich meine Arbeit fort, während ich vergeblich darauf wartete, das Geräusch erneut zu vernehmen.

Es war spät geworden und leider war die Verbindung zur Crew immer noch defekt. Mein Forschertrieb zwang mich jedoch weiter, in der Tiefe zu bleiben und mehr über die jüngsten Ereignisse herauszufinden.

Nach einigen Stunden Schlaf begann ich meinen Tiefenanzug vorzubereiten. Allein dass sie es geschafft hatten einen solchen herzustellen, war schon eine Sensation für sich, doch wollten wir unsere Ergebnisse erst in Gänze der Öffentlichkeit zur Schau stellen. Langsam quälte ich mich hinein und verschloss alle Zugänge sorgfältig, denn bei einem Druckabfall würde ich nicht mal mehr mitbekommen, so schnell wäre ich von den Milliarden Tonnen Wasser zerdrückt worden. Mit einer Menge Vertrauen in meine Kollegen öffnete ich nun die Schleuse und stieg aus meiner sicheren Kapsel. Vor mir lag eine schwarze Wand. Lediglich meine Leuchte durchbrach mit ihrem schwachen Lichtkegel die Dunkelheit. Doch war da noch mehr. Als ich genauer hinsah, erkannte ich eine Ansammlung von Lichtern, umgeben von ovalen Silhouetten und einem Labyrinth aus verschwommenen Linien.

Ich ging ein paar Schritte voran und traute meinen Augen nicht. Es erstreckten sich beleuchtete Gänge und Kuppeln wie aus Glas über den Grund. Nun hörte ich wieder die Worte in meinem Kopf hallen, nur dieses Mal deutlicher: „Komm!“ Wenige Schritte weiter wurde dann eine kleine Treppe sichtbar und führte mich vor eine Steintafel mit ähnlichen Kritzeleien wie die, die ich früher gesehen hatte. Ich erschrak, als der Boden plötzlich anfing zu beben. Die Platte begann sich langsam in den Boden zu senken, während sich Stück für Stück ein Wesen zeigte, dass ich mir nicht mal in meinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Es war zwar humanoid, aber auf faszinierende Weise verformt. Die Gliedmaßen waren lang und dürr, die Haut blau und der Kopf platt und breit.  Durch die leichte Transparenz der Haut konnte ich Organe und sogar ein Herz schlagen sehen. Nur pumpte dieses nicht rotes, sondern gelb leuchtendes Blut, wenn es denn überhaupt noch solches war. Wie erstarrt blickten wir uns in die Augen, als es wieder sprach: „Komm… Freund.“ Letzteres beruhigte mich etwas und ich tat wie mir befohlen. Wir gingen entlang der hineingemeißelten Korridore, vorbei an mehreren offenen Räumen in denen andere dieser Wesen verschiedensten, mir jedoch fremden Tätigkeiten nachgingen. Als wir in eine der großen Kuppeln kamen, übergab mich mein Gefährte an einen anderen seiner Art und verließ uns. Mein neuer Begleiter führte mich an eine große Tafel in der Mitte des Raumes. Er zeigte mit seinen spinnenartigen Fingern auf die Zeichnungen im Stein und sagte mir: „Sehen.“ Ich fuhr mit meinen Fingern über die Bildnisse, die versuchten mir eine Geschichte zu erzählen. Erst gaben große dürre Gestalten kleineren ein paar Fische. Sie feierten zusammen am Meer und die Menschen des Wassers wurden geehrt, indem man sie auf Stühlen trug. Auf dem nächsten Bild begannen die Menschen auf dem Land sich zu bekämpfen und gaben denen des Wassers Waffen, um sie zu unterstützen. Als sie diese aber ablehnten, kam es, dass die des Landes getötet wurden und eine andere Gruppe nun den Strand beherrschte. Die neuen Menschen nutzten ihre Speere zum Fischen und vertrieben die Wesen. Als diese nicht mehr weichen wollten, kam es dazu, dass eines der Wesen getötet wurde und der Rest des Volkes ins Meer floh. Daraufhin bauten sie weit in den Tiefen des Meeres neue Städte um vor den Menschen sicher zu sein.

Als ich fertig gelesen hatte, guckte ich meinen Freund in blau traurig an. Sie waren einst unsere Freunde und wir haben sie brutal vertrieben. Was könnten wir nur alles von ihnen lernen, dachte ich und zückte mein Messer, um etwas in den Boden zu ritzen. Doch das entpuppte sich als verheerender Fehler. Kaum hatte ich die Klinge aus ihrer Scheide gezogen, schrie er mich an. In meinem Kopf stachen klirrende Stimmen wie Nadeln in mein Gehirn. Ich fing an verschwommen zu sehen und rannte verzweifelt in die Richtung aus der wir kamen. Mehr und mehr Wesen schwammen um mich herum, bis ich nur noch wenige Schritte vor mich sehen konnte. Kurz bevor mir schwarz vor Augen wurde, hörten die Stimmen auf und sie schwammen davon. Ich schaute auf meinen Anzug. Keiner von ihnen hatte mich verletzt, geschweige denn überhaupt berührt. Während meine Sicht klarer wurde, sah ich vor mir die vertraute Schleuse aus der ich kam. Hektisch trat ich hinein und während unter einem Zischen das Wasser aus der Kammer entwich, saß ich bloß erschöpft, geschockt und gleichzeitig fasziniert auf dem Boden. Mein Körper begann sich zu entspannen und mir fing an klar zu werden, was für eine Tür ich ahnungslos aufgestoßen hatte…

Die Luke öffnete sich. Julia grinste mich über beide Ohren an. „Und? Wie war’s?“, fragte sie erwartungsvoll. „Weniger spektakulär, als ich dachte.“, antwortete ich trocken und berichtete ihr die Ergebnisse ihrer Experimente. Piet fragte mich ob mit mir alles in Ordnung ist und ich entgegnete ihm, dass die Tiefe mir zu schaffen gemacht hatte und mir ein wenig schlecht sei. Auch wenn Letzteres die Wahrheit war, war der Grund nur mir klar. Ich musste nun damit leben etwas Unglaubliches, ja, Wunderschönes gesehen zu haben, von dem niemand jemals erfahren darf. Alleine diese Aufschrift könnte das Ende einer Kultur einläuten, die längst vergessen und in Sicherheit ruht.

Manche Dinge sind es wert im Schweigen zu wahren!

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Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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