Nur ein Märchen

von: The Colourful Wilbur

Der Kritzelmeister sah sich in seiner kleinen Wohnung um. Eine kleine Küche mit einem alten Radio, ein kleiner Tisch mit zwei schwarzen Stühlen und einem Aschenbecher vor dem Fenster, durch das er einen kleinen schmutzig-charmanten Teil Berlins erblicken konnte. Ein paar Teller lagen noch in der Spüle, eine alte Topfpflanze wartete treu darauf bewässert zu werden. Generell schien hier viel zu warten. Auch der Kritzelmeister selbst. In einer Stunde hatte er einen Termin mit dem Hai, seinem Verleger. Dieser hatte ihn leider in eine hippe Kneipe eingeladen, obwohl der Kritzelmeister die meisten hippen Dinge nicht gern mochte. Und so schöpfte er noch einmal Kraft, indem er die vertrauten Gegenstände betrachtete, die er sein eigen nannte. Er setzte noch einen Tee auf und sinnierte. Es ist schon verwunderlich, dass ihm in dieser, im Grunde genommen völlig austauschbaren Wohnung die besten Ideen kamen. Das er hier in diesem Setting, welches weder inspirierend zu nennen war, noch dem kreativen Chaos glich, dass man der Arbeitsstätte eines Künstlers allzu häufig zuschrieb, am produktivsten war, war schon seltsam. Der Kritzelmeister hatte nicht das Bedürfnis, sich in die Natur zu begeben, um die Phantasie anzuregen. Auch setzte er sich nicht mit einem Tablet und Kopfhörern an einen der vielen rege besuchten Plätze in der Stadt, wie man es von einigen Kollegen so hörte. Er benötigte nur dieses beschauliche Plätzchen, das seine Küche war. Wobei… „beschaulich“ – das stimmte natürlich nicht. Da sprach mal wieder der Job aus ihm. Eigentlich wäre „stinknormal“ oder „langweilig“ zutreffender. Nachdem er noch ein Kippchen geraucht hatte, hatte er eine leichte Stoffjacke übergeworfen und war zur U-Bahn gelaufen. Komisch, dachte er bei sich. Manchmal kommt es mir so vor, als täte ich genau die Dinge, die in einem Buch stehen sollten. Eine Hauptfigur würde sich eine Jacke überwerfen und zur U-Bahn gehen, wenn die Geschichte beginnt. Doch sollte es dabei nicht eigentlich etwas regnen? Nein, zu einfach, entschied er. So ein Symbol könnten die Leser für abgedroschen halten. Sie mochten es lieber, wenn ihnen das Werk auch einen gewissen Intellekt zugestand. Während der Kritzelmeister in der Bahn saß, versuchte er sich zu merken, es in Zukunft mal mit dem etwas schwieriger zu entschlüsselnden Bild eines alten Blumenverkäufers zu arbeiten. Vielleicht in einem späteren Buch.

In der hippen Kneipe – der Kritzelmeister achtete beim Schreiben stets darauf, Wiederholungen zu vermeiden, in seinen Gedanken machte er dies allerdings nicht –  wartete schon der Hai. Der Hai hatte natürlich eigentlich einen richtigen Namen, doch der Kritzelmeister fand diesen Kerl so archetypisch, so selbsterklärend, dass er im Stillen beschlossen hatte, ihn mal in eine Geschichte hineinzuschreiben. In dieser Geschichte würde er ihn den Hai nennen und so tat er es für sich im Kopf auch im echten Leben. Der Hai war, wie konnte es auch anders sein, hochgewachsen und schlank, hatte nach hinten gegeelte Haare und trug einen goldenen Ohrring. Er rauchte unentwegt und überall, hatte einen schneidigen blauen Anzug an, welcher perfekt saß und trug hellbraune Bugattis und eine dicke silberne Uhr. Der Hai hatte sein ganzes Leben lang wenig Zeit und redete darum schnell und präzise. Ihn umgab die Aura des überlegenen Geschäftsmannes mit wechselnden Frauengeschichten. Ein Loner, ein Selfmade-Man, ein Urbanist, ein Businesstyp, ein Gewinner, usw. Trotz alledem, und dies rechnete der Kritzelmeister ihm hoch an, hatte er immer ein paar Minütchen Zeit für ihn. Vielleicht aus Mitleid. Gerade bestellte er zwei Bier – nicht zwei Biere, sondern zwei Bier.

„Mit Romanen kommt man heute nicht weit. Also ich meine, da ist es schwer den Durchbruch zu schaffen. Es gibt da draußen jede Menge von Leuten mit Talent zum Schreiben und Geschichten ohne Ende. Da braucht man viel Glück, um was rausbringen zu können. Und Lyrik kannst du auch vergessen. Das Ganze ist so subjektiv, dass es eigentlich davon abhängt, ob der Kritiker morgens gut gekackt hat, oder nicht, bevor er dein Gedicht liest. Das kann man ehrlich vergessen. Also ich würde das nicht machen“. Der Kritzelmeister versicherte, dass er nicht die Absicht habe, irgendwas zu dichten. „Richtige Entscheidung. Aber weißt du, wo ich eine Chance für dich sehe? Du kannst auf dich aufmerksam machen, wenn du eine ungewöhnliche Textsorte nimmst und diese dann entsprechend aktueller schriftstellerischer Perspektiven bearbeitest. Nehmen wir mal zum Beispiel ein Märchen.“ „Märchen?“ „Genau. Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen, du weißt schon. Und nun kommst du quasi mit einem neuen Märchen um die Ecke. Klassisch, ja, aber trotzdem mit modernem Anstrich. Ich mein jetzt nicht Cyberspace oder so, aber schon so, dass der Leser bei sich denkt – also, dass der sich wundert, was da passiert, verstehst du?“ „Nicht so richtig“, musste der Kritzelmeister gestehen. Er war froh, dass die nette Dame inzwischen die beiden Bier gebracht hatte. „Also ich schreib ein Märchen und dann werden die Kritiker auf mich aufmerksam? Ich kann mir das noch gar nicht so vorstellen. Die denken doch, warum schreibt der jetzt nicht über Drogen oder Dreierbeziehungen oder so. Irgendwas aktuelles.“ „Weil es das schon überall gibt. Hör mir doch mal zu. Mach was, was es noch nicht gibt. Ein neues Märchen.“ Im Grunde gab es da auch jetzt schon keine Möglichkeit mehr für den Kritzelmeister, aus dieser Geschichte rauszukommen. Der Hai hatte sein Bier in wenigen großen Schlucken bis zur Hälfte geleert und steckte sich eine an. Dem Kritzelmeister sollte es recht sein und er tat es ihm gleich. Die sinnentleerte Elektromusik kostete Nerven. Ihre endlose Belanglosigkeit drohte ihn in ihrem Malstrom aus fortwährenden aneinandergereihten Antiklimaxen zu verschlucken. Der Hai musste nun auch schon wieder los und verabschiedete sich aufmunternd. „Frohes Schaffen! Ich ruf dich nächste Woche mal an.“ Der Kritzelmeister verließ die hippe Kneipe ebenfalls. Die Bier hatte der Hai bezahlt. Er verschwand im Dunst der abendlichen Stadt und tauchte erst am nächsten Morgen wieder in seinem Bett auf. Als Single konnte er es sich leisten, dort noch ein wenig am Smartphone zu spielen, dann ein Käffchen und ne Kippe am Küchenfenster zu verhaften und schließlich eine große Schüssel Cornflakes mit Zucker zu essen. Er genoss es und fühlte sich nicht einsam. Etwa um zehn setzte er sich an seinen Schreibtisch und begann mit den Überlegungen zu seinem Märchen.

Es muss eine Prinzessin sein, entschied er. Eine Prinzessin von unbeschreiblicher Schönheit, die durch irgendeine Schurkerei in ihrem Königreich gefangen war und befreit werden musste. Dieses Schema sollte ja eigentlich jedem bekannt sein. Die Beschreibung der, nein, seiner Prinzessin, ging dem Kritzelmeister leicht von der Hand. Bald war die kleine Wohnung wieder vergessen und im Gehirn des Kritzelmeisters begann sich eine kleine zweite Welt zu formen. In den folgenden zwei Stunden hatte er ein beschauliches – nein das hatten wir schonmal – ein pittoreskes – zu bildungssprachlich – ein verträumtes Königreich erschaffen und eine starke, schöne und gerechte Prinzessin. Er konnte nun einen Happen vertragen.

Als sich der Kritzelmeister ein Stück Lachs-Flammkuchen aus dem Ofen geholt hatte, war die Überraschung groß, als er dort auf dem traditionellerweise leeren Stuhl eine verärgert dreinblickende Frau in einem perlenbesetzten weißen Kleid erblickte. Kein Zweifel: Die Prinzessin hatte es sich hier in seiner Küche bequem gemacht. „Wir müssen reden“, sagte sie. Der Kritzelmeister war nicht so überrascht, wie es sich für einen Mann in seiner Situation gehört hätte. Er besaß viel Fantasie und so ließ er sich schnell auf dieses offensichtliche Hirngespinst ein. „Aber gerne! Ich hatte mir gerade etwas zu essen gemacht. Möchtest du auch was?“ „Nein, im Moment nicht. Du weißt sicher, dass wir ein bißchen was zu bekakeln haben.“ Sie sagte tatsächtlich bekakeln und das überraschte ihn nun doch. So etwas sagen doch eigentlich eher ältere Frauen auf dem Markt oder beim Friseur. „Und das ist auch das Problem. Ich komme mal gleich zum Punkt: Ich habe ja grundsätzlich nichts dagegen, gut auszusehen“ – dies war stark untertrieben, denn sie war wunderschön – „aber ich muss doch anprangern, zu was für einer Männerphantasie du mich hier machst. Hast du dir schon einmal überlegt, dass eine Prinzessin nicht jeden Tag in einem weißen Kleid herumrennen möchte? Selber haust du hier, wie es dir in dem Kram passt und ich sitze täglich in meinem Schloss und sehe toll aus. Du beschreibst mich als willensstark und doch habe ich in deiner Geschichte keine Möglichkeit mich dem Schurken, diesem Hai, entgegenzustellen. Was ist das überhaupt für ein Name: Hai? Du hast ein echtes Problem mit Namen, das weißt du oder? Prinzessin, Hai und dich selber nennst du Kritzelmeister. Hast du keinen Selbstrespekt? Gut, ich will dir nicht zu Nahe treten. Ich weiß, dass du gerade erst anfängst, aber da geht ja wohl noch einiges, oder? Überleg mal, was du für ein Frauenbild vermittelst, wenn ich jetzt den ganzen Tag dort in diesem Elfenbeinturm sitze und abwarte, während mein Volk leidet. So will ich jedenfalls nicht sein.“ Sie nahm sich eine von seinen Ziesen – es war ihm eine Freude immer andere Worte für seine Zigaretten zu benutzen – und zündete sie sich an. Einen Moment schwiegen beide und der Kritzelmeister musste gestehen, dass er ihre Argumente nachvollziehen konnte. Niemand mochte so tatenlos schön aussehen, wie er es beschrieben hatte. Und erst recht keine verantwortliche Regentin. „Vermutlich hast du Recht. Wie würdest du denn gerne heißen? Fangen wir doch mal damit an. Und wie würdest du deinen politischen Stil beschreiben?“ „Also ich werde hier ganz bestimmt nicht deine Arbeit machen“, erwiderte die Prinzessin. „Aber ich wäre dir sehr verbunden, wenn ich zumindest eine Hose tragen könnte und dann ne Bluse drüber. Darf auch weiß sein. Hauptsache bequem. Was meine politischen Überzeugungen angeht, weißt du sicher bereits, dass ich Monarchie in der Theorie ohnehin ablehne, aber wenn dies für die Handlung zeitgeistlich nötig ist, würde ich es bevorzugen zumindest regelmäßig Audienzen abzuhalten und mich den Sorgen und Nöten meines Volkes zu stellen. Darauf könnte man sich einigen.“ Sie sah nun etwas zufriedener aus. Frauen muss man manchmal nur zuhören, dachte der Kritzelmeister. Doch schnell verwarf er diesen genderstereotypen Gedanken. Die Prinzessin lächelte. Anschließend tranken die beiden noch einige Bier zusammen und genossen den Ausblick auf die Dächer in der Abendsonne.

Als die Prinzessin am nächsten Tag aufgestanden war – wo hatte sie überhaupt geschlafen? Es gab kein Sofa und in seinem Bett war sie nicht gewesen, egal – da war der Kritzelmeister schon in seine Arbeit vertieft: Diana, Celine, Bibi, Kari, Eunike, Lara, fühlte sich alles entweder falsch an, oder es waren Namen von Leuten die er kannte und deswegen ging das auch nicht. Da hilft vielleicht ein Kniff weiter? Der Kritzelmeister überlegte sich in der Mythologie zu bedienen. „Find ich gut“, kommentierte die Prinzessin. Ariel, der Windgeist, nicht gerade der Inbegriff von Bodenständigkeit. Phöbe. Was war das denn nochmal? Der Kritzelmeister googelte den Begriff und die Prinzessin schaute mit ihrem vom Schlaf verwurschtelten Haar interessiert über seine Schulter. „Oh das gefällt mir. Sie zieht gegen die Giganten in den Krieg. Ich mag zwar Krieg und so nicht, aber das klingt stark. Ich nehm’s!“, sagte Phöbe. „Moment, moment! Ich hab noch was besseres. Wie wäre es denn mit Phebe? Das ist dann etwas moderner. Ich kenn zwar auch eine, die so heißt, aber diesmal macht das nichts. Das fühlt sich richtig an.“ „Prima. Ich find’s klasse.“, sagte Phebe.

In den nächsten Tagen begleitete Phebe den Kritzelmeister überall hin. In der Bahn saß sie neben ihm und während die übrigen Passagiere von der Arbeit und zur Arbeit fuhren, rügte sie ihn oft für die viele Freizeit, die er sich gönnte: „Wohin fahren wir gerade? Ins Kino? Du hast noch das Kapitel zu schreiben, in dem ich das arme Kind in meiner Jagdhütte vor den Häschern des Hais verstecke, das weißt du doch noch, oder?“ Der Kritzelmeister hatte zunächst ein paar Mal verwunderte Blicke auf sich gezogen, weil er vor sich hin murmelte. Später hatte er sich daran gewöhnt, dass Phebe seine Gedanken ohnehin verstand und er sie nicht aussprechen brauchte. So zogen die Tage der beiden dahin und die Ereignisse in dem kleinen Königreich, welches er derzeit in seiner Wohnung untergebracht hatte, gewannen täglich an Kontur.

Eines Abends hatten sie sich wieder am Küchentisch eingefunden und er fragte: „Glaubst du eigentlich, die Leute halten mich für schwul, wenn Protagonistin eine Prinzessin ist?“ „Hättest du ein Problem damit, für schwul gehalten zu werden?“, fragte sie zurück. „Selbstverständlich nicht!“, antwortete er und fand es für seinen eigenen Geschmack etwas zu schnell, zu verteidigend vorgebracht. „Ich meine nur: Ich bin es ja nicht und du bist ja nicht zwangsläufig eine Repräsentation meiner Innenwelt. Also wenn die Leute das Märchen lesen, wäre es doch ungerecht, wenn sie denken würden du wärest ich.“ Die Prinzessin runzelte die Stirn. Runzeln klingt deutlich unästhetischer als der Vorgang rein visuell ist, dachte der Kritzelmeister. Schließlich sprach Phebe: „Deine Frage zeugt wieder einmal nicht von allzu viel Selbstbewusstsein. Wieso schert es dich überhaupt, was der Leser wohl über dich denkt. Ja, nicht einmal was er über deine Geschichte denkt sollte dich streng genommen interessieren. Ich will sie aber trotzdem beantworten.“ Bereits jetzt wusste der Kritzelmeister, was sie sagen würde: Dass sie als Sekundärkreation von Natur aus seine Handschrift trüge und ein Teil von ihm sei. Er war zwar kein Psychologe, doch brauchte man nicht lange überlegen, um festzustellen, dass sie durchaus viele der Merkmale besaß, die er bei sich selbst oft vermisste. Sie war selbstbewusst und souverän und sagte ihre Meinung, auch wenn dies das Risiko einer Auseinandersetzung barg. Nun fragte er: „Bist du denn eigentlich lesbisch?“ Phebe schien die Frage nicht ungewöhnlich zu finden. Insgesamt war sie stets auf eine einschüchternde Art und Weise abgeklärt. „Was würdest du dir wünschen? Ich weiß, dass du es jetzt gerade gut findest. Du fragst dich allerdings, wie es ankommen würde. Und das ist der falsche Weg. Du bist dir deiner Macht über diese Geschichte gar nicht bewusst“, sagte sie. Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „nein, schlimmer noch: du weißt, dass du der Herr über die Handlung sein könntest, aber du weist die Verantwortung von dir. Du überträgst die Verantwortung über mich und mein Königreich an deine Leser. Dir wäre es am liebsten, sie könnten entscheiden. Damit würde deine Geschichte, und damit du selbst, gefallen. Kritzelmeister, wenn ich dir nur noch einen guten Rat geben kann: Werde Herr über deine Gedanken. Du hast nichts gewonnen, wenn diese Geschichte allen anderen gefällt, aber dir nicht mehr.“ Sie schwiegen eine Weile. Draußen zeichnete sich die Stadt vor einem abendroten Himmel ab. Der Kritzelmeister fühlte sich niedergeschlagen. Phebe rutschte mit ihrem Stuhl näher und legte ihm einen Arm um die Schulter. „Du hast Angst, dass du das alles nicht zufriedenstellend zuende kriegst, oder?“ Er nickte und steckte sich den letzten Sargnagel des Tages an. „Morgen muss ich zum Hai“, sagte er.

Am nächsten Tag schlief er lange aus und fühlte sich wie ausgewechselt. Beim Zähneputzen ging er die gesamte Handlung im Kopf noch einmal durch und er fand sie gut. Er frühstückte in Ruhe und überflog das Manuskript noch einmal, schmunzelte sogar an einer Stelle, die ihm seiner Meinung nach besonders gut gelungen war. Phebe wartete im Treppenhaus auf ihn. Abgesehen von ihrem Diadem hätte man sie für irgendeine Frau aus der Stadt halten können. Auffordernd sah sie ihn an: „Nun komm, ich bin gespannt, was heute draus wird.“ Sie trafen den Hai im Foyer eines modernen Bürogebäudes und machten es sich auf klobigen, schwarzen Polstermöbeln gemütlich. Obschon die Architektur kühl und schnörkellos war, gefiel der Raum dem Kritzelmeister. Die großflächige Beton- und Marmoroptik verliehen ihm eine angenehme Weite. Sie brachten eine bronzene Skulptur in der Nähe ihrer Sitzgruppe besonders zur Geltung. Eine androgyne Figur in Bewegung: sie langte nach irgendetwas schräg über ihr. Der Kritzelmeister freute sich über das Werk des anderen Künstlermeisters. Auch Phebe schien es zu gefallen und sie waren beinahe schon wieder in ein Gespräch vertieft, als der Hai erschien. Er legte das Manuskript, das ihm der Kritzelmeister zugesendet hatte auf den niedrigen Glastisch und begann mit seinem Urteil: „Du weißt ja, was wir uns vorgenommen hatten. In Teilen scheint dein Genie schon durch, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das und das so lassen können“. Er fand das Werk habe ein schwer zu ertragendes Ungleichgewicht zugunsten ästhetischer Betrachtungen. Man halte sich zu lange auf Kleinigkeiten auf, die der Handlung nicht dienlich seien. Die Leser wollen mitgenommen werden und sich nicht mühsam in Eigenregie mit dem philosophischen Zugang des Buches beschäftigen. Insgesamt sei es problematisch, dass das moderne Märchen, welches ja gleichermaßen old-schooliges Flair verbreiten und aktuelle schriftstellerische Strömungen aufgreifen dürfe, dennoch derart unzeitgemäß wirken könne. Er habe doch alle Freiheiten gehabt?! Das Verhältnis dialogische Ebene zu deskriptivem Anteil sei umständlich und zum Teil nicht zu rechtfertigen. „Aber Kopf hoch, Kritzelmeister: ich weiß, dass du es drauf hast. Ich habe ein paar Leute befragt, die sich mit dem Thema auskennen. Die haben hier einen kleinen Katalog von Änderungen entwickelt. Mit diesen Änderungen wäre das Buch quasi fertig. Wenn du hier unterschreibst, dann erledigen wir das für dich und nächsten Monat startest du auf Promotour. Wär‘ das nichts?“

Der Kritzelmeister sah den Hai nicht an. Er blickte zu seiner Prinzessin und es wurde ihm klar, dass sie perfekt war. An diesem Tag gewann er keinen Vertrag, aber eine gute Freundin.    

Über colourfulwilbur

Marc interessiert sich für Literatur, Natur und Musik (Thrash Metal, Death Metal, Crustpunk, D-Beat, u.Ä.). Seine Schwerpunkt-Themen sind der Individuum-Allgemeinheit-Gegensatz, die Unbeugsamkeit der Natur und soziale Ungerechtigkeit. Die verehrten Autoren und Autorinnen sind allzu zahlreich. Dennoch sollen Umberto Eco, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski (vor allem "Schuld und Sühne"), Robert Musil (vor allem "Der Mann ohne Eigenschaften") und George Orwell als besonders geliebte Vertreter genannt werden.
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